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Der größte Feind der Zufriedenheit


Wer alles richtig machen will, macht sich das Leben am leichtesten schwer, beobachtet Milena Moser. Auch bei sich selbst - und verabschiedet sich vom Perfektionismus.

Die Frau geht gebückt. Schwere Taschen in beiden Händen, eine Stoffrolle, locker in Papier eingeschlagen, unter den Arm geklemmt. Auf ihrer Stirn kleben verschwitzt die Fransen, die der Friseur vor wenigen Stunden noch schön in Form geföhnt hatte. Beim Versuch, auf die Uhr zu schauen, besser noch, die Zeit anzuhalten, fällt die Stoffrolle auf den schmutzigen Boden des Parkhauses. Das Einwickelpapier löst sich, und der weiße Baumwollbatist ist nicht mehr weiß. Die Frau bricht in Tränen aus.

Eine Frau auf der Flucht? Gejagt von bösen Mächten? In gewissem Sinne ja: Diese Frau hat heute Abend Gäste. Oh, nur ein paar alte Freunde. Eine neue Kollegin mit ihrem Mann. "Ganz ungezwungen", hatte sie gesagt. "Nichts Besonderes!" Ha!

Eine Woche lang wälzt sie Rezepte, vor vier Tagen hat sie sich entschieden. Vor drei Tagen angefangen vorzukochen und zu backen, zu marinieren, kalt zu stellen. Nachts hat sie so lange Einrichtungsmagazine gewälzt, dass ihr Mann ins Gästezimmer umzog. Er konnte bei Licht nicht schlafen, ihn störte das Knistern der Hochglanzseiten, sie warf ihm mangelndes Einfühlungsvermögen vor.

"Es ist doch nur ein Abendessen", sagte er. Wieder ha! Diesmal lauter. Und mit bitterem Unterton. Nur ein Abendessen, ha!

Perfektionismus macht Genuss oft unmöglich

Schließlich hatte sie den perfekten Tisch gefunden, er war mit etwas Zartem, Weißem bedeckt, mit Köpfen von Gänseblümchen bestreut und mit weißen Kerzen bedeckt. Kerzen in allen Größen und Formen für eine "ungezwungene Note". Sie hatte die Kerzen gekauft und riesige Sträuße von Margeriten geköpft. Seit zwei Tagen jagte sie nun diesem ganz dünnen "legeren" Baumwollstoff nach, der für die richtige Wirkung nur noch leicht geknittert werden musste. In letzter Minute hatte sie ihn gefunden. Sie war noch beim Friseur gewesen, damit ihre Gäste ihr die Anstrengung der letzten Woche nicht anmerken würden. Hatte es dann doch nicht lassen können, noch in einem letzten Geschäft nachzuschauen, und siehe, sie war fündig geworden. Und jetzt war alles umsonst. In Tränen aufgelöst kam sie zu Hause an.

"Wir können doch das alte Tischtuch nehmen", bot ihr Mann etwas hilflos an. Da riss etwas in ihr. "Du verstehst gar nichts! Du hast keine Ahnung! Hast noch nie eine Ahnung gehabt!", schrie sie hysterisch. "Das wär der Anfang vom Ende!"

Das alte Tischtuch! Nein, der Mann verstand sie nicht. Verstand nicht, dass sie eine Vision verfolgte. Die Vision von einem perfekten Abend in perfekter Gesellschaft, einer Runde, in der geistreiche Bonmots von perlendem Gelächter unterbrochen wurden und das Auftragen der Speisen von bewundernden Ahs! und Ohs! begleitet. Sie musste alles tun, was in ihrer Macht stand, alles, was in ihrer Kontrolle lag, um das zu bewerkstelligen. Und das verstand er nicht.

Wer versteht es schon, wenn wir – erwachsene Frauen, die großzügig mit sich und anderen sein könnten – plötzlich einer Chimäre nachjagen, dem Hirngespinst Perfektion? Wir haben Kinder großgezogen haben, die permanent Rotz an der Nase hatten. Wir haben Wohnungen hinterlassen, in denen fröhlich tanzende Wollmäuse keineswegs unser Selbstbewusstsein anknabberten, wenn wir ins Büro hechteten. Wir haben lose Rocksäume provisorisch angetackert. Unser Leben – ein einziges Provisorium.

Wir setzen uns selbst unter gewaltigen Druck.

Und plötzlich setzen wir nicht nur unsere Umwelt, sondern am allermeisten uns selbst unter gewaltigen Druck, mit unseren klaren, gereiften Vorstellungen davon, wie etwas auszusehen hat. Eine gelungene Einladung, ein perfekt gedeckter Tisch. Effiziente Arbeitsmethoden, ein erfolgreiches Meeting. Der durchorganisierte Haushalt. Der Inhalt eines Kleiderschranks. Die Schuhe eines Mannes.

Ja, die Schuhe eines Mannes: Ich kenne eine Frau, die ihren Mann verließ, weil er zu Hause immer so "lächerliche" China-Pantoffeln trug. "Mit diesem weibischen Riemen über dem Rist!" Erst Jahre des Single-Daseins später stellte sie ihre Entscheidung infrage. Vielleicht, weil sie einige Männer kennen gelernt hatte, aber keinen, der ganz ohne Fehler gewesen wäre. Und gegen "ist immer noch verheiratet", "trinkt jeden Abend zwei Flaschen Wein", "verdient eigentlich kein Geld" nahm sich "trägt alberne Hausschuhe" eigentlich doch recht harmlos aus.

Wir haben lange geübt und ausprobiert, wir haben dazugelernt, und wir sind richtig gut geworden. In allem. So gut, dass wir eigentlich alles selbst machen müssen. Die Präsentation vorbereiten, die Ferien buchen, die richtigen Fleischstücke beim richtigen Bauern bestellen, die Kleider für morgen bereitlegen, ja, wir laden uns gleich selbst zum Date ein, wir wissen schließlich, wo wir gern essen und wie man da einen Tisch bekommt.

Wir mögen keine halben Sachen mehr. Wir wissen, dass wir vor wichtigen Terminen früh ins Bett müssen und dass wir keine Schokolade essen dürfen, wir wissen, dass teure, gut geschnittene Kleider zeitlos sind und kurze Haare praktisch.

Wir haben keine Geduld mit Schlamperei, mit Inkompetenz, mit Ineffizienz. Wir betreiben souverän Networking und Multitasking, Time-Management und Lifestyle-Optimierung. Perfektion ist ein Anspruch, eine Forderung, die wir ans Leben stellen, vor allem aber an uns selbst.

Perfektionismus schließt die Lust, das Leben aus.

Wenn man es schon tun muss, kann man es auch gleich richtig tun, sagen wir. Ich habe keine Zeit für Menschen, die mich nicht weiterbringen. Meine Freizeit will ich sinnvoll gestalten. Wenn ich abends Wein trinke, kann ich am nächsten Morgen nicht klar denken. Das geht mir zu lange. Gib her, ich mach es selbst. Wir sind es uns wert, sagen wir, und sind dabei schon recht erschöpft. - Manchmal überfällt uns eine Ahnung, dass wir mit der Mittelmäßigkeit, mit dem Kompromiss auch den Zufall ausschließen, die Möglichkeit, die Lust – kurz, das Leben an sich.

Neulich standen wir spätabends nach einer Theateraufführung noch auf der Straße zusammen, das nächstgelegene Lokal hatte geschlossen, und plötzlich sagte Susanne: "Dann kommt halt noch mit zu mir, ich koche Spaghetti."

