Späte Mütter und ihr Leben am Limit

Mit 40 müssen sie Babygeschrei ertragen, mit Mitte 50 Pubertätsausbrüche über sich ergehen lassen: "Späte" Mütter geraten mit ihren Kindern nicht selten an ihre Grenzen.

Es gab Tage, da saß sie in ihrem Wohnzimmer, schaute auf dieses Kind an ihrer Brust und dann durch die Balkontür hinaus nach draußen. Was hätte sie nicht alles machen können: joggen gehen, endlich die Weiterbildung anpacken, die sie längst hatte machen wollen, reisen. Stattdessen stand Claudia Schuh nächtelang am Bett ihrer schreienden Tochter, weil der die Zähne wuchsen. Draußen sprießte Frühlingsgrün an den Blättern; es war der erste Frühling mit der kleinen Clara. Und Claudia Schuh, die sehnsuchtsvoll hinausblickte, fragte sich: Warum hast du dir das angetan?

"Späte" Mutter

Ich habe mir gesagt, die ersten zwei hast du doch auch gut gepackt

Mittlerweile ist Clara 20 Monate alt. Ein Sonnenschein, sagt Claudia Schuh. Aber das erste Jahr mit ihr sei sehr hart gewesen. Claudia Schuh ist 45 Jahre alt. Und ihre zwei großen Töchter sind schon fast erwachsen, die eine 17, die andere 21 Jahre alt. Dass das nächste Kind in der Familie kein Enkel, sondern ihr eigenes sein würde, hätte sie noch vor drei Jahren nicht gedacht. Damals verliebte sie sich in Ramon, sieben Jahre jünger, kinderlos.

Irgendwann kamen dann seine Kommentare: "Ach schade, wieder nicht vergessen!", wenn sie morgens die Pille nahm. Und schließlich: "Ich hätte schon gern ein Kind mit dir." Es war ein denkbar ungünstiger Moment: Claudia Schuh hatte sich gerade zur Bürokauffrau umschulen lassen und wollte eine Buchhaltungsweiterbildung anhängen. "Außerdem wollte ich endlich mal das Leben genießen", sagt sie, "und nicht immer nur Mutter sein." Trotzdem setzte sie nach einigen Bedenken die Pille ab - Ramon zuliebe. "Ich habe mir gesagt: Die ersten zwei hast du doch auch gut gepackt. Das wird schon." Doch dann war mit dem dritten Baby vieles anders. "Und das liegt auch daran, dass ich eben keine 25 mehr bin", sagt Claudia Schuh.

Claudia Schuh mit Ramon und ihren drei Töchtern

Späte Mutterschaft - das ist kein neues Phänomen, aber eines, das sich ausweitet. Waren im Jahr 2000 bei den Geburten in Deutschland noch 2,1 Prozent der Frauen über 40 Jahre, so erhöhte sich bis zum Jahr 2008 ihr Anteil auf 4 Prozent. In absoluten Zahlen ausgedrückt: Etwa 27 800 Gebärende waren im Jahr 2008 älter als 40, sieben Jahre zuvor waren es noch 16 000 gewesen.

Wenn es um diese späten Mütter geht, spricht man meist von Frauen, deren größter Wunsch eine Schwangerschaft ist. Vom Glück, wenn es tatsächlich klappt. Viel zu selten aber geht es darum, was für ein Kraftakt ein Kind in älteren Jahren für die Mutter bedeuten kann.

"Ich bin froh, dass meine Clara da ist", sagt Claudia Schuh heute, "aber sie hat mich oft an meine Grenzen gebracht." Im ersten Jahr waren es vor allem die Nächte, die sie quälten. Sie brauchte ihren Schlaf mehr als früher. Stattdessen brüllte Clara. Brüllte und wollte an die Brust, bis Claudia Schuh sich wie ausgesaugt fühlte. Dann dachte sie manchmal nur noch: Ich mag nicht mehr. Ich kann das Gebrüll nicht mehr hören. Sei doch endlich still! Das schlechte Gewissen lag in diesen Nächten mit im Bett. Oft war es dann Ramon, der die Kleine zu beruhigen versuchte. Aber tagsüber verdiente der Systeminformatiker das Geld für die fünfköpfige Familie, und Claudia Schuh war mit Clara allein. Die wollte ständig getragen werden. Das Tragen ging ihr ins Kreuz, auch das war anders als früher. Ja, manchmal schrie sie dann auch, fuhr die Tochter an, hilflos, verzweifelt. Und dachte: Was bist du für eine schlechte Mutter. Sie lernte schließlich, dass sie sich solchen Situationen am besten entzieht: rausgehen, wieder runterkommen, atmen, das half. Ab und zu lächelt Claudia Schuh entschuldigend, wenn sie an ihrem Wohnzimmertisch in Ludwigsburg von dieser Zeit erzählt.

