Es ist verboten, toten Kojoten die Pfoten zu verknoten

Unsere Stimme schmeichelt und zetert, sie informiert, ist geschwätzig und manchmal sogar verräterisch. Was sie über uns sagt – und wie wir sie durch scheinbar unsinnige Sätze trainieren können.

Hat Sie schon mal eine Stimme am Telefon gestreichelt? Eine dunkle Stimme, wie warme Erde. Mit einem Timbre – irgendwie rau, leise, herb. Sie streift das Ohr wie ein Lufthauch, verursacht Gänsehaut. Der Unbekannte legt wieder auf und hinterlässt die Frage: Welche Person steckt hinter diesem kribbelnden Swing?

Die Stimme ist ein Hörbuch der Persönlichkeit

Eine akustische Identität, die alle Stimmungen mit einem Schnips herbeizaubern kann. Es hat seinen Grund, dass durch-klingen auf Latein per-sonare heißt. Freudige Stimmen schlagen Purzelbäume, schwingen sich die Tonleiter auf und ab. Töne der Freude sind klar und laut. Traurige Stimmen sprechen gedämpft, nuscheln und verschlucken Silben, leiern in einer Tonlage, Grabesstimmen. Zornige Stimmen durchtrennen präzise jede Silbe, fechten, pressen schneidend ein hartes "Hau ab" heraus. "Komm heeeer", lockt dagegen eine Stimme im Negligé, eingehüllt in einen imaginären Duft von Parfüm. Marilyn Monroes Stimme umarmte mit Moschus, "Happy Birthday, Mr. President". Jede Silbe aus dem roten Schmollmund zärtlich gehauchter Sex.

Die Stimme ist so emotional gefärbt wie unser Gesichtsausdruck

Worte können lügen, Stimmlage, Tonfall, Lautstärke geben Gefühle preis. Auch Akustik und Mimik tanzen eng aneinandergeschmiegt. Ein freundliches Lächeln verzaubert hörbar, selbst wenn es nicht zu sehen ist. Ist eine Freundin am Telefon, erkennen wir schon am "Hallo", ob sie gut oder schlecht gelaunt ist, nur am Klang. Wenn wir mit ihr reden, passen wir uns sogar in Sprechtempo, Tonhöhe und Lautstärke an. Sitzen wir ihr gegenüber, imitieren wir unbewusst ihren Gesichtsausdruck. Wie die Mimik ist auch die Stimme ein Draht zum anderen, emotionaler Klebstoff. Hirnforscher gehen davon aus, dass ähnliche neuronale Netzwerke im Gehirn aktiv sind, egal, ob wir versuchen, den Gesichtsausdruck oder die Stimme einer Person zu deuten. Mit der Stimme tasten wir uns behutsam in die Welt der anderen vor, fühlen uns ein, spiegeln akustisch ihre Emotionen zurück.

Ab dem ersten Schrei auf dieser Welt reagieren wir auf Stimmen. Allein die Stimmmelodie der Mutter beruhigt. Sie betont Silben ungewöhnlich, gern am Schluss eines Wortes, fährt Achterbahn, dreht Loopings, flötet, gurrt und zwitschert. Klingt ziemlich albern. So sprechen wir auch mit Haustieren. Und mit Männern. Ein Singsang, der schon vor der Sprache existierte, meinen Anthropologen. "Haaaa-lloooo, Liiiiebliiiing, ich bin wieder dahaaaa" – mit diesem summenden Tonfall begrüßten sich wahrscheinlich schon Neandertaler- Paare. Und in der fruchtbarsten Zyklusphase klingen Frauenstimmen am attraktivsten.

Die Stimme ist unsere Visitenkarte

Unsere Wirkung auf andere, unsere Ausstrahlung hängt zu 40 Prozent von ihr ab. Trotzdem schätzen wir sie gering. Wir trimmen unsere Bauchmuskeln, bringen unsere Haare in Form, zupfen unsere Augenbrauen, doch für unsere Stimme tun wir nichts. Im Gegenteil. Wir ruinieren sie, weil wir falsch atmen, eine schlechte Körperhaltung einnehmen, uns in klimatisierten Räumen heiser reden. Wer nimmt schon Töne wichtig? Ist doch nur heiße Luft. Nur zwei Oktaven, mit denen sich bis zu 325 Klänge hervorbringen lassen. Aber ein einziger falscher Ton kann ein noch so schönes Äußeres zerstören.

Zugegeben: Nicht jeder kann seine Stimme so frisieren, dass sie Telefonsex-tauglich wäre. Denn wie die Stimme klingt, hängt wesentlich davon ab, aus welchem Holz wir geschnitzt sind: Körperbau, Muskulatur, Kehlkopf, Stimmbänder, Rachen, Nase, Zwerchfell. Die Stimme ist kein Organ, sie ist das hörbare Resultat einer perfekten Koordination verschiedener Organe mit zunächst ganz anderen Aufgaben. 50 Muskeln wirken an ihr mit, manchmal auch ganz unvermutet: "Die Arschbacken zusammenkneifen und zwei Zentner stemmen", verriet Tenor Enrico Caruso seinen Trick, um das hohe C hervorzupressen. Je nachdem, wie wir atmen und wie viel Druck wir auf die Stimmbänder ausüben, bekommt die Stimme den gewissen Drive. Dann rattert sie, scheppert, knarzt. Oder jubiliert wie eine Königin der Nacht.