So, wie man das früher eben machte. Spontan. Doch auf dem kurzen Fußmarsch in ihre Wohnung wurde Susanne schon mulmig: Wie sah es bei ihr daheim überhaupt aus? Hatte sie ihrer halbwüchsigen Tochter nicht versprochen, sie würde erst sehr spät heimkommen? Was, wenn die mit ihrem Freund . . . ? Auf dem Sofa . . . ? Schnell schob sie den Gedanken zur Seite. Das war noch das geringste ihrer Probleme. Was, wenn der Wäscheständer noch im Wohnzimmer stand? Viel wichtiger: Was hatte sie im Kühlschrank? Richtigen Parmesan aus Parmesanien oder nur die Hobelspäne aus der Tüte? Würde es ihr gelingen, diese in einem unbemerkten Moment so zu präsentieren, als hätte sie sie eben frisch gerieben, auf der einzig brauchbaren, handgearbeiteten Parmesanreibe aus dem teuren Versandhaus?

Früher hätte es an einem solchen Abend vollkommen genügt, den Inhalt eines Glases Tomatensoße in eine Pfanne zu kippen. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Und die Ansprüche auch. Als sie die Haustür aufschloss, verfluchte Susanne ihre Spontaneität schon. Sie sah ihre Wohnung durch die Augen ihrer Gäste, von denen sie die meisten, aber nicht alle, seit Langem kannte. Und die meisten kannten ihre Möbel. Hatten sie sie ihr doch von einem Umzug zum nächsten vermacht, die alten WG-Sofas, die sie mit Leinentüchern bedeckte, den klobigen kleinen Fernseher, die Ikea-Regale, die ihre Freunde nicht mehr brauchten, weil sie sich im neuen Haus alles auf Maß einbauen ließen. Susanne hatte den allgemeinen Aufstieg verpasst, vielleicht verweigert. Und sie lud nur noch selten zu sich ein. "Nun stell dich nicht so an, so wohnen Leute eben", hörte ich den bekannten Schauspieler zischen. Und seine Frau zischte ebenso hörbar zurück: "In einer Mietwohnung?"

Aber die mochte ohnehin niemand. Später scannte sie den Tisch ab, mit den nicht zusammenpassenden Gläsern, den verschieden großen Tellern, die leicht angeschlagene große Tonschüssel mit den dampfenden, erstklassigen Spaghetti al aglio, olio e peperoncino. Und dem Reibkäse in einem hübschen Schälchen aus Porzellan.

"Dass man so leben kann", murmelte die Frau des bekannten Schauspielers. Die anderen hielten sie nun endgültig für arrogant und rutschten ein Stück von ihr ab, obwohl in ihrer Stimme ein kleines bisschen Sehnsucht zu hören war. Sehnsucht nach einer Zeit, in der die Freunde wegen der Gesellschaft kamen und nicht wegen des kompletten Sets von originalen Eames-Stühlen um den maßgeschreinerten Esstisch. Oder wegen der Steinpilze aus der Toskana, der dick geschnittenen Trüffelscheiben, die betörend duftend auf Tellern aus Limoges angerichtet waren. Sehnsucht nach einer Zeit, in der Freunde zu Besuch kamen, ohne sich vorher zu überlegen, was sie anziehen, was sie mitbringen sollten.

Sehnsucht nach der unperfekten Vergangenheit

Nur wegen ihr, der Frau des Schauspielers, nur, um mit ihr zusammen zu sein, kam wohl niemand zu Besuch. Das alles lag in ihrer Stimme. Wenn wir unsere Ansprüche aufgeben oder auch nur ein kleines bisschen herunterschrauben würden, so befürchen wir widersinnigerweise, wäre das wirklich "der Anfang vom Ende".

Von was für einem Ende? Einem Ende wie diesem? Diesem späten, zufälligen Abend, dieser zusammengewürfelten Gesellschaft vor öligen Tellern, diesen Stimmen, die durcheinanderdröhnen, bis die Teenager im Türrahmen stehen, sich die Augen reiben und maulen, sie müssten morgen früh raus und ob man nicht bitte etwas leiser sein könnte. Man denkt kurz an den nächsten Morgen und alles, was man noch müsste, was man sollte und was man definitiv nicht dürfte, und vergisst es dann wieder. Jemand macht noch eine Flasche Wein auf, die aus dem Supermarkt kommt und nicht vom Biobauern in der Toskana, den man persönlich kennt.Wenn das der Anfang vom Ende ist, dann ist er aber sehr gemütlich!


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