Lust auf Leben: Ich will mehr!

Bei einem Mann würden wir es als Midlife-Crisis belächeln. Aber was, wenn wir selbst plötzlich von einer unbändigen Lust auf Leben befallen werden?

Jetzt ist es also amtlich: Als ich kürzlich in der Praxis meines homöopathischen Seelenheilers saß und ihm beizubringen versuchte, in welch krassem Spannungsfeld zwischen Lebenslust und Todesangst ich mich seit einigen Jahren befinde, lachte er hysterisch auf und rief: "Sie sind ja wie ein Mann - in der Midlife-Crisis!" Dass er nicht angewidert die Nase rümpfte, rechne ich ihm an. Er ist ein konservativer Mann. Aber er hat trotzdem recht. Ja, ich habe eine unbändige Energie, ja, ich will raus. Ja, ich träume von einem Gefährt, mit dem ich auf und davon düse. Ja, ich rauche wieder, ich komme manchmal erst morgens nach Hause, kurz bevor meine Kinder zur Schule aufbrechen, ich zetere über die "Spießer" in meinem Umfeld, und, ja, ich habe mich in einen jüngeren Mann verschossen. Zu meinem 45. Geburtstag hat mir mein Lebensgefährte eine Glückwunschkarte geschenkt, darauf ein lachender weißbärtiger Harley-Fahrer und der Satz "Lass es krachen, Alter!". Leider gibt es solche Karten nicht für Frauen. Angeblich ist die Midlife-Crisis ja nur was für Männer. Das muss sich dringend ändern. Ich reklamiere dieses letzte männliche Privileg auch noch für mich. Als Frau. Und ich bin nicht die Einzige. Zwei meiner Freundinnen sind schon aufgebrochen, eine zog es gerade in die Wüste und die andere in die Arme eines Abenteurers.

Es sind turbulente Gefühle, sie machen nicht nur Spaß, sondern auch Angst. Also habe ich Orientierung gesucht und ansatzweise gefunden in dem Buch des Evolutionsbiologen David Bainbridge. Es heißt "Wir Middle-Ager. Unsere besten Jahre", und der britische Autor bemüht sich da gewitzt um eine Ehrenrettung von uns Menschen zwischen 40 und 60. Indem er behauptet, in seinem Mittel-Alter sei der Mensch dermaßen ausbalanciert zwischen Schöpfung und Zerstörung, Gefühl und Verstand, dass ich mich glücklich schätzen könnte, endlich am "kognitiven Höhepunkt im Leben des intelligentesten Lebewesens im uns bekannten Universum" angelangt zu sein. Die "Midlife-Krise" hält der Forscher David Bainbridge allerdings für eine Erfindung von Leuten, die sich über Männer mittleren Alters lustig machen wollen. Was er schreibt, ist sehr interessant, aber teils penetrant optimistisch und in mancher Hinsicht auch falsch. Denn: Ich bin eine Frau und in der Midlife-Krise! Und die ist verdammt ernst zu nehmen. Wenn man ihr auf den Grund geht.

Es begann, als ich Mutter wurde. Da kam mir plötzlich der Gedanke, dass mein Leben endlich ist. Bis dahin hatte ich in dem Glauben gelebt: Du hast noch so viel Zeit! Freunde, die mit dem Älterwerden nicht klarkamen und zu ihren Geburtstagen traurig wurden, habe ich nicht nur ausgelacht. Ich habe sie wirklich nicht verstanden. Wir sind doch noch jung!, sagte ich. Doch plötzlich schien mein Leben nicht mehr vor mir zu liegen. Sondern hinter mir. Es war eine schlagartige Erkenntnis. Als hätte ich mich plötzlich umgedreht, zum ersten Mal. Ich erschrak zutiefst.

Was hatte das mit den Kindern zu tun? Meine Freundin meinte: Man bekomme Angst vor dem eigenen Tod, weil einen die Kinder brauchen. Ich überlegte: Jetzt, da ich Leben geschaffen habe, würde mir eben auch sein Ende bewusst. Der positiv denkende Biologe Bainbridge würde es mir so erklären: Ich wollte Kinder wegen der Arterhaltung, doch damit hätte ich beileibe nicht meine Pflicht getan. Die Pflicht der Mittel-Alten sei es, ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Pflege an die Nachkommen weiterzugeben. Dafür sei dieses einzigartig lange Middle-Age des Menschen da. Der über ein einzigartig großes Gehirn verfügt. Das Informationen von außen braucht, weil seine Gene allein den Menschen nicht wie andere Lebewesen zum Überleben befähigen. Mein halbes Leben läge also noch vor mir: damit ich das Hirn meiner Nachkommen mit Kultur und Menschlichkeit voll stopfen kann.

