Späte Eltern: Plötzlich sind die Kinder da

Was passiert, wenn man sich sein halbes Leben lang Kinder wünscht - und dann, mit Ende 40, bekommt man auf einmal zwei? Späte Eltern - eine Geschichte.

Brotzeit in Ingolstadt. Der Himmel ist blau, die Sonne scheint, ein Topf mit Weißwürsten steht auf dem Tisch, Brez'n auf jedem Teller. In den nächsten vier Stunden wird Silvia Brandt, wilde Locken, energische Stimme, großes Herz, an die hundert Küsschen verteilen. Sie wird Puzzleteile aufräumen, Streit um Legosteine schlichten, die Kinder ermutigen, auch den Senf zu probieren. Sie wird verschmierte Münder abwischen, einen Fußballhandschuh bewundern, ein pinkfarbenes Armband suchen und auf der Toilette nach dem Rechten sehen.

Wie fühlt es sich an, über Nacht zweifache Mutter von Kindergartenkindern zu werden? "Irrsinnig anstrengend", sagt die 46-Jährige und lacht. Sie lacht oft, und man vergisst darüber die Frage, ob sie glücklich geworden ist in ihrem neuen Leben. Großes Glück und totale Erschöpfung scheinen dicht beieinanderzuliegen in dem roten Mehrfamilienhaus der Brandts. "Dass Kinder immer etwas fordern, dass sie Pipi müssen, sobald der Schneeanzug angezogen ist, dass der Hunger immer dann kommt, wenn man gerade das Haus verlässt, das wusste ich theoretisch", sagt Silvia Brandt.

Seit sechs Monaten weiß sie auch, wie es sich anfühlt. "Ich war noch nie in meinem Leben so kaputt wie im Moment. Es ist eine wahnsinnige Umstellung." Ihr Mann, auf jedem Knie ein Kind, sagt: "Mit der Spontaneität ist es vorbei. Mal eben noch ein Bier trinken gehen nach Feierabend, das geht nicht mehr." Er sieht nicht so aus, als würde ihm das etwas ausmachen. Seit 28 Jahren sind Silvia, Vertriebssachbearbeiterin, und Paul, Mitarbeiter bei Audi Design, ein Paar. Seit sechs Monaten sind sie Eltern. Endlose 16 Jahre warteten sie auf Kinder. Erst auf eigene, dann auf fremde.

Manchmal waren sie ganz nah dran, dann wieder unerträglich weit weg. Zweimal war Silvia schwanger. Beide Male platzte der Traum im vierten Monat. Warum, weiß keiner. Pauls Spermien sind etwas langsam, aber laut medizinischen Gutachten gut genug, um damit Kinder zu zeugen. Jahrelang ließ sich seine Frau hormonell behandeln und mehrfach künstlich befruchten. Nichts passierte. Die Freunde tauchten ab in das Familienleben, kauften Kinderstühle, dann Laufräder, fuhren den Nachwuchs zum Reitunterricht, feierten Einschulung und Abitur. Nur bei den Brandts veränderte sich nichts. Während die anderen kaum noch ausgehen, sieht man Silvia und Paul so häufig bei ihrem Lieblingsitaliener, dass die Freunde über das zweite Wohnzimmer spotten. Die Brandts reisen durch Asien und Australien, nach Italien und auf die Seychellen. In Indien nimmt ein Mann seiner Frau spontan das Baby aus dem Arm und drückt es Silvia an die Brust.

