Schluss mit Rausreden!

"Das geht jetzt nicht, weil ...": Als Kinder lernen wir solche Ausreden, als Erwachsene benutzen wir sie. Und sind plötzlich so, wie wir nie werden wollten. Deshalb fordert Psychologin Brigitte Roser: Schluss mit Rausreden!

Die Psychologin Brigitte Roser berät die Führungskräfte großer Unternehmen, wenn sie Krisen zu meistern haben. Was sie den Managern rät, kann auch uns im Alltag helfen.

BRIGITTE WOMAN: Warum haben Sie sich die Ausreden als Spezialgebiet ausgesucht?

Brigitte Roser: Ich bin mit dem weltbesten Ausreden-Erfinder verheiratet. Die Beschäftigung mit dem Thema ist also blanke Notwehr. Nein, im Ernst: Seit Langem schon möchte ich ein Buch über Persönlichkeitsentwicklung schreiben. Um Ihnen eine klassische Ausrede anzubieten: Leider kommt mir immer wieder etwas dazwischen. Eines Morgens bin ich aufgewacht und wusste, dass dieses Buch, wenn ich es denn eines Tages schreiben werde, den Titel „Das Ende der Ausreden“ haben muss.

BRIGITTE WOMAN: Was hat die Entwicklung unserer Persönlichkeit mit Ausreden zu tun?

Brigitte Roser: Ausreden führen dazu, dass wir auf der Stelle treten, statt weiterzukommen, dass wir stehen bleiben in unserer Entwicklung.

Rausreden hilft uns, Unangenehmes wegzuschieben

BRIGITTE WOMAN: Aber irgendetwas Gutes müssen Ausreden doch haben, sonst würden wir sie nicht dauernd benutzen.

Brigitte Roser: Sie helfen uns, Unangenehmes erst einmal von uns wegzuschieben: Ich müsste meinen unerträglichen Job eigentlich kündigen. Dann hätte ich aber keine Arbeit mehr. Ich müsste meiner Mitarbeiterin offen sagen, dass ich mit ihr nicht zufrieden bin. Dann wäre aber schlechte Stimmung in der Abteilung. Deshalb lasse ich alles, wie es ist, und rede mich damit heraus, dass ich ja nicht anders kann. Meine Ausrede führt also dazu, dass eine notwendige Veränderung in meinem Leben nicht passiert.

BRIGITTE WOMAN: Haben Ausreden wirklich so viel Macht über uns, sind sie regelrecht gefährlich?

Brigitte Roser: Das kommt darauf an. Die kleinen Notlügen, wenn man eine Einladung nicht annehmen will oder den Glückwunsch zum Geburtstag vergessen hat, die sind harmlos und oft sogar klug. Gefährlich wird es, wenn es um etwas Grundsätzliches in unserem Leben geht: ob ich zum Beispiel mit dem richtigen Partner zusammenlebe, ob mein Job zu mir passt, welche Freundinnen ich habe. Wir haben alle eine klare Vorstellung davon, wie wir uns diese Dinge in unserem Leben wünschen.

BRIGITTE WOMAN: Aber die Wirklichkeit ist häufig ganz anders...

Brigitte Roser: ...und dann geht es los mit den Ausreden. Warum wir einen ungeliebten Partner nicht verlassen, eine große Chance im Beruf nicht ergreifen, eine bewährte Freundschaft nicht pflegen oder Ähnliches. Dafür haben wir Begründungen und Erklärungen...

BRIGITTE WOMAN: ...die nur zum Teil stimmen.

Brigitte Roser: Und trotzdem glauben wir sie, weil die Alternative – also das zu tun, von dem wir wissen, dass es für uns das Richtige wäre – uns zu anstrengend wäre.

BRIGITTE WOMAN: Ausreden sind also pure Bequemlichkeit?

Brigitte Roser: In den allermeisten Fällen sind sie das. Ich rede hier natürlich nicht über Dinge, die tatsächlich nicht zu ändern sind – etwa eine Krankheit, der Tod eines geliebten Menschen oder den Verlust des Jobs, weil die Firma pleite ist...

BRIGITTE WOMAN: ...sondern über Probleme, die wir lösen könnten. Das macht uns doch auf Dauer unzufrieden, warum tun wir dann nichts?