Nachkommen weiterzugeben. Dafür sei dieses einzigartig lange Middle-Age des Menschen da. Der über ein einzigartig großes Gehirn verfügt. Das Informationen von außen braucht, weil seine Gene allein den Menschen nicht wie andere Lebewesen zum Überleben befähigen. Mein halbes Leben läge also noch vor mir: damit ich das Hirn meiner Nachkommen mit Kultur und Menschlichkeit voll stopfen kann.

Ich fühlte mich "wie früher"

Das ist eine schöne Idee, ich werde sie umsetzen. Aber sie reicht mir nicht. Denn ich kann mich selbst nicht ganz vergessen. Es hat mich mal, da waren meine Kinder noch sehr klein, in Rom eine Traurigkeit überwältigt. In Rom hingen Anfang Dezember Mandarinen an den Bäumen, beim Mopedfahren blies der Wind durch die Haare, und ich konnte tun, was ich wollte. Ich fühlte mich frei. Ich fühlte mich "wie früher". Als ich noch keine Familie hatte. Ich dachte: Diese Freiheit, das ist dein eigentlicher Aggregatzustand. Als ich wieder zu Hause war und meine Kinder in die Arme schloss, weinte ich. Aus Scham. Und über den Verlust meines alten Ich, in meinem ersten Leben.

Ich glaubte, diese meine Vergangenheit abschließen zu können. Oder zu müssen. Und das war vermutlich der Moment, als ich mich abwendete, mich umdrehte - und das Leben plötzlich nur noch halb so lang erschien. Ich versuchte die Angst zu überhören, und sie wurde leiser. Es war nicht mehr die Angst vor dem Ende. Es wurde eine vor dem Stillstand. Stillstand bedeutet: Das Leben ist jetzt halb rum. Leider ist es heutzutage sehr lang. Das Wesentliche ist getan. Und so geht das jetzt immer weiter. 40 Jahre. In langer Weile.

Ich beobachtete die Leute um mich herum, und die meisten schienen sich damit zu arrangieren, in der ewig gleichen Wiederholung des Alltags, auf dem Sofa, in ihrer Komfort-Zone. Einige brachen aus, mit wahnsinnigem Furor, und zerstörten ihre Beziehungen und Familien. Beides wollte ich nicht: den Stillstand nicht und das Ende auch nicht. So lag ich vor dem Einschlafen allabendlich im Bett und fiel aus allen Bezügen. Ich starrte in den Raum wie ins Nichts. Die Leere. Es ergibt doch alles - außer meinen Kindern - keinen Sinn. Oft fühlte ich mich lebendig begraben. Das war genau genommen keine Angst vor dem Tod. Es war Angst vor einem Verlust an Leben.

Doch parallel zu dieser Angst wuchs ihr Gegengift, vermutlich aus Überlebensinstinkt. Diese Lebenslust! Sie war getrieben von den Gedanken: Jetzt mach endlich ernst! Tu, was du immer schon tun wolltest! Wann, wenn nicht jetzt? In mir wuchs eine Kraft, wie ich sie so zuvor nicht gekannt hatte. Ein wenig erinnert sie mich an die Energie, die die Hausfrauen-Mütter meiner Freunde damals bekamen, als ihre Kinder aus dem Haus waren. Da machten sich diese Frauen noch mal auf. Während ihre Männer zusehends abbauten, nachdem sie eben noch schnell auf Cabrio und Geliebte abgefahren waren.

Später im Leben hat man selbst die Kontrolle

Nur dass ich heute komplett anders lebe: Ich war nie Hausfrau und fühle mich, gerade jetzt, eher wie ein Mann. Ich änderte meinen Kurs, als säße ich in einem Boot, in dem ich jahrelang vor der Küste herum geschippert war, und ruderte aufs offene Meer hinaus. Da wollte ich hin, unbedingt. Ich ließ mich nicht mehr einfach treiben. Aber ich sagte nicht NEIN, ich sagte JA. Vor allem im Beruf, zu mir selbst, zu meinen eigenen Ideen, Wünschen und Reisezielen. Zum Beispiel wollte ich eine Reportage über Kinderarbeit in Usbekistan machen. Anstatt mich wie sonst mit dem Gedanken abzuspeisen, dass das viel zu gefährlich, zu weit und ich keine Auslandsreporterin sei, setzte ich mich mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit für das Projekt ein. Als wäre es mein Arbeitsalltag. Erstaunlicherweise funktionierte das.

