Wieso kannst du mir nicht zuhören?

Gute Beziehungen basieren auf der Kunst des Zuhörens. Aber wieso können so viele nicht richtig zuhören? Und was macht eine gute Zuhörerin aus?

Ulrike eröffnete das Telefonat wie üblich: "Mann, war das eine Woche!" Es folgte ein Wortschwall, in dem es um eine misslungene Haartönung, einen nicht funktionierenden Ehemann, ein kaputtes Auto und zwei entlassene Kolleginnen ging. Jede Freundschaft kennt ihre eigenen Rituale, Ulrikes und meines lautet: Am Freitagabend wird bilateral in die Telefonleitung geklagt, Hamburg-Bonn und zurück. Dabei gilt: Kein Problem ist so tragisch, dass man es nicht noch zu einer Pointe verarbeiten kann. Solange wir lachen, gibt es keinen Grund, sich umeinander Sorgen zu machen. Diesmal schloss Ulrike mit dem Satz: "Ich bin echt fertig!" Laut Ritual war nun ich dran: "Meine Woche war auch nicht besser." Ich begann mit meiner Prada-Sonnenbrille, die der Hund aufgefressen hatte, aber Ulrike fiel mir ins Wort: "Es geht mir wirklich schlecht im Moment, merkst du das nicht?" Nee, das hatte ich nicht gemerkt.

"Entschuldigung", sagte sie eineinhalb Stunden später, "vielleicht bin ich ein bisschen überempfindlich. Aber es kommt mir vor, als würden alle nur noch von sich selbst reden. Wenn man sagt: Ich habe ein Problem, entgegnet der andere: Ich habe auch eins. Gestern habe ich mich mal wieder mit meiner Schwester getroffen, und während wir uns unterhalten haben, hat sie die ganze Zeit SMS geschrieben. Die Leute fragen: Wie geht es dir? Und alles, was du antwortest, ist mehr, als sie wissen wollen."

"Nun mach mal halblang", sagte ich, "deine Schwester konnte sich schon vor Erfindung des Handys auf nichts konzentrieren. Die liest beim Kochen Zeitung und feilt Nägel. Und anderen übel zu nehmen, dass sie ein ‚Hey, wie geht’s?‘ nicht als Einladung zu einer Gesprächstherapie verstehen, finde ich mimosenhaft. Es muss im Alltag ein Recht auf Unverbindlichkeit geben, dazu braucht es solche Floskeln." Der Vorwurf allerdings, wir alle - und das schließt mich mit ein - würden am liebsten über uns selbst reden und darüber das Zuhören verlernen, machte mich nachdenklich. Schließlich bin ich eine Frau und halte das Zuhörenkönnen für eine elementare Fähigkeit. Ich hatte mir immer eingebildet, eine gute Zuhörerin zu sein.

Aber: Was genau ist das eigentlich - zuhören?

"Richtiges Zuhören ist schwer, gerade weil es einfach zu sein scheint", meint die Mainzer Psychologieprofessorin Margarete Imhof, die sich seit Langem mit der Kunst des Zuhörens beschäftigt. "So einfach, dass wir ständig in Versuchung sind, nebenbei noch etwas anderes zu tun. Dabei ist das Zuhören ein hochkomplexer psychologischer Prozess, der durch jede Ablenkung behindert wird." Anders ausgedrückt: Ein Hirn, das aufmerksam zuhört, kann nicht gleichzeitig Einkaufszettel schreiben. Und ein Hirn, das Einkaufszettel schreibt, kann nicht gleichzeitig zuhören. Falls man spürt, dass einem im Moment die Ruhe fehlt, um zuzuhören, sollte man das sagen und anbieten, sich später Zeit zu nehmen, rät Imhof: "Der andere wird es merken, wenn Sie nur halbherzig zuhören, und gekränkt sein, wenn es ihm um etwas Wichtiges geht."

Ein Mann kommt von der Arbeit, schmeißt sich aufs Sofa, seine Frau legt sich zu ihm, schmiegt sich an ihn, will ihn küssen, er sagt: "Bitte nicht, ich bin hundemüde!" Was ist die Botschaft, die dahintersteckt: dass der Mann gestern zu viel gefeiert und zu wenig geschlafen hat? Dass sein Job ihn gerade stresst? Dass er unzufrieden ist mit der Beziehung? Behauptet der Mann in letzter Zeit oft, dass er müde sei? Lächelt er, während er spricht? Zieht er die Stirn in Falten? Drückt er sie an sich, während er sie mit Worten zurückweist - oder schiebt er sie weg?

Wer zuhöre, so Imhof, müsse filtern, welche verbalen und nonverbalen Signale des Redners nebensächlich, welche bedeutsam seien. Er müsse die empfangenen Signale auf ihren Sinn überprüfen, Widersprüche finden, das Gehörte verknüpfen mit dem, was er schon weiß, logische Schlussfolgerungen daraus ziehen - und am Ende entscheiden, wie darauf zu reagieren ist. Wer gar nicht erst richtig zuhört, reagiert oft falsch. Und wer den anderen beim Sprechen nicht vor Augen hat, seine Gestik und Mimik nicht beobachten kann, dem fehlen wichtige Informationen zur Entschlüsselung - so wie bei Ulrike und mir.

Die angemessene Situation für ein wichtiges Gespräch sei darum das "fullface listening", so Zuhör-Expertin Imhof. Radio, Fernseher und Telefon ausstellen und dem, dem man zuhören möchte, das Gesicht zuwenden, um zu signalisieren: Ich nur für dich! "Eine solche Kommunikationskultur kann man trainieren, möglichst nicht erst im Ernstfall, sondern schon vorher, auch ohne Anlass."

Unsere gemeinsame Zeit wird immer knapper.

Warum müssen wir üben, was selbstverständlich scheint - uns denen zuzuwenden, die uns wichtig sind? "Weil zwei äußere Grundbedingungen des Zuhörens immer seltener gegeben sind: Zeit und Präsenz", so Imhof. "Aufgrund der technischen Möglichkeiten findet Kommunikation immer häufiger über eine räumliche Distanz statt. Und unsere gemeinsame Zeit wird immer knapper."

Wenn es in meinem eigenen und dem Leben meiner Freundinnen irgendeinen Mangel gibt, dann ist es tatsächlich der Mangel an Zeit, die wir für die andere erübrigen. Wir sehen einander viel zu selten, weil wir tagsüber zu viel zu tun haben und abends oft so müde sind, dass wir nur auf eine einzige Verabredung Lust haben: auf die mit unserem Bett. Wenn wir einander zu lange nicht gesehen haben, schicken wir eine SMS, eine E-Mail oder rufen an - ein Lebenszeichen, das sich bequem im Pyjama versenden lässt, nebenbei kann man auch noch die Küche aufräumen: "Ich bin immer noch für dich da!" Wirklich?

Wir gehen davon aus, dass die modernen Kommunikationsmittel es erleichtern, Freundschaften aufrechtzuerhalten. Vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit: Gerade die Möglichkeit, Kontakt zu halten, ohne sich zu sehen, verführt uns dazu, Verabredungen immer wieder zu verschieben.

Die Kinder sind im Bett, es ist halb neun. Um halb elf will ich schlafen, vorher muss ich noch die Waschmaschine voll stopfen, Blumen gießen und eine Überweisung erledigen, bleiben rund eineinhalb Stunden. Das könnte für zwei oder drei Telefonate reichen: Andrea muss ich fragen, wie ihr neuer Job läuft. Bei Kathrin müsste ich mich auch mal wieder melden, die habe ich seit fast zwei Monaten nicht mehr gesprochen - was allerdings bedeutet, dass ich mich auf ein langes Gespräch einstellen muss. Also lieber bei Svenja anrufen, das geht schnell. Möglichst viel schaffen in möglichst kurzer Zeit, das nennt man Effizienz.

In der traditionellen Familie, so die Berliner Soziologin und Zeitforscherin Helga Zeiher, gab es "ein Gleichgewicht zwischen Erwerbs- und privater Sorgearbeit. Es basierte auf einer Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern: Die Männer taten die eine, die Frauen die andere Arbeit; der harten, ökonomisch bestimmten Welt draußen stand die private, emotional geprägte Familienwelt gegenüber." So war sichergestellt, dass immer jemand da war für den, der Hilfe brauchte - "auf Kosten des Ausschlusses der Frauen aus der Arbeitswelt". Heute arbeiten immer mehr Frauen. Privates wird nachrangig - und zudem immer stärker nach der Logik der Arbeitswelt organisiert. Doch Sorgearbeit lasse sich nicht ohne Qualitätsverlust rationalisieren, so Helga Zeiher: "Die Zeit für die Pflege von Beziehungen und Bindungen darf keine Restgröße sein." Ich fühle mich ertappt und nehme mir vor, mir mehr Zeit zu nehmen, um bessser zuhören zu können.

