Der Tanz zwischen Freiheit und Sicherheit

Was sollen wir wählen: Freiheit oder Sicherheit? Sollen wir unseren Leidenschaften folgen und auf finanzielle Absicherung verzichten? BRIGITTE WOMAN-Autorin Milena Moser hat sich dafür entschieden, eine Lebenskünstlerin zu sein.

Es ist Nacht, und ich liege wach. Ich liege wach, und ich mache mir Sorgen. Alles, was mich bei Tageslicht wenig oder gar nicht belastet, schlägt im Dunkeln über mir zusammen. Unbezahlte Rechnungen. Die von der Steuer zum Beispiel, die auf einem besseren Jahr als dem aktuellen beruht. Mein älterer Sohn, der sein Studium wieder aufnimmt und auf monatliche Unterstützung angewiesen sein wird. Mein jüngerer Sohn: Zahnspange, Brille, am liebsten Kontaktlinsen. Ich beginne die Zahlenkolonnen im Kopf zusammenzuzählen und dann durch Zeitschriftenhonorare zu dividieren. Oder durch Bücher, die von mir geschriebenen: 5000 Exemplare muss ich schon verkaufen, bis ich die Zahnspange bezahlen kann.

Damit komme ich in der Schweiz schon fast auf die Bestsellerliste. Doch mit Zahlen war ich noch nie gut, deshalb gebe ich mich in den Stunden vor der Dämmerung noch einer anderen nächtlichen Lieblingsbeschäftigung hin: der Selbstzerfleischung. Wie kommt es, dass ich, eine erfolgreiche Schriftstellerin im mittleren Alter und immerhin seit 20 Jahren "im Geschäft", dass ich immer noch nachts wach liege und mir Sorgen mache, wie ich meine Rechnungen bezahlen soll? Anders gefragt: Wie kommt es, dass ich so blöd bin?

Lieber Freiheit als Sicherheit? Bei meinen Eltern war das so.

Nicht aufgepasst, nicht vorausgeschaut, keine Karriere geplant. Keinen Fünfjahresplan verfolgt und auch keinen Plan B entworfen. Stattdessen hab ich immer so vor mich hin gewurstelt, angetrieben von der Lust zu schreiben. Entscheidungen fälle ich wie ein Kind, das an einer Weggabelung ausruft: Oh, schau, da drüben wachsen lustige rote Blüten! Da will ich hin. Gut möglich, dass die Blüten sich dann als giftige Fliegenpilzkappen herausstellen. Man hätte halt genauer hinschauen, sich informieren müssen. Nun, ich gebe meinen Eltern die Schuld. Sie haben genauso gelebt. Von der Hand in den Mund, von einem Monat zum nächsten. Erinnerung: Ich kauere auf einer Treppe, die mit rotem Teppich ausgelegt ist. Durch die Messingstäbe des Geländers sehe ich meine Mutter an der Rezeption eines Pariser Hotels stehen und aufgeregt verhandeln.

Der Concierge hält die Arme streng verschränkt. Als wir ankamen, hat er mir noch ein Bonbon zugesteckt. Doch seit klar geworden ist, dass wir kein Geld haben, wird seine Miene täglich eisiger. Das Geld, das notfallmäßig telegrafisch überwiesen werden sollte, hat sich in den Nationalfeiertäglichkeiten verloren. Der Concierge trommelt mit den Fingernägeln auf die polierte Theke. Irgendwo finden meine Eltern eine Pfandflasche und teilen sich vom Erlös "un petit café". Den Rest der Tages verbringen wir im Park, das kostet nichts. "Können Sie mir mal helfen", spricht uns ein nicht mehr ganz nüchterner Clochard an, "mir ist da ein Zehnfrancstück unter das Dolengitter gerutscht." Meine Eltern wechseln einen Blick: zehn Franc? Wie viel ist das in Croissants?

Doch sie widerstehen der Versuchung, fischen das Geldstück hervor und geben es dem Clochard zurück. Noch Jahre später machte mein Vater ein trauriges Gesicht, wenn er die Geschichte erzählte. Doch irgendwann kam das Geld ja, und wir gingen gleich als Erstes ganz fein essen. So war es immer. So bin ich aufgewachsen: Mal war Geld da, mal war keines da, und am Ende ging man fein essen. Und so lebe ich heute noch - im unverbrüchlichen Glauben, dass schon alles "gut kommt", wie es jahrelang auf einem besetzten Haus am Bahnhof Zürich gesprayt stand, als Ankunftsgruß für die Reisenden: "Alles wird gut".