Brigitte Roser: Die Ursache liegt, wie so oft, in unserer Kindheit. Wir lernen als Kinder die Ausreden, die wir als Erwachsene benutzen. Wer als Kind immer zu hören bekommt: „Stell dich doch nicht so an!“, wird im späteren Leben negative Empfindungen und Gefühle kaum an sich heranlassen.

BRIGITTE WOMAN: Was ist so schlimm daran, wenn jemand die Dinge eher positiv sieht und sich entsprechend verhält?

Brigitte Roser: Erst einmal gar nichts, aber wenn es diesem Menschen nicht so gut geht oder jemand in seiner Umgebung Hilfe braucht, wird er Schwierigkeiten haben, einfühlsam darauf zu reagieren. Stattdessen hält er sich an seine alten Merksätze: „Man muss auch mal was aushalten können“, „Handeln ist besser als Fühlen“ und so weiter. Und schon ist die Ausrede gefunden, eine Krankheit oder ein Problem zu verdrängen.

BRIGITTE WOMAN: Was für ein Mensch verbirgt sich denn hinter dem Satz „Ich kann nicht anders, nehmt mich, wie ich bin“?

Brigitte Roser: Oder auch: „Ich bin eben authentisch.“ Das ist ein Klassiker. Für seine Launenhaftigkeit kann dieser Mensch nichts, die liegt in der Familie. Und wenn er sich ändern wollte, müsste er sich verbiegen. Hinter dieser Ausrede kann er sich wunderbar verstecken. Vor der Notwendigkeit, aktiv zu werden, vor der Verantwortung. Im Schutz der Ausrede kann er behaupten: „Ich würde ja etwas tun, wenn ich nur könnte, ich bin nicht schuld, ich bin das Opfer.“

BRIGITTE WOMAN: Was kann mir denn schlimmstenfalls passieren, wenn ich zu lange an meinen Ausreden festhalte?

Brigitte Roser: Dass Sie spätestens im Alter werden, wie Sie nie werden wollten.

Wer stellt hier eigentlich die Fragen? Brigitte Roser und Till Raether waren sich da nicht immer einig, hatten aber sichtlich Spaß daran

BRIGITTE WOMAN: Woher wissen Sie, wie ich im Alter werden will?

Brigitte Roser: Wir alle haben eine diffuse Fantasie von uns selbst, wie wir im Alter sein möchten. Wir wollen reife Menschen werden, weise, souverän, glücklich, beliebte Omas oder Opas, Mentoren oder, ganz einfach: Alte, denen man gern zuhört. Wir werden natürlich nicht wie Tante Martha, die uns so unglaublich nervt, oder wie Opa Karl-Heinz, der uns leidtut mit seinen verschrobenen Ansichten. Doch genau das kommt auch auf uns zu, wenn wir an unseren Ausreden festhalten, also: wenn wir uns nicht entwickeln.

BRIGITTE WOMAN: Wir werden wie die alten Leute, die wir selbst nicht mögen? Warum denn das?

Brigitte Roser: Damit sind wir wieder bei der Persönlichkeitsentwicklung. Ausreden bremsen uns aus. Als Kinder lernen wir sie, als Erwachsene benutzen wir sie, und im Alter verteidigen wir sie nur noch. In der Zeit hätten wir wirklich etwas Besseres zu tun.

Ewiges Rausreden bremst uns aus

BRIGITTE WOMAN: Was zum Beispiel?

Brigitte Roser: Alles, was wir mithilfe unserer Ausreden immer vor uns herschieben. Die wichtigen, notwendigen Veränderungen, über die wir vorhin gesprochen haben. Und irgendwann auch die Frage: Was ist eigentlich, wenn ich älter werde? Wenn mir die Bühne weggenommen wird?

BRIGITTE WOMAN: Wie meinen Sie das?

Brigitte Roser: Irgendwann gehen Sie in Rente, sind nicht mehr Journalist, und dann ist es nur noch mäßig interessant, was Sie früher für tolle Interviews geführt haben. Oder dass Sie mal diesen oder jenen lustigen Text geschrieben haben.

BRIGITTE WOMAN: Ein Schreckensszenario...

Brigitte Roser: Es ist ziemlich verbreitet, und es droht uns allen. Wenn wir uns nicht um die Entwicklung unserer Persönlichkeit kümmern, uns nicht rechtzeitig darauf vorbereiten, dass uns irgendwann die Bühne weggenommen wird. Für diesen Tag X müssen wir ein Alternativkonzept parat haben.

