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Neuanfänge sind keine Altersfrage

Neuanfänge sind keine Altersfrage
© tomkawila / Shutterstock
Man hat es schon immer geahnt, aber plötzlich wird es zur Gewissheit: Dieser Mann, dieser Beruf ist falsch. Doch soll man auch noch neue Wege gehen, wenn man keine 30 mehr ist?

Mit 45 Jahren stürzt Ines T. in eine Sinnkrise. Ihr Beruf als Verlagslektorin, den sie seit fast zwanzig Jahren ausübt, macht ihr keine Freude mehr. "Ich habe mich nur noch in die Arbeit gequält", erinnert sich Ines. Dabei hatte sie den Job nach ihrem Literaturstudium mit großen Ambitionen begonnen: Es ging ihr um Qualität, das Umsetzen von Ideen und die intensive Betreuung der Autoren. Ines wollte in ihrem Beruf aufgehen, mit ganzem Herzen dabei sein. Am Anfang läuft alles wie am Schnürchen: Gleich nach dem Studium ergattert die zielstrebige junge Frau eine Stelle als Lektorin in einem Buchverlag. Als dort nach einigen Jahren umstrukturiert wird und Ines ihre Arbeit verliert, setzt sie zum Karrieresprung an und wechselt in höherer Position zu einem anderen Verlag. "Ich habe mich nie lange bewerben müssen. Die Jobs die ich haben wollte, habe ich auch bekommen", erzählt sie selbstbewusst.

Doch nach einer Weile spürt sie, dass ihr die Freude an der Arbeit abhanden kommt. "Ich konnte qualitativ nicht so arbeiten, wie ich meinen Beruf verstehe." Ihre Konzepte werden vom Tisch gewischt, in der Chefetage gibt es ständig Veränderungen. Sie kann sich mit ihren Ideen nicht einbringen. Auch ein erneuter Jobwechsel schafft keine Abhilfe: Ines muss feststellen, dass es in der Branche vor allem um schnelle Umsätze geht, nicht um nachhaltiges Wirtschaften. Sie fühlt sich am falschen Platz – und trifft eine mutige Entscheidung: Sie kündigt, ohne zu wissen, wie es danach weitergehen soll. "Der Leidensdruck war einfach zu groß geworden. Ich habe meine Arbeit als völlig sinnlos empfunden", erzählt die heute 48jährige. Hilfe suchend wendet sie sich an die Psychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner in München. Gemeinsam mit ihr will sie herausfinden, welcher Beruf besser zu ihr passen könnte. Nach zehn Beratungsterminen hat Ines ihr Ziel erreicht.

Wer neue Wege gehen will, sollte die Antennen ausfahren und beobachten

Manchmal führen verschlungene Wege ans Ziel

Viele Frauen – und auch Männer - fragen sich an einem bestimmten Punkt im Leben, ob sie alles richtig gemacht haben. Nicht nur in Karrieredingen kommen vielen Menschen irgendwann Zweifel. Auch der Partner oder die Stadt in der man lebt werden plötzlich misstrauisch beäugt. Vieles im Leben hat sich scheinbar von selbst ergeben: Die Eltern schlugen eine Banklehre vor, und weil einem die Idee, Schriftstellerin zu werden, selbst gewagt schien, ging man eben in die Finanzbranche. Von der Studienliebe wurde man irgendwann schwanger, die Heirat folgte ganz selbstverständlich. Und die Versetzung des Ehemannes bedeutete den Umzug nach Westfalen, dabei wäre man viel lieber in München geblieben. Oder hätte einen reiselustigeren Mann bevorzugt und einen kreativeren Beruf.

Gerlinde Lahr weiß wie es sich anfühlt, wenn man sich irgendwann am falschen Platz wieder findet. Lahr arbeitet in Konstanz als Psychologin und Coach und hat ein Buch über Frauen in der Lebensmitte verfasst ("Stark in die besten Jahre"). Auch sie selbst musste verschlungene Wege gehen, bis sie endlich den richtigen Beruf für sich gefunden hatte. Frauen in einer ähnlichen Situation rät sie dazu, die Antennen auszufahren und sich genau zu beobachten. "Wer sich selbst verleugnet indem er in die falsche Richtung geht, bekommt von seinem Körper Hinweise." Symptome können unter anderem ständiges Aufschieben und Zeit vergeuden sein, Schlaflosigkeit, chronisches Frustriertsein und unterdrückte Wut oder die Selbsteinschätzung, von der Meinung anderer stark abhängig zu sein. Damit einher geht die schnelle Neigung zu Schamgefühl, selbst bei Kleinigkeiten. Auch wer ohne benennbare Gründe keine rechte Freude am Leben hat, sollte sich Gedanken machen.