"Behalt du es, kümmre dich darum, bei dir geht es ihm besser", sagt er. Jetzt oder nie, denkt Silvia für einen Moment. Dann gibt sie der Frau das Baby zurück. "Ich will meinen Kindern später sagen können, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist." Als eine Freundin ihr erstes Enkelkind bekommt, verkriecht sich Silvia geschockt. Sie möchte sich mitfreuen, doch es gelingt nicht. Silvia und Paul geben sich Halt und Trost und gehen sich zugleich mit dem ewig selben Thema auf die Nerven. "Es war, als stünde man jahrelang mit derselben Person an derselben Haltestelle und wartete gemeinsam auf denselben Bus. Bis man irgendwann erschreckt feststellt, dass einem der Gesprächsstoff ausgeht", sagt Paul Brandt, 52. Er kämpft um die Beziehung, will sich nicht zermürben lassen von den verlorenen Hoffnungen. "Für ein Paar ist ein Leben im Wartezustand die absolute Bewährungsprobe", sagt er. "Je länger wir warteten, desto häufiger stellten wir uns die Frage, ob wir das alles noch wollen." Kleine Kinder, die alte Eltern bekommen. Hormonbehandlungen. Immer neue Enttäuschungen. Es ist die Liebe füreinander, die sie weiter antreibt. "Ich wusste, wie glücklich Silvia als Mutter sein würde, was für eine tolle Mama in ihr steckt. Es wäre so schade gewesen, nicht wirklich alles zu versuchen", sagt Paul. Er wippt mit den Knien, die Kinder quietschen. Über Trennung und Neuanfang mit anderen Partnern denken sie beide nicht nach. "Ich wollte mit Paul eine Familie gründen, nicht allein und nicht mit irgendeinem Mann", sagt Silvia mit fester Stimme. Vor dem Einschlafen grübelt sie immer häufiger, warum ihr Körper nicht funktioniert, wie er sollte. Ist ihre Gebärmutter zu schlecht durchblutet? "Für unsere Liebe war wichtig, dass wir trotz allem nie darüber gestritten haben, wer körperlich Schuld hat an unserer Situation." Nachdem sie die Fehlgeburten verarbeitet hatten, meldeten sie sich 2006 für ein Adoptionsverfahren an. Silvia ist 41, ihr Mann 47. Zu alt für ein deutsches Baby. Sie entscheiden sich für Kolumbien.

"Für uns kam nur ein Land infrage, das die Regeln des Internationalen Haager Adoptionsübereinkommens präzise einhält, damit wir Kinderhandel und Entführungen ausschließen können", sagt Paul. In Kolumbien darf ein Kind erst dann aus dem Land gegeben werden, wenn es bei seiner Familie nicht bleiben kann und keine kolumbianischen Adoptiveltern findet. Nicht mehr als 40 Jahre sollten zwischen dem Alter von Eltern und Adoptivkindern liegen, so sieht es das Gesetz vor. Weil sich Silvia und Paul für Geschwister bis fünf Jahre beworben hatten, erfüllten sie die Vorgaben knapp. Silvia und Paul begannen, Spanisch zu lernen, und ließen sich vom Jugendamt und der staatlich anerkannten Adoptionsvermittlungsstelle ADA durchleuchten.

Ein Psychologe und drei ihrer Freunde bewerteten für die erforderlichen Gutachten ihre Eigenschaften, ihre Ehe und ihre Kinderliebe. Für Paul waren die endlosen Fragen eine Qual. "Nein, angenehm ist es nicht, seine intimsten Hoffnungen offenzulegen, gefragt zu werden, ob man ganz sicher auch fremden Kindern problemlos die Rotzglocke abwischen würde." Dann ist die erste Hürde geschafft. Die ADA schickt ihre dicke Akte mit Gutachten und Führungszeugnissen nach Kolumbien. Mit dabei auch eine Mappe für ihre potenziellen Kinder mit aktuellen Fotos von ihnen, ihren Eltern, Freunden, ihrem Haus und sogar der Nachbarskatze.

Späte Eltern: Sind wir langsam zu alt?