Welche innere Haltung zeichnet eine gute Zuhörerin aus?

"Die wichtigste Grundhaltung ist die Neugierde, das Interesse am anderen", sagt Margarete Imhof. "Das klingt trivial, ist es aber nicht. Gerade bei Menschen, die wir sehr gut kennen, erlischt unsere Neugierde. Wir erwarten vom anderen nichts Neues, also überhören wir das Neue." Nach schätzungsweise hundert Freitagabendtelefonaten mit Ulrike erwartete ich das Übliche: gemeinsames gut gelauntes Grummeln über die Widrigkeiten des Alltags. Dass ihr die Entlassung ihrer Kolleginnen einen wahren Schock versetzt hatte, dass sie sich Sorgen um ihre eigene Zukunft machte, das war nicht bei mir angekommen. Vielleicht wäre ich hellhöriger gewesen, wenn ich nicht so gewöhnt wäre daran, dass Ulrike und ich ständig intime und zugleich belanglose Informationen austauschen.

Fällt uns Zuhören auch deshalb schwer, weil zu viel geredet wird?

In den letzten 40 Jahren hat sich die private Kommunikationskultur drastisch verändert. Niemals wäre es meinen Großeltern eingefallen, mit ganz persönlichen Problemen außerhalb der eigenen vier Wände hausieren zu gehen. Noch meine Mutter war gekränkt, als sie mitbekam, dass ich als Teenanger mit Freundinnen über Familienkonflikte sprach: "Das geht doch andere nichts an!" Wenn eine der Nachbarinnen - die seit 20 Jahren neben uns wohnten, ohne dass man sich das Du angeboten hätte - dann eines Tages beim Schwatz vor der Haustür andeutete, dass sie Kummer wegen ihrer ältesten Tochter oder der Ehemann psychische Probleme habe, dann war das wie ein Donnerschlag: Ich bin sicher, dass meine Mutter mit gespitzten Ohren lauschte, voller Mitgefühl, in dem Wissen, dass viel Schlimmes passiert sein musste, bevor sich jemand zu solcher Offenheit hinreißen ließ. In einer Welt, die vornehmlich aus Schweigen bestand, wenn es um Intimes ging, glich jede Auskunft über ganz Privates einem fesselnden Geständnis.

Dann kamen die 68er-, die Studenten- und Frauenbewegung und mit ihr die Idee von Emanzipation und Selbstverwirklichung. Plötzlich war es nicht länger unschicklich, öffentlich das eigene Befinden zu reflektieren. Es setzte das ein, was man die Psychologisierung der Gesellschaft nennt: Heute ist die Seele mit ihren Abgründen erfolgreichste Hauptdarstellerin in unzähligen Talkshows. Und auch im echten Leben reden viele Menschen - zumindest gegenüber Freunden - so selbstverständlich über den Inhalt ihrer letzten Therapiesitzung wie unsere Großeltern über das Wetter.

Warum reden wir ständig über uns selbst?

Weil Hören und Gehörtwerden "elementare Formen der gewährten und erfahrenen Anerkennung" sind, "auf denen nicht nur das kommunikative Handeln aufbaut, sondern die auch die Voraussetzung für unsere Identitätskonstruktion bilden", sagt der Sozialpsychologe Heiner Keupp. Wir reden nicht nur, um etwas Bestimmtes mitzuteilen. Wir sind auf den Dialog mit anderen angewiesen, um uns unserer Existenz zu versichern. "Wir erzählen anderen, wer wir sind, und jede Erzählung braucht jemanden, der sie wahrnimmt. Wir brauchen die Sicht der anderen."

Auch das, so Keupp, sei eine neue Entwicklung. Früher war man: die Ehefrau vom Pastor, die Mutter von vier Kindern, die Bäuerin, die Lehrerin. Die Identität und die Anerkennung für das, was man war, ergab sich aus der gesellschaftliche Rolle, die das Leben einem zugespielt hatte - und an der gab es wenig zu rütteln. Heute hat man nicht nur die Freiheit, aus sich zu machen, was man will. Man muss etwas aus sich machen, um jemand zu sein, und man muss im Gespräch laufend überprüfen, ob die anderen erkennen und anerkennen, was man sein will. Ich rede, also bin ich. Ich rede andauernd, und alle hören weg.

Muss ich schweigen lernen, damit man mir wieder zuhört?

"Die Stille, früher Teil der Natur, ist in unserer modernen Gesellschaft weggefallen, wir stehen unter akustischer Dauerbelagerung", sagt der Münchner Wirtschaftspädagoge und Zeitforscher Karlheinz Geißler, der sich mit den veränderten Bedingungen des Zuhörens befasst hat. "Auch das Reden hat heutzutage kein Ende, es produziert immer neue Stufen, in denen über das Geredete geredet wird. Dabei braucht das Zuhören Phasen der Stille. Wenn es die nicht gibt, muss man sich schützen, indem man mehr oder minder aktiv weghört."

Der Chef, der ununterbrochen über seine Erfolge redet, die Bekannte, die ständig über ihre Kinder jammert, die Kollegin, die permanent über Stress klagt - dürfen die sich wundern, wenn ihr Gegenüber des Zuhörens überdrüssig wird? Zuhör-Expertin Margarete Imhof rät: "Die Verantwortung für den Verlauf eines Gesprächs liegt auch beim Sprecher. Er muss Akzente setzen, etwa mal bewusst schweigen." Das allerdings traut sich nur der, der weiß, dass die Pause vom anderen nicht sofort genutzt wird, um selbst zu reden. Margarete Imhof: "Zuhören bedeutet, sich ausschließlich auf den anderen zu konzentrieren: nicht schon über eine Antwort nachdenken, während er spricht, ihn ausreden lassen, keine Sätze für ihn beenden - auch nicht innerlich. Selbst tröstende Worte verschließen das Gespräch, weil es den Sprecher in eine passive Rolle drängt. Besser ist es, den Verlauf des Gesprächs offenzulassen, indem man sagt: Was könnte dir helfen? Was bedeutet das für dich? Was fühlst du dabei? Wer zuhören will, muss sich selbst in den Hintergrund rücken." Gar nicht leicht.

Warum wollen wir auf alles sofort eine Antwort finden?

"Ein guter Zuhörer muss nichts tun als zuhören. Dieser Akt des Sein-Lassens, der scheinbaren Passivität, ist ein ungewohnter Zustand für Mitglieder einer Aktivitäts-Gesellschaft, in der das Nichtstun eigentlich als strafbar gilt und in der die Pause als Störung empfunden wird", glaubt Zeitforscher Karlheinz Geißler. "Jede Warteschleife wird heute durch Geräusche überbrückt." Und spiegelt sich nicht auch hier wider, was wir im Arbeitsleben ganz und gar verinnerlicht haben, wo der am erfolgreichsten gilt, der möglichst rasch eine Lösung produziert und sie eloquent vorträgt? Das Gespräch an sich zu reißen ist ein Zeichen von Macht - auch in privaten Beziehungen. Wie oft missbrauchen wir diese Macht?

Wissen wir noch, wie kostbar Worte sind?

Sehr kleine Kinder wissen ihre Trauer, ihren Kummer oder ihre Enttäuschung nicht anders zu zeigen als durch Weinen, Schreien oder Toben. Dann fangen sie an zu begreifen, dass nicht nur der Ball, der Hund und das Brot einen Namen hat, dass es nicht nur Worte gibt für die Welt um uns herum, sondern auch für die Welt in unserem Inneren. Sie lernen zu sagen, was in ihnen vorgeht: "Ich bin traurig", "Ich bin wütend", "Ich bin enttäuscht". Und eines Tages kommt der Augenblick, in dem sie das erste Mal versuchen, zu erklären, warum sie traurig, wütend oder enttäuscht sind - holpernd zunächst, unbeholfen, nach jedem Wort suchend, im Blick ein Staunen darüber, dass es so etwas gibt: Man kann erklären, mit Worten eine Brücke bauen zu dem, der bereit ist, zuzuhören, und plötzlich ist man nicht mehr allein. Das erste echte Gespräch mit meinen kleinen Kindern: ein noch viel größeres Wunder als die ersten Schritte. Damals habe ich mich vor sie gekniet, ich habe ihre Hände in meine genommen. Wenn sie die Worte nicht fanden, habe ich ihnen geholfen, sie zu finden, vorsichtig, um ihre ersten zaghaften Gefühlsäußerungen nicht zu erdrücken mit meiner mächtigen Erwachsenensprache. Wenn sie fertig waren mit Erzählen, habe ich noch eine Weile geschwiegen, gerührt von dem, was gerade passiert war: Jemand schenkt mir sein Innerstes. So kann ich zuhören.

Wie oft höre ich anderen zu?

Text: Julia Karnick
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