Wenn Männer in Rente gehen

Die Kinder aus dem Haus, der Beruf vorbei, es könnte so schön sein, wenn Männer in Rente gehen. Doch was macht ein Paar, wenn sie Lust auf Abenteuer hat und er nur seine Ruhe will?

Eigentlich hatte sich die 59-jährige Lehrerin Angelika Hesse* auf diesen Lebensabschnitt gefreut - Christoph, ihr Ehemann, war mit 62 Jahren als Lektor eines wissenschaftlichen Verlags in den Vorruhestand getreten, sie selbst würde auch bald aufhören, und für die Zeit danach hatte sie viel geplant - Reisen, Golf und Italienisch lernen, ihre Wohnung in Hamburg verkleinern und dafür vielleicht eine kleine in Berlin anmieten. "Ich wollte mit Christoph zusammen noch einmal durchstarten und ein Stück Welt erobern", sagt sie.

Klar hatte sie sie eingeplant, die Phase der Wehmut nach seinem Abschied, der betriebsbedingt, nicht freiwillig gewesen war, und da Christoph ein Mann war, der die Dinge am liebsten mit sich allein austrug, ließ sie ihn zunächst auch in Ruhe. Bemerkte natürlich, wenn sie mittags von der Schule nach Hause kam, dass er weder die Betten gemacht noch eingekauft hatte. Buchte es ein paar Wochen lang auf das Eingewöhnungskonto, rechnete aber, immer ungeduldiger, damit, dass sich die Dinge wieder ändern würden. Er wieder zu dem Mann wurde, der ihr vertraut war. Der fröhliche, unternehmungslustige Macher, die Seele jeder Party, der Ehemann, um den ihre Freundinnen sie beneideten. Doch dieser Mann schien die Lust aufs Leben mit seinem letzten Gehaltsscheck ad acta gelegt zu haben. Zunehmend irritiert beobachtete Angelika einen Mann, ihren Mann, der sich immer mehr ins Häusliche zurückzog, der immer weniger Lust hatte, etwas mit ihr zu unternehmen, dem alles Neue, Ungewohnte auf einmal anzustrengen schien. Der direkt aus seinem Berufskorsett mit vielen Meetings und Verantwortlichkeiten in Rente und aufs heimische Sofa geplumpst war und sich dort am wohlsten zu fühlen schien. "Er geht durch sein neues Leben wie in einem Trainingsanzug", seufzt Angelika Hesse, "Hauptsache, gemütlich. Er wirkt nicht unglücklich auf mich, aber auf einmal so alt und bedürfnislos wie mein Vater. Der war auch so ein Sesselpupser. Ich spüre richtig, wie ich immer zickiger werde."

Plötzlich gibt es kein wichtiges Thema mehr

Mit diesem Gefühl ist sie nicht allein. Kinder aus dem Haus, Beruf kein - jedenfalls kein wichtiges - Thema mehr, weil entweder dicht vorm oder längst in Rente, das können sehr schöne, sehr befreite Jahre sein. Da passt noch Luft unter die Flügel, denken viele Frauen, da ist noch vieles möglich. Sind wir nicht die Generation der ewig jungen Babyboomer, noch Lichtjahre von Johannes Heesters entfernt? Und auf dem Weg dahin gibt es doch inzwischen für jede Verschleißerscheinung, für jedes Alterszipperlein Tabletten, Therapien, zumindest Wellness. Wir Frauen erwarten also viel von den Jahren ab 50. Das Wolf- Biermann-Lied "Das kann doch nicht alles gewesen sein" im Kopf, haben wir noch einen Haufen Pläne. Jede Sekunde dieser absehbar endlichen Zeit wollen wir voll ausnutzen.

Doch obwohl uns aus der Werbung immer wieder attraktive, durchtrainierte Silberfüchse mit Gebissen weiß wie Kaugummikissen an der Seite schlanker, eleganter Frauen entgegenlächeln, sieht die Wirklichkeit vielfach anders aus: Während die Frauen noch einmal durchstarten, ist die Entwicklung ihrer Männer gegenläufig. Keine Lust auf Abenteuer! Null Bock auf Unbekanntes! Geht den Männern vielleicht früher die Puste aus als uns? Oder setzen sie lediglich andere Prioritäten?

"Ich finde Männer ab 50 im Allgemeinen viel langweiliger als Frauen ab 50", sagt eine Freundin, "ich beobachte es auf jeder Feier. Die Kerle sitzen in der Regel dumpf herum und öden sich an, wir Mädels dagegen amüsieren uns königlich."

Männer im Ruhestand müssen das wahre Leben kennen lernen

Geht den Männern die Puste aus?

