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Kindheitstrauma Kostüm


Mit dem 11.11. und dem Start von Karneval und Fasching spätestens beginnt das große Grübeln: Welches Kostüm für Karneval? Da kann auch schon mal alter Kummer aus der Kindheit wieder hochkommen.

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Es ist eine Weile her, da besuchten drei Kinder die Faschingsparty ihres Kindergartens. Das älteste trug ein grellgrünes Gewand, moosgrüne Farbe im Gesicht sowie eine Kochmütze aus erbsenfarbe- nem Krepp. Es sah aus, als habe es sich zu Karneval als Jäger verkleidet, der sich wiederum als Küchenchef verkleidet hat. Die Geschwister waren ähnlich ausstaffiert, nur in Orangerot und Kreischgelb. Alle drei sahen ängstlich aus; und als die Kindergärtnerin fragte, was es mit diesen Kostümen denn auf sich habe, flüsterte das älteste: "Wir sind ein Obstkorb. Apfel, Blutorange und Zitrone."

Der grüne Apfel, genauer gesagt, der Granny Smith: Das war ich. Die Zitrusfrüchte: Das waren meine Brüder. Und was den weiteren Partyverlauf anging, so konnte man grob vier Phasen unterscheiden.

In Phase eins versuchten die anderen Kinder, unser rot-grün-gelbes Kochoutfit zu erraten: Waren wir ein Küchenteam, das nebenbei als Reggae-Fahne arbeitet? Oder drei Gummibärchen mit entartetem Hutgeschmack?

In Phase zwei outeten wir uns doch - und das Plenum entschied, dass unser Kostüm bescheuert war, wobei die Stimmabgabe durch lautes Lachen erfolgte.

In Phase drei flüchteten meine Brüder - jetzt war ich nicht mal mehr ein Obstkorb, sondern ein einsamer Granny Smith unter Piraten und Prinzessinnen.

In Phase vier schließlich entdeckte die Partygesellschaft, dass mein Kostüm doch nicht so übel war: Man konnte Witze darüber reißen - vom Apfelmus bis zum faulen Apfel.

Leider war diese Blamage nicht meine einzige: So ein schwäbischer Kinderfasching hatte, damals zumindest, einen gewissen Dresscode; man kleidete sich als Prinzessin oder kleine Hexe, als Indianer oder Pirat. Meine Mutter aber ist eine sehr kreative Frau. Sie sah nicht ein, sich durch spießige Kinderkonventionen einengen zu lassen - und stellte unser Kostüm daher stets nach folgenden Kriterien zusammen: 1. Es musste selbst gebastelt sein. (Was hieß: Man konnte nicht erkennen, was es sein sollte.) 2. Kein anderes Kind trug dieses Gewand. (Es war also uncool.) 3. Es war ein Kombi-Kostüm für drei Personen. (Man fiel damit auf.) Und so gingen wir als panflötender Indio-Trupp. Als Werkzeugkoffer. Oder als Friedensnobelpreisträger - Martin Luther King, Mutter Teresa, Willy Brandt.

Nun gibt es verschiedene Strategien, mit so einem Problem umzugehen. Zunächst versuchten wir es mit banalem Weinen. "Seid nicht so undankbar", sagte Mama. "Sonst verkleide ich euch als Heulbojen oder Jammerlappen." Wir stellten uns krank. "Tolle Idee", sagte Mama und wickelte uns von Kopf bis Fuß in Mullbinden. "Jetzt geht ihr als Hals- und-Beinbruch!" Schließlich verlegten wir uns darauf, unsere Kostüme vor den anderen Kindern umzudefinieren. Ich weiß nicht, ob außer mir mal jemand versucht hat, sich in einem Mutter-Teresa-Kostüm als Piratin auszugeben - es ist nicht ganz unproblematisch: Klar, Mutter Teresa trug ein Kopftuch, genau wie viele Seeräuber. Aber es war weiß mit blauen Rändern, und der Totenkopfaufdruck fehlte. Auch ist ein Rosenkranz als Fesselinstrument ungefähr so überzeugend wie ein Säbel als Monstranz. Man muss die ganze Faschingsparty über schon sehr grimmig gucken, wenn man auch nur eine Chance haben will, glaubwürdig zu wirken.

Die Strategie, mit der wir der Kreativität meiner Mutter doch noch entkamen, war langwierig, aber schlicht: Wir wurden erwachsen. Heute grübeln meine Freunde an Fasching oft, wie sie sich maskieren sollen - für mich dagegen wird es immer die Zeit sein, in der man versucht, sein Kostüm loszuwerden. In den Nächten davor habe ich Albträume, in denen ein Stamm hünenhafter Prinzessinnen und Piraten mich gefangen nimmt. Büttenreden werden verlesen, in denen das Wort "Kostümverbrechen" eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Anschließend stimmt eine Karnevalskapelle ein Lied an, zu dem mich ein paar Narren kitzelfoltern. Dann wirft man mich in einen riesigen Entsafter.

Manche Jugenderlebnisse prägen einen eben ein Leben lang. Falls Sie also selbst Kinder oder Enkel haben: Bitte! Es gibt unzählige andere Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen. Tanzen zum Beispiel. Oder Rollenspiele beim Sex. Bei beidem kann man sich auch verkleiden. Wenn der Partner sehr aufgeschlossen ist, sogar als Granny Smith.

Text: Elke Michel Foto: Getty Images

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