Der Biologe Bainbridge schreibt: "Die Frau lebt ja eher in dem Gefühl, als würde die Welt ihr passieren und nicht etwa umgekehrt sie der Welt." Im wunderbaren mittleren Alter aber ändere sich das. Denn es sei die Lebensphase, in der man besonders viel Kontrolle habe. Über sein eigenes Leben und über das der anderen. Und Psychologen wüssten, dass Kontrolle und Wohlbefinden in einem engen Zusammenhang stünden. Je selbstbestimmter ich leben kann, desto wohler fühle ich mich. Nicht umsonst, sagt David Bainbridge, gelten die Middle-Ager aufgrund ihrer Erfahrung und ihrer Reife in der gesam-ten Menschheitsgeschichte als so weise, dass sie die Macht nicht nur über sich selbst, sondern über die Gesellschaft ausüben.

Auch mein Alltag veränderte sich. Es begann mit kleinen Dingen. Ein Glas Champagner. Eine fette Schicht Entenleberpastete aufs Brot. Lass mal an deiner Zigarette ziehen! Komm, wir fahren los, in die Sonne, ans Meer und dann weiter - in die weite Welt. Sie ist so groß, und ich habe nur ein Leben. Das Wort Lebenslust ist zu schwach. Es ist mehr als Lust, es ist eine Gier. Wie ein Gorilla bäumt sie sich auf, trommelt auf die Brust und ruft: Ich will mehr! Wer weiß, vielleicht zum letzten Mal, bevor ich alt und schwach werde? Und deshalb muss sie raus, die Kraft. Sonst, dessen bin ich mir zutiefst bewusst, werde ich krank.

"Krisis" bedeutet eigentlich: Meinung, Beurteilung, Entscheidung. Man steht an einem Wendepunkt. Man beurteilt das Gleiche plötzlich anders. Man verändert sich. Es ist eine Transformation. Die sollte nicht belächelt oder mittendrin abgebrochen werden. Denn wir hängen alle mit drin: Nicht nur ich habe eine Krise, auch die anderen bekommen sie - wegen mir. Weil ich die bestehenden Verhältnisse provoziere. Leider halten das nicht alle aus. Die Partner nicht, die Familie nicht, die Freundinnen nicht. Aus Angst. Vor Veränderungen und vor unkonventionellem Verhalten. Der Biologe Bainbridge behauptet, typisch für das Middle-Age sei die Plötzlichkeit von Veränderungen. Plötzlich wird die Haut trocken, plötzlich sehe ich schlecht, plötzlich bin ich mittel-alt. Und, wie er meint, auf dem Höhepunkt meiner mentalen Stabilität. Die mag kommen. Doch in eine der-art ausgeglichene Middle-Agerin muss ich mich noch verwandeln. Das ist ein heftiger Prozess, eine krachende Phase zwischen Panik und Überschwang.

All das wollte ich meinem ziemlich konservativen Homöopathen verklickern. Und dass mein Partner und ich jetzt eine "offene Beziehung" leben. Dass ich weder meine Familie noch mein altes Ich aufgeben würde. Dass meinem Lebensgefährten das Lächeln natürlich oft vergangen sei. Und dass er sich mit der Diagnose "irrationaler Hormonschub" behelfe. Obwohl auch er weiß, dass ich mich nicht in den Wechsel-jahren befinde. "Eine Krise ist leichter zu ertragen, wenn man den Patienten für verrückt erklärt", sagte ich zu meinem Seelenheiler und blickte ihm tief in die Augen. Er sah mich an, als hätte ich die Welt auf den Kopf gestellt. Die er fein säuberlich in Mann und Frau getrennt hat. In lächerliche Typen, die sich mitten im Alter in pubertierende Jungs verwandeln. Und in Frauen, die reif und zu Hause bleiben. Schließlich bat ich ihn einfach, er möge mir unbedingt etwas verordnen, was dieses großartige Gorilla-Gier-Gefühl in mir aufrechterhält. Da kicherte er, fast wie ein Backfisch, und drückte mir zwei Kügelchen in die Hand. Bestimmt war es Testosteron.

Zum Weiterlesen David Bainbridge: "Wir Middle-Ager. Unsere besten Jahre" (345 S., 22,95 Euro, Klett-Cotta)

Text: Ann Wolff Bilder: Saloutos/cultura/Corbis Ein Artikel aus BRIGITTE WOMAN 08/13
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