Dein Körper - meine Liebe

Harry Petersen liebt die Frau, die er vor 30 Jahren geheiratet hat. Und ganz besonders ihre Figur, die sich immer wieder verändert hat.

Dein Körper - woran erinnere ich mich?

Wie du da liegst, ausgestreckt auf einer blauen Luftmatratze. Deine Augen sind geschlossen, du bist bereit. Ich habe versprochen, dich zu massieren, aber ich habe gar keine große Lust zum Massieren. Ich möchte dich nur berühren. Alles an dir berühren. In der Hoffnung, dass ein Liebesspiel daraus entsteht. Du bist wunderschön. Du trägst ein hauchdünnes Höschen, schwarz wie deine Haare, es macht deine helle Haut noch weißer. Natürlich bist du wunderschön, denn ich bin total verliebt in dich. Deshalb sind wir ja so gern verliebt, weil die ganze Welt dann wunderschön ist. Weil wir sie nur noch aus einem Blickwinkel anschauen können, aus dem Blickwinkel der Liebe, die zu allem Ja sagt. Ohne Verliebtheit hätte ich dich wohl ein bisschen dünn und knochig gefunden. Knabenhaft. Der Busen klein, Arme und Beine lang und sehnig. So wie ich dich dann später manchmal gesehen habe. Mit dem entwertenden Blick des Wütenden und Enttäuschten, der ich auch sein kann an deiner Seite.

Es ist lange her, dass du dort lagst und ich meine Hände ehrfurchtsvoll auf deinen Körper legte. Auf dem unebenen Boden eines Campingplatzes in Südfrankreich sind wir zwei zum ersten Mal gemeinsam in einen Schlafsack gekrochen, ohne zu ahnen, wie oft wir noch Haut an Haut zusammen liegen würden. Deine Lippen waren sehr weich und warm, im Gegensatz zu deinem festen, etwas fröstelnden Körper. Den ich zugleich beschützen und erobern wollte. Dieser Körper, der mich völlig aus der Fassung brachte, das war dein erster Körper, den ich liebte.

Wir blieben zusammen. Die Verliebtheit wich.

Die Fragen aneinander wurden dringender, die Antworten unbefriedigender. Unsere Körper mochten sich, auch wenn unsere Seelen im Krieg miteinander lagen. Einmal empörtest du dich, dass ich wohl immer mit dir schlafen könnte, ganz gleichgültig, wie entfernt wir uns gerade voneinander fühlten, ja dass ich wohl nur noch mit dir zusammen sei, weil ich so gern Sex mit dir hätte. Ich sagte, du solltest glücklich darüber sein. Dass es schlimmer wäre, wenn ich mein Begehren mit jedem falschen Wort verlieren würde.

Oder alles gern mit dir täte, alles außer Sex. Dann wären wir Freunde, und ich würde mit einer anderen Frau leben. Ich stand zu meinem Begehren, ich fand meine Antwort nicht falsch. Wir blieben zusammen, ich und dein zweiter Körper. Langsam verschwanden aus meinen Händen die Erinnerungen an die anderen Frauenkörper, die sie vor dir gespürt hatten. Wir waren ein Paar.

Dein dritter Körper, den ich liebte, war dreißig Kilo schwerer.

Du hattest einen großen Busen bekommen. Ich war irritiert, du warst schwanger. Ich fand deine großen Brüste anziehend, aber ich konnte mich nie von dem Gefühl lösen, dass sie nicht für mich bestimmt waren. Dein ganzer Körper gehörte sichtbar dem kleinen Wesen, das in dir heranwuchs, und ich schlich verunsichert um deinen mächtigen Leib herum, schüchtern wie ein Kind, das die durch Generationen vererbte Uhr des Urgroßvaters einmal in der Hand halten darf.

Ich war nach jeder deiner Schwangerschaften froh, wenn dein Körper endlich wieder seine normale Form annahm. Es war ja trotzdem nie wieder ganz der alte Leib, den meine Hände spürten. Dein Körper wurde weicher, verlor seine Festigkeit.

Als ich Anfang zwanzig war, während des Studiums, hatte ich eine kurze Liebesbeziehung zu einer Frau, die für mich damals unvorstellbare 43 Jahre alt war. An sie musste ich manchmal denken, wenn meine Hände jetzt über deinen Körper strichen. Ich mochte diese Frau, aber ich erinnere mich genau, wie merkwürdig ich die weiche Nachgiebigkeit ihres Körpers fand. Muskeln und Gewebe, in das die Hände viel tiefer eindringen können, die durchlässiger und gleichzeitig zäher der Berührung antworteten. Ich verstand damals schon, dass wir alle den Kampf mit der Schwerkraft irgendwann verlieren würden, aber lange Zeit blieb es ein ferner Gedanke, der mit mir nichts zu tun haben schien. Mittlerweile hatte er mich eingeholt, wann immer wir zusammenlagen und ich dich berührte. Das Leben veränderte uns, unsere Gefühle, unsere Gewohnheiten und unsere Körperlichkeit. Dein Körper nach den Schwangerschaften, er war dein vierter Körper, den ich liebte.