Doch wie soll man sich verhalten, wenn die Erkenntnis, dass etwas falsch läuft im Leben, nicht mit 30 reift, sondern erst um die 50? Wenn man in der ungeliebten Stadt fest verwurzelt ist, den Job wegen finanzieller Verpflichtungen nicht einfach aufgeben kann, wenn Kinder betroffen sind oder einem die Angst vor dem Alleinsein im Nacken sitzt? Doris Brenner, Trainerin und Personalentwicklerin aus Rödermark, rät in jedem Fall, nicht von heute auf morgen mit allem zu brechen. Besser sei es, in kleinen Schritten vorzugehen. "Es ist meistens nicht notwendig, alles über Bord zu werfen, was an Erfahrungen und Kenntnissen erworben wurde." So könne ein Finanzbeamter, der sich künftig lieber dem Schreiben widmen wolle, statt Kurzgeschichten doch auch Fachbücher schreiben. "Man kann das Rad nicht zurück drehen und ich halte es auch für falsch, das zu tun", so Brenner. Zudem hat nicht jeder konkrete Vorstellungen von einem beruflichen Neuanfang – viele wissen nur, dass sich etwas ändern soll.

So wie Ines T.: Zusammen mit Beraterin Madeleine Leitner ging sie ihren Leidenschaften auf den Grund, um dem richtigen Beruf auf die Spur zu kommen: Was hatte ihr schon als Kind Spaß gemacht? Welche Fähigkeiten bringt sie mit, die zunächst mal nichts mit einem Job zu tun haben müssen? "Irgendwann hat man ein Mosaik aus Neigungen und Qualitäten, in dem man sich selbst erkennt", erzählt Ines. Beim Graben in der Vergangenheit fiel ihr auf, wie viel sie vergessen hatte – und dass sie ihre Qualitäten oft unterschätzte. So hielt sie etwa ihr Einfühlungsvermögen stets für selbstverständlich. "Gerade Frauen messen ihren Fähigkeiten oft zu wenig Wert bei", weiß Ines heute. Neben der professionellen Beratung zog sie auch Familie und Freunde hinzu, um nach deren Einschätzung zu fragen. Und erntete Unverständnis: "Viele haben nicht verstanden, warum ich meinen Beruf aufgegeben habe. Da kamen gleich Bedenken, auch wegen meines Alters. Das hat mich wütend gemacht. Das Alter kann durchaus ein Vorteil sein, schließlich bringe ich viel Erfahrung mit."

Interessenbasierte Suche schafft neue Optionen

Was hat mir schon als Kind Spaß gemacht?

Doris Brenner rät davon ab, sich ausschließlich im privaten Umfeld Rat zu holen. "Familie und Freunde sind emotional beteiligt und nicht neutral", gibt sie zu bedenken. Die Grundlagenforschung solle man daher möglichst mit einem externen Berater betreiben. Dazu gehört, neben dem Sammeln von Qualifikationen und Erfahrungen des Klienten, auch das Definieren seiner Ansprüche an die neue Tätigkeit: Was ist ihm wichtig, welches Umfeld, welches Einkommen würde er sich wünschen? Nicht selten stellt sich dabei heraus, dass gar nicht der Beruf falsch ist, sondern lediglich die Rahmenbedingungen nicht stimmen. John Webb, in Münster als Coach für "Life-Work-Planning" tätig, berichtet: "Etwa in der Hälfte der Fälle geht es in Wahrheit nicht um einen Jobwechsel, sondern vielleicht darum, aus der verhassten Kleinstadt endlich nach Berlin umzuziehen." Viele Menschen machten sich zudem falsche Vorstellungen von ihrem vermeintlichen Traumberuf: "Sie malen es sich rosig aus, selbständig zu sein, zu Hause am Schreibtisch zu sitzen und zu schreiben. Doch die Nachteile – etwa ein hohes Risiko, geringes Einkommen oder fehlende soziale Kontakte - nehmen sie nicht wahr", sagt Webb. Seinen Klienten schlägt er daher vor, sich mit so vielen Menschen wie möglich auszutauschen, die den Wunschberuf ausüben. Aus den Gesprächen ergibt sich dann ein realistisches Bild. "Wenn der Entschluss, sich in die Richtung zu verändern, weiterhin bestehen bleibt, haben wir eine gesunde Basis." Dann heißt es Netzwerke schaffen, Kontakte knüpfen, sich mit dem neuen Thema befassen – "interessenbasierte Suche" nennt Webb diese Strategie. Auf dem Weg ergeben sich oft ungeahnte Optionen. Life-Work-Planning sei altersneutral, erklärt der Coach. "Mein ältester Kursteilnehmer war 63."