Es ist unbekanntes Terrain, das die Männer betreten, wenn sie nach Ablauf der Berufstätigkeit auf einmal ante portas stehen. Nicht mehr wichtig sind. Der Tag keine feste Struktur mehr hat und nicht mehr mit einem Weckerklingeln beginnt. Anders als ihre Ehefrauen, egal ob diese berufstätig waren oder nicht, haben die meisten von ihnen weder einen Haushalt versorgt, noch schulpflichtige Kinder bis zum Abitur geschubst, noch die Beziehungen zu Familie und Freunden gepflegt. Hatten viel weniger Kontakt zum richtigen Leben als wir. Sie haben, davon sind sie insgeheim überzeugt, "wichtigere" Sachen getan. Dinge bewegt, Entscheidungen getroffen, die Familie ernährt. Sie waren Männer in einer Männerdomäne. Und blieben von der Feindberührung Alltag weitestgehend verschont. Fast so etwas wie erschöpfter Trotz setzt dann ein, wenn diese Rolle nicht mehr gefragt ist. Eine "Ich hab genug geleistet, jetzt will ich meine Ruhe haben"-Attitüde, die ihre Frauen zur Verzweiflung bringt. Und sie dann nach Alternativen suchen lässt. Überall sind sie deshalb zu sehen, auf Bahnhöfen, in Restaurants, im Kino oder Museum, fröhliche Frauenrudel in den besten Jahren. Sie reisen, essen und lachen zusammen. Wo sind die dazugehörigen Männer?

Wenn sie sich nicht gerade mit einer 30-Jährigen verjüngen? Wobei übrigens gerade diese Männer nach einem gescheiterten Ausbruchsversuch oft die häuslichsten werden, wie Oskar Holzberg herausgefunden hat: "Die Vorstufe zur Resignation ist häufig die jüngere Frau, aber wenn sich dieser Jungbrunnen als ungeplanter Alterungsschub entpuppt, verkraften das die wenigsten Männer", sagt der Hamburger Psychologe.

Doch auch der Mann, der uns treu bleibt, fühlt sich nicht wie ein Verjüngungsmittel an. Im Gegenteil. "Ich muss ganz ehrlich zugeben, dass ich mit meinen Mädels oft viel mehr Spaß habe", sagt die 55-jährige Kosmetikerin Heidi Mewes, "seit Wolfgang die 50 überschritten hat, wird er leider immer langweiliger. Ich hab ständig Lust auf Neues, ihn dagegen scheint alles anzustrengen, was von unserer täglichen Routine abweicht. Egal, was ich vorschlage, eine Fahrradtour in Österreich, eine moderne Oper, eine neue Wandfarbe für unser Schlafzimmer, immer bekomme ich dieselbe Antwort: ,Och, lass doch, Liebling. Ist doch alles schön so.' Ich fühl mich schon richtig alt mit ihm."

Der Mann, der, obwohl kerngesund, zu Hause in die Puschen schlüpft, dessen Mittagsschläfchen immer länger werden, die Frau, die mit 56 auf Mallorca noch einmal ihren Motorradführerschein aufpoliert, das sind irritierende Bilder, weil sie den üblichen Rollenvorstellungen widersprechen. Weil wir "Schwächebilder" von Männern nicht gewohnt sind. Weil sie uns verunsichern. Das klare, starke Bild der älter werdenden Frau ist in unserer von Jugend besessenen Welt natürlich sehr viel positiver besetzt als das des "weichen" und verinnerlichten Mannes. Verlangen wir zu viel?

Biologischer Rollenwechsel

"Wir haben es in dieser Lebensphase mit einer Annäherung der Geschlechter zu tun, die auch hormonell bedingt ist", sagt Oskar Holzberg. "Beim Weibchen geht nach der Aufzucht der Brut das Östrogen herunter, bei den Männchen das Testosteron, das heißt, sie werden weicher, häuslicher, auch fürsorglicher, während die Weibchen autonomer, dominanter, bestimmender werden. Eine Art biologischer Rollenwechsel findet statt."

Wenn das Nest leer und das Arbeitsleben - ihr eigenes und und das ihres Partners - vorbei ist, brauchen die meisten Frauen neue Aktivitäten und Herausforderungen, um nicht trübsinnig zu werden, sich nicht überflüssig zu fühlen. Sie wollen mehr und anderes als das, was der Mann bisher für selbstverständlich hielt: ein gemütliches Heim, regelmäßige Mahlzeiten, den gewohnten Freundeskreis. Es irritiert ihn, wenn seine Partnerin plötzlich, ohne Vorwarnung, die vertrauten Koordi- naten ändert, ihren Yogakreis zum Frühstück einlädt oder statt mit dem gemeinsamen Kegelkreis nach Rügen mit ihm allein nach Tallinn fliegen will. Wenn sie dann womöglich "Okay, wenn du nicht willst, nehm ich halt die Gaby mit" sagt. Und das gar nicht böse meint.

