Mehr Aufmerksamkeit: Wir sind nicht unsichtbar!

Haben Sie manchmal auch das Gefühl, nicht mehr gesehen zu werden? Diplompsychologin Dr. Eva Wlodarek nennt Strategien für Frauen, die nicht unsichtbar sein wollen.

Neuerdings werden wir Älteren geradezu bejubelt: hervorragend ausgebildet, erfolgreich im Beruf, liebevolle Mütter, dazu sportlich und mühelos zehn Jahre jünger aussehend, als sie sind... Danke für die Blumen. Was viele im Alltag erleben, passt so gar nicht zu diesen Lobeshymnen. Oft werden wir schlichtweg übersehen, als seien wir gar nicht da. Auf der Straße lassen Männer den Blick gleichgültig über uns hinweggleiten, drängeln uns womöglich beiseite: "'tschuldigung, hab Sie gar nicht gesehen." In einer Runde am Tisch werden meist nur die jungen Frauen angesprochen und interessiert ausgefragt, von uns will keiner etwas wissen. Flirten? Doch nicht mit der Alten.

Wir sind es leid. Dass eine Frau sich irgendwann aus dem Leben zurückziehen müsse, unauffällig gekleidet und wortlos, das ist ein uraltes Diktat. Doch schon zu Zeiten unserer Großmütter haben Frauen sich dagegen aufgelehnt. Heute, im 21. Jahrhundert, hat es endgültig keinen Bestand mehr. Wir weigern uns, in den Kulissen zu verschwinden, sobald wir die ersten Falten kriegen. "Ihr Frauen habt doch schon alles, was wollt ihr denn jetzt noch?", stöhnen Männer häufig. Ganz einfach: wahrgenommen werden. Als Mensch. Als Profi im Beruf. Als interessante Gesprächspartnerin. Als Frau. Warten Sie nicht auf einen Sinneswandel in der Gesellschaft - tun Sie selbst etwas für sich! Wir geben Ihnen acht Strategien an die Hand.

1. Loslassen

Es stimmt, wir sind nicht mehr 20. Die junge Frau von früher ist inzwischen längst erwachsen, und das Leben hat seine Spuren hinterlassen, auch am Körper und im Gesicht. Schade einerseits - doch was viele vergessen: Jung zu sein ist auch nicht das pure Glück. Allein das wacklige Selbstvertrauen, die Unsicherheit, der Kummer um zu wenig Busen, zu dünne Haare oder zu dicke Oberschenkel - wer wünscht sich das ernsthaft zurück? Nicht mehr jung zu sein heißt auch: wissen, wo wir stehen. Den eigenen Stil gefunden haben, Lebenserfahrung und Sicherheit besitzen. Machen Sie sich das immer mal wieder bewusst. So wird es leichter, sich von dem Teil Ihres Lebens zu verabschieden, der endgültig in die Vergangenheit gehört. Und Sie gewinnen Energie für das, was noch kommt.

2. Stärken ausspielen

Ältere haben den Jungen viel voraus: Lebenserfahrung und Wissen zum Beispiel. Doch viele suchen den Vergleich ausgerechnet dort, wo sie nur verlieren können: in der Jugendlichkeit. Sich optisch jünger zu machen gelingt nie ganz, sondern immer nur zum Teil: Chirurgen können die Gesichtshaut liften, aber nicht die Hände, die Bewegungen oder die Stimme. Flickenjeans oder T-Shirts mit witzigem Aufdruck machen paradoxerweise optisch sogar älter. Das Make-up, das für eine 30-Jährige genau richtig ist, passt 15 Jahre später vielleicht gar nicht mehr zum Hautton und zur Haarfarbe. Und eine betont jugendliche Sprache klingt bei Erwachsenen leicht peinlich. Statt junge Frauen zu imitieren, spielen Sie die Stärken aus, die Sie im Lauf der Jahre erworben haben. Etwa Ihre souveräne Art und Ihren ganz persönlichen Stil in der Kleidung und im Auftreten.

3. Aktiv werden

Manche Männer nehmen nur die Frauen wahr, die in ihr "Beuteschema" passen: Alle anderen ignorieren sie, oft ohne es zu merken. Das ist besonders unangenehm, wenn so ein Mann in einer Gruppe die Anführerrolle spielt. Dann kann es nämlich sein, dass alle anderen, auch die Frauen, die Ältere ebenfalls nicht ansprechen und sie womöglich stundenlang als Statistin dabei sitzen lassen. Wenn Sie sich in solchen Situationen gekränkt zurückziehen oder schweigen, ist das verständlich aber schlecht für Ihr Selbstbewusstsein. Ergreifen Sie die Initiative, mischen Sie sich ins Gespräch ein - am besten mit einer direkten Frage an den "Ausblender". Dann kann er gar nicht anders, als sich Ihnen zuzuwenden und Ihnen zu antworten. Wie viel er tatsächlich zu sagen hat, werden Sie dann ja hören.