BRIGITTE WOMAN: Bitte sagen Sie jetzt nicht, wir hätten uns möglichst schon als Kinder aufs Älterwerden vorbereiten sollen.

Brigitte Roser: Aber nein. Bis etwa Mitte 30 macht es wenig Sinn, über die Entwicklung unserer Persönlichkeit nachzudenken. Denn bis dahin macht uns genau das, woran wir glauben, was uns als selbstverständlich erscheint, erfolgreich. Wer allerdings mit über 40 immer weiter am Bewährten und Vertrauten festhält, ist auf dem besten Weg in den Starrsinn, den man dem Alter zuschreibt.

BRIGITTE WOMAN: Ab der Lebensmitte sollten wir uns also nicht ausruhen auf dem, was wir erreicht haben, sondern an unserer Persönlichkeitsentwicklung arbeiten. Was heißt das denn konkret?

Brigitte Roser: Das Wichtigste ist, ein Leben lang flexibel zu bleiben. Das müssen wir allerdings erst lernen, denn normalerweise werden Menschen mit den Jahren unbeweglicher...

BRIGITTE WOMAN: ...aber auch erfahrener.

Brigitte Roser: Natürlich, und bis zu einem bestimmten Punkt ist das super, ich halte viel von Erfahrung, zum Beispiel im Beruf. Aber wie gesagt: Irgendwann wird uns die Bühne, das Spielfeld weggenommen. Und wenn wir dann nach der Devise „Das habe ich immer so gemacht“ weiterspielen wie bisher, geht das mit Sicherheit schief.

BRIGITTE WOMAN: Und wie können wir das verhindern?

Brigitte Roser: Um das zu verstehen, müssen Sie zurückgehen in Ihre Kindheit. Sie sind vier oder fünf Jahre alt, Sie versuchen, die Welt zu verstehen, und irgendwann haben Sie’s geschafft: Sie haben gelernt, sich so zu verhalten, dass Sie die Sonne im Gesicht Ihrer Umgebung anknipsen können, und damit geht’s Ihnen dann gut. Also behalten Sie das jetzt bei. Das Problem ist, dass Sie als Kind auch gelernt haben: Die Sonne geht aus im Gesicht der anderen, wenn Sie bestimmte Dinge tun. Und Sie wissen nicht genau, warum das so ist, aber Sie lernen, dass Sie diese Dinge lieber lassen. Wenn Sie also zum Beispiel temperamentvoll sind...

BRIGITTE WOMAN: ...und ich merke, in meiner Familie ist eher Ruhigsein und Stillsitzen angesagt...

Brigitte Roser: ...dann lernen Sie das, lernen aber auch: Ein Teil von mir ist offenbar eher schwierig und nicht so erwünscht in dieser Welt, also tue ich den mal lieber weg. Er wird sozusagen zu Ihrem „Schatten“, Sie spüren: Dieser Teil von Ihnen ist in den Augen der anderen nicht liebenswert und damit nicht erfolgversprechend. Wann immer Sie einen Menschen treffen, der diese Schattenseite in Ihnen berührt, irritiert der Sie hochgradig. Denn er macht ja etwas, was ursprünglich mal zu Ihnen gehörte, was Sie sich aber verboten habe. Blöd ist nur, dass man dadurch, dass man sich immer nur seinem Erfolgsmodell entsprechend verhält, nie erfährt, ob man insgesamt, mit seiner ganzen Persönlichkeit okay ist, oder eben nur, wenn man sich so verhält, wie man es als Kind gelernt hat.

BRIGITTE WOMAN: Entwicklung ist also, auch diesen Teil von sich auszuprobieren, der bisher im Schatten liegt.

Brigitte Roser: Ja. Ich laufe immer vor dem weg, was in mir nicht leben darf. Es gibt eine wirklich erhellende Übung, mit der man mehr darüber erfahren kann. Stellen Sie sich bitte vor, der unsympathischste Mensch der Welt käme jetzt ins Zimmer. Was für Eigenschaften hätte er, die ihn für Sie besonders unsympathisch machen?

BRIGITTE WOMAN: Hm. Auf Anhieb: laut und distanzlos.

Brigitte Roser: Okay, wenn Sie sich diese Eigenschaften jetzt anschauen, können Sie etwas Positives daran entdecken? Könnte man sie eventuell auch positiv formulieren?

