Bis dass dein Mann uns scheidet

Wenn die beste Freundin Hochzeit feiern will, freuen wir uns mit. Oder etwa nicht?

"Du wolltest mir etwas Wichtiges erzählen?" Erwartungsvoll guckt Dagmar ihre beste Freundin Susanne an, doch die druckst herum wie ein Teenager, den man beim Lügen ertappt hat. "Tja, also, ich werde. . . " - "Du wirst WAS?" Dagmars Augen nehmen einen ungläubigen Ausdruck an. "Doch, ich . . . ich werde Thomas heiraten!", sagt Susanne, und Dagmar merkt, wie viel Überwindung sie dieser Satz kostet. Für einen Moment ist es still. "Gratulation", murmelt Dagmar, dann dreht sie sich um und geht hastig davon. Susanne bleibt perplex sitzen. Freut sich ihre Freundin denn nicht über ihr Glück?

Ja und nein. Denn kaum etwas ist komplizierter als innige Freundschaften zwischen Frauen. Beste Freundinnen liefern Mitgefühl und Loyalität, stehen einander oft näher als der Ursprungsfamilie, vielen langjährigen Singles ersetzen sie mehr oder weniger den Partner oder eine eigene Familie. Doch zugleich - und vielleicht ist dies das letzte, sorgsam bewachte Geheimnis über weibliche Solidarität - erfüllen sie auch sehr egoistische Bedürfnisse. Denn nicht zuletzt ist oft auch Angst vor dem Alleinsein der Unterbau der gegenseitigen Unterstützung.

Durch die Hochzeit tritt die beste Freundin in einen anderen Zirkel ein

Frauen sitzen zusammen, sie kichern, klatschen, lachen, weinen, sie sind seelenverwandt. Sie gestehen einander intimste Sorgen und Sünden, geben sich Ratschläge für das undurchschaubare Leben mit Männern. Dann belächeln sie amüsiert deren Machogehabe - solange die Männer weit weg sind. Aber kommt einer von ihnen der Freundin nahe, zu nahe, kann er zur echten Bedrohung werden. Und plötzlich treten die anderen, die negativen Gefühle hervor: Rivalität, Eifersucht, Neid, Angst.

Hat nicht jede Frau im tiefsten Inneren Angst, alt und einsam zu enden? Auf einer unbewussten Ebene ist es das Letzte, was Freundinnen wollen: dass eine von ihnen den weiblichen Zirkel verlässt. Dass sie das Glück einer Ehe findet, die dann die bisherigen Freundinnen ganz oder teilweise ausschließen wird. Freundinnen sollen bei uns bleiben, uns weiter ihre Beachtung und Zuneigung schenken. Ungeteilt.

Dazu kommt: Die meisten Frauenseelen sind so zart und durchlässig, dass alles weh tut, was auch nur als kleiner Liebesentzug interpretiert werden könnte. Fühlte es sich nicht schon im Sandkasten und in der Schule wie ein Messer im Rücken an, wenn die Freundin sich abwandte und mit einer anderen spielte? Und wie ist das erst, wenn beide älter sind? Wenn es zunehmend schwieriger wird, neue und beständige Kontakte zu entwickeln?

Nachdem Susanne ihre Fassung wiedergefunden hatte, versuchte sie zu verstehen, was passiert war. "Ich habe wohl die Nachricht ewig vor mir her geschoben, weil ich ahnte, dass die Reaktion nicht ganz so locker sein würde", sagt die frisch verheiratete 50-Jährige heute. Auch Dagmar, 45, tat ihre Abwehr später Leid: "Ich fühlte mich wie eine betrogene Gattin, der ihr Mann sagt, dass er sie wegen einer anderen verlassen wird. Plötzlich spürte ich so eine Wut auf Männer, die Liebe - auf all die romantischen Weiber, deren Knie butterweich werden und die nicht wiederzuerkennen sind, sobald Sex und Gefühle auf den Plan kommen. Vor meinem geistigen Auge sah ich alle unsere spannenden Gespräche, unsere gemeinsamen Reisen, Kochorgien und Kinobesuche dahinschwinden."

Susanne und Dagmar sind seit fast 20 Jahren beste Freundinnen, lange Strecken davon waren beide Singles. Susanne, die heute einen 18-jährigen Sohn hat, ging zwar seit einiger Zeit mit Thomas aus - ihr Anker im Alltag aber blieb Dagmar. Sie hatten sich auf einer Party kennen gelernt. Susannes damaliger Begleiter flirtete mit jungen Mädchen, Dagmars damaliger Freund führte auf dem Balkon Geschäftsgespräche, und so kamen sie nach dem zweiten Glas Sekt lachend ins Plaudern, erst über das seltsame Benehmen von Männern, dann über ihre Gemeinsamkeiten. Beide liebten alte Filme, neue Architektur, Volleyball und Frida Kahlo. Wer denkt, dass zwischen Frauen keine Funken der Begeisterung sprühen, versteht nicht, dass diese mentalen Liebesaffären mit fast ebenso vielen Emotionen ablaufen wie das Sich-Verknallen in Männer. Dagmar und Susanne hatten sich gefunden.