4. Erotisch bleiben

Weiblichkeit vergeht nie. Auch ohne Mikromini und tiefes Dekolleté können Frauen schön sein und anziehend wirken, in jedem Alter. Erotisch sind Frauen, die ganz selbstverständlich ihre Gefühle zeigen und sich in andere einfühlen. Frauen, die spontan und herzlich lachen können oder jemanden zart mit ihren Händen berühren. Frauen mit einer warmen, angenehmen Stimme. Nehmen Sie wahr, was an Ihnen besonders schön, sinnlich und erotisch ist. Freuen Sie sich an diesen Eigenschaften, pflegen Sie sie, zeigen Sie sie. So bleiben Sie erotisch, ein Leben lang.

Einfach unsichtbar? Fünf Frauen über ihre Erfahrungen

*Namen geändert

5. Das Gute sehen

Negative Erfahrungen und Erlebnisse prägen sich viel stärker ein als positive. Das ist genetisch bedingt: Für unsere Urahnen war es überlebenswichtig, sich an Gefahren zu erinnern. Noch heute verhalten sich Menschen nach diesem Prinzip - sogar dort, wo es keinen Sinn macht: Wenn wir einmal ignoriert wurden, nehmen wir Situationen, in denen wir beachtet werden, andere mit uns ins Gespräch kommen wollen, gar nicht mehr wahr. Das glauben Sie nicht? Wenn Sie das nächste Mal mit einer Freundin ausgehen, bitten Sie sie, darauf achten, wer Sie interessiert anschaut, anspricht oder Ihnen aufmerksam zuhört. Das sind garantiert mehr Menschen, als Sie selbst wahrnehmen.

6. Darüberstehen

Ja, es kommt vor, dass eine Frau, die nicht mehr jung ist, ignoriert oder gar beleidigt wird. Das allerdings kann jedem passieren, ganz zu schweigen von denen, die von vornherein als Außenseiter definiert sind. Es gibt einfach zu viele unsensible Menschen, Männer wie Frauen, auf der Welt, die sich leider nicht benehmen können. Nehmen Sie das nicht persönlich. Sagen Sie sich: Nicht mein Problem. Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt.

7. Sichtbar werden

Viele Frauen neigen zur Tarnung - weil sie sich selbst nicht attraktiv finden oder meinen, "in diesem Alter" sei eine unauffällige Erscheinung angebracht. Also her mit Größe XL, gedeckten Farben und einem praktischen Nullachtfünfzehn- Haarschnitt. Schluss mit dem Verstecken! Zeigen Sie sich so, wie Sie am schönsten sind. Wagen Sie sich an eine ungewohnte Farbe, ein besonderes Schmuckstück, ein neues Make-up, eine andere Frisur. Falls Sie Ihrem eigenen Urteil nicht trauen, holen Sie eine stilsichere Freundin zur Hilfe oder lassen Sie sich professionell beraten, etwa in guten Fachgeschäften.

8. Sich selbst mögen

Wir säen, was wir ernten. Anders gesagt: Andere nehmen uns so wahr, wie wir selbst es tun. Auch ohne Worte, allein durch unsere Körpersprache drücken wir aus, wie wir von uns denken. Und unsere Umgebung nimmt das, was wir von uns zeigen, für bare Münze. So werden unsere Gedanken zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wer sich selbst gering schätzt, wird von anderen ebenso behandelt. Oder gar nicht erst wahrgenommen.

Nehmen Sie sich vor, in Zukunft gut von sich als Frau zu denken. Sobald Sie sich bei einem abwertenden Gedanken erwischen wie "Ich habe schon so viele Falten", setzen Sie einen positiven dagegen: "Dafür ist mein Lachen viel schöner als früher." Das geht nicht von heute auf morgen - neue Denk- und Verhaltensmuster einzuüben braucht Zeit und Geduld. Bleiben Sie trotzdem dabei. Signalisieren Sie allen: "Hier bin ich! Schon gesehen?"

Protokolle: Christine Tsolodimos, Silke PferdorfFoto: Absolut/Fotolia Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN

Wer hier schreibt:

Christine Tsolodimos
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