Ein Zimmer für mich allein

Verrückt eigentlich: Manchmal dauert es Jahre, bis wir uns einen Rückzugsort vom Alltag gestatten. Zum Auftanken, Nachdenken, Glücklichsein.

Petra Würth, 50 Jahre

"Frauen haben die Tendenz, sich aufzulösen", sagt Petra Würth. Familie, Haushalt, Beruf und ständige Erreichbarkeit haben die Hamburger Kriminalautorin eines Tages den Entschluss fassen lassen, nach einem eigenen Zimmer Ausschau zu halten. "Ihr habt doch genug Platz, du wirst doch wohl zu Hause eine Ecke finden, in der du arbeiten kannst", schlug ihr als Reaktion entgegen. Petra Würth hat es ausprobiert, jahrelang. Doch das Haus, in dem sie mit ihrem Mann und ihrem achtjährigen Sohn lebt, war es, das sie nicht arbeiten ließ.

"Ich hatte ständig das Gefühl, dass unser Haus Ansprüche an mich stellt. Ich hatte das Gefühl, dass nicht ich das Haus besitze, sondern das Haus besitzt mich. Wohin ich sah, fiel mir etwas auf, das endlich in Angriff genommen werden müsste. Dort blätterte der Lack, ein Fußboden müsste mal wieder versiegelt werden, und im Garten gab es auch viel zu tun. Die Wäsche müsste gewaschen, die Spülmaschine ausgeräumt werden. In unserem Haus konnte ich nicht in Ruhe arbeiten, weil dort ständig an mir gezogen und gezerrt wird."

Ein Zimmer ohne Internet kann der perfekte Rückzugsort sein

Petra Würth machte sich auf die Suche nach einem Zimmer für sich allein. Und fand es schließlich in einer Bürogemeinschaft auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Seit einem Jahr geht sie nun regelmäßig in ihr Arbeitszimmer, wo es zwar einen Computer, aber kein Internet gibt, kein Telefon, nicht einmal Blumen. So kommt die 50-jährige Autorin erst gar nicht in Versuchung, sich von ihrer eigentlichen Arbeit – dem Schreiben – durch das Verfassen von E-Mails oder das Wechseln von Blumenwasser abzulenken.

Kilometerweit entfernt vom Alltag.

"Vom ersten Moment an hatte ich das Gefühl, in diesem Zimmer gut arbeiten zu können", sagt sie. "Kaum habe ich hier die ersten Sätze gelesen, bin ich wieder in der Geschichte, die ich gerade schreibe. Es kommt mir vor, als wäre ich in diesem Raum, in meinem Raum, kilometerweit entfernt vom Alltag."

Tatsächlich kilometerweit weg ist Martina Dias, 43, wenn sie die Tür ihrer Zweizimmerwohnung hinter sich zuzieht. Nur ihr Mann und ihr Sohn, mit denen sie in einem anderen Stadtteil in einem Reihenhaus lebt, und ganz wenige andere Menschen wissen, wohin die freiberufliche Projektmanagerin regelmäßig geht. An der Klingel ihres Rückzugsortes steht der Name eines Freundes. "Ich hätte mir auch in unserem Haus einen Raum für mich einrichten können, aber das hätte mir nicht genügt. Ich war sehr krank und nutze mein Reich unter anderem, um zur Ruhe zu kommen, um zu regenerieren. Hier motiviere und aktiviere ich mich. Es gibt keine Störungen. Die Wohnung gibt mir Sicherheit, und ich genieße die Anonymität. Hier kann ich atmen und meine Kreativität ausleben. Ich empfinde das als Luxus, als Luxus, den ich mir selbst erarbeitet habe."

Martina Dias, 43 Jahre

Damit meint Martina Dias nicht nur, dass man finanziell dafür aufkommen muss, sich eine kleine Wohnung oder eine Schreibstube mieten zu können, sondern auch, dass sie es sich wie die meisten Frauen erarbeiten musste, der Sehnsucht nach einem Zimmer für sich allein nachzugeben – und dies gegen eventuellen Widerstand Angehöriger. "Es dauert, bis eine Frau einen solchen Entschluss fasst, sich einen Rückzugsort zu suchen. In meinem Fall hatte das einen interessanten Lerneffekt für die Familie. Doch ich hatte meinen Entschluss, ich habe keine Frage in den Raum gestellt. Mittlerweile merken mein Mann und mein Sohn, dass mein Fortsein ihnen gut tut, wenn es mir gut tut."

Das eigene Zimmer, ein Sehnsuchtsort für viele Frauen, ob sie es beruflich nutzen wollen oder auch nicht. Das Refugium als lebensnotwendiger Rückzugsort, um Kräfte zu sammeln, ist Thema vieler Romane und Kurzgeschichten. Wie in Virginia Woolfs anrührendem Essay "Ein Zimmer für sich allein" oder Doris Lessings schöner und trauriger Geschichte "Zimmer neunzehn", in der sich eine überforderte Ehefrau und Mutter regelmäßig heimlich für ein paar Stunden in einem Hotel einmietet. "Das Zimmer war, wie Hotelzimmer sind, anonym, genau das, was Susan so dringend brauchte. Sie steckte einen Schilling in die Gasheizung und setzte sich in einen schäbigen Sessel, die Augen geschlossen, den Rücken zu einem schmuddeligen Fenster. Sie war allein. Sie war allein. Sie war allein. Sie fühlte, wie der Druck von ihr wich . . . "

Ein eigener Raum macht glücklicher.

"Frauen funktionieren rund um die Uhr für andere, nur für sich nicht", sagt Martina Dias. "Wenn es tatsächlich mal um sie geht, schrecken sie zurück, haben Ausflüchte: der Mann, die Kinder. . . Ich kann Frauen nur ermuntern, sich regelmäßig zum Auftanken zurückzuziehen. Es würde den Frauen helfen, glücklicher zu werden. Und man muss in sich Glück empfinden, um es weitergeben zu können."

Ein großes Glücksgefühl empfindet Susan Matthei, 65, wenn sie in ihrer Küche sitzt. "Die Küche ist mein Raum, mein Kokon, nicht mehr zentraler Ort der Familie, sondern meine Pufferzone zur Außenwelt." Susan Matthei ist Amerikanerin und hat sich in New York als Sozialarbeiterin um vernachlässigte Kinder gekümmert. Später studierte sie Kunstgeschichte. Seit 29 Jahren lebt sie in Hamburg. Sie sammelt Bilder, dänische Kunst der Klassischen Moderne. Alle Wände in der Altbauwohnung, in der sie mit ihrem deutschen Mann lebt und mit ihm zwei Töchter großzog, sind voll mit Gemälden. Jedes Zimmer ist besonders, und doch ist es die Küche, die der bevorzugte Raum der Sammlerin ist.

An meinem Küchentisch fühle ich mich geborgen.

Schon paradox, dass es ausgerechnet eine Küche ist, denn viele andere Frauen nutzen die Gelegenheit, um wenigstens beim Kochen und Abwaschen mal die Tür hinter sich zuziehen, um allein sein zu können – was der Familie meistens nur recht ist. Bei Susan Matthei ist es anders. In ihrer Küche erinnert heute nur noch wenig an Küchenarbeit. "Sicher, als die Kinder klein waren, war ich hier vor allem mit der Zubereitung von Essen beschäftigt. Inzwischen sitze ich hier und lese, meditiere oder denke über Bilder nach. Ich höre Musik und gehe oft nicht mal ans Telefon. Morgens schreibe ich Ideen auf oder Briefe an meine jüngere Tochter, die in New York lebt. Wenn ich an meinem Küchentisch sitze, fühle ich mich wohl und geborgen und habe das Gefühl, meine Kinder sind bei mir. Dies ist mein Raum, weil er so menschlich ist."

Auf einem Bord stehen Fotos von Susan Mattheis Töchtern. Petra Würth hat ein Bild von ihrem Sohn auf dem Schreibtisch aufgestellt. Martina Dias ein Kissen auf ihrem Bett, das ihr Sohn genäht hat. Kleine Erinnerungen an die Kinder und zugleich der große Genuss, diese für einige Zeit auf Distanz zu haben. "Mein Raum macht mich ruhig", sagt Petra Würth. "Ruhig und gelassen. Ich betrete ihn meist hektisch, nachdem ich mich über irgendetwas oder irgendwen geärgert habe, setze mich an meinen Schreibtisch und frage mich kurz darauf, worüber ich mich eigentlich so aufgeregt habe. Mein Raum hat etwas Ausgleichendes, weil er zu hundert Prozent der meine ist, und er beschützt mich."

In "Ein Zimmer für sich allein" schrieb Virginia Woolf in den zwanziger Jahren darüber, wie notwendig es sei, dass Frauen ein eigenes Zimmer hätten, ein Zimmer, das ihnen erlaubt, das zu tun, was sie gern tun möchten. "Viele Frauen beneiden mich um meinen Raum", sagt Martina Dias. "Dennoch kommen sie nicht auf Idee, sich ein Zimmer einzurichten, weil man das anscheinend nicht tut, was ich getan habe." Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, dann werden aus ehemaligen Kinderzimmern Bügel- oder Gästezimmer. Diese stehen dann meistens leer.

Es ist wichtig, ein eigenes Reich zu haben", meint auch Fiona Bennett, 39, Hut-Designerin in Berlin-Mitte. "Es muss nicht groß sein, es geht nur darum, dass man gelegentlich die Tür hinter sich schließen und sagen kann, hier ist alles so, wie ich es gern möchte. Dafür braucht man Durchsetzungskraft. Frauen sind eher so, dass sie auf alles und jeden Rücksicht nehmen und zuletzt an sich selbst denken. An sich selbst denken, das muss man lernen." Fiona Bennett ist selbständig und alleinerziehend. Sie trennt die Worte und sagt: "Selbstständig heißt selbst und ständig. Ich bin allein und erziehend." Die Hutgestalterin machte ihre Ausbildung in einer Zeit, als Hüte noch, wie sie sagt, eine "Resignation in Filz" waren, und erkannte die Möglichkeit, durch ihre Kunst Gesichter hervorzuheben oder zu verschleiern.

Die Wohnung, die sie gemeinsam mit ihrem zehnjährigen Sohn bewohnt, liegt unweit ihres Geschäftes. "Mein Raum ist erst wirklich meiner, wenn mein Sohn schläft", sagt Fiona Bennett. "Kinder sind gern dort, wo Eltern sind. Also lebe ich in meinem Raum hauptsächlich am Abend. Ich zünde mir dann Kerzen an, gestalte mir ein kleines Fest."

Frauen lieben es, persönliche Dinge um sich zu haben.

Ein riesiges Bettsofa, ein Schreibtisch und eine kleine Bibliothek. Hier betreibt Fiona Bennett Recherchen, zeichnet Entwürfe oder sieht DVDs. Ihre besondere Federsammlung lässt sich hier ausbreiten und Inspiration für neue Hutmodelle sein. "Frauen lieben es, persönliche Dinge um sich zu haben, kleine Dekorationen oder Altäre. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn irgendein Kinderspielzeug dagegenfliegt oder Socken vom Mann. Das wäre die Zerstörung des kleinen Reiches."

Die eigenen kleinen Reiche der Frauen unterscheiden sich von den Räumen, die gemeinsam mit der Familie bewohnt werden. "In einem gemeinsamen Haus macht man immer Kompromisse, die die Einrichtung betreffen", sagt Petra Würth. "Ich würde dort einiges anders einrichten, genauso würde mein Mann vermutlich ein paar Dinge anders gestalten. Das Schöne an meinem eigenen Zimmer ist, dass für mich dort alles stimmig ist." Martina Dias würde niemals in einem gemeinsamen Wohnzimmer so viele persönliche Dinge wie in ihrem Reich anhäufen. "Zu Hause stimme ich die Dinge bereits beim Kauf genauer aufeinander ab. Hier, in dieser Wohnung, ist einfach alles so entstanden, ich habe mir nicht viele Gedanken darüber gemacht."

Auch Susan Mattheis Küche unterscheidet sich in einem Punkt von den übrigen Räumen. "Rot", sagt sie lächelnd. "Hier ist viel in Rot, in chinesischem Rot. Ich könnte nicht ohne Rot leben." Martina Dias lacht. "Rot, das ist meine Farbe! Und hier in meinen Räumen kann ich damit so viel gestalten, wie ich will. Zu Hause geht das nicht, dort dominiert eine Farbe, die beruhigender ist: Grün." Eine Wand in Petra Würths Schreibzimmer ist blau. "Blau steht für Intuition und Kreativität. Aber ich liebe Rot, denn Rot bedeutet Energie." Ein Kissen, ihr liebstes Bild und ein Notizbuch sind in Rot gehalten.

Rot findet sich auch in den Räumen eines Bauernhofes in Niedersachsen, auf dem Ute Vinnen, 45, mit ihrer Familie lebt. Vor 19 Jahren zog sie hierher und renovierte mit ihrem Mann das große Haus. Sie haben vier Söhne und betreiben eine Bio-Landwirtschaft, Schwerpunkt Kartoffeln. "Ich kenne solche Zeiten, in denen ich denke, ich müsste mal raus und für mich allein sein. Ich bin dann schon öfter allein verreist." Diese Kurzreisen haben Ute Vinnen jedes Mal gestärkt zurückkommen lassen – für einige Zeit. "Nachdem ich jahrelang nicht zugelassen hatte, auch nur darüber nachzuden ken, welche Bedürfnisse ich habe, begann ich mit 40 Jahren endlich zu überlegen: Soll das jetzt eigentlich immer so weitergehen – nur Kinder, Mann und Hof?"

Rückzugsort bedeutet: eine Tür hinter sich zuziehen zu können

Vor einem Jahr begann Ute Vinnen, die sich als Hausfrau bezeichnet, Cello zu spielen. "Ich kann nicht sagen, wie ich darauf gekommen bin. Es hat mich einfach gereizt. Und es macht mir Spaß, obwohl es nicht einfach zu erlernen ist." Und es gibt ihr Kraft, den Alltag zu bewältigen. Der älteste Sohn ist zwar inzwischen ausgezogen, kommt aber oft mit seiner Freundin zu Besuch. Die drei anderen Söhne sind zwischen 15 und 18 Jahre alt und müssen von ihrer Mutter ständig zur Schule, zum Sport, zu Freunden, zum Musikunterricht gefahren werden. Im Haushalt und Hof fällt sehr viel Arbeit an, da ist es gut, dass es eine Tür gibt, die Ute Vinnen regelmäßig hinter sich zuziehen kann.

Ute Vinnen, 46 Jahre

Manchmal verschwinde ich einfach.

In einem Raum mit Miniküche stellt sie Naturseife aus pflanzlichen Ölen her. "Damit mir die Seife gelingt, muss ich sehr konzentriert sein. Deshalb sage ich manchmal keinem Bescheid, wenn ich hinter der Tür verschwinde, ich verschwinde einfach." Zuweilen liest sie hier in der Bibel und betet, denn auch darin findet Ute Vinnen Zuversicht und Kraft. Ihre Seifensiederei mit gemütlicher Sitzecke und einem wunderbaren Blick in den Garten muss Ute Vinnen immer mal wieder verteidigen, denn zu gern würden gelegentlich die übrigen Familienmitglieder diesen Ort beanspruchen. Doch es ist der einzige Raum, in dem Ute Vinnen tatsächlich "verschwinden" kann, in dem niemand Ansprüche an sie stellt, aus dem sie nach ein oder zwei Stunden gestärkt zurückkehrt – wie nach einer Kurzreise.

Vier Söhne, ein großer Bauernhof, ehrenamtliche Arbeit in einem christlichen Verein, der sich um Kinder kümmert, deren Mütter nach der Entbindung nicht dazu in der Lage sind. Die Kraft dafür schöpft sie nicht zuletzt aus ihrem Glauben – und ihrem Refugium. "Mein Mann ermutigt mich in allem. Er ermöglicht mir meine Freiräume, so, wie ich ihm auch die seinen ermögliche." "Sie war entschlossen, ihr Leben so einzuteilen – gleichgültig, was sie auf sich nehmen musste, dass sie diese Einsamkeit häufiger genießen konnte", schreibt Doris Lessing über ihre Heldin Susan. Susan jedoch hat keine Chance. Vorbei die Stunden des stillen Glücks, als ihr Mann der Gattin hinterherspioniert, in der Annahme, sie träfe sich in "Zimmer neunzehn" mit einem Liebhaber. Es gibt offenbar Männer, die nicht viel verstehen. Was ist schon eine Affäre gegen ein Zimmer für sich allein?

Zum Weiterlesen: Anke Gebert: „Frauenräume“. Mit Fotos von Ute Karen Seggelke, Gerstenberg, 199 S., 24,95 Euro Virginia Woolf: „Ein Zimmer für sich allein“. Jetzt unter „Ein eigenes Zimmer“, Fischer, 130 S., 8,95 Euro Chris Casson Maddon: „Ein Zimmer für SIE allein“. Mit Fotos von Jennifer Lévy, Gerstenberg, 224 S., 26 Euro Anne Morrow Lindhberg: „Muscheln in meiner Hand“, Piper, 131 S., 7 Euro) Doris Lessing: „Zimmer neunzehn“ in „Zwischen Männern“, dtv, nur noch antiquarisch erhältlich Michael Cunningham: „Die Stunden“, btb, 221 S., 9 Euro

Text: Anne Geber Fotos: Sabine von Breuning
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