Prinzessin oder Putzfrau

Es gibt Frauen, die es selbstverständlich finden, vom Leben bedient zu werden. Und es gibt Frauen, die mit einem Übermaß an Hilfsbereitschaft auf die Welt gekommen sind.

Gehen Sie nach Mitternacht völlig verschlafen ans Telefon, weil Ihre Freundin, völlig betrunken, ihren Liebeskummer auskotzen möchte? Tragen Sie beim Auschecken aus dem Hotel Ihre schweren Koffer selbst zum Taxi? Springen Sie zu Hause automatisch auf, wenn Mann oder Kinder "Wo ist der Ketchup?" rufen? Und fünf Minuten später noch einmal, weil jemand die Cola verschüttet hat? Ist der Satz "Bleibt ruhig sitzen, ich mach das schon" Ihr verbaler Dauerbrenner?

Dann sind Sie vermutlich eine Putzfrau, auch wenn ein dienstbarer Geist aus Brasilien oder Polen für zehn Euro die Stunde Ihre Wohnung wischt. Putzfrau ist nämlich nicht nur ein Beruf, sondern eine Geisteshaltung, eine angeborene und meist unausrottbare, in der das Helfersyndrom überdimensional und in ständiger Alarmbereitschaft ist. Eine Putzfrau, das ist ihr Fluch, fühlt sich immer und überall für alles und alle zuständig. Sie kann nicht anders, egal ob es um die Rettung des Regenwaldes, den Seelenfrust ihrer Frauenärztin oder um ein Teenie-Zimmer geht, in das alle Tage wieder der Blitz einschlägt. Wenn Not an der Frau ist, greift sie zu, weil ihre Hilfssensoren so fein gestimmt sind, dass sie bereits anschlagen, wenn auch nur der Hauch von Hilfsbedürftigkeit im Raume schwebt und diesbezüglich deutlich gröber veranlagte Frauen gemütlich auf dem Sofa sitzen bleiben und am Prosecco nippen.

Hilfsbereitschaft nützt der Nehmenden - und der Gebenden

Diese Sofasitzenbleiberinnen und Prosecconipperinnen sind die Prinzessinnen, mit denen sich die Putzfrau häufig gut versteht, weil sich Gegensätze bekanntlich anziehen und Frauenpaare optisch und psychologisch oft ein Kontrastprogramm sind. Es gibt Muttis in Leggings und Kinderlose in Karrierekostümen. Frauen, die zu sehr lieben, und Zicken, die mit einem Mann Schluss machen, wenn sie in seinem Bad eine Creme gegen Fußwarzen entdecken. Und es gibt Frauen, die es selbstverständlich finden, vom Leben bedient zu werden, und andere, die, um im Bild zu bleiben, schon mit Eimer und Wischmopp auf die Welt gekommen sind. Es ist die grundsätzlich unterschiedliche Lebenseinstellung, die eine Prinzessin von der Putzfrau unterscheidet und beide trotzdem in freundschaftlicher Symbiose miteinander verbinden kann.

Es passiert nichts Gutes, außer man tut es – nach dieser Maxime handelt die Putzfrau, was sowohl für ihre eigenen Bedürfnisse als auch für alle Menschen gilt, die in ihrem großen, sehr dehnungsfähigen Herzen Platz haben. Im Herzen einer Prinzessin gibt es dagegen ein großes, rotes Samtkissen, auf dem sie selbst thront und von dem aus sie ihre Wünsche an das Universum richtet.

Während sie noch überlegt, ob sie mit der Wimper zucken oder lieber im Schaumbad liegen bleiben soll, hat die Putzfrau längst alles erledigt. Sie hat eben nicht das Sitzfleisch einer Prinzessin, die, wenn es klingelt, zehnmal "Ich kann grad nicht, mach doch mal einer auf" ruft. Sie öffnet einfach die Tür. Auf Partys erscheint sie als Erste mit einer Quiche und bleibt als Letzte, um aufzuräumen, gern auch, wenn die Gastgeberin bereits erschöpft im Bett liegt. Eine Prinzessin schüttet Kummer, Ärger und Alltagsfrust völlig selbstverständlich in ihr Handy, um nach einem geseufzten "Es könnte sein, dass ich mir jetzt das Leben nehme" befreit aufzulegen und sich die Nägel zu lackieren, während ihre Putzfrau- Freundin sofort den Rettungsdienst anruft. Wenn dagegen eine Putzfrau Liebeskummer hat, verkriecht sie sich oder macht sich ein Eis mit Eierlikör.

