Orte, die wir meiden

Schlechte Erinnerungen an ein romantisches Hotel, einen Traumstrand auf den Malediven, ein belangloses Kaff zwischen Flensburg und Passau - auf der Landkarte unserer Gefühle gibt es Orte, die wir meiden wie ein Vampir den Sonnenschein. Weil wir hier mit dem Ex glücklich waren - oder auch todunglücklich.

Als die Liebe noch sehr frisch war, fand sie es total niedlich - seine nasse Hand in ihrer, bei jedem Flug, vom Abflug bis zur Landung. Warum sollte nicht auch einmal eine Frau ihren Mann beschützen? "Er ist eben ein Mann, der zu seinen Ängsten steht", hatte sie ihn vor ihren Freundinnen verteidigt, die seine Flugangst unmännlich fanden, und ihm den Schweiß von der Stirn gewischt.

Bis auf seine "Flugmacke", wie sie es nannte, war Philipp, 42, feste Anstellung, keine Bindungspanik, ein echter Glücksgriff. Ganz besonders, wenn man wie Anne, 44, schon viele ehescheue Frösche geküsst hatte, die alle nicht zu Prinzen wurden. Außerdem konnte man nach Paris oder Palermo ja auch mit der Bahn fahren. Doch es gab noch andere Macken. Schlimmere.

Drei Monate nach ihrer ersten Nacht lud Annes beste Freundin sie zu ihrem 40. Geburtstag nach Celle ein. Sie erzählte Philipp davon, er wusste, dass sie ihn zu diesem Anlass offiziell in ihren Freundeskreis einführen wollte. "Ich freue mich", sagte er, "wo wohnt sie denn?" - "In Celle", sagte Anne, und er erbleichte. "Tut mir leid, aber nach Celle fahre ich nie wieder. Schlechtes Karma." Dann hatte er keinen weiteren Erklärungsbedarf, sie umso mehr. Sie drängte, bis er ihr die Wahrheit gestand. In Celle lebte ihre Vorgängerin, die ihm das Herz gebrochen hatte. "Nie wieder Celle!", rief er. "Die Stadt ertrage ich nicht mehr."

Schlechte Erinnerungen setzen diese Stadt auf den persönlichen Index

Nun war sicherlich ein Leben auch ohne Celle denkbar, nur ergab es sich in diesem Falle ungünstig, dass Anne zwei Jahre in dieser Stadt gelebt und dort noch einen großen Freundeskreis hatte. Und da Hamburg in Spuckweite lag, fuhr sie oft dorthin. Zum Doppelkopfspielen, Grillen, Ratschen. Jetzt hatte sie ein Problem. Und zwar ein Sensibelchen, in das sie noch immer sehr verliebt war, das leider ausgerechnet diese Stadt auf seinen ganz persönlichen Index gesetzt hatte. Und hartnäckig jede weitere Diskussion darüber verweigerte.

Neben der zunehmenden Gereiztheit, die Anne verspürte, weil sie sich auf einmal entscheiden musste zwischen Celle und Philipp, stieg eine leichte Sorge in ihr auf: Was bedeutete es, wenn der Mann, den sie liebte, es nicht in der Stadt aushielt, in der die Frau lebte, die er einmal geliebt und die ihm das Herz gebrochen hatte? Dass unglückliche Vergangenheit wichtiger für ihn schien als glückliche Gegenwart, deutete doch eindeutig auf einen Restbestand von Liebe und Sehnsucht hin. "Er war noch nicht durch mit ihr", sagt Anne und stellte ihm nach weiteren sechs Monaten ein Ultimatum. "Ich lasse mich nicht erpressen, ich brauche meine Zeit", sagte er und entschied sich gegen sie und gegen Celle.

"Wahrscheinlich ist es besser so", hat sich Anne das schmerzliche Ende schön geredet, "wer weiß denn, ob er jemals frei sein würde?" Das Herz ist ein sehr widerstandsfähiger kleiner Muskel, hat Woody Allen einmal gesagt. Und ein sehr komplizierter und besitzergreifender. Das ist unser Dilemma - unsere Liebe soll einzigartig sein! Nie wieder soll der Sternenhimmel in Südafrika so funkeln, soll Venedig so glitzern, sollen die Nächte so heiß und unvergesslich sein wie mit uns! Natürlich wollen wir einen Partner, der loyal und treu ist, keinen Mann, der Frauen und Gefühle wegschmeißt wie gebrauchte Tempotaschentücher.

Natürlich wissen wir, dass es vor uns andere gab. Trotzdem wollen wir die Schönsten, Klügsten und Begehrenswertesten sein. Einzigartig. Wenn wir die Bühne betreten, soll alles ausgelöscht sein, jede Erinnerung, jedes Ritual, jedes Gefühl, das nichts mit uns zu tun hat. Aber ausgelöscht bedeutet nicht ausgelutscht.

Wir wollen nicht auf "ausgelutschten" Pfaden wandern wie die 39-jährige Bankangestellte Gabi, die ihren ersten Liebesurlaub mit ihrem Kollegen Wolf in einem Traumhotel auf Long Island verbrachte. Alles stimmte - das Wetter, der Strand, das Hotel, nur der Satz des Empfangschefs nicht, der sie freundlich mit "Herzlich willkommen, alles wie immer?" begrüßte.

Wie immer? Was Gabi extrem befremdlich fand, war für Wolf völlig normal. "Hier gefällt es mir halt am besten", sagte er und begriff nicht, warum sie sich so aufregte, "warum soll ich auf Long Island verzichten, nur weil ich mit anderen Frauen hier war?" Aber in dasselbe Hotel? In dasselbe Zimmer mit demselben Bett? "Ich hab mich total entwertet und austauschbar gefühlt", sagt Gabi, "der Gipfel war, als Wolf mich mit den Worten 'Das hat allen meinen Frauen immer gefallen' in ein romantisches Hummerlokal direkt am Strand einlud. Er war fassungslos, als ich zu heulen anfing."

Auch Wohnungen sind Orte voller Psychoklippen, in allen Ecken stecken Gefühle und Erinnerungen, stecken Glück und Schmerz. "Wolfs Verhalten zeigt einen verborgenen Konflikt", meint der Hamburger Psychologe Oskar Holzberg dazu, "es ist zwanghaft und unsensibel, außerdem hat er ein unbewusstes Dominanzbedürfnis, das sagt: Ich kenn mich hier aus, aber du nicht. Ein Dominanzverhalten, das sich in diesem Fall auch auf das eigene Schicksal erstreckt.

Die alte Partnerin ist zwar nicht mehr da, aber ich kann dafür sorgen, dass zumindest die alten Umstände noch dieselben sind." Deshalb traute die 41-jährige Verkäuferin Margot auch ihren Augen nicht, als sie zum ersten Mal das Haus betrat, in dem ihr geschiedener Mann mit ihrer Nachfolgerin eingezogen war. "Ich hatte das Gefühl, als gucke ich spiegelverkehrt in mein eigenes Heimeigenes Heim", sagt sie, "alles war wie bei mir. Die Möbel, die Farben der Gardinen, die Hortensien im Garten, die Farbe der Klobrillen. Sogar seine neue Tochter hat er Marie genannt, unsere gemeinsame heißt nämlich Maria."

Ja, es kann kompliziert und schmerzhaft sein, sich aus seinem alten Leben zu häuten und in ein neues einzutauchen, das gilt ganz besonders, wenn man zusammenzieht, denn in allen Ecken einer Wohnung stecken Gefühle und Erinnerungen, stecken Glück und Schmerz. Um an diesen Psychoklippen nicht zu zerschellen, braucht man Fingerspitzengefühl, egal ob man einziehen lässt oder selbst einzieht.

Natürlich will man nicht ein altes Ehebett mit dem neuen Partner teilen, womöglich noch mit dem Geruch der Vorgängerin in der Matratze, aber deswegen das gemütliche Sofa entsorgen oder die schöne Altbauwohnung mit dem günstigen Mietvertrag aufgeben? Muss der Kleiderschrank, in dem die Vorgängerin ihre Wäsche aufbewahrte, verschwinden oder nur mit Sagrotan geschrubbt werden? Gabi, die ein halbes Jahr nach ihrem missglückten Liebesurlaub in Wolfs Wohnung zog, kämpfte mit einem Dilemma der tragikomischen Art.

Die Frau vor ihr hatte sich nach Neuseeland abgesetzt und eine Wohnungseinrichtung hinterlassen, die bis aufs i-Tüpfelchen Gabis eigenem Geschmack entsprach. "Blöd von mir, aber ich musste einfach meinen eigenen Stempel draufdrücken", sagt Gabi, "also hab ich neue Gardinen gekauft und auf einem neuen Bett bestanden, obwohl das alte tadellos war."

Orte sind so wichtig, weil sie mit emotionaler Bedeutung aufgeladen sind, sagt Oskar Holzberg, "wir haben starke Empfindungen für Räume und Orte, denn das Erste, was man braucht, wenn man geboren wird, ist Raum. Ein Platz in der Familie, der einem gewährt wird, weil es bedeutet: Es ist okay, dass du da bist, nimm Platz." Blitzschnell markieren wir unsere Reviere, sagen "Das ist mein Platz", in Bus, Bahn oder Kino, fühlen uns vergewaltigt, wenn jemand in unsere Wohnung einbricht.

Verbrannte Orte sind Orte, die noch weh tun, Lebensthemen, die, positiv und negativ, längst nicht abgelebt sind. "Da ist noch eine psychische Ladung drauf", meint Oskar Holzberg, "eine offene Wunde, die bisher nicht verschorft ist." Das kann das Elternhaus sein, die alte Schule, die Stadt unserer ersten großen Liebe - Orte, an denen uns Liebe und Lust, Trauer und Verlust begegnet sind, prägen uns ein Leben lang.

Manchmal wird die Prägung schwächer, manchmal vergessen wir, dass es sie je gegeben hat. Dann ist der Schmerz nur noch eine sanfte Ahnung, mit der wir leben können, und keine schmerzliche Wucht, die wir nicht aus zuhalten glauben. Doch bis dahin wird bei jeder Wiederbegegnung eine manchmal längst verloren geglaubte Konditionierung aktiviert, wie bei einem Hund, der beim Glöckchenklingeln anfängt zu sabbern, weil er auf sein Fressen wartet. Das reißt alte Wunden wieder auf und tut weh.

Natürlich fragt sich dann der neue Partner zu Recht, ob die alte Beziehung deswegen nicht abgeschlossen ist, weil noch immer alte Gefühle im Spiel sind. Verbrannte Orte werden beidseitig beladen, vom einen mit der Erinnerung an vergangenes Glück, vom anderen mit Unsicherheit und quälender Fantasie. Da ist er mit ihr glücklicher gewesen als mit mir! Liebt er mich überhaupt? Doch manchmal brauchen wir länger, als wir dachten, um alte Wunden zu verarbeiten, dann ist Abstinenz, das Meiden des verbrannten Ortes, für die Heilung unumgänglich. Wie ich selbst mit meinen verbrannten Orten umgehe, ist meine Angelegenheit, aber wie reagiere ich auf die verbrannten Orte meines Partners? Meide ich mein Lieblingslokal, weil ihn dort die Frau verlassen hat, mit der er lange zusammengelebt hat, die er vor mir geliebt hat?

Die 42-jährige Gisela hatte eine Affäre, die sie ihrem Mann später beichtete. Er war bereit, ihr zu verzeihen, aber als sie ihm gestand, ihren Lover auch in der gemeinsamen Wohnung getroffen zu haben, rastete der Ehemann aus. Hat er mit dir auf dem Sofa gesessen? Ja, hatte er. In unserem Bett gelegen? Nein, hat er nicht. Er glaubte ihr nicht und trennte sich von ihr. "Weil er es nicht ertragen hat, dass ein anderer Mann sein Revier angepinkelt hat", glaubt Gisela.

Liebevolles Nachfragen empfehlen Paartherapeuten, keine Hysterie, keine Vorwürfe. Ein Satz wie "Du bist offensichtlich noch nicht fertig damit, kümmere dich darum" ist allemal viel hilfreicher als "Meine Güte, nun reiß dich doch mal zusammen. Wie schlimm kann es sein, mit mir in das Kino zu gehen, in dem sie mit dir Schluss gemacht hat?". Verbrannte Orte können zwar den Start in eine neue Beziehung verlangsamen, sagt Oskar Holzberg, "aber sie sagen uns auch, dass der Partner seine alten Orte schützt, weil er mit uns neue entdecken will. Sie sind der Schorf, den die Seele nach einer Trennung braucht, um zu heilen." Vor ein paar Wochen bekam Anne einen überraschenden Anruf. Es war Philipp, der sie zu einem Stadtbummel einlud. Nach Celle. Sie hat zugesagt.

Text: Evelyn Holst Foto: Thomas Neckermann
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