Bin ich zickig?

Bin ich zickig? Es gibt Situationen, da werden wir zu einer Karikatur dessen, was wir nie werden wollten: Zicken.

Zicke Franziska Wolffheim

Autorin Abendessen in der Familie, alle zusammen, harmonischer Abschluss des Tages. Warmes Essen, Spaghetti Bolognese, normalerweise ein Selbstgänger. Jonas, das Vorschulkind, heult wütend auf: "Schmeckt nicht! Ich mag keine Möhren!" Ich schlucke. Dany, der jugendliche Pubertist, sagt gar nichts und pult Tomatenstücke aus der Soße, die er auf dem Tellerrand drapiert. Ich ermahne das Krawall-Kind, es protestiert, ich schimpfe, es schreit, ich werde lauter, hasse meine schrille Stimme, wünsche mir eine Super Nanny herbei, die alles für mich regelt.

Aus Rache schlürft Jonas jetzt seine Nudeln, sein Set sieht aus wie ein Fliegenpilz, der Teppich darf auch mitessen. Ich brülle im Duett mit meinem Partner, mit dem ich viel lieber anderes täte, fühle mich lächerlich, ein Königreich für einen dummen Spruch, der mir natürlich gerade nicht einfällt, die Wut blockiert alles. Jonas lacht sein fieses Hexenlachen und schüttelt sich. Danach beschwert er sich lautstark, seine Gelenke würden so blöd knacken. Der Pubertist sitzt währenddessen einfach da und macht seltsame summende Geräusche. Jetzt heult Jonas, er habe Huuunger, und eine Wutrauchsäule steigt über meinem Kopf auf, bestimmt sehen die anderen sie auch. Niemals hätte ich gedacht, dass ich mich so aufregen könnte in einer völlig banalen Family-Soap.

Zicke Karin Weber-Duve

Redaktionsleiterin Da sitzt dieser Lümmel im ICE Fulda-Hamburg, sein Handy hat die fiesesten Klingeltöne aller Zeiten. Töne? Eine Aneinanderreihung von Rülpsern. Der Typ telefoniert mit einem Kumpel, mit dem er das Wochenende "durchgesoffen" hat ("ha, ha, war das nicht komisch, wie wir in die Flasche gepinkelt haben?"). Bei jedem Tunnel schmiert der Empfang ab. Wer die Strecke kennt, hat eine dumpfe Ahnung von der Tunneldichte. Rülpser. ("Hab keinen Bock auf diese Göttingen-Scheiße mit den Studenten-Arschlöchern.") Meine Stimme überschlägt sich: "Sie sind hier nicht allein im Zug." Zustimmung heischend schaue ich in die Runde. Keine Zustimmung. Die anderen vergraben sich feige in ihre Laptops, Zeitungen und Bücher. Tunnel. Rülpser. ("Echt, du, nächste Woche steche ich die geile Dicke an.") Mir schwillt der Hals. "Ich werde mich gleich beim Schaffner beschweren." Die anderen schauen empört hoch, so, als sei ich der Störenfried. Tunnel. Rülpser. Ich bin wütend. Über mich. Warum kann ich nicht Idioten Idioten sein lassen?

Zicke Anna Loefken

Ressortleiterin im Reise-Ressort Die Haustür fliegt auf, eine Horde Kinder stürzt in den Flur, gleich weiter in das Zimmer meiner Tochter. Tür zu, Musik an. Glockenklares Lachen. Und ich stehe im Flur und bin empört. Hektische Flecken breiten sich an meinem Hals aus. Ich verlange ja keinen Knicks oder Diener, aber ein nettes "Hallo, ich bin der Max" – etwas in dieser Richtung wäre doch ganz nett. Oder bin ich unsichtbar geworden? Ich glaube schon. Denn nach kurzer Zeit stolpert ein mir fremdes Mädchen in die Küche, schaut seelenruhig in den Kühlschrank, klemmt sich den Apfelsaft unter den Arm und schnappt sich noch ein Glas aus dem Schrank. Na wunderbar, jetzt haben sie auch die Küche erobert, denke ich. Was tun, bevor sie auch noch in meinem Bett liegen? Meiner Tochter die Schamesröte ins Gesicht treiben und die oberpeinliche Mutter spielen? Will ich eigentlich nicht. Die eigene Wohnung kampflos pubertierenden Rüpeln überlassen aber auch nicht. Ich versuche es mit einer List. Ich serviere eine kleine Eisbombe und rufe: "Roomservice." Erstaunte Blicke. War da etwa ein Hauch von einem Lächeln zu sehen oder gar ein "Oh geil, danke" zu hören? Nun ja, wir müssen wohl alle noch ein bisschen üben.

