"Jetzt bin ich mal dran"

Diplompsychologin Eva Wlodarek kennt die besten Strategien gegen zu viel Fürsorge. Für alle, denen es langsam zu anstrengend wird, immer nur an die anderen zu denken.

Helfen und Rat zu geben fällt leicht, solange wir uns stark fühlen. Dann trösten wir bei Krankheit oder Liebeskummer und hören uns Probleme mit heranwachsenden Kindern an, füttern in der Urlaubszeit Katzen und gießen Blumen, schleppen beim Umzug Kisten. Bis es uns selbst einmal nicht gut geht. Dann vermissen viele die offenen Ohren und helfenden Hände, die jetzt auch mal für sie da sind – und werden enttäuscht, fühlen sich im Stich gelassen. Mit diesen Strategien erhalten Sie sich Ihre Freude am Geben und sorgen rechtzeitig dafür, dass auch etwas zurückkommt:

Hören, was der "Bauch" sagt

Unsere Intuition ist ein zuverlässiges Kontrollsystem. Sie teilt uns mit, wann Geben für uns angebracht ist und wann nicht. Fragen Sie sich, ob es Ihnen in dieser Situation wirklich passt, zuzuhören oder zu helfen. Wenn Sie sich schon bei der Vorstellung genervt und überfordert fühlen, fi nden Sie den Mut zum Nein. Allerdings gibt es Ausnahmen: Oft nehmen wir Unangenehmes bereitwillig auf uns, weil wir jemanden lieben oder schätzen. In solchen Situationen können Sie Ihre Unterstützung dem anderen ausdrücklich zum Geschenk machen: "Ich habe eigentlich keine Zeit, aber ich komme nachher zu dir, weil du mir am Herzen liegst."

Geben ohne Hintergedanken

"Habe ich mir nicht immer geduldig den Ärger mit ihrem Freund angehört? Dann muss sie mir jetzt doch auch helfen." Solche Rechnungen gehen selten auf. Spekulieren Sie also nicht darauf, dass auf Ihre Hilfe auch eine Belohnung folgt. Wenn Sie jemanden unterstützen, tun Sie es, weil Sie es wollen. So bewahren Sie sich Ihre innere Freiheit.

Nicht immer gleich Ja sagen

Manche brauchen offenbar ständig Hilfe und scheuen sich auch nicht, auf subtile Art Druck auszuüben: "Du machst das ja immer so toll." – "Für dich ist das bestimmt eine Kleinigkeit." Wenn Sie dazu neigen, auf SOS-Rufe sofort zu reagieren, machen Sie sich klar: Sie sind nicht die Einzige, die als Helferin infrage kommt – und in vielen Fällen nicht einmal die beste Wahl. Verweisen Sie ruhig auf Fachleute wie Coaches oder Psychologinnen und Dienstleister wie Umzugsfirmen, Taxifahrer oder Tierpensionen. Damit tun Sie dem anderen sogar etwas Gutes: Sie unterstützen ihn darin, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Schuldgefühle aushalten

Ein Nein kann enttäuschte Reaktionen zur Folge haben: "Und ich hatte fest mit dir gerechnet." Wer normalerweise immer hilft, bekommt dann leicht Schuldgefühle – und tut dem anderen widerwillig den Gefallen. Man will ja nicht als egoistisch oder kaltherzig dastehen. Versuchen Sie, mit Schuldgefühlen sachlich umzugehen. Sie entstehen, wenn andere uns etwas abverlangen, was unseren eigenen Bedürfnissen und Wünschen widerspricht. Niemand kann Sie zwingen, die Interessen anderer grundsätzlich höher zu bewerten als Ihre eigenen. Wenn Sie etwas nicht wollen, halten Sie Schuldgefühle aus, ohne "umzufallen". Die Gefühle verschwinden dann von selbst.

Sich selbst nicht überfordern

Als treue Freundin, loyale Kollegin oder liebevolle Tochter stellen wir oft den Anspruch an uns, für Bitten jeder Art zur Verfügung zu stehen. Das aber schafft niemand. Wir alle haben unsere Stärken – aber es gibt auch Dinge, die wir nicht gut können. Und darin sind wir anderen keine Hilfe. Es hat keinen Sinn, Umzugskisten zu schleppen, wenn Sie neulich einen Bandscheibenvorfall hatten. Und warum sollten gerade Sie die Kollegin in das neue PC-Programm einweisen, obwohl Sie schlecht erklären können? Bevor Sie Ihre Unterstützung zusagen, überlegen Sie, ob die Aufgabe für Sie wirklich passend ist. Wenn nicht, erläutern Sie, warum Sie nein sagen und was Sie stattdessen gern übernehmen.

Die Richtigen ansprechen

Umgekehrt gilt: Brauchen Sie selbst Hilfe, berücksichtigen Sie die Möglichkeiten und Fähigkeiten derjenigen, die Sie fragen. Wer sich die Falschen aussucht, wird leicht enttäuscht. Erhoffen Sie also kein Mitgefühl von Menschen, die als eher kühl bekannt sind, und lassen Sie Chaoten aus dem Spiel, falls etwas pünktlich erledigt sein muss. Überlegen Sie, von wem Sie am ehesten bekommen, was Sie möchten. Das gezielte Vorgehen hat zudem den Vorteil, dass sich Ihre Helfer sogar besonders engagieren werden. Weil jeder gern tut, was er besonders gut kann.

Gegenleistung verlangen Manche Menschen sind ein bisschen unsensibel. Ihnen fehlt das Gespür dafür, wann es Zeit ist, auch mal etwas zurückzugeben. Statt sich still zu ärgern, reden Sie Klartext: "Ich höre dir immer gern zu, aber als ich dir neulich von meinem Ärger im Job erzählen wollte, hast du einfach das Thema gewechselt. Da war ich enttäuscht." Oder Sie nennen gleich Ihre Bedingungen: "Okay, am Donnerstag hole ich dich vom Büro ab, dann können wir über alles sprechen. Aber demnächst geht es auch mal um mich."

Beziehungen überprüfen

Manche tun grundsätzlich nichts für andere, obwohl sie es könnten. Sie melden sich immer nur aus konkretem Anlass oder wenn sie etwas wollen. Braucht jemand Hilfe, fi nden sie immer einen Grund, die Bitte abzuschlagen. Wenn Sie so einen Menschen in Ihrer Umgebung haben, überlegen Sie: Ist er Ihnen so wichtig, fi nden Sie ihn so liebenswert oder interessant, dass Sie an ihm festhalten möchten? Dann nehmen Sie ihn künftig, wie er ist, ohne etwas zu erwarten. Haben Sie aber das Gefühl, ausgenutzt zu werden, investieren Sie nicht zu viel in den Kontakt. Setzen Sie sich lieber für Menschen ein, die das zu schätzen wissen.

Buchtipp Eva Wlodarek: "Weil du es dir wert bist – Sicherheit und Stärke gewinnen", 184 Seiten, 8,95 Euro, Fischer-TB Mehr zum Thema "Zu viel Fürsorge" auf der Homepage von Eva Wlodarek.

Text: Eva Wlodarek Foto: iStockphoto
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