Ach, hätte ich damals bloß...

... die große Liebe zurückerobert, den Traumjob angenommen, mehr Risiko gewagt: Jeder kennt diese Art von Reue. Aber waren die Entscheidungen überhaupt falsch?

"Darf ich dir Hanna vorstellen?" Es war eine eigentlich harmlose Frage - aber sie vermieste der 48-jährigen Marianne den ganzen Mallorca-Urlaub. Mit den Worten "Mensch, Mary, ich glaub's ja wohl nicht" hatte wie aus heiterem Himmel Martin vor ihr gestanden, die große Ex-Liebe ihres Lebens. Er sah so unverschämt gut und erholt aus, dass sie ihn am liebsten geküsst, gedrückt, alles Mögliche mit ihm angestellt hätte. Aber dann kam diese Frage, und eine für Mariannes Geschmack viel zu junge, viel zu hübsche Frau schob sich neben Martin und gab ihr die Hand. Lächelte sie an, aber sagte nicht: "Ich hab schon viel von Ihnen gehört" - den Satz, den Marianne erwartete und dessen Ausbleiben ihr nun einen Stich versetzte. Weil auf einmal klar war, dass sie, Marianne, für Martin keine Rolle mehr spielte. Und während sie angestrengt lächelnd Smalltalk machte, dachte sie zugleich: Bloß weg von hier! Später ging sie lange am Strand spazieren, im Hotelzimmer hätte sie es nicht ausgehalten. Ein Gefühl von Reue hatte sich in ihr festgekrallt und wollte nicht mehr weichen. "Du hast einen Riesenfehler gemacht", dachte sie unentwegt, "aus eigener Dummheit hast du dein Glück verspielt."

Jahre nach einer Entscheidung kommt plötzlich die Reue

Martin und Marianne waren ein Traumpaar gewesen. Jung, schön, verliebt, beide Lehrer am selben Gymnasium, perfekt. Bis zu dem Tag, als ihr der Schulleiter seine Nachfolge angeboten hatte. "Du als meine Chefin, das kann ich mir nicht vorstellen", hatte Martin spontan reagiert; gekränkt, weil nicht er es gewesen war, den der Schulleiter ausgewählt hatte. Und dann hatte Martin noch gesagt: "Und außerdem wollen wir doch heiraten und Kinder kriegen." Doch Marianne war die Karriere wichtiger gewesen. Martin ließ sich damals an eine andere Schule versetzen, der Riss zwischen ihnen aber war geblieben, bis sie sich irgendwann trennten.

Marianne hatte ihre Entscheidung dennoch nie bereut. Sie war sehr gern Schulleiterin, obwohl der Job sie manchmal aufrieb. Auch als Single zu leben fiel ihr leicht: Ihr Freundeskreis, die vielen Reisen, die Schüler - ihr Leben war ausgefüllt. Doch nach der Begegnung mit Martin quälte sie das Gefühl, sich damals falsch entschieden zu haben. Wann hatte sie das letzte Mal so gelöst ausgesehen wie diese Hanna? Wäre sie als Ehefrau und Mutter mit reduzierter Stundenzahl nicht viel glücklicher geworden? Wieder zu Hause, saß sie an ihrem Küchentisch, der ihr nun viel zu lang vorkam. Und viel zu leer.

Eben noch war alles in Ordnung, plötzlich fühlt sich alles verkehrt an. Es gibt diese Momente, die unser Leben in ein anderes Licht tauchen und uns in Zweifel stürzen. Wir begegnen einer vergangenen Liebe. Wir lesen den Bestseller einer Schulfreundin und denken: "Den hätte ich auch schreiben können, wenn ich nicht in fünf Jahren dreimal schwanger geworden wäre." Oder wir treffen den Headhunter auf einer Party, der uns vor Jahren einen Traumjob in einer fremden Stadt angeboten hat, den wir ablehnten. "Geht's gut?", fragt er freundlich, wir murmeln: "Alles bestens" und schleichen davon. Klar, unser Job ist durchaus okay - aber wäre der andere nicht besser gewesen?

Entscheidungen gehören zum Leben, und deshalb haben wir uns immer mal wieder für oder gegen etwas entschieden: Ehe, Kind, Karriere - wir haben überlegt und dabei gehofft, alles richtig zu machen. Und bis heute ging es uns eigentlich gut damit. Oder nicht? Warum lastet da plötzlich ein Grauschleier auf unserer Seele, woher kommen jetzt diese Fragen: Bin ich immer nur den einfachsten Weg gegangen? Aus Feigheit? Bequemlichkeit? Schlurfe ich mit Puschen durch mein Leben? Hätte ich mehr erreichen, mehr riskieren sollen - beruflich, finanziell, privat? Solche Fragen sind wie ein kratziger Pullover, sie stören unser Wohlbefinden.

