Das Leben kommt immer dazwischen

Den Tag, das Jahr, die Zukunft - wir planen ununterbrochen. Und was passiert? Das Leben kommt immer dazwischen.

Ich bin die älteste von vier Schwestern, vermutlich der Grund, weshalb ich nie eine "Mädchenmutter" sein wollte. Nur Jungs sollten es werden, am liebsten fünf, ich sah sie ganz deutlich vor mir - blond, schlau, problemlos. Auch ihre Namen standen fest: Anton, Christoph, David, Lukas und Paul. Und dann lernte ich meinen Mann kennen, alles passte wunderbar, bis auf unsere gemeinsamen Fertilitäts-Koordinaten.

Und so standen wir ein paar Jahre später in einem schmuddeligen Hotel in der brasilianischen Kleinstadt Ilheus und hielten unsere kleine Tochter Lea im Arm. "Tja, weder blond noch Junge", sagte mein Mann, "das Leben ist schon merkwürdig." Das zweite Baby, das ich vier Jahre später in Recife zum ersten Mal auf dem Schoß hielt, war zwar ein Junge, aber auch das Gegenteil von blond, und Probleme, besonders in der Pubertät, gab es reichlich.

Aber ich erinnere mich noch gut an dieses wunderbare Gefühl der Erleichterung, mit dem ich, nach einem langen Ärzte- und Hormonmarathon, sämtliche Tabletten, Tabellen und Spritzen und meine geplatzten Kinderträume in die Mülltonne warf. Meine Freundin erinnert sich an ihre hilflose Wut, als ihr hochbegabter Sohn drei Wochen vor dem Abitur verkündete: "Ich mach kein Abitur, ich will Model werden." Was er auch tat und ein paar Jahre lang in Paris und Mailand sehr viel Geld verdiente. Nach ein paar weiteren Jahren, in denen er "vom Barkeeper bis Kindergärtner alles ausprobierte", wie meine Freundin seufzte, "hat er jetzt mit seiner Freundin eine kleine Bäckerei aufgemacht."

Ein Mensch, der sein Leben so einrichtet, dass er niemals auf die Schnauze fällt, kriecht nur noch auf dem Bauch herum.

Leben ist das, was passiert, während wir damit beschäftigt sind, andere Pläne zu machen - wir kennen sie, diese wunderschöne Zeile aus dem Song "Beautiful Boy". John Lennon schrieb sie 1980, kurz bevor er ermordet wurde und gar keine Pläne mehr machen konnte. Wie recht er hatte, denken wir und haben trotzdem konkrete Vorstellungen, wie unser Leben aussehen soll.

Schließlich sind wir alle keine Hippies mehr, die am Strand Perlenketten verkaufen. Deshalb sind unsere Vorstellungen vom Leben meist ziemlich vernünftig, und sie haben, je älter wir werden, immer weniger mit Träumen und Fantasie zu tun. Evolutionstechnisch gesehen seien wir ab spätestens 40 keine Sammler von Erfahrungen und Jäger von Liebesabenteuern mehr, sagt der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg, sondern Landwirte, die ihre Felder bestellen und auf die nächste Ernte achten müssen. "Als Menschen müssen wir schließlich in die Zukunft schauen, Planung ist deshalb überlebenswichtig."

Aber wo hört gesunde Planung auf, und wo fängt ungesunde Kontrollwut an? Und vermutlich stimmt das irische Sprichwort, dass ein Mensch, der sein Leben so einrichtet, dass er niemals auf die Schnauze fällt, nur noch auf dem Bauch herumkriecht.

Trotzdem planen wir, obwohl wir wissen, dass das Leben unplanbar ist. Als junge Frauen unsere Ausbildung und Fortpflanzung, als Mütter die Erziehung unserer Kinder, später die Versorgung unserer Eltern und die eigene Altersvorsorge. Und die Angst ist manchmal groß, dass wir zu spät kommen und uns dann das Leben bestraft. Oder uns vor lauter Plänen und Vorsorgen das Schöne und Leichte im Leben entgleitet. Eine schwierige Balance.

Ist das Leben noch ein Teil von uns?

Sollen wir lieber mit Ende 30 "Mr Good Enough" heiraten, als mit Ende 40 noch immer vergeblich auf "Mr Perfect" zu warten? Oder es ganz entspannt mit den Vögelchen halten, die weder säen noch ernten, aber der liebe Gott ernährt sie doch? Lieber nach Neuseeland auswandern, als bis zur Rente in der Bank arbeiten? Aber wer sich zu lange Zeit lässt, mit der Kinderfrage beispielsweise, weil schreiende Babys nicht in die Karrierepläne passen, der bleibt in seiner ruhigen Eigentumswohnung oft allein. Und wer als freie Journalistin seine Altersvorsorge nicht rechtzeitig geregelt hat, sitzt später mit dem Hut in der Hand vor Karstadt.

Wir brauchen das Gefühl, unser Leben im Griff zu haben, das gibt uns Sicherheit. Die Gegenvorstellung, der totale Kontrollverlust, wäre ein Albtraum. Und immer mehr in unserem verdichteten, beschleunigten Leben scheint ja auch mach- und planbar. Wenn wir keine Kinder wollen, verhüten wir, wenn's später nicht klappt, gehen wir zum Spezialisten. Stören uns Falten und Fettpolster, lassen wir sie wegspritzen oder absaugen. Älter werden wir später. Wenn überhaupt. Und seit es Internet und Smartphones gibt, genügen ein paar Klicks, und unsichtbare Mächte regeln unseren Alltag. Unser Geld wird abgebucht, unsere Termine und Reisen werden organisiert, und wer sich seine eigene Herzlosigkeit verzeiht, beendet im Café bei einem Latte macchiato per SMS eine ihm zu anstrengend gewordene Liebe. "Wir versuchen, das Leben beherrschbar zu machen", sagt Oskar Holzberg, "so als seien wir nicht Teil des Lebens, sondern das Leben Teil von uns."

