Ich bin, wie ich bin

Auch wenn andere schöner, klüger oder kreativer zu sein scheinen - diese Frauen haben aufgehört, sich zu vergleichen. Vier Geschichten über neues Selbstbewusstsein.

Die Ex-Managerin

Bei mir war es ein langer Prozess, bis ich mir als Person wirklich vertraute, mit mir zufriedener war. Heute denke ich manchmal: Mensch, Barbara, was hättest du dir oft ersparen können an Hadern und Zweifeln, wenn du dir selbst mehr entgegengekommen wärst. Was hab ich mir früher für Sorgen gemacht: Bin ich gut genug im Job und als alleinerziehende Mutter? Kriege ich auch immer eine gesicherte Existenz auf die Reihe? Wie stehe ich da im Vergleich mit anderen? Warum ist der oder die jetzt befördert worden und ich nicht? Wie viel Zeit und besonders Energie ich für diese Fragen verwendet habe und wie viel von meinem immer noch großen Ehrgeiz! Der hat sich aber mittlerweile aufs Mitmenschliche verlagert. Ich bin offener geworden für andere Menschen, interessiere mich für das Schicksal anderer, habe mehr Mitgefühl. Und begreife jetzt, dass es keinen Sinn macht, die eigene Situation mit der von anderen zu vergleichen. Denn die Frage ist doch nicht: Wie meistert jemand das Leben?, sondern: Wie meistere ich es?

Die Frage ist: Wie meistere ich es?

Wie ich es erreiche, mir selbst nicht im Weg zu stehen, wirklich auf mich und meine Bedürfnisse zu hören, das fordert mich immer wieder heraus. Schlaflose Nächte wie früher, dieses: Schaff ich das?, das habe ich aber nicht mehr. Weil ich mir mein Urvertrauen in mich selbst zurückgeschenkt habe. Auf eine Art bin ich auch gläubig. Ich glaube, dass ich geführt werde von jemandem, einem höheren Wesen, das es gut mit mir meint. Für mich hat sich vieles in meinem Denken sehr relativiert, seit ich vor rund zehn Jahren einen Gehirntumor überlebt habe. Ich bin viel gelassener geworden durch diese Erfahrung, lebe viel mehr im Augenblick, kann nicht mehr nachvollziehen, warum ich mich mal für meine Karriere so abgestrampelt habe. Und als ich dann für meine Bücher* andere Menschen zum Umgang mit ihrer schweren Krankheit befragt habe, da war diese Art von Vergleich doch heilsam. Ich erfuhr von Schicksalen, gegen die mir mein eigenes einfach läppisch vorkam. Das klingt vielleicht komisch, ist aber so. Heute lebe ich bewusster. Ich fühle mich als Mensch, der eine große Reise auf einem mäandernden Fluss unternimmt. Die Stellen, an denen ich nicht weiterkomme, umschiffe ich. Neues, Spannendes folgt an der nächsten Biegung des Stromes.

Die Künstlerin

Für mich bringt es der Philosoph Jiddu Krishnamurti auf den Punkt mit seinem Satz "Willst du dir den Tag vermiesen, dann fange an, dich zu vergleichen". In meiner Kunst war ich viel eher kompromissloser, sie hat mir schon früh geholfen, mich abzugrenzen. Ich habe noch nie darauf geschielt, was die anderen so treiben im Kunstbetrieb. Aber was mich in meinem Alltag angeht, bin ich erst seit einiger Zeit gelassener mit mir selbst. Immer mehr komme ich dahinter, wie wichtig es ist, eigene Maßstäbe zu entwickeln. Wenn zum Beispiel die Mutter eines anderen Kindes wie eine Supernanny durchs Leben geht, lasse ich mich davon nicht mehr ins Bockshorn jagen. Ich fi nde, dass ich das mit meinen zwei Söhnen auch prima hinkriege. Es regt mich auch nicht mehr auf, wenn andere im Leben "besser", "fröhlicher" oder "leichter" klarzukommen scheinen, denn nur im Vergleich mit anderen ärgert man sich, und eigentlich läuft es in unserer Familie doch ganz gut. Eben nach unserem Gusto. Mit etwas Abstand betrachtet, ist vieles von dem, worüber ich mir Gedanken mache, so banal.

Ich messe mich nicht an anderen Künstlern.