Menschen, die sehr sicherheitsorientiert sind und großen Wert auf den Erhalt ihres Lebensstandards legen, rät Beraterin Brenner allerdings von einschneidenden Veränderungen eher ab. Ihr Vorschlag: Dinge ausprobieren, "vielleicht mal einen längeren Urlaub machen und in der Zeit so leben, wie man sich das erträumt." Zudem sollte vor großen Veränderungen unbedingt der Partner mit einbezogen werden. "Umorientierungen sind ganz stark mit dem familiären Umfeld verwoben, gerade wenn es darum geht, sich selbständig zu machen oder ein Umzug erwogen wird." Schwierig wird es, wenn die Beziehung selbst Quelle der Unzufriedenheit ist. Nach 20 Jahren Ehe erscheint einem der Mann plötzlich energielos und langweilig, die Liebe ist abgenutzt und ohne jede Spannung. Auf einmal glaubt man zu wissen, dass die Ehe von Anfang an nur ein Kompromiss war, weil man nicht allein sein wollte.

Lieber kleine Schritte als ein harter Bruch

Sonja Nufer, Psychologin und Buchautorin ("Wenn Liebe zum Desaster wird") in Berlin, rät in dieser Situation dazu, gut in sich hinein zu horchen. "Ehen, die zehn oder zwanzig Jahre gehalten haben, waren sicher nicht umsonst. Selbst wenn einem der Partner auf einmal falsch erscheint, ist er für eine gewisse Zeit richtig gewesen, vielleicht weil man eine Aufgabe an ihm hatte, etwas durch ihn lernen musste." Zunächst gelte es zu prüfen, ob das Gefühl, den Partner verlassen zu wollen, nur ein vorübergehendes Bedürfnis oder eine endgültige Entscheidung sei. "Es kann helfen, auf seine Träume zu achten. Träume sind Wegweiser unserer Seele, sie sagen uns was wir uns wünschen und zeigen verdrängte Sehnsüchte auf." Auch körperliche Symptome könnten viel über innere Bedürfnisse verraten.

Steht der Entschluss, sich zu trennen, fest, warnt Nufer vor einem harten Bruch mit dem Partner. Besser sei es auch hier, kleine Schritte zu machen, vielleicht erstmal eine räumliche Trennung vorzunehmen. "So können beide Seiten überprüfen, wie es ihnen damit geht. Vielleicht entscheidet man nach einem Jahr, dass der Mann doch zu einem gehört." Sich aus Altersgründen mit einer unbefriedigenden Partnerschaft abzufinden sei sicherlich der falsche Weg, so die Psychologin. "Es ist eine Frage der Reife: Vielleicht hat es 20 Jahre gebraucht, um den Mut zu finden, allein zu leben oder sich auf eine neue Beziehung einzulassen. Es ist nie zu spät, auch nicht mit 60."

Träume sind Wegweiser unserer Seele

Die Psychologin Gerlinde Lahr glaubt sogar, dass erst ein gewisses Alter den Mut zur Veränderung mit sich bringt: "Einer der vielen Vorteile der Lebensmitte besteht darin, dass wir den Wert der Ressource Zeit erkennen und ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr bereit sind, diese Ressource zu verschwenden." Hüten sollte man sich nur davor, der vermeintlich verschwendeten Zeit mit dem falschen Mann oder im falschen Job nachzutrauern. Überhaupt sei es wenig hilfreich, bei Lebensentscheidungen die Begriffe richtig und falsch zu verwenden, meint John Webb. "Da ist man schnell an einem Punkt, wo es um Moral und Schuldfragen geht. Nichts steht einem mehr im Wege als der Gedanke: Alle anderen haben es richtig gemacht, nur ich habe versagt." Besser sei es, zu erkennen: "Ich habe es so gut gemacht wie ich konnte, und das werde ich auch in Zukunft tun." Ines T. hat als Lehrerin an einem Gymnasium ihr Glück gefunden: "Hier habe ich alles, was mir wichtig ist: das Weitergeben von Wissen, das Einfühlen in andere, einen netten Kollegenkreis und die Möglichkeit zum selbständigen Arbeiten." Sie ist nicht traurig, dass sie den Beruf nicht schon eher für sich entdeckte. "Als ich noch jünger war, hätte ich keinen Sinn für Kinder gehabt. Erst heute traue ich mir diese Arbeit zu."

Text: Ulrike Schäfer

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