Und das Leben gibt mir meistens recht. Wer etwa hätte gedacht, dass man schreibenderweise seinen Lebensunterhalt verdienen, sogar eine Familie ernähren kann? Doch je älter ich werde, desto öfter meldet sich schüchtern ein Sicherheitsbedürfnis an, nachts, wenn ich nicht schlafen kann. "Was, wenn der Schreibarm abfällt", flüstert es, "hätte man da nicht mal vorsorgen sollen?" Einmal wurde mir eine Stelle bei einer Zeitschrift angeboten. Obwohl ich nichts konnte, keine Erfahrung hatte. Ich war 27 Jahre alt, ich hatte ein kleines Kind, das ich mit freien Aufträgen zu ernähren versuchte, ein Buch, das im Eigenverlag erschienen war. Diese Stelle wäre meine große Chance gewesen, doch ich sagte Nein. "Nein, wie soll denn das gehen, ich muss mich doch um mein Kind kümmern, ich will schreiben, ich kann nicht jeden Tag um 8 Uhr früh auf der Matte stehen..."

Wann mache ich mal Ferien?

Eine solche Chance hat sich mir kein zweites Mal geboten. Oft bereue ich, dass ich sie damals nicht gepackt habe. Ich hätte ausgesorgt und vorgesorgt! Ich hätte bestimmt mindestens eine zweite Rentensäule, wenn nicht gar eine dritte. (Dinge, die mich damals nicht beschäftigten, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie zum Leben gehören.) Ich hätte Ferien - die Redakteurinnen, Verlagslektorinnen, Pressedamen, mit denen ich beruflich zu tun habe, die fahren jedenfalls regelmäßig in die Ferien und kommen braun gebrannt und erholt zurück.

Vermutlich, weil sie auch während des Urlaubs bezahlt werden. Wann mache ich Ferien? Nie. (Natürlich - wer das tut, was er am liebsten tut, braucht auch keine Ferien!) Ich wäre aufgestiegen, vielleicht bis zur Chefredakteurin, wer 20 Jahre irgendwo gearbeitet hat, steigt doch auf... "Ach, Quatsch!", sagen meine Freundinnen, "Sicherheit gibt es nicht, nirgends, schau dir doch die Arbeitslosenzahlen an, schon mal was von der Krise gehört?" Die Krise kann uns nichts anhaben, das ist wahr. Wir sind auf sie vorbereitet, bei uns ist immer Krise, wir wissen von einem Monat zum nächsten nicht, wie viel Geld hereinkommen wird. Wir werfen alle unsere Bälle gleichzeitig in die Luft. Wir geben Geld aus, das nächsten Monat hereinkommen wird oder auch nicht, aber das schöne Essen, der Wein, das Lachen am Tisch, das kann uns niemand nehmen. "Und die Zeitschrift, von der du redest, ist längst eingegangen. Dich hingegen, dich gibt noch!"

"Das Geld ist wie ein schwieriger Liebhaber mit Bindungsängsten. Du musst die Leine ganz locker lassen, dann kommt er - dann kommt das Geld - auch gern wieder zu dir zurück!"

Wir bestellen mehr Wein, prosten uns zu. Einige meiner Freundinnen leben wie ich. Wir treffen uns zum Essen, wir bestellen guten Wein, und wir tragen schicke Schuhe. Man sieht uns nicht an, dass wir Sorgen haben, und meist haben wir auch keine. Nicht bei Tageslicht, nicht in Gesellschaft. Aus meiner Kindheit habe ich folgende Theorie entwickelt: "Gerade, wenn du kein Geld hast, musst du es ausgeben", sage ich. "Das Geld ist wie ein schwieriger Liebhaber mit Bindungsängsten. Du musst die Leine ganz locker lassen, dann kommt er - dann kommt das Geld - auch gern wieder zu dir zurück!"