Doch während wir uns noch in trügerischer Sicherheit wiegen, kommt uns, plötzlich und unerwartet, das Leben dazwischen. Und unsere Pläne zerplatzen wie eine Seifenblase. Weil - was wir zwar wissen, aber gut verdrängen - jede einzelne Minute, die wir auf dieser Erde verbringen, etwas passieren kann, was unsere schönen Pläne durchkreuzt. Im Guten wie im Schlechten. Im Kleinen wie im Großen. Wir verpassen den Flieger zu einem wichtigen Termin, weil wir auf dem Weg zum Flughafen in einen Stau geraten.

Dafür treffen wir in der Lounge eine uralte Schulfreundin wieder. Wir brechen uns im Skiurlaub das Bein und sitzen nicht in der Gondel, die abstürzt. Einen Tag, bevor wir auswandern wollen, lernen wir die Liebe unseres Lebens kennen. Wir bekommen den Job oder die Beförderung nicht, mit der wir fest gerechnet haben, am Morgen der Silberhochzeit verliebt sich unser Mann in eine andere Frau... Von der Wiege bis zum Sarg ist unser Leben abhängig von lauter Dingen, die ohne unsere Zustimmung entschieden werden, vom Wetter, von unserer Gesundheit, von unseren Mitmenschen, von dem lockeren Dachziegel, der uns entweder auf den Kopf fällt oder eben nicht.

Am schmerzlichsten wird uns die Unplanbarkeit des Lebens in der Liebe und bei unseren Kindern bewusst. Das ist die Wunschvorstellung, unsere Ehe betreffend - heiße Erotik bis ins hohe Alter und danach Philemon und Baucis. Alle Statistiken, alle Erfahrungen sprechen dagegen, die Sehnsucht bleibt hartnäckig. Und dass die Lebensläufe unserer Kinder sehr selten unseren Wunschvorstellungen folgen, ist das ein Wunder? Haben wir unseren Eltern denn diesen Gefallen getan? Wenn es nach meinen gegangen wäre, hätte ich meinen ersten Freund geheiratet und wäre Lehrerin geworden.

"Sie sollte Jura studieren", sagte mein Mann, als unsere Tochter ihr Abitur machte, "das ist was fürs Leben." Tja, und jetzt leitet sie einen Fitnessclub. "Ich freu mich auf die Rente", sagte eine Freundin, "endlich durch die Welt reisen." Und jetzt kümmert sie sich um ihre Enkelin, weil ihre Tochter an Brustkrebs gestorben ist. "Das Unkontrollierbare und Unplanbare ist doch die Essenz unseres Lebens", sagt Oskar Holzberg, "trotzdem leben wir permanent in der Illusion, alles kontrollieren zu können. Ein Widerspruch, der sich nur schwer auflösen lässt."

Wäre nicht die Vorstellung, dass das Leben ohnehin mit uns macht, was es will, viel entspannter? Einerseits ist die Angst groß, es nicht selbst bestimmen zu können, andererseits soll das Leben spannend bleiben und kein Schrebergarten sein. Gegen Armut im Alter kann rechtzeitige Altersvorsorge helfen, aber niemand bewahrt uns vor der eisigen Panik, wenn wir auf den Arzt warten, der uns gleich sagen wird, ob der dunkle Fleck auf dem Röntgenbild gut- oder bösartig ist.

Wenn junge Controller in eng geschnittenen Anzügen durch die Firmenflure wandern und niemand weiß, wer eingespart werden soll. Wenn der Partner "Wir müssen reden" sagt, mit einer Stimme, die nichts Gutes verheißt. Wenn geliebte Eltern dement werden und sterben. "Früher konnte mir gar nicht genug passieren", seufzt eine Freundin, deren Ehemann gerade eine private Insolvenz angemeldet hat, "jetzt bin ich froh, wenn nichts passiert. Weil es meistens etwas Schlimmes ist."

Ja, wir werden dünnhäutiger, wenn unser Horizont nicht mehr endlos ist. Die Einschläge kommen leider immer öfter, und deshalb wollen wir das, was uns sicher ist, umso mehr festhalten, bitte keine Überraschungen. Vielleicht müssen wir einfach einsehen, dass das Leben stärker ist als das, was wir mit ihm vorhaben. Sich fügen, ohne sich aufzugeben, das ist wohl die Kunst.

"Das Leben ist ein Tanzpartner, dem man nicht auf die Füße treten sollte, damit der Tanz auch Spaß macht", sagt eine Freundin. Klingt doch gut. Im Kleinen also einfach einen späteren Flieger nehmen und tief durchatmen, wenn das ambitioniert geförderte Kind nicht Gehirnchirurgin wird, sondern auf Ibiza eine Strandbar aufmacht. Im Großen und Schwierigen, bei Krankheit, Todesfall, Liebes- oder Arbeitsplatzverlust, den "Störfall anerkennen", rät Holzberg, "ihm einen Platz geben und ihn akzeptieren. Wir sind dafür gut ausgerüstet, Menschen sind anpassungsfähig." Ja, das sind wir. Und deshalb ist es gut, dass ich keine blonden Kinder habe.

Text: Evelyn Holst Ein Artikel aus der BRIGITTE Woman, 10/11
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