Das war in den kommenden Jahren für Susanne hilfreich, die ihren Sohn Markus allein aufzog. Dagmar war für sie da, oft auch als Babysitterin, vor allem in der Zeit, als Susanne einmal eine längere Liebesbeziehung hatte. Und als Dagmar selbst drei Jahre lang verbandelt war, gab es auch kein Problem. Es war einfach klar: dort die wechselnden Liebhaber, hier - der Fels in der Brandung - wir zwei Frauen. Unzertrennlich.

Wie viele Urlaube hatten sie gemeinsam verbracht? "Wir waren ja wie ein einge spieltes Paar, glücklich und vertraut, und wir dachten beide, dass es einfach immer so weitergehen würde", sagt Susanne. "Ich sehe mich schon deinen mit Leo pardenmuster bezogenen Rollstuhl im Altersheim für Seniorinnen auf Mallorca herum schieben", flachste die jüngere Dagmar ab und zu. Und Susanne fand das lustig und gar keine so absurde Idee.

Klar, sie hatten manchmal Scherze darüber gemacht, was passieren würde, wenn eine von ihnen doch noch mal heiraten sollte. Aber in ihrem Alter? Längst waren die romantischen Kleinmädchenfantasien von Märchenprinzen aus dem Hirn verscheucht, keine wollte die mühsam erkämpfte Unabhängigkeit an einen Mann abtreten. Heiraten? Blödsinn! Aber dann traf Susanne Thomas . . .

"Ich habe wohl die ganze Sache mit Thomas von Anfang an Dagmar gegenüber runtergespielt. Ich war ja selbst überrascht über diese späte Liebe. Dagmar fragte irgendwann fast nebenbei, wie ernst es wäre, und ich lachte und sagte betont locker: 'Ach, schon ganz schön.' Sie guckte mich überrascht an, und ich spürte ihre Skepsis."

Und so schob Susanne die überfällige Ankündigung ihrer Heiratspläne immer länger vor sich her, etwas, was Dagmar später als Vertrauensbruch empfand. Susanne beteuerte, dass sie ihre beste Freundin bleiben werde: "Ich machte sogar den alten Scherz, den man gern der schluchzenden Mutter aufbindet: 'Du verlierst keine Tochter, du kriegst einen Schwiegersohn dazu.' Aber davon wollte Dagmar nichts wissen. Sie hatte nichts gegen Thomas, sie wollte nur das vertraute Szenario beibehalten und die Nummer eins in meinem Leben bleiben."

Umgekehrt hatte aber auch Susanne als zukünftige Ehefrau große Angst davor, Dagmar als engste Vertraute zu verlieren. "Dagmar war und ist meine beste Freundin. So eine fi nde ich nicht wieder. Wir haben so viel zusammen erlebt, ich kenne ihre Ticks, ihre Launen, ihre wunderbaren Seiten. Heute sehe ich schon auch, dass es nicht gut war, sie früher so an mich zu ketten, als mein Sohn noch klein war und ich sie sehr brauchte."

Genauso eine Wahrheit: Enge Freundschaften sind immer auch ein Deal. Eine Interessengemeinschaft, bei der für beide etwas rausspringen muss. "Inzwischen sehe ich ein, dass ich mich zu sehr an Susanne gehängt habe, es war fast eine symbiotische Beziehung, in der jede Distanz aufgehoben war. Wir telefonierten täglich, und ich wurde richtig unruhig, wenn ich nicht wusste, was sie machte und wo sie war", berichtet Dagmar. Lange ahnte sie nicht, dass Susanne ihre Freundschaft manchmal fast wie einen Würgegriff empfand. Dagmar: "Das war wohl unser Fehler, dieses Zuviel an Nähe. Susanne sollte alle meine Bedürfnisse abdecken, sicher auch, weil ich über lange Zeit Single gewesen war."

Dagmar kam tatsächlich nicht zu Susannes , etwas, das sie heute selbst kleinlich und humorlos findet und bedauert. Sie schottete sich ab, ging durch viele Gefühle hindurch, die an klassische Trauerphasen erinnern; einmal holte sie Fotos und Briefe von Susanne raus und weinte wehmütig den alten Zeiten nach. Aber dann fragte sie doch endlich bei an deren Freundinnen nach, wie es der neuen Ehefrau so gehe. "Sie ist glücklich", war die Antwort. Dagmar: "Da habe ich mich selbst gefragt, wo denn MEIN Glück liegt und dass ich mich lieber darauf konzentrieren sollte, anstatt alles von Susanne zu erwarten." Dagmar schickte Susanne eine alte Film- Postkarte mit einem Brautpaar drauf. Susanne freute sich und lud sie ein. Nach anfänglichem Zögern besuchte Dagmar die Freundin in ihrer neuen Wohnung. Sie umarmten sich lange. Und dann taten sie so, als wäre nie etwas geschehen. Eifersucht, Wut, Angst schwanden schneller als die zwei Tortenstücke, die Susanne für sie eingefroren hatte - von der Hochzeitstorte. "Ich habe dich vermisst", sagte Susanne. Und: "Wo ist mein Hochzeitsgeschenk?" - "Kommt irgendwann", versprach Dagmar. Und dann gingen sie zur Tagesordnung über. Es gab noch so viel zu bereden.

Buchtipp

Sabine Reichel und Evelyn Holst: "Life is a bitch - Das Leben ist eine Zicke". Ein Buch über die schwer zu widerlegende These, dass die beste Freundin mehr wert ist als drei Liebhaber und zwei Psychiater (223 S., 7,95 Euro, Heyne)

Text: Sabine Reichel Foto: photocase.de

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