Und Susanne erzählt gleich zur Bestätigung, wie sie ihr letztes Geld in eine schmeichelhafte Designerjeans investiert hat und am selben Tag einen Scheck in der Post gefunden hat, eine Steuerrückzahlung über exakt den Betrag, den sie im Jeansladen ausgegeben hatte! Darauf stoßen wir an. Doch dann werden wir still. Wie alt sind wir eigentlich? Zu alt, um so zu leben. Zu alt vielleicht auch, um Designerjeans zu tragen. Natürlich kenne ich auch andere. Frauen, die früh schon wussten, was sie wollten, und es zielstrebig verfolgten. In der Berufswahl ließen sie sich weniger vom Wunsch nach Selbstverwirklichung leiten als von Kriterien wie Aufstiegsmöglichkeiten, soziale Sicherheit, Prestige vielleicht sogar. Diese Frauen planten voraus, wie sie für ihre Kinder sorgen wollten und mit wem, Jahre bevor sie die Pille absetzten. Auch in der Partnerwahl hatte nicht das Gefühl das letzte Wort, sondern die Vernunft: Kannst du dich auf den verlassen? Kann der deine Kinder ernähren?

Vor so viel Voraussicht möchte ich auf die Knien gehen

Ich kenne sogar eine Frau, die erst einmal genug Geld für 18 Monate - ACHTZEHN MONATE! - sorgenfreies Rechnungen-Bezahlen auf die Seite legte, bevor sie sich selbständig machte. Und als dieses Geld zur Hälfte aufgebraucht war, suchte sie sich schon wieder einen festen Job. Vor so viel weiser Voraussicht möchte ich in die Knie gehen. "Vor so viel Angst, meinst du wohl", sagt sie zu mir am Telefon, "vor so viel hasenherzigem Kleinmut?" "Dafür liegst du nachts nicht wach und rechnest." "Was weißt du denn!" Ach. Ist es tatsächlich so, dass das Gras auf der anderen Seite des Zaunes immer grüner erscheint als auf der eigenen?

Dass man sich immer genau nach dem sehnt, was man aus seinem Leben gestrichen hat? Auch wenn das freiwillig, im Bewusstsein der Konsequenzen geschah? Wer seinen künstlerischen Impulsen folgt, darf keine Sicherheit erwarten. Wer auf Unkündbarkeit setzt, gibt ein Stück Freiheit auf, die gerade aus der Existenzangst wächst. Das alles wissen wir. Wir leben so, wie wir müssen, wie wir können, und wir tragen die Konsequenzen durchaus selbstbewusst. Wir jammern nicht. Jedenfalls nicht bei Tageslicht. Nur nachts liegen wir manchmal wach und denken an das sehr grüne Gras auf der anderen Seite des Zauns.

Und dann habe ich genug von der nächtlichen Selbstzerfleischung. Ich schalte die Nachttischlampe an und nehme ein angelesenes Buch von dem Stapel neben meinem Bett. Ich tauche in das Buch ein wie in ein Schwimmbecken aus klarem durchsichtigem Blau. Dann schlafe ich ein. Als ich am nächsten Morgen aufwache, sind die Sorgen weg. Das Blau ist in meinem Kopf hängen geblieben. Und auf dem Schreibtisch wartet ein Auftrag, der erfahrungsgemäß mindestens einen Monat Studium finanzieren wird oder den Ersatz für die verboge- ne Brillenfassung. Und dieses Thema schlägt mir meine liebste Frauenzeitschrift vor: "Lebenskünstlerinnen. Kann es sein, dass du eine von ihnen bist? Man fragt sich nämlich: Wie bekommen manche Menschen, insbesondere Frauen, es hin,

• (scheinbar) auf den Sonnen- seiten des Lebens zu segeln,

• und das mit wenig Geld bzw. extrem unsicherem Einkommen,

• und fröhlich und lebensbejahend zu sein?

Was sich an allem zeigt: Haltung, Gestik, Mimik. Während wir anderen staunen, wieder an unsere Werkbank gehen und vor uns hin grummeln." Ha! Denke ich. Ha!

Freiheit oder Sicherheit - das Thema von Milena Moser

Milena Moser Die Schweizer Autorin lebte mit ihrer Familie lange in den USA. Regelmäßig hat sie für BRIGITTE WOMAN über die Kunst des Lebens in der Millionenstadt San Francisco geschrieben. Vor fünf Jahren ist Milena Moser in den 4000-Seelen-Ort Möriken-Wildegg im Kanton Aargau gezogen, über den der Rest der Schweiz gern Witze macht. Ihr letzer Roman heißt "Möchtegern" (464 S., 19,90 Euro, Nagel & Kimche).

Text: Milena Moser Fotos: Getty Images BRIGITTE WOMAN, Heft 08/11
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