Die Stimme schafft Erinnerungen

"Ohhhh, jaaaahhhh, uhhhh, so ist es gut, jajajajaja", stöhnt Meg Ryan in "Harry und Sally". Es gibt unvergessene Klänge, die lassen sich jederzeit sofort mental abrufen: Meg Ryans berühmtester vorgetäuschter Orgasmus der Filmgeschichte, das dunkle Krächzen von Louis Armstrong, das Reibeisen von Marianne Faithfull, die freundliche Sachlichkeit der Ansagerin in der örtlichen S-Bahn, Susi Müller von "Herzblatt" – roter Samt im Äther.

Quietscheentchen dürfen einpacken, im Bett und im Beruf. Wer tief spricht, kommt eher die Karriereleiter hoch. Alphatiere haben dunkle Stimmen, Hofschranzen vergleichsweise helle. Kröten quaken besonders tief, um mehr Weibchen anzuziehen. Und, mal ehrlich: Wollen wir wirklich, dass uns der Hausarzt unsere Cholesterinwerte vorpiepst? Oder eine sich überschlagende schrille Verona- Feldbusch-Stimme uns im Flugzeug Anweisungen für den Landeanflug gibt?

Frauen haben im Zuge der Emanzipation das Kieksen eingestellt. Seit den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Kleinmädchenstimme nicht mehr gefragt. Seither hat sich die weibliche Stimme im Schnitt um 23 Hertz gesenkt, wie Aufnahmen von Radiomoderatorinnen belegen. Heute modulieren wir eher im unteren Bereich unserer stimmlichen Möglichkeiten. Das „Mmmmmhhhhh“ nach dem Verzehren der Lieblingsschokolade liegt genau in der unteren Oktave des eigenen Stimmumfangs. In dieser Stimmlage redet es sich am entspanntesten. Stimmtrainer helfen, exakt diese so genannte Indifferenzlage zu finden.

Die Stimme lässt sich durch Training gezielt verändern

Aber sie verändert sich auch im Laufe des Lebens. Ab der Menopause stolpert bei Frauen die Stimme die Treppe hinunter. Grund dafür ist der veränderte Hormonmix im Körper. Der Kehlkopf reagiert auf die vermehrten männlichen Geschlechtshormone, die Grundfrequenz der Stimme wird tiefer, reifer. Gut so. Tirilierende Lockrufe brauchen wir in diesem Lebensabschnitt ohnehin nicht mehr. Mit den dunklen Tönen angeln wir uns die Alphakröten selbst. Die quietschen dann vergnügt. Ausgleichende Gerechtigkeit. Denn mit den Jahren lässt die schwindende Muskulatur im Kehlkopf Männerstimmen höher werden. Doch auch die Stimmbänder werden, bei beiden Geschlechtern, mit der Zeit steifer, unelastischer. Hundert- bis tausendmal in der Sekunde schwingen sie gegeneinander, bei Frauen bis zu einer Million Mal täglich, bei Männern eine halbe Million Mal, reiben sich im Luftzug wie Gardinen am offenen Fenster. Das hinterlässt hörbare Spuren und hat einen Trend geweckt: Stimmliftung. Schönheitschirurgen geben inzwischen, passend zu faltenfreien Gesichtern, junge Stimmen zurück. Mit Implantaten, die in den Nacken gepflanzt werden, spannen sie die Stimmbänder vorn im Hals, straffen sie wieder, als würden sie eine neue Saite aufziehen. Eine Sängerin in den USA verfehlt seitdem jedoch jeden Ton, sie prozessiert bereits.

Da ist es einfacher, die Stimme regelmäßig fit zu halten. Durch Kräftigung der Bauch-, Brust- und Schultermuskulatur, Entspannung des Kiefers, Verbesserung der Körperhaltung und richtige Atemtechnik. Und durch Summ-, Sing- und Sprechübungen: "Es ist verboten, toten Kojoten die Pfoten zu verknoten." Klingt unsinnig, hat aber genau die richtige tiefe Schwingung, um, regelmäßig fest und bestimmt gesprochen, den Kehlkopf zu schulen und einen unvergleichlichen Sound hineinzuzaubern. Hört sich verdammt gut an, stimmt’s?

Die Stimme trainieren

Bei krankhaften Stimm- und Sprechstörungen wie chronischer Heiserkeit helfen Logopäden; die Therapiekosten tragen bei Verordnung durch den Arzt die Krankenkassen. Infos und Adressen vom Deutschen Bundesverband der Logopäden unter www.dbl-ev.de. Stimmtrainer korrigieren eine falsche Sprech- und Atemtechnik und schulen die Stimme in Einzel- und Gruppentrainings. Kosten zwischen 80 und 180 Euro pro Stunde. Bei manchen sind schon nach 10 bis 15 Stunden gute Erfolge zu hören, andere brauchen ein halbes Jahr wöchentliches Training. Infos und Adressen bei der Deutschen Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung. Ein spezielles gesangspädagogisches Training, um die Stimme lebenslang leistungsfähig zu erhalten, hat Professor Elisabeth Bengtson-Opitz von der Hamburger Hochschule für Musik und Theater entwickelt. Mehr Infos in ihrem Buch "Anti-Aging für die Stimme" (140 Seiten, 18 Euro, Timon Verlag 2008) und unter www.anti-aging-fuer-die-stimme.de . Zum Weiterlesen: "Frauen reden anders, Männer auch. Was die Stimme über unsere wahren Gefühle verrät" von Anne Karpf (478 Seiten, 8,95 Euro, Lübbe 2008).

Text: Susanne Rytina Foto: iStockphoto
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