Zicke Sabine Groß

Kultur-Redakteurin Jahrelang ging es gut. Jahrelang hielt sich jeder an unausgesprochene Basics, die man einfach fürs Wohlbefinden braucht. Zum Beispiel beim Gang ins Kino. Pressevorführung des nächsten Spielberg, Schlöndorff oder was auch immer. In Hamburg gibt es drei Kinos dafür, ein kleines Studio, ein Arthaus-Kino und ein ganz normales Mainstream-Haus. Und in jedem habe ich MEINEN Stammplatz. Denn woanders kann ich nicht sehen, mich nicht konzentrieren. Im Studio ist es die zweite Reihe von hinten ganz links, im Arthaus-Kino die drittletzte Reihe ganz rechts und im Mainstream-Haus im Rang, Reihe sechs, der linke vom ganz rechten Doppelsitz. Ohne dass je jemand darüber ein Wort verlor, war klar: Das ist Sabines Platz! Kein anderer hat hier etwas zu suchen! Und auch nicht auf dem Nachbarsitz! Aber so schleichend, nach und nach, starben die wissenden alten Filmkollegen aus oder wurden schon vorher ersetzt. Dynamisches Jungvolk nahm ihre Stellen ein, ohne jedes Distanzverhalten. Diese unsensiblen Typen hauten sich auf MEINEN Platz (zugegeben, ich war noch nicht da, aber man hat doch schließlich lang ersessene Rechte) oder – wenn ich schon saß – stiegen über meine Knie hinweg und hangelten sich auf den Sitz direkt neben meinem. Obwohl das Kino gerade mal ein Viertel gefüllt war. ICH KANN SO NICHT SEHEN! Heute Morgen habe ich es dann endlich gewagt, habe im Dunkeln stumm grollend meine Sachen gepackt und mich im Arthaus-Kino auf die linke Seite verzogen. Weit weg von ungeliebten Mitsitzern. Zweite Reihe von hinten, Sitz vier. Wunderbar. Das könnte der Beginn einer langen Freundschaft werden. Jedenfalls bis die nächste Filmkritiker-Generation nachgewachsen ist und mich wieder vertreibt.

Zicke Evelyn Holst

Freie BRIGITTEwoman-Autorin Sie sitzen mir im Restaurant gegenüber, meine 17-jährige Tochter und ihr Freund, eine menschliche Brezel mit zwei Mündern, die sich unablässig abschlecken. Sie sind so versunken in ihr Liebesglück, dass die Umwelt, in diesem Falle ich, für sie überhaupt nicht existiert. Ich räuspere mich, ich seufze laut, meine Gereiztheit wächst. Ich fühle mich unwohl und total überflüssig. Klar, ich war auch mal verliebt, aber so in aller Öffentlichkeit? Der Kellner naht mit nachsichtigem Blick. "Wollt ihr was bestellen, oder lebt ihr lieber von Luft und Liebe?" Es sollte lustig klingen, aber ich höre selbst, wie verzickt meine Stimme klingt. "Zwei Spezis, bitte", haucht meine Tochter, um gleich danach wieder im Schlund ihres Liebsten abzutauchen. "Zwei Spezis und ein Wasser", bestelle ich, der Kellner geht, aus der Brezelrichtung kommen noch immer Kuss- und Schmatzgeräusche. Jetzt reicht's aber, denke ich, in mir brauen sich laute, böse Worte zusammen. Reißt euch bitte mal zusammen! Rücksichtslos! Peinlich! Hört sofort auf mit dieser Knutscherei! Der Kellner kommt wieder, stellt die Spezis vor die Brezel, das Mineralwasser vor mich und daneben ein Glas mit einem doppelten Whiskey. "Ich habe daheim auch einen Teenager", lächelt er, "das geht aufs Haus." Wir sehen uns an. "Prost", sage ich, und die Welt sieht wieder freundlich aus.

Zicke Susanne Mersmann

Textchefin Neulich sah ich auf Arte einen kleinen Film über Philippe. Er stand in einem großen Konferenzraum, knietief in Zigarettenkippen, und es wurden die Zeilen eingeblendet: "Philippe hat 33723 Zigaretten geraucht" (oder waren es 45612?). "Philippe ist Nichtraucher." Genau so komme ich mir oft vor: Wenn ich aus der U-Bahn steige, mich auf die frische Brise von der Elbe freue und mir stattdessen der blaue Dunst entgegenweht, weil direkt vor mir jemand gleich beim Aussteigen die Zigarette anzünden musste. Wenn ich den Büroflur entlanggehe und der Qualm schon aus dem Zimmer der Kollegin quillt. Wenn beim Espresso in der Kantine der Qualm in mein Gesicht zieht - egal, wohin sich die rauchenden Kollegen auch setzen.

Das Schlimmste aber sind die Konferenzen. Wenn ich schwer eingenebelt in der Früh-Konferenz sitze. Wenn ich dort nachmittags über Stunden zwischen RaucherInnen eingekeilt bin. Da hilft auch kein wildes Herumwedeln, kein Naserümpfen und demonstratives Aufreißen der Fensterklappe (alles schon versucht). Wenn die Feuerzeuge klicken, tausche ich oft einen verzweifelten Blick mit anderen Nichtraucher-Kolleginnen aus. Wir zucken die Achseln, verdrehen die Augen, fressen den Ärger in uns hinein. Ich habe resigniert.

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