Ein knappes Jahr später sagen die Behörden in Kolumbien Ja zu den Brandts. Nun ist ganz sicher, dass sie Kinder bekommen. Nur wann? Noch viermal fliehen Silvia und Paul vor der weihnachtlichen Stille nach Thailand. "Allein unter dem Tannenbaum Geschenke auszupacken wurde von Jahr zu Jahr trostloser!" 2010 sagt Silvia Brandt ihrem Chef, dass sie täglich mit der Ankunft von Adoptivkindern rechne, dann zwei Jahre Elternzeit nehmen möchte. Ihr Chef bereitet sofort die Nachfolge vor. Von da an bangen und hoffen auch die Kollegen mit Silvia, die mit der Warterei immer schlechter klarkommt. "Ging es mir einen Tag gut, hatte Paul ein Tief und umgekehrt", erzählt sie. "Einer zog den anderen wieder in das schwarze Loch hinein.

Und wenn wir das Kinderthema beide mal ausgeblendet hatten, fragte garantiert irgendjemand aus unserem Freundeskreis: Wird das eigentlich noch was mit Kindern?" Zweifel kommen auf. Sind sie nicht langsam zu alt? Paul beruhigt sich damit, noch immer fit genug zum Squashen zu sein. Und nach wie vor Riesenspaß zu haben, wenn er befreundete Kinder huckepack über den Rasen trägt. "Wir sind nicht so alt, wie wir sind", sagt Silvia. Sie beauftragen Handwerker mit einem Anbau an ihr Häuschen. Wenn die Kinder kommen, soll alles fertig sein. Liebevoll richten sie zwei Kinderzimmer ein, streichen die Wände grün. Ob sie Jungen oder Mädchen bekommen, wissen sie nicht.

Am 1. Juli 2011 kommt endlich die Nachricht: "Sie bekommen einen Jungen und ein Mädchen, Geschwister, sie sind gesund und nicht traumatisiert", sagt die Leiterin von ADA. Juan-David ist vier, Angie drei Jahre alt. Silvia weint. Vor Glück. "Seit diesem Tag ist der Glanz in Silvias Augen zurück", sagt Paul. Er steht auf, muss jetzt schnell einen Cappuccino kochen. Noch bevor sie die biografischen Eckdaten kennen, sagen sie: "Ja, wir wollen die Kinder." Zwölf Tage später überreicht ihnen die Sachbearbeiterin von ADA die vergilbten Fotos von Juan-David und Angie. Es ist ein besonderer Moment. Ihre Kinder sehen schön aus. "Wir wollten einfach nur sofort die Papiere unterschreiben", erzählt Silvia. Noch am selben Tag lassen sie Namensschilder für die Kinderzimmer anfertigen.

Anfang August fliegen die Brandts nach Kolumbien. Mit zitternden Knien stehen sie in dem bunt bemalten Elternzimmer der Kolumbischen Familienbehörde ICBF. Die Tür geht auf, die Kinder rennen herein und ihren neuen Eltern direkt in die Arme. Paul kann sich plötzlich an kein einziges Wort Spanisch erinnern. Er schaut von seiner Frau zu seinen Kindern und wieder zurück. Sie umarmen sich, die Kinder hopsen herum und wollen wissen, wann sie endlich gehen dürfen. Silvia ist noch heute überwältigt, wenn sie über diese Minuten spricht. "Sie riefen ,Mamito' und ,Papito' und drückten sich an uns. Wir dachten, dass sie schüchtern sein würden, vielleicht ängstlich oder misstrauisch. Aber es gab von der ersten Sekunde an keine Barriere. Es hat alles gepasst." Wären da nicht die unterschiedlichen Hautfarben und hätte sich nicht ihr Kontostand nach der Adoption um etwa 13000 Euro verringert, man würde nicht denken, dass die Familie nicht von Anfang an zusammengehört hat. Seit diesem Tag ist bei Brandts nichts mehr, wie es war.