Neben unverhofften Begegnungen sind oft auch Klassentreffen Auslöser solcher Selbstzweifel. So fand sich die 51-jährige Ilona als "kleine Sekretärin" in einem Kreis ehemaliger Mitschülerinnen wieder, die alle eine offensichtlich glanzvolle Karriere hingelegt hatten. Umgeben von Kinderkardiologinnen und Werbetexterinnen kam ihr der eigene, eigentlich geliebte Beruf nur noch piefig vor. Frustriert ging sie nach Hause, kroch zu ihrem Ehemann ins Bett und sagte: "Ich fühl mich wie eine Versagerin." Dass er sie mit den Worten "Für mich bist du die Größte" trösten wollte, half ihr jetzt auch nicht weiter.

War es richtig gewesen, grübelte sie, als Klassenbeste nicht Medizin, sondern die Ehe-kompatiblere Sozialpädagogik studiert zu haben? Hatte sie aus Liebe auf zu viel verzichtet? "Überfliegerin hat mich meine Familie immer genannt", sagte sie wehmütig zu sich selbst, "klingt schön. Stimmt aber nicht. Bruchpilotin wär passender." Was natürlich Unsinn ist. Aber wenn wir an den Punkt geraten, an dem wir alles in Frage stellen, werden wir grausam ungerecht. Vor allem zu uns selbst. Wie nervig die Schüler sind, fand Marianne plötzlich, wie unproduktiv die Konferenzen! "Es war, als hätte jemand den Saft aus meiner Batterie gezogen." Auch Ilona spürte nach dem Klassentreffen große Gereiztheit. Die alltägliche Routine im Büro trieb sie plötzlich auf die Palme. Erst als ihre Lieblingskollegin fragte: "Bist du böse auf uns?", kam sie wieder zu sich. "Auf euch bestimmt nicht", sagte sie, "höchstens auf mich."

Solche "Hätte, würde, sollte"-Momente können wirklich nerven. Diese quälenden Fragen: War es richtig, nach fünf Jahren Auslandskorrespondenz in New York nicht nach Paris zu gehen, sondern zwei Kinder aus Brasilien zu adoptieren und als freie Autorin zu arbeiten? Natürlich war es richtig, die beste Entscheidung meines Lebens. Aber es gibt Momente an grauen Wintertagen, da sitze ich melancholisch am Schreibtisch, vermisse die Reisen und die Kollegen von früher. Keine große Lebenskrise, eher eine kleine. Und genau in so einem Moment kommt dann mein 13-jähriger Sohn ins Arbeitszimmer: "Wieso sind keine Cini-Minis da, Mama?" Beschwert sich meine 18-jährige Tochter, weil ich ihre Zigaretten weggeworfen habe. Ist mein Mann genervt, weil auch meine Engelsgeduld mal Grenzen hat.

Jede Entscheidung ist auch eine Entscheidung gegen etwas

Trotzdem habe ich meine Wahl nie bereut. Wäre ich nach Paris gegangen, könnte ich heute zwar fließend französisch sprechen, aber hätte meine Kinder nicht. In jeder Entscheidung gegen etwas liegt ja immer auch eine andere Entscheidung für etwas. Freilich, eine Entscheidung kann natürlich auch falsch ausfallen - so, dass wir sie später noch lange bedauern. Im Beruf, in der Liebe - und in der Immobilie. Jedes Mal, wenn Roswitha auf ihre Lieblingsinsel Menorca reist, ärgert sie sich ein kleines Loch in den Bauch. Denn das Strandhaus, an dem sie täglich vorbeijoggt, hätte sie vor zehn Jahren zum Spottpreis kaufen können - "wenn ich nicht zu feige gewesen wäre", sagt die 57-Jährige heute. Aber der Preis für das Haus war eben nicht nur eine ausgezahlte Lebensversicherung. Der Preis war eine Lebensentscheidung - gegen all das, was sie als belastend empfand: ihren Job als Sachbearbeiterin, der sie langweilte, ihren Partner, der sie betrog, das Wetter, das sie depressiv machte. Das Haus wäre die Chance für den Neuanfang gewesen, für ein unbekanntes, freieres Leben. Das sie sich dann doch nicht zutraute. Heute ist das Haus das Dreifache wert.

Was kann ich noch ändern? Was muss ich endgültig akzeptieren? Auf diese beiden Fragen kommt es an. Marianne hat sie zu ihrem eigenen Erstaunen mit einem Besuch auf dem Jugendamt beantwortet. Jetzt hat sie ihre zehnjährige Pflegetochter Fina, die den langen Küchentisch voll krümelt. Seitdem macht ihr auch die Arbeit als Schulleiterin wieder Spaß. "Es hatte einen Sinn, dass ich mich damals so entschieden habe", sagt sie, "der Sinn heißt Fina." Ich finde, das ist eine tröstliche Einsicht. Dass es Entscheidungen geben kann, die eines Tages ihren ganz neuen Sinn offenbaren. Dass es nicht immer die große Lösung sein muss, weil andere, kleinere, genauso richtig sind. Dass es, wie der Theologe Dietrich Bonhoeffer geschrieben hat, "erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche gibt". Einen liebevollen Sohn zum Beispiel, der mir für diesen Artikel hoffentlich eine lange Fußmassage geben wird.

Interview: "Vieles können wir nachholen"

Was die Psychologin Heike Gerdts über verpasste Chancen sagt, klingt durchaus tröstlich.

BRIGITTE-woman.de: Woran erkenne ich, ob ich richtig gelebt habe?

Gerdts: Unsere Identität ist auf fünf Säulen aufgebaut: Beruf, Partnerschaft, soziales Umfeld, Körper und Gesundheit, Werte und Normen. Je größer meine Zufriedenheit mit den fünf Bereichen, desto stärker mein Empfinden, richtig gelebt zu haben. Wenn ich eine der Säulen in Frage stelle, kann mein Leben noch immer rund laufen, sind es drei und mehr, bricht es zusammen.

BRIGITTE-woman.de: Und wenn ich mir eingestehen muss, bei einer Säule falsch entschieden zu haben?

Gerdts: Dann können Gefühle von Verzweiflung, Ärger, Traurigkeit, auch Hoffnungslosigkeit aufkommen. Alles in uns fokussiert sich auf dieses scheinbare Versagen. Wir sind blind und deshalb ungerecht dem gegenüber, was in unserem Leben gut gelaufen ist.

BRIGITTE-woman.de: Dann entsteht das lästige "Hätte ich doch damals bloß"-Gefühl. Wie gehe ich damit um?

Gerdts: Reue kann man kognitiv, also vom Verstand her, und emotional angehen. Ich muss mich fragen, warum ich mich seinerzeit so und nicht anders entschieden habe. Wenn ich damals zu einer Sache Nein gesagt habe, hatte das seine Gründe, die muss ich mir erneut bewusst machen. Warum habe ich zum Beispiel keine leitende Funktion? Die Antwort könnte lauten: weil ich Angst vor Verantwortung hatte, keinen 16- Stunden-Tag wollte, Leuten keine unangenehmen Dinge sagen mag. Wenn mir das klar geworden ist, muss ich mir Zeit nehmen für Gefühle wie Trauer, Bedauern, Ärger. Das kann manchmal Monate dauern und eventuell therapeutische Hilfe erfordern.

BRIGITTE-woman.de: Ist denn jede Entscheidung, die wir bereuen, tatsächlich falsch?

Gerdts: Kommt darauf an. Manchmal kommt uns eine Entscheidung nach Jahren plötzlich falsch vor. Aber wenn wir uns prüfen, stellen wir fest, dass es damals zum Beispiel durchaus richtig war, sich gegen Kinder zu entscheiden, weil uns der Start in den Beruf wichtiger war. Dann gibt es Entscheidungen, bei denen einem einfach ein Quäntchen Mut fehlte und man jetzt weiß: Ich hätte die Kraft doch gehabt.

BRIGITTE-woman.de: Wie verhalte ich mich zu meinen verpassten Chancen?

Gerdts: Destruktive Reaktionen helfen nie weiter. Besser ist es, sich positiv und vorausschauend zu verhalten. Manches Verpasste lässt sich zumindest teilweise nachholen. Keine Kinder? Es gibt Paten- oder Pflegekinder. Nicht Psychologie studiert? Die Telefonseelsorge sucht ständig Volontäre. Medizinstudium abgebrochen? Die Volkshochschule freut sich über Dozentinnen. Es gibt ein Leben nach der Reue.

BRIGITTE-woman.de: Und wenn ich die Reue am liebsten nur verdrängen möchte?

Gerdts: Verdrängung ist ein reifer Abwehrmechanismus und kann sehr heilsam sein. Selig ist, wer vergessen kann, was nicht mehr zu ändern ist.

BRIGITTE-woman.de: Erstaunlich, dass eine Psychologin das sagt.

Gerdts: Wir müssen nicht alles im Leben aufarbeiten, wir dürfen uns auch mal ablenken. Yoga und Sport können dabei helfen. Laufen Sie dem Zergrübeln davon, und tun Sie nebenbei etwas für die Gesundheit!

BRIGITTE-woman.de: Gehen Frauen und Männer anders mit verpassten Chancen um?

Gerdts: Ja, völlig anders. Männer sind darauf gepolt, alles zu können, zu wissen, zu wuppen. Deshalb können sie schwer zugeben, dass sie etwas falsch gemacht haben. Sie spüren einen diffusen Frust, aber ihnen fällt es schwerer, darüber zu reden; also gehen sie eher in den Aktionismus. Wenn sie sich in ihrer Ehe unglücklich fühlen, suchen sie sich vielleicht eine Geliebte; wenn's im Beruf nicht klappt, laufen sie Marathon oder arbeiten wie besessen. In Krisenzeiten können sie auch stark alkoholgefährdet sein. Frauen fühlen sich eher schuldig, neigen dann zum Grübeln, schlimmstenfalls zu Depressionen. Andererseits: Da sich Frauen leichter anderen anvertrauen können als Männer, holen sie sich eher Rat, bei guten Freundinnen oder auch von professioneller Seite.

Text: Evelyn Holst Foto: Getty Images
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