Manchmal stelle ich mir vor, ich sei tot und stünde vor Petrus, und dann fragt er: Na, Lillian, was war wichtig in deinem Leben? Dass ich am 10. August 2007 leider 90 Euro mehr bezahlt habe für den Kühlschrank als meine Bekannte, die ihn zur gleichen Zeit im Kaufhaus billiger gekriegt hat, ist dann wirklich unwichtig! Auch mithalten zu wollen mit der Jugend, fi nde ich sinn- und nutzlos. Ich werde nicht jünger. Punkt. Da mache ich mich nur unglücklich, wenn ich ständig darauf schiele.

Wie bei meiner Kunst: Ich beurteile sie schon seit Langem nicht mehr im Vergleich mit anderen. Sie ist mein Universum, andere sind vielleicht besser, aber ich mache eben meine Kunst. Ich nehme wahr, was um mich herum produziert wird, ich habe Vorbilder in der Kunst, ich bewundere viele Künstler. Aber ich messe mich nicht an ihnen. Ihre Kunst ändert nichts an meinem Weg.

Die Sozialpädagogin

Hier kann ich atmen. Hier kann ich die sein, die ich sein will. Hier muss ich mein Lebensmodell nicht verteidigen, hier verstehe ich soziale Kontrolle als Fremdwort. Hier habe ich aufgehört, mich zu vergleichen mit anderen Frauen. Hier, in Berlin - und nicht in meiner alten Heimat, einer Kleinstadt in Norddeutschland. Dort, wo ich an meinem 40. Geburtstag vor vier Jahren nur dachte: "Denise, dir geht's dreckig, das ist nicht dein Leben." Ich guckte auf meine Freundinnen, meine Nachbarinnen, verglich mich mit ihnen: Die genossen ihr Leben, gingen in ihm auf. Ich fühlte mich in meinem dagegen oft fremd.

Aber war ich nicht undankbar? Zwei wohlgeratene Kinder, ein verständnisvoller Ehemann, der meine berufl iche Entwicklung, mein spätes Sozialpädagogikstudium, unterstützte. Ein Haus, ein netter Bekanntenkreis. Und die Gefühle, so wie sie sich "gehören" für eine Mutter, spielte ich gut. Aber innerlich war ich weit weg. Wenn ich meine Familie betrachtete, fühlte ich mich außen vor: Die drei gehörten zusammen. Nicht, dass sie mich ausgeschlossen hätten - ich schloss mich selbst aus. Morgens wäre ich am liebsten nicht mehr aufgestanden. Dabei liebe ich meine Kinder über alles. Ich habe mich dennoch entschieden wegzugehen. Damals funktionierte ich pfl ichtbewusst für sie, mit großen Schuldgefühlen. Und obwohl ich alles für meine Kinder tat, dachte ich, etwas stimmt nicht, ich muss mich anders fühlen. "Du bist nicht die Mutter, die du dir immer vorgestellt hast! Du bist eine Rabenmutter, Denise!" - wie viel Zeit ich damit vertat, mich mit Selbstvorwürfen, mit absurden Vergleichen zu knechten.

Mir ist egal, ob mich andere für eine Rabenmutter halten.

Meine einzige Zuflucht war das Schreiben, schon seit meiner Jugend. In meinen Geschichten geht es viel um Menschen, die sich fremd fühlen in ihrer Umgebung, die sich oft auch selbst fremd sind. So wie ich es mir lange Zeit war. Bevor ich endlich die Frage zuließ: Was willst du eigentlich? Ich saß im falschen Leben, so viel war klar. Ich wollte keine Kleinfamilie, keine Kleinstadt und keinen Ehemann. Ich wollte allein leben. Und ich wollte das Schreiben, die Literatur zu meinem Hauptberuf machen. Plötzlich zerrte ich mein Leben auf den Prüfstand, diesen Mut hätte ich nicht erwartet von mir. Aber ich verging dabei erst mal vor Angst und Selbstvorwürfen: Das kannst du nicht machen, sagte ich mir immer wieder, wegziehen und die Kinder beim Vater lassen - denn dass sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben wollten, wusste ich mittlerweile. . .

Du wirst es nicht aushalten ohne die Kinder, dachte ich. Andererseits spürte ich: Entweder ich werde jetzt krank, oder ich verlasse die Familie. Mit allen Ängsten. Ich ging nicht wegen einer neuen Beziehung, sondern weil mein ganzes Lebensmodell für mich nicht stimmte. Doch immer wieder wurde ich gefragt, vor allem von Frauen: "Warum nimmst du die Kinder nicht mit? Wie hältst du das aus?" Männer, die sich trennen, hören das fast nie.

Der Tag meines Auszugs war so hart, dass ich dachte, ich steh das nicht durch. Aber gleichzeitig spürte ich: Um meinen Kindern eine Mutter von Herzen zu sein, muss ich gehen. Heute kann ich besser für sie da sein, weil ich mein Leben lebe. Wir sehen uns alle zwei Wochen. Und mir ist inzwischen egal, ob mich andere Frauen für eine Rabenmutter halten.

Die Hausfrau

Ich sehe klarer. Von Jahr zu Jahr klarer - was mich selbst betrifft und die Menschen, die mir nahestehen. Ich muss mich nicht mehr messen, ich bin vorsichtiger in meinem Urteil über andere. Früher habe ich mich gern von Konventionen leiten lassen. War eine Frau sehr gebildet und berufl ich erfolgreich, habe ich mich neben ihr gleich minderwertig gefühlt, gesehen, was ich alles nicht bin, nicht habe. Heute schaue ich mir die Menschen im Ganzen an, und dann merke ich oft: Der oder die hat ja auch Probleme, also steht's dir genauso zu, dass du nicht immer perfekt funktionierst. In diesem Sinne finde ich das Vergleichen auch wieder hilfreich.

Was mich manchmal noch wurmt, ist mein Scannerblick, wenn eine andere Frau perfekt aussieht und angezogen ist. Eigentlich habe ich mich ja ziemlich frei gemacht von Äußerlichkeiten, ich habe meinen eigenen Stil, mag meine Figur, ich will's bequem und keine spitzen hohen Schuhe wie mit 20. Und trotzdem: Vor einiger Zeit war ich mit meinem Mann und einem befreundeten Ehepaar im Urlaub und mein Koffer viel schwerer als sonst. Der Grund: Ich wollte neben meiner Bekannten, die hundertprozentig Stil hat, klamottenmäßig dann doch mithalten können. Christa, hab ich mir da gesagt, eigentlich hast du das echt nicht mehr nötig. Eigentlich . . .

Mich anzunehmen, so wie ich bin, mich nicht dauernd zurückzunehmen, wie ich es mal zu Hause gelernt habe, das ist ein langer Weg, und ich falle immer wieder ein Stück zurück. Als ich um die 50 war, habe ich richtig begonnen, mich ganz ehrlich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Habe aufgehört, mich ständig ablenken zu lassen, aufgehört, mich zu vergleichen, hab in mich reingehorcht und gespürt, dass in meinem Leben irgendwas nicht stimmte. Auch wenn auf den allerersten Blick doch alles in Butter war bei mir.

Wenn ich mich jetzt kennenlernen würde, fände ich mich ganz sympathisch.

Langsam wurde mir dann klar, dass ich nicht zu dem stand, was ich leistete. Ich schmiss das ganze Büro in der Firma meines Mannes, tat aber immer, als erledige ich das nebenbei. Vor allem wollte ich als Hausfrau, Mutter und später auch Großmutter gesehen werden. Ich, das Kind einer berufstätigen Mutter, die ständig über ihren Stress geklagt hatte, wollte meinen Stress bloß nicht an der Familie auslassen. Kein Wunder, dass ich oft so fertig war, schwere Neurodermitis hatte, immer wieder Kopfschmerzen. Eigentlich nutzt du dich selbst aus, begriff ich mit der Zeit, alles versuchst du in deiner saublöden Bescheidenheit unter einen Hut zu kriegen. Ja nicht auffallen, war meine Devise damals, andere Frauen schaffen doch solche Doppelbelastungen auch. Da war er wieder, der Vergleich, und völlig sinnlos.

Peu à peu aber habe ich begriffen: Du erkennst deine eigene Arbeit nicht an - und holst dir die Anerkennung auch nicht von außen. Meine innere Messlatte lag so hoch, den härtesten Vergleich lieferte ich mir immer mit mir selbst. Und ich glaube, ich sah mich damals so, wie ich glaubte, von den anderen gesehen zu werden: die fleißige Christa, die kümmert sich schon um alles. Nur um mich selbst kümmerte ich mich nicht, mit mir selbst war ich streng. Bis ich beschloss, mich selbst einfach gern zu haben. Und in der Firma und meinem Mann klarmachte, dass ich meine Arbeit nicht genügend honoriert fand. Niemand nahm es mir übel, eine ganz neue Erfahrung für mich. Heute weiß ich: Wie viel Energie draufgeht, wenn man mit sich selbst hadert, wie viel Freiraum man hat, wenn man zu sich selbst gut ist. Und - wenn ich mich jetzt kennen lernen würde, ich glaube, ich fände mich ganz sympathisch, hilfsbereit, mit Zeit für Töchter und Enkel. Und mit Zeit für mich selbst, für Italienisch und Tanz, für Vorlesungen an der Uni. Ich lebe gerade jeden Moment.

Endlich stark und selbstbewusst

Schluss mit dem ewigen Vergleichen: BRIGITTE WOMAN-Psychologin Dr. Eva Wlodarek gibt Hilfestellung.

Fragen Sie sich: Möchte ich mein Leben umtauschen? Wer vergleicht, hat automatisch einen Tunnelblick. Er schaut nur auf eine einzige Eigenschaft: Die ist schöner, hat mehr Geld, den zärtlicheren Partner, den interessanteren Beruf. Der Rest wird häufig ausgeblendet. Etwa, dass die andere oft krank ist oder Probleme mit ihrer pubertierenden Tochter hat. Beim nächsten Vergleich überlegen Sie: Würden Sie mit dieser Frau, die Ihnen in einem Punkt vielleicht voraus ist, komplett tauschen wollen? Das hilft Ihnen, zu sehen, dass sich auch bei anderen Positives und Negatives die Waage halten.

Geben Sie Ihrer inneren Freundin das Wort Ihre innere Kritikerin liebt Vergleiche: "Schau mal, wie schick deine Kollegin ist! Dagegen siehst du bieder aus." - "Bist du verklemmt. Warum kannst du nicht so locker Smalltalk machen wie die Blonde da?" Das verdirbt Ihnen nur die Laune. Anders ist es, wenn Sie in Vergleichssituationen die scharfe Kritikerin durch eine liebevolle innere Freundin ersetzen. Statt Sie niederzumachen, unterstützt sie Sie sinnvoll: "Okay, du bist zwar nicht so modisch, aber geschmackvoll angezogen." Oder: "Ja, ich weiß, du bist ein bisschen schüchtern, aber du hast ein sympathisches Lächeln und bist offen für ein Gespräch."

Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken Eins steht fest: Es wird immer Frauen geben, die gebildeter, schlanker, jünger, schöner, witziger, tüchtiger, reicher sind. Wenn Sie ständig auf das schauen, was Sie zu wenig haben, gewinnen Ihre Mängel übermäßig an Bedeutung. Die Gegenstrategie: Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken. Fragen Sie sich: Wofür kann ich in meinem Leben dankbar sein? Wo habe ich mehr bekommen als viele andere? Am besten machen Sie das schriftlich. Bei Ihrer nächsten "Vergleichsattacke" nehmen Sie sich Ihre Liste vor. Sie werden staunen, wie schnell Sie Ihre Zufriedenheit wiederfi nden.

Vergleichen Sie sich vor allem mit sich selbst Vergessen Sie nie: Sie sind einmalig. Statt sich also mit anderen zu vergleichen, registrieren Sie lieber Ihre eigenen Fortschritte. Sie ernähren sich inzwischen gesünder? Haben das Rauchen aufgegeben? Bemühen sich, mehr Zeit für Ihre Freunde zu haben? Sind weniger rechthaberisch? Darauf können Sie stolz sein. Und falls Sie mal einen Rückschritt entdecken, machen Sie es wie die Japaner, die das lebenslange Lernen als Kunst betrachten. Sagen Sie sich: Hinfallen kann jeder mal, Hauptsache, man steht wieder auf.

Nehmen Sie sich Ihre Schwächen vor Vergleiche haben manchmal auch ihr Gutes: Sie können Sie motivieren, real vorhandene Schwachpunkte zu erkennen und daran zu arbeiten. Etwa, gelassener zu reagieren oder mehr Kontakte zu knüpfen, sich vorteilhafter zu kleiden. Statt also starr vor Bewunderung oder grün vor Neid zu werden, überlegen Sie lieber ganz nüchtern: Kann ich das auch erreichen? Und wenn ja, was muss ich dafür tun? Sie dürfen sich dabei gern etwas von Ihrem Vorbild abschauen, sollten es aber nicht eins zu eins kopieren. Machen Sie sich einen Plan, der auf Ihre Persönlichkeit und Ihre aktuelle Situation zugeschnitten ist.

Protokolle: Harriet Wolff Fotos: Jörg Klaus
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