Wir hatten Kräche, Affären, Urlaube, Stress, Umzüge, Todesfälle

und den ganzen Kleinkrieg, der eine Ehe, neben aller Vertrautheit und Sicherheit, eben auch ausmacht. Wir waren krank, wir tanzten wie fröhliche Kinder. Und wir lernten, dass wir uns nicht mehr auf unser Begehren verlassen konnten. Ich war schon nach drei Jahren Beziehung erstaunt, dass ich noch immer und immer wieder Lust hatte, mit dir zu schlafen. Mich an dem immer gleichen und doch immer anderen Körper zu schmiegen, ihn zu streicheln, ihn zu spüren. Ich, der kinästhetische Typ. Der "Spürtyp", der sich niemals einen Pulli aus dem Katalog bestellen würde, weil ich alles in den Händen halten will.

Den eine enge Hose um den Verstand bringen kann und dem ein ästhetisch noch so gelungenes Möbel nichts bedeutet, weil ich allein mit dem Körper, mit meinem Rücken und meinem Hintern entscheide, was ein guter Stuhl ist. Wir entwickelten unsere erotischen Routinen, die - mein Erstaunen darüber wuchs mit den Jahren - nicht in der großen Langeweile endeten, sondern zu einer vertrauten, verlässlichen Freude wurden. So wie sich niemand langweilt, wenn er wieder einmal am Meer angelangt ist und über die Wellen schaut. Sondern spürt, wie ihm bei diesem Anblick immer wieder aufs Neue das Herz aufgeht.

Nehmen wir Krankheiten, Zeiten des Zerwürfnisses, die schlaflosen Nächte und übermüdeten Tage, als die Kinder klein waren. Nehmen wir die allmählich länger werdenden erotischen Zyklen des Älterwerdens, nehmen wir die Nächte des Hasses und der Übelkeit. Rechnen wir all diese Zeiten raus, in denen unsere Körper nur die Orte waren, in denen du und ich vor uns hin fluchten, dann habe ich trotzdem schon weit über tausendmal mit dir und deinen Körpern geschlafen. Manchmal nur mit deinem Körper. Manchmal nur mit dir. Und damit kommen wir zu den Wundern.

Das erste Wunder ist leicht verständlich.

Niemand - die alte Weisheit des griechischen Philosophen Heraklit hat mittlerweile den Frontallappen jedes Zwölfjährigen erreicht - kann zweimal in den gleichen Fluss steigen. Und niemand kann zweimal mit dem gleichen Menschen Sex haben. Das ist klar. Weniger klar ist, ob wir dieses Wunder auch bemerken. Oder die Magie der Begegnung verpassen, weil wir süchtig nach immer neuen Reizen sind. Nicht ohne Grund versprechen uns stets neue Produkte immer größere Befriedigung. Doch die liegt eben nicht in den unterschiedlichen Erfahrungen, die wir machen, sondern nur in unserer Wahrnehmung. Es gibt immer die Welt und unsere Wahrnehmung der Welt. Wenn sich die Welt vertieft, dann muss das für uns noch gar nichts bedeuten. Wenn sich aber unsere Wahrnehmung vertieft, dann verändert sich für uns die Welt.

Und genau so kommt es zum zweiten Wunder.

Natürlich ist unser Sex nicht immer wirklich tief und aufregend. Aber wenn wir unser Begehren wecken, dann geschieht es. Der Körper verliert seinen gealterten Zustand, seine verlorenen Formen kehren unter der Erregung zurück. Du fühlst dich genauso an wie damals. Zeitlos. Ein Glühen liegt in den Zellen, oder wie kann ich es beschreiben? Das Begehren besiegt das Alter. Wenn wir zwanzig sind, können wir uns nicht ernsthaft vorstellen, dass wir mit einem fünfzig Jahre alten Körper Lust verspüren können. Dann sind wir fünfzig. Begegnen uns voller Leidenschaft. Und können uns nicht vorstellen, dass wir das mit siebzig noch genauso empfinden. Und doch gibt es diesen zeitlosen Körper, deinen Körper, der in meinem Begehren existiert und von dem ich nicht einmal weiß, ob du ihn ohne mich kennen würdest.

Wenn wir heute zusammenliegen, dann geschieht das dritte Wunder.

Denn du bist nicht mehr, wer du warst. Du bist runder, meine Liebe, weniger Twiggy, mehr Rubens. Du bist nicht die Frau, die auf der Luftmatratze lag, die zarte knabenhafte Gestalt. Du liegst schwer in meinen Armen, ich kann mich in dir vergraben. Es ist dein fünfter Körper, den ich benenne unter all den unendlichen Verkörperungen, die ich mit dir erlebt habe. Meine Hände haben deine anderen Körper vergessen, aber ich weiß immer noch, dass du es bist. Wie Gesichter, die das Alter formt und unter deren faltigerer Haut wir nach Jahren immer noch die Schulfreundin, die Kindergartenliebe erkennen können. Du hast sicher bemerkt, dass ich nichts über mich und meinen Körper geschrieben habe. Die Körper, mit denen du in den vergangenen Jahrzehnten gelebt, die du berührt hast. Ich vermute, es ist eine ähnliche Geschichte, aber die musst du in Worte fassen. Ich kann nur noch das letzte Wunder beschreiben: Bei all den verschiedenen Körpern ist es doch ein Wunder, dass wir zwei uns nicht verloren gegangen sind.

Text: Harry Petersen Foto Teaser: Agenturbild: mya/photocase.com
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