Nicht die Stille am Frühstückstisch, die sie 28 Jahre genauso genossen wie die Zeit, die sich jeder morgens im Bad nehmen konnte. Ausgiebiges Duschen? Vorbei. Intensiver Austausch über die Eindrücke des Tages? Undenkbar. "Beim Abendessen heißt es die ganze Zeit: Mama, Papa, Mama, Papa, da kann man kaum ein Gespräch führen. Ich schreibe Paul inzwischen vormittags eine E-Mail ins Büro, damit wir etwas über unsere Tagesabläufe erfahren", sagt Silvia Brandt. "Es ist alles, wirklich alles anders als vorher." Ein schneller Kuss für den Ehemann statt gepflegter Rituale.

Paul hat seine Besuche im Fitness-Studio zurückgeschraubt, um möglichst früh zu Hause zu sein. Doch den ersten Kuss an der Tür holt sich neuerdings Angie ab. Es gab schon Momente, in denen sich Silvia zurückgesetzt fühlte. "Ich musste mich erst daran gewöhnen, nicht mehr die Hauptperson in seinem Leben zu sein", sagt sie. Manchmal vermisst sie die gemütlichen Abende zu zweit auf dem Sofa. Und die tollen asiatischen Menüs, die Paul an den Wochenenden immer für sie kochte. Der Speiseplan hat sich geändert: Weil Juan-David und Angie bisher kein Gemüse mögen, steht jetzt häufiger Fleisch auf dem Tisch.

Und die Liebe, ist sie trotz des Trubels, der kurzen Nächte und der fehlenden Zeit zu zweit noch da? "Sie ist stärker geworden, intensiver", sagt Silvia sofort. "Ich liebe meinen Mann genauso wie vorher, aber zusätzlich liebe ich seine unglaublichen Vater-Qualitäten. Wie er nach seinem stressigen Arbeitstag mit lachenden Augen eine Kasperletheater-Vorführung gibt, das berührt mich." Nur manchmal schleicht sich ein bisschen Eifersucht ein. Wie neulich, als Paul seiner Frau eine Hubert-von-Goisern-CD schenkte mit den Worten: "Ich glaube, die gefällt dir und den Kindern." Da hätte er die Kinder ruhig mal rauslassen können, findet sie.

Dafür hat Paul ihr kürzlich versprochen, sich nicht mehr so schnell ablenken zu lassen von den Kindern und wieder besser zuzuhören, wenn sie etwas erzählt. Das findet sie gut. Sie haben beide gekämpft um ihre Liebe. Sie wissen, wie wichtig es ist, sie zu pflegen. Auch und gerade als Eltern. Deshalb hat Silvia den regelmäßigen Besuch bei ihrem Lieblingsitaliener wieder eingeführt. Alle zwei Wochen gehen sie nun wieder in ihrem zweiten Wohnzimmer essen. Zu viert.

Auslandsadoption

Die wichtigste rechtliche Grundlage für Auslandsadoptionen ist das Haager Übereinkommen. Länder, die sich diesem Übereinkommen verpflichtet haben, arbeiten in der Regel seriös. Anerkannte Vermittlungsstellen für Auslandsadoptionen finden sich bei Jugendämtern, Landesjugendämtern und sozialen und kirchlichen Organisationen. Auf der Internetseite der Bundes-zentralstelle für Auslandsadoptionen (www.bundesjustizamt.de) sind die freien Adoptionsbehörden aufgelistet. Eine Auslandsadoption kostet pro Kind mindestens 10000 Euro. Darin enthalten: Vermittlungsgebühren, Sozialbericht, Beglau-bigungs- und Übersetzungskosten. Hinzu kommen Ausgaben für den Flug und die Unterbringung im Adoptionsland. Rund 900 Kinder werden jedes Jahr aus dem Ausland nach Deutschland adoptiert. Die meisten von ihnen kommen aus Russland, gefolgt von Äthiopien und Südafrika. In der Regel warten Eltern zwei Jahre auf die Familienzusammenführung.

Text: Silia Wiebe Fotos: Olaf Tidje
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