BRIGITTE WOMAN: Nein.

Brigitte Roser: Versuchen Sie’s.

BRIGITTE WOMAN: Vielleicht: direkt und zupackend.

Brigitte Roser: So, dies sind also die positiven Deutungen der Eigenschaften, die Sie spontan am meisten abschrecken. Sie können davon ausgehen, dass genau diese Eigenschaften, direkt, zupackend, Eigenschaften sind, wo Sie ein Defizit haben, wo es für Sie Entwicklungsmöglichkeiten gibt.

BRIGITTE WOMAN: Kann mir ein Mensch nicht einfach unsympathisch sein, ohne dass das etwas mit mir selbst zu tun hat?

Brigitte Roser: Nein. Niemand kann Sie zwingen, ihn zu mögen oder abzulehnen, das machen Sie schon selbst. Er ist ja Ihnen unsympathisch.

BRIGITTE WOMAN: Nur mir? Es gibt doch furchtbare Zeitgenossen.

Brigitte Roser: Klar. Aber wenn Sie sich richtig aufregen, statt lediglich zu beobachten und festzustellen: Das gefällt mir nicht, dem stimme ich nicht zu – wenn Sie also richtig Hitze investieren, dann hat es immer mit Ihnen selbst zu tun.

BRIGITTE WOMAN: Menschen, die ich nicht leiden mag, können mir also helfen, mich weiterzuentwickeln. Wie geht das konkret?

Brigitte Roser: Statt das, was der andere tut und was uns provoziert, zu verdammen, können wir es als Frage an uns begreifen: Könnten wir das Positive dessen, was uns nervt, selbst leben, und würde uns das gut stehen? Wenn uns einer nervt, der uns arrogant erscheint – wäre mehr Selbstbewusstsein nicht gut für uns? Wenn uns eine Frau irritiert, die ihre Weiblichkeit ausspielt – warum gestatten wir uns selbst das eigentlich nicht, und wäre es nicht hilfreich, es zu tun? Abwerten und aufregen hindert uns daran, unser eigenes Handlungsrepertoire zu erweitern.

Ständiges Rausreden erfordert eine Menge Energie

BRIGITTE WOMAN: Was hat das alles mit dem Ende der Ausreden zu tun?

Brigitte Roser: Wer sich ehrlich anschaut, wer aufhört, sich in die Tasche zu lügen, der braucht keine Ausreden mehr. Er wird das Nötige tun, um sich weiterzuentwickeln. Um künftig nicht mehr auf der Stelle zu treten im Leben.

BRIGITTE WOMAN: So einfach?

Brigitte Roser: Ich sage nicht, dass es einfach ist. Aber überlegen Sie mal, wie viel Energie wir aufwenden, um andere und uns mit Ausreden davon zu überzeugen, warum wir anders leben, als es gut für uns ist. Mit dieser Energie könnten wir eine Menge anfangen!

BRIGITTE WOMAN: Kommen wir noch einmal zu Ihnen und Ihrem Buch über das Ende der Ausreden. Warum fangen Sie nicht an damit?

Brigitte Roser: Ich verstehe, Sie wollen meine Ausreden hören. Bitte sehr: Niemand braucht dieses Buch, es ist zu den meisten Themen längst alles gesagt, andere können viel toller schreiben als ich.

BRIGITTE WOMAN: Und wie werden Sie jetzt mit Ihren eigenen Ausreden fertig?

Brigitte Roser: Ich versuche, meine Ausreden mit Humor zu betrachten. Wenn ich mir selbst zuhöre beim Ausredenerfinden, muss ich irgendwann lachen, weil alle Ausreden so klischeehaft und abgedroschen, so langweilig sind. Und dann komme ich hoffentlich an einen Punkt, wo ich sagen kann: Ach komm, jetzt fang einfach an, geh an die Arbeit.

Brigitte Roser, 47,

ist Diplom-Psychologin und berät mittelständische und Großunternehmen in Führungsfragen. Sie hat sich vor allem auf die Themen Konfliktmanagement und Team-Entwicklung spezialisiert, außerdem gibt sie Seminare zur Persönlichkeitsentwicklung. Brigitte Roser lebt mit ihrem Mann in Frankfurt am Main, sie ist leidenschaftliche Gärtnerin und Fotografin und findet Ausreden, um nicht joggen gehen zu müssen.

Interview: Till Raether Fotos: Uwe Martin
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