Sie sagt, das dritte Kind sei eine Gratwanderung. Wunderschön sei es, Clara eine richtige Familie bieten zu können - die Beziehung zum Vater ihrer ersten zwei Töchter zerbrach einige Jahre nach der Geburt des zweiten Kindes. "Aber manchmal habe ich auch gezweifelt, ob die Entscheidung für ein drittes Kind wirklich richtig war." Dann schaut sie auf Clara hinunter, lächelt, küsst sie auf die blonden Haare. Die greift ungerührt nach einem Stück Kuchen und zermatscht es hingebungsvoll in ihrer Hand. Als der Kuchen in Brocken auf den Tisch fällt, patscht sie darauf herum - schließlich landet das, was einmal ein Kuchenstück war, auf dem Boden. Und Claudia Schuh schaut ihrer Tochter seelenruhig zu. "Da bin ich heute viel gelassener als früher."

Heike Kühne und ihre drei Töchter

Gelassenheit - eine Eigenschaft, die der Heidelberger Medizinpsychologe Dr. Tewes Wischmann ganz klar als Vorteil älterer Mütter ansieht. "Studien aus den USA haben ergeben, dass späte Mütter psychisch belastbarer sind als Frauen in jungen Jahren. Sie haben einfach mehr Lebenserfahrung." Tewes Wischmann hat sich ausgiebig mit Müttern beschäftigt, die sich erst in fortgeschrittenem Alter ein Kind wünschen. "Unter Umständen müssen diese Frauen lange aufs Wunschkind warten." Ist es dann aber da, könnten sie sich voll und ganz auf das Kind konzentrieren. Und: "In ihren Zwanzigern sind junge Mütter häufig noch sehr bemüht, den Partner und den Beruf nicht zu kurz kommen zu lassen. Diese Probleme haben ältere Mütter nicht: Die Partnerschaft ist zumeist gefestigt, und die Karriere läuft."

Allerdings schießen manche späte Eltern in ihrer Konzentration auf das Kind über das Ziel hinaus - ein Megastress für alle Beteiligten: Schon im Kindergarten lassen Eltern die Tochter Englisch lernen, schicken den Sohn zum Klavierunterricht, die Kinder zum Yoga für ganz Kleine und in den Schwimmverein. Der wissenschaftliche Terminus für dieses Phänomen: "Helikopter-Eltern". Die kreisen pausenlos um den Nachwuchs und gehen das "Projekt Kind" wie Manager mit einem Optimierungsplan an. So wie sie sich im Beruf bewiesen haben, wollen sie sich und der Welt nun beweisen, dass sie auch beim Sohn oder bei der Tochter alles richtig machen. Oft handelt es sich dabei um Mütter, die für ihr einziges Kind aus dem Beruf ausgestiegen sind. Anders sieht es aus, wenn mehrere Kinder gehandelt werden müssen - und das neben dem Job.

Freie Nachmittage ohne Verpflichtung - ein Fremdwort

Es wäre toll, wenn meine Kinder mehr erwachsene Ansprechpartner hätten

Manchmal ist es nur eine Tüte im Supermarkt, die Heike Kühne zeigt, wie sehr diese Doppelbelastung von Kinder und Arbeit sie immer wieder fordert. Wenn die Tüte dann schwerer erscheint, als sie ist, wenn Heike Kühne das Gefühl hat, die Einkäufe einfach nicht mehr heben zu können. "Dann denke ich: Mit Mitte zwanzig hätte ich sicher mehr Reserven gehabt. Meine Batterien sind einfach schneller leer." Die 46-Jährige hat drei Töchter, die eine ist 13 Jahre alt, die anderen beiden sind neun. Ständig bespaßen will die Mutter ihre Kinder nicht. Auch die Sporttermine sollen nicht überhandnehmen, schließlich muss sie dafür jedes mal in die zwölf Kilometer entfernte Stadt fahren. Heike Kühne ist keine "Helikopter-Mama". Freie Nachmittage ohne Verpflichtung kennt sie trotzdem kaum.

Und dann diese Streitereien der Zwillinge: "Das ist meins!" - "Nein, das hast du mir geschenkt!" - "Nein, gib es zurück, sofort, das habe ich dir nur geliehen!" Schließlich der finale Ruf: "Mama, komm mal her!" Heike Kühne sagt: "Ich hatte mir früher vorgenommen, als Mutter nicht rumzuschreien. Aber niemand kann einem sagen, wie es ist, Kinder zu haben. Ich erlaube mir heute, auch mal nicht perfekt zu sein." Was soll nur werden, wenn die Zwillinge in ein paar Jahren in doppelten Teenagertrotz verfallen, in die doppelte Pubertät? Dann ist deren Mutter über 50.

Babett Voigt und ihre vierköpfige Rasselbande

War es möglicherweise ein Fehler, nicht schon mit Mitte 20 mit dem Kinderkriegen anzufangen? Heike Kühne verneint. Und erzählt von ihren Reisen, dem unsteten Leben in ihren Zwanzigern. Wie sie damals mit dem Rucksack durch Israel, die Türkei und Griechenland reiste. Wie sie am Strand schlief und sich sogar Gaza anschaute, trotz Sicherheitswarnungen. Wie sie später aus dem Koffer lebte, als sie für ihren Job als Hotelfachfrau mal in Zürich, mal in Münster, mal in Hamburg lebte. "Heute würde ich an meine Kinder denken, an die Verantwortung. Mit dem Rucksack umherzureisen, darauf hat man mit Mitte 40 keine Lust mehr. Ich würde auch nicht mehr ständig umziehen wollen. Selbst wenn ich also früh Kinder bekommen hätte, die mittlerweile aus dem Haus wären - ich hätte jetzt nicht das Gleiche erleben können wie damals. Es gibt Dinge, die kann man nur zu einer Zeit im Leben machen."

Heike Kühne arbeitet jetzt für einen deutschen Touristik-Anbieter in Griechenland, wo sie mit ihrer Familie lebt. Ihr Ehemann, ein Bauunternehmer, ist tagsüber nur selten daheim. Sie selbst sitzt im Sommer bis zu zehn Stunden am Tag im Büro. "Ohne meine Mutter ginge deshalb gar nichts", erklärt sie. Die Mutter ist ihrer Tochter nach Griechenland gefolgt und wohnt nebenan - es macht den Alltag um Längen entspannter. Trotzdem ist das Familienleben für Heike Kühne oft eine Gratwanderung. "Es gibt nichts Wichtigeres in meinem Leben", sagt sie.

Das schlechte Gewissen ist eigentlich immer da.

"Ich liebe meine Kinder, aber ich hasse es manchmal, dass sie mir ein Stück meiner Freiheit nehmen." Die 46-Jährige braucht mehr Rückzugsmöglichkeiten als früher - aber wenn sie das laut ausspricht, folgt prompt das schlechte Gewissen. Das ging auch mit auf Reisen, als sie im letzten Jahr zum ersten Mal seit Langem Urlaub machte, ohne die Kinder, stattdessen mit Freundinnen. "Das schlechte Gewissen ist eigentlich immer da, wenn ich mal nur an mich denke."

Bei Babett Voigt ist es der Krach ihrer Kinder, der sie an einigen Tagen verzweifeln lässt. Dabei lebt die 45-Jährige ruhiger, als es ihr manchmal lieb ist: Im kleinen Ort Niendorf bei Hamburg gibt es nur eine Straße, an der sich links und rechts Häuser aneinanderreihen, dahinter beginnen Koppeln, Wiesen, Weiden. Kinder rollern mitten auf der Straße. Einen Laden, eine Schule oder ein Lokal sucht man vergeblich. Familie Voigt kam hierher, weil sich die vier Kinder in der alten 100-Quadratmeter-Stadtwohnung nicht austoben konnten. Einer der Söhne wurde schnell aggressiv, die jüngste Tochter wollte lange nicht sprechen lernen. Seit die Voigts in ein saniertes Bauernhaus mit viel Platz gezogen sind, haben sich diese Probleme gelöst.

Der Kinderkrach aber, sagt Babett Voigt, ist erst mal der gleiche geblieben. Irgendwann war es so schlimm, dass sie sich ständig schlapp und schlecht fühlte, weil immer irgendeiner schrie oder nach ihr rief, irgendwas von ihr wollte. Sie kam nicht mehr zur Ruhe, war immer mit einem Ohr bei den Kindern: Was passiert da? Gibt es wieder Streit? Geht einer auf den anderen los? Die vierfache Mutter weiß jetzt, dass Lärm krank machen kann. Dabei hatte sie sich als Kind immer gewundert, wenn die Großmutter mittags sagte: "Pst, Kinder, ihr müsst jetzt still sein, der Opa schläft!" Dass jemand den Krach um sich herum nicht einfach ausblenden kann, konnte sie nicht verstehen. Und auch später störte sie sich kaum an Lärm - bis sie etwa 35 war. "Heute verstehe ich meinen Großvater", sagt Babett Voigt.

Axel Schölmerich, Professor der Entwicklungspsychologie an der Bochumer Ruhr-Universität, kennt das Phänomen: "Die Fähigkeit, unangenehme Reize zu unterdrücken, sinkt mit dem Alter. Manche sind dann nicht mehr in der Lage, diese störenden Reize auszublenden." Der Krach mag also der gleiche geblieben sein - nur nehmen wir ihn stärker wahr. Ob und wann bei uns die Fähigkeit der Reizunterdrückung nachlässt, ist laut Schölmerich bei jedem Menschen anders. Sicher ist: Einfach wegstecken wird man die tägliche Rundumbetreuung von drei oder vier Kindern wohl nie.

Meine Batterien sind einfach schneller leer

Späte Eltern müssen diese Last noch häufiger als andere allein tragen. Denn was, wenn eine Frau selbst Tochter einer "späten Mutter" ist? Babett Voigt wurde geboren, als ihre Mutter 38 Jahre alt war. Die ist heute 83 - und damit kaum noch belastbar. "Wenn ich die Familie als Hilfe hätte, würde sich alles etwas entspannen", erklärt Babett Voigt. Ihr Mann verdient wie in so vielen Familien das Geld, meist ist sie deshalb mit den Kindern allein. "Es wäre toll, wenn meine Kinder mehr Ansprechpartner unter den Erwachsenen hätten, zum Beispiel Großeltern oder eine Tante. Wenn die Kinder mit mir Frust haben, sollen sie darüber reden können."

Dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen, ist eine afrikanische Weisheit, die in Deutschland schon lange nicht mehr gilt. Babett Voigt weist aus dem Fenster auf die anderen Häuser; sie sind umzäunt und oft mit privaten Rutschen und Sandkästen versehen. Auf dem großen Dorfspielplatz ist selten jemand. "Man ist mehr für sich. Jeder baut sich seine kleine Insel."

Dass andere erwachsene Personen für Kinder wichtig sind, bestätigt auch Psychologe Axel Schölmerich. "Vor allem Großeltern werden schnell zu Vertrauenspersonen: Sie werten nicht so schnell und sind weniger streng. Je älter sie sind, desto schwieriger wird aber der Beziehungsaufbau." Mit dem lebhaften Kind in den Stadtpark - manche Oma und mancher Opa traut sich das einfach nicht mehr zu. "Wenn der Abstand zu den Großeltern 70 Jahre beträgt, dann ist das eine weite Strecke", sagt Schölmerich. Babett Voigt ist das Krach-Problem schließlich angegangen. Sie konnte mit der Situation einfach nicht mehr umgehen, wollte manchmal nur noch weg. Natürlich sind das bloße Gedankenspiele. Natürlich setzt man die nicht ernsthaft um. Also bat sie ihre Kinder an den großen Esstisch und erklärte, dass ihr das Schreien auf die Ohren gehe. Die durften ihrerseits sagen, was sie so alles stört. Vielleicht ist das ja ein weiterer Vorteil später Mutterschaft: Wer schon lange in einer Paarbeziehung lebt, hat gelernt, zu verhandeln und Konflikte anzusprechen. Nichts anderes machte Babett Voigt - und ihre Kinder haben sie mit der Zeit verstanden.

Zum Weiterlesen:

Christiane Kohler-Weiß: "Das perfekte Kind: Eine Streitschrift gegen den Anforderungswahn" (224 Seiten, 12,95 Euro, Herder) Nadja Brandstätter/Georg Freude/ Euke Frank: "Späte Mütter, späte Väter: Babyglück im besten Alter" (192 Seiten, 19,40 Euro, Linde) Christine Biermann/Ralph Raben: "In diesem Alter noch ein Kind? Das Glück der späten Schwangerschaft" (223 Seiten, 9,95 Euro, Herder)

Text: Marike Frick Fotos: Brita Sönnichsen, Maks Richter, privat
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