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Das Alter - Reise in ein unbekanntes Land


Kommt das Älterwerden allmählich über uns? Und wie fühlt es sich eigentlich an? Drei Frauen über das Wundern, Staunen und Hadern.

Dass sie keine 30 mehr ist, merkt Susanne Lubach eher an alltäglichen Erlebnissen. Zum Beispiel, als sie kürzlich mit ihrer 14-jährigen Tochter Sina einkaufen war. "Ich hatte ein paar nette Klamotten gesehen, gar nicht mal besonders jugendliche Sachen - aber angezogen passte das nicht mehr. Stilmäßig, meine ich. Und da wurde ich schon wehmütig. Dachte: Schade, ach, das ist jetzt auch vorbei erzählt die dunkelblonde Berlinerin. "Sina sagte zwar: Mutti, komm, probier doch mal... - aber ich fühlte mich nicht wohl darin."

Wann fällt es uns zum ersten Mal auf, dass wir mittendrin sind im Prozess des Älterwerdens? Ist es, wenn wir anfangen, uns anders zu kleiden, in dezenteren Farben, mit längeren Ärmeln, halsnahem Ausschnitt? Oder wenn wir feststellen, dass uns bestimmte Dinge plötzlich schwerfallen, das Treppensteigen mit vollen Einkaufstüten, eine Party durchhalten bis zum Schluss? Erschrecken wir, wenn morgens beim Aufstehen die Knie weh tun und abends die Füße? Kommt das Älterwerden allmählich über uns - oder passiert es abrupt, in Schüben, wie man sagt? Wie lange ignorieren wir die Anzeichen? Und ab wann gelingt uns das nicht mehr?

Alle wollen alt werden, aber das Alter soll man uns nicht ansehen.

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Egal wann es begonnen hat, aber je länger wir leben, umso häufiger begegnen uns solche kleinen Momente des Innehaltens, der Verwunderung, des ungläubigen Staunens. Oft auch des Haderns, nicht zuletzt mit uns selbst. Manchmal genügt ein banaler Anlass, etwa dass wir im Restaurant sitzen und uns der Lärm zusetzt, den wir früher gar nicht wahrnahmen - aber jetzt haben wir Mühe, unser Gegenüber zu verstehen. Oder dass wir mit jungen Leuten reden und feststellen, die benutzten Begriffe kennen wir nicht. Und finden sie obendrein doof. Schon stutzen wir: Hoppla, ist es das, was uns zunehmend erwartet - der Verlust von Teilnahme an den verschiedenen Facetten der Welt, vor allem auch der Welt der Jüngeren? Und - irritierend - das Gefühl des Verlusts jugendlicher Attraktivität? "Hauptsache, man sieht mir mein Alter nicht an", sagt die Dame im TV-Spot. Alt werden wollen alle - doch keiner will alt sein. Ein Satz, tausendmal gehört. Aber deswegen verliert er nichts an seiner Gültigkeit. Eigentlich hat Susanne Lubach ein entspanntes Verhältnis zu den großen und kleinen Tücken des Älterwerdens. In der Familie der 53-Jährigen gab es immer intensiven Kontakt zwischen den Generationen. Als Abiturientin kümmerte sie sich um die Oma: aufräumen, kochen, Gesellschaft leisten, manchmal auch beruhigen. Was sie damals als anstrengend empfand - "diese Vergesslichkeit! Das nervt ja auch, ständig alles zehnmal zu erzählen" -, war zugleich gelebter Familienalltag, in dem jeder seinen Platz hatte: jung, älter, alt.

Das Alter kommt viel zu schnell, dabei fühlen wir uns noch gar nicht alt.

Susannes Mutter ist jetzt 80, dabei noch sehr selbständig. Und doch, in letzter Zeit nimmt Susanne die eine oder andere Veränderung wahr: "Sie geht aus, in die Philharmonie, spielt Karten. Es wird aber weniger. Die Wehwehchen fangen an, ihre Freundinnen sind krank, einige leider schon gestorben." Und was löst das aus bei ihr? "Es erschreckt mich, weil es so schnell geht. Denn ich fühle mich ja überhaupt nicht alt. Wenn ich sehe, wie meