Müssen Sie immer im Mittelpunkt stehen?

Dauernd im Mittelpunkt stehen zu wollen, ist anstrengend - und kann sogar richtig danebengehen. Warum viele die Bewunderung anderer brauchen und wie man sich davon freimachen kann.

Stehen Sie schon wieder im Mittelpunkt?

Die Party neigt sich dem Ende zu. In der Küche sitzt Julia inmitten einer Gruppe von Gästen und erzählt von ihrem Urlaub. Nicht, dass Ibiza besonders spannend gewesen wäre. Aber Julia hört sich gern reden. Ein Abend, an dem ihr keine spezielle Beachtung widerfährt, ist ein verlorener Abend. Trotzdem: Später wird sie sich fragen, warum es sie so ins Rampenlicht drängt. Warum sie nicht einfach ganz normal und in Ruhe mit ihrem alten Freund Mario geplaudert hat, den sie schon so lange nicht mehr gesehen hat. An sich ist es nicht schlimm, gern im Mittelpunkt zu stehen. Muss man sich aber sogar Freunden gegenüber profilieren, ist man schnell niedergeschlagen, wenn die Anerkennung ausbleibt. Und: "Wer ständig eine Show abzieht, verlernt, sich wirklich zu öffnen. Beziehungen und Freundschaften werden schwieriger", erklärt der Stuttgarter Diplompsychologe Christof Schuster. Immer die Hauptrolle spielen zu wollen, immer auf der Jagd nach Aufmerksamkeit zu sein - "manche wollen auf diese Art ihr Ego aufpolieren", sagt der Experte. "Aber so eine Selbstdarstellung kann großen Stress bedeuten. Vor allem, wenn man von der Persönlichkeitsstruktur eher der zurückhaltende Typ ist, sich dieses Muster aber angewöhnt hat."

Aus Unsicherheit die Flucht nach vorn antreten

Im Französischen nennt man Menschen, die ständig im Mittelpunkt stehen wollen, "Mastuvu" (zu Deutsch: "Hast du mich gesehen?"). Diese Menschen glauben, ihr Selbstwert hänge davon ab, ob sie gut ankommen und wie sie im Vergleich mit anderen abschneiden. Übersteigerte Selbstsucht ist deshalb in vielen Fällen vergleichbar mit ihrem scheinbaren Gegenteil, der Schüchternheit. Dem Gefühl ihrer mangelnden Selbstsicherheit begegnen "Rampenlicht-Süchtige" mit der Flucht nach vorn. "In seiner ausgeprägtesten Form führt dieses Verhalten zum Krankheitsbild der sogenannten histrionischen Persönlichkeitsstörung", sagt Schuster. Wer darunter leidet, neigt zu theatralischer, affektierter Selbstdarstellung und fordert im Extremfall sogar mit Selbstmordversuchen die Beachtung seiner Mitmenschen ein. Zwar sei eine solche Störung eher selten, bestimmte Züge zeigten sich aber auch in minder schweren Fällen: etwa bei Menschen, die sich in jeder Konferenz als Erste zu Wort melden, weil sie von den anderen bewundert werden wollen.

Schweigen, auch wenn man etwas zu sagen hätte

Wer solch ein Verhalten an sich entdeckt und da runter leidet, sollte sich verdeutlichen, dass der eigene Wert nicht vom Urteil anderer Menschen abhängt. "Man kann die Entscheidung treffen, sich unabhängig vom Feedback der anderen als Person zu akzeptieren - und Gelassenheit entwickeln", sagt der Psychologe. Eine gute Übung sei es, sich manchmal bewusst zurückzunehmen. Etwa in großer Runde zu schweigen, obwohl man sich bei dem Gesprächsthema gut auskennt. Schuster: "Allein, indem man ein Spiel daraus macht, gewinnt man ein Stück Souveränität zurück und ist nicht mehr so sehr in seinem alten Verhaltensmuster gefangen."

Text: Michael Aust

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