"Der Mann, der sonst den Zugriff auf seine Frau gewohnt ist, fühlt sich zurückgesetzt. In dieser Phase ist die Frau oft in oder nach den Wechseljahren, die Sexualität wird weniger, der Mann ist gekränkt, hilflos und schmollt", sagt Holzberg. "Da ihm sowohl die Bestätigung durch den Beruf als auch durch die Sexualität fehlt, zieht er sich zurück."

Männer wollen nicht schwach sein.

Es fällt Männern einfach schwerer, dieses Eingeständnis: Das Leben wird weniger. Ich werde schwächer. Ich bin nicht mehr der ganz große Zampano. Das wissen wir Frauen auch, aber wir gehen mit unserem schleichenden Verfall entspannter um. Machen ihm eine Kampfansage, indem wir im Restaurant fröhlich unsere Hitzewallung mit dem Handrücken wegwedeln, während der Mann die Kürbiskernkapseln gegen seine Prostatabeschwerden nur heimlich schluckt. Diese manchmal anstrengende Auseinandersetzung zu scheuen schwächt, denn wer sich differenziert mit den eigenen Lebenserinnerungen, auch mit Fehlern und Unzulänglichkeiten, auseinandersetzt, bleibt geistig und körperlich gesünder. Da sind wir Frauen eindeutig im Vorteil. "Schwäche verbindet Frauen", sagt Holzberg, "aber sie trennt Männer. Eine schwache Frau hat viele Freundinnen, die ihr helfen wollen, ein schwacher Mann nur Freunde, von denen er sich in seiner Schwäche verachtet fühlt."

Deshalb nützt sie so wenig, die weibliche Dauer- klage "Nie machst du was mit mir!", dieses Drängeln nach mehr Aktivität, nach mehr Spontaneität und Aufregung im Alltag. "Er hat doch alle Zeit der Welt", beschwert sich die 58-jährige Bauzeichnerin Doris Zacharias, deren Mann Thomas vor einem Jahr als Küchenchef in Rente gegangen ist, "während ich noch arbeiten muss. Jetzt könnte er doch auch mal Kinokarten besorgen oder Freunde einladen. Aber er tut nichts. Er pusselt im Garten, er liest stundenlang die Zeitung. Er verweigert sich uns. Warum tut er das, wenn er doch weiß, wie sehr ich mich darüber ärgere?"

Was Frauen theoretisch wissen, aber praktisch nicht nachvollziehen können: Frauenbeziehungen wollen Nähe, Männerbeziehungen definieren sich immer über ein Drittes. Über Sport, Hobby, Beruf oder Verein. Fehlt dieses Dritte, verpufft auch die Freundschaft. Aussagen wie "einfach mal einen ausquatschen", "mal wieder was Nettes zusammen unternehmen" sind den meisten Männern fremd und im Großen und Ganzen unverständlich. "Kürzlich hab ich Thomas tatsächlich mal zu einem Einkaufsbummel überredet", sagt Doris Zacharias, "ich dachte an Arm in Arm durchs Shoppingcenter schlendern, in aller Ruhe einen Caffè Latte trinken, vielleicht auch was kaufen. Er dagegen sagte, als wir parkten: ,Okay, du machst dein Ding, ich geh zum Media Markt und guck mir die neuen Festplattenrekorder an. Wir treffen uns dann in zwei Stunden wieder am Auto.'" Es war nicht böse gemeint. Es war einfach nur typisch Mann.

"Dieses ständig von Frauen eingeklagte Nähethema ist für Männer nicht interessant", sagt Psychologe Holzberg, "zu viel Nähe ist anstrengend für sie, weil es dann oft zu Konflikten kommt, es entstehen starke, negative Gefühle, die mühsam wieder heruntergefahren werden müssen. Deshalb mauern Männer, schotten sich ab. Sie hat ja recht, denken sie dann, aber muss sie das in diesem Ton sagen?"

Männern im Ruhestand muss man Zeit geben

Liebevoller und geduldiger miteinander umgehen, einander Entwicklungschancen geben, schlägt er deshalb vor. Als Frau dem Mann zugestehen, dass er seine Auszeiten, seinen Rückzug braucht. Er verhält sich ja nicht so, um uns zu ärgern.

"Aufregung und Sicherheit, diese Balance muss in jeder Lebensphase neu austariert werden", sagt Oskar Holzberg. Alle drei Paare sind inzwischen auf einem guten Weg. Angelika und Christoph Hesse verbringen jetzt eine Woche im Monat in Berlin. Heidi Mewes hat für sich und ihren Mann Rennräder gekauft. Doris und Thomas Zacharias haben sich als Kandidaten für "Das perfekte Dinner" beworben. Die Idee kam ihnen gemeinsam, ganz spontan.

* Namen der Paare geändert

Text: Evelyn Holst Foto: iStockphoto
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