Die kleinen Glücksmomente des Lebens

Es gibt diese Glücksmomente, da stimmt einfach alles. Und auch, wenn sie schnell vorbeigehen, bleibt ein unvergessliches Gefühl von Vollkommenheit.

Vor zehn Jahren, als Monika Tombrink zur Mutter-Kind-Kur im Schwarzwald war, wurden sie und andere Kurgäste zum Langlaufen ermutigt. "Nachdem wir dreimal auf Skiern gestanden hatten, nahm uns der Kurdirektor mit auf den Feldberg. Ich dachte nur: 'Wie soll ich das schaffen? Noch nie Skilift gefahren, dann gleich vom Sessellift abspringen und eine Skitour zur Panoramastation?'" Oben angekommen, schleppte sie sich mit zitternden Knien und auf Händen und Füßen bergauf und bergab. Als sie dann erschöpft auf dem Gipfel stand, den strahlend blauen Himmel und die atemberaubende Natur vor Augen, erlebte sie "einen Augenblick des absoluten Glücks". Noch heute denkt sie regelmäßig daran. "Ich war damals in einer schwierigen Lebenssituation. Dort oben hat sich mein Blick geweitet, auch in die Zukunft. Ich dachte, wenn du das hier geschafft hast, dann kannst du alles schaffen." Dieses Erlebnis hat sich ihr als Kraftmoment ins Gedächtnis gebrannt. Nach einem unvergesslich schönen Moment befragt, erzählen Frauen von großen Ereignissen in ihrem Leben wie der Geburt ihrer Kinder, vom ersten Zusammentreffen mit dem späteren Geliebten, von menschlicher Wärme und Fürsorge, mystischen Erfahrungen oder einem Wink des Schicksals. Oft sind es auch kleine, auf den ersten Blick unbedeutende Vorkommnisse. Wie bei Monika Tombrinks Erlebnis auf dem Feldberg entstehen Glücksmomente häufig aus einer schwierigen emotionalen Lage heraus. Dass die Wende zum Positiven überraschend auftritt, ist für das Entstehen der intensiven Gefühle nicht unerheblich. Sehr oft spielt auch die Natur eine große Rolle. Bei Sabine Rolinski zum Beispiel, die allein mit dem Rad durch eine fast meschenleere Region Südfrankreichs fuhr, als neben ihr ein Raubvogel mit einer Schlange in den Krallen auftauchte, die sich in der Luft ringelte. "Das war sehr eindrucksvoll, weil ich als Großstädterin nur selten den Lauf der Natur so direkt beobachten kann. Und ich hatte Glück, dass ich zufällig in diese Richtung schaute."

Glücksmomente: Das Gefühl, in etwas Größeres eingebunden zu sein

Zumindest intuitiv sind uns die Faktoren bekannt, die Glücksgefühle auslösen können. In der Glücksforschung immer wieder genannt werden Liebe und enge Freundschaften, generell Erlebnisse mit anderen Menschen. Auch das Aufgehen in einer Aufgabe, die Herausforderung ist, aber nicht überfordert, kann für ein fließendes Glücksgefühl sorgen, Flow genannt. Die intensivsten Glücksmomente entstehen, wenn mehrere Elemente zusammenspielen. Einen fast unauslöschlichen Eindruck hinterlassen Ereignisse, die von der Fülle und Schönheit des Lebens erzählen, weil sie das Gefühl vermitteln, in etwas Größeres eingebunden zu sein: in das Universum, den Kreislauf des Lebens, eine Menschenmenge, die vom selben Gefühl getragen wird. So ein rauschähnliches Erlebnis hatte Kirsten Engelhardt, als sie noch im südenglischen Bath lebte und ihr Freund zu Besuch war. Bei einer Verlosung hatte sie Karten für ein Open-Air-Konzert der "Drei Tenöre" vor erhebender georgianischer Kulisse gewonnen. "Es war eine laue Nacht, Lars war da und hatte leckere Sachen zum Picknicken mitgebracht - und dann diese großartige Musik. Die Stimmung war einfach überwältigend. Und als sie am Schluss noch die inoffizielle England-Hymne ,Land of Hope and Glory' spielten, war es bei mir aus. Die Tränen liefen mir runter. Ich war einfach so gerührt."

Eine Tango-Bar wurde zur Kulisse für Ina Jankowskis "magisches Erlebnis". Sie hatte einem Mann, den sie nicht kannte, ihr volles Glas Rosé übers Jackett gekippt. Gelassen fragte er sie, ob sie mit ihm tanzen wolle. Dann geschah etwas, was ihr noch nie passiert war: "Das Tanzen mit ihm war unglaublich erotisch, wie Sex auf der Tanzfläche. Es hatte etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches, ich war ganz unbefangen. Danach hat er mich Schritt für Schritt erobert." Jahre später, als sie längst nicht mehr mit dem Mann zusammen war, hat die Werbetexterin diesen "zauberhaften Abend" sogar in einem Songtext verarbeitet. Das Gefühl von damals drängte sich ihr immer wieder auf - manchmal voller Sehnsucht, manchmal voller Freude darüber, so etwas überhaupt einmal erlebt zu haben. Ebenfalls von Hingabe, allerdings von der Hingabe ans Schicksal in einer Situation, die sie an anderen Tagen als verunsichernd empfunden hätte, erzählt Caroline Fischer. Sie und ihr Mann hatten während der Hochsaison einen Ausflug auf eine kleine Insel gemacht und keine Übernachtung gebucht. "Wir dachten, wir würden schon etwas bekommen, und sind abends erst mal in Ruhe essen gegangen. Wir tranken ziemlich viel Wein, waren bestens gelaunt, es war ein sehr schöner Abend." Danach haben sie bei einem Hotel geklingelt, das eigentlich ausgebucht war. Tatsächlich hatte gerade jemand abgesagt. "Das hat unser Glück perfekt gemacht", erklärt Caroline Fischer. Der Tag sei noch schöner gewesen, weil nicht sie selbst, sondern das Leben für sie gesorgt habe.

Britta Kuhn blieb gar nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass das Leben für sie sorgen würde, jedes Mal, wenn sie mit dem Kinderwagen vor der Treppe zum U-Bahnsteig stand. Einmal - sie kam gerade vom Arzt, ihr Handgelenk war verstaucht, und wieder einmal bot sich niemand an, ihr beim Hochtragen zu helfen - sprach sie ein alter Mann an. "Er sah ziemlich gebrechlich aus. Ich wollte erst ablehnen, weil ich wirklich Angst um ihn hatte. Aber er bestand darauf und meinte, gemeinsam würden wir ,das Kind schon schaukeln'", erinnert sie sich. "Es klingt vielleicht übertrieben, aber ich war diesem fremden Mann in diesem Moment so wahnsinnig dankbar dafür, dass er mich dort nicht stehen ließ wie alle anderen. Und für seine freundlichen Worte. Und ich bin ihm immer noch sehr dankbar. Jedes Mal, wenn ich an seine nette Geste denke, kommen mir die Tränen."

Glücksmomente müssen ab und zu reaktiviert werden

Wir alle erleben solche Glücksmomente nur so intensiv, weil wir auch die Kehrseite des Lebens kennen

Menschliche Wärme und Liebe sind - wen wundert's? - eine der häufigsten Quellen für starke Glücksgefühle. Als "großen positiven Knaller" bezeichnet Karin Singh das erste Aufeinandertreffen ihrer Eltern mit ihrem späteren Mann. "Er kam aus Indien, und meine Eltern hatten nie Kontakt zu fremden Kulturen gehabt, aber als ich ihn das erste Mal mit nach Hause brachte, war auf der Stelle klar: Sie lieben ihn, und er liebt sie. Sie haben ihn sofort in die Familie integriert, ihn wie einen Sohn behandelt und nie Bedenken geäußert." Der Kreis ihrer Lieben schloss sich. "In dieser Zeit fühlte ich mich so geborgen und stark wie selten, von Liebe umhüllt." Der glücklichste Moment in ihrem Leben sei jedoch die Geburt ihres Sohnes gewesen. "Als die Hebamme mir den Kleinen auf die Brust legte und mir sagte, er sei völlig gesund. Während der Schwangerschaft war ich sehr krank gewesen und hatte mir schreckliche Sorgen gemacht." Wir alle erleben solche Glücksmomente nur so intensiv, weil wir auch die Kehrseite des Lebens kennen. Nur vier Tage nach der Geburt ihres Sohnes starb Karin Singhs Großmutter. "Ich konnte es nicht fassen, dass meine heiß geliebte Oma mein Kind nicht mehr gesehen hat." Erst große Freude, dann unbändige Trauer. Auch wegen des Kontrasts wird Karin Wagner sich wohl ihr ganzes Leben lang sehr genau an diese zwei einschneidenden Erlebnisse erinnern. Aber Erinnerung verändert sich, und wir verändern sie, bewusst oder unbewusst, bei jedem Abruf und bei jeder Wiedergabe. Damit uns die glücklichen Momente unseres Lebens nicht verloren gehen, müssen sie ab und zu reaktiviert werden. Ina Jankowski liest sich von Zeit zu Zeit ihren Songtext über ihr erotisches Erlebnis auf der Tanzfläche durch. Sie hütet die Erinnerung daran wie ein Schatzkästchen. Caroline Fischer erinnert sich bewusst an den Abend auf der Insel, wenn sie merkt, dass sie sogar in Situationen, in denen es nicht nötig ist, alles planen und kontrollieren will. Und Monika Tombrink sieht sich auch nach vielen Jahren klar und deutlich erschöpft, aber glücklich auf dem Feldberg stehen. Schier unüberwindliche Hürden geht sie seit damals selbstbewusster an. Jetzt denkt sie öfter: Versuch's doch erst einmal!

Text: Jeanette Villachica Fotos: Photocase
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