Putzfrau oder Prinzessin, das ist eine Einstellungs- und keine Einkommensfrage, ein genetisch programmiertes Verhalten, das in allen sozialen Schichten vorkommt. Nicht alle Prinzessinnen sind reich und schön und nicht alle Putzfrauen arm und hässlich.

Die Putzfrauen machen den Prinzessinnen das Leben schön

Angela Merkel zum Beispiel ist eine Putzfrau, die zwar im Bundestag einen eigenen Fahrstuhl mit Bodyguard hat, in ihrem Ferienhaus in der Uckermark aber trotzdem selbst am Herd steht. Sie ist, was man tatkräftig nennt, ein Begriff, der einer Prinzessin so fern liegt wie das Einlegen einer neuen Klopapierrolle, wenn die alte aufgebraucht ist. Für sie ist der Satz "Könntest du mal eben, du stehst gerade so günstig" erfunden worden, den die Putzfrau zuverlässig mit "Schon erledigt" beantwortet. Wenn beide gemeinsam verreisen, ist alle drei Minuten die Frage "Kannst du mal bitte?" zu hören, mit der die Prinzessin ihrer Putzfrau Jacken, Tüten und Taschen überwirft, bis diese aussieht wie ein wandelnder Kleiderständer. Da eine echte Prinzessin sogar eine Erbse durch dicke Matratzen spürt, scheut sie jeden Hauch von Unbequemlichkeit wie ein Vampir die Knoblauchzwiebel.

Auf einem Flug nach New York konnten Mitreisende kürzlich neidvoll beobachten, wie eine auf einem Mittelsitz gestrandete Prinzessin den Flight Attendant, obwohl offensichtlich schwul, so lange bearbeitete, bis sie in die Business-Class umziehen konnte. Mit einem fröhlichen "Wir sehen uns später" verabschiedete sie sich von ihrer Freundin, die eine Reihe hinter ihr saß, auch auf dem Mittelsitz. Raten Sie mal, wer anschließend den Dankesbrief an die Lufthansa schrieb?

Dennoch ist die Putzfrau keine arglose Wirtszelle, die von dem Parasiten ausgesaugt wird, sie tut ja freiwillig, was sie tut. Weil sie Geben spannender findet als Nehmen. Und sie sich lieber bewegt, als vom Sofa aus dem Leben zuzuschauen. Außerdem: Wer seinen Koffer selbst trägt, verliert ihn nicht so leicht. Für die Prinzessin und deren Seelenblähungen jederzeit da zu sein ist für die Putzfrau selbstverständlich, und in ihrer manchmal naiven Art erwartet sie, dass auch für sie ein mitternächtlicher Tee gekocht wird, wenn sie liebeskümmerlich auf der Fußmatte der Prinzessin steht. Doch Gegenseitigkeit fi ndet diese nicht komisch, genauso wie der Gedanke ihre Vorstellungskraft übersteigt, die Putzfrau könnte sich ihren Bedürfnissen einmal verweigern. "Wer nimmt denn jetzt die Erbse unter der Matratze weg?", wird sie jammern, wenn die Putzfrau mit doppelter Lungenentzündung auf der Intensivstation liegt, "ich kriege ja kein Auge zu." Denn ein nicht funktionierender Hofstaat ist das Schlimmste, was einer Prinzessin zustoßen kann. Wird ihre Anspruchshaltung ignoriert, ihre Attitüde belächelt, ist sie nur noch eine traurige, peinliche Erscheinung. Dann lächelt die Putzfrau und spannt eine neue Rolle Klopapier ein. Denn selbst ist die Putzfrau.

Text: Evelyn Holst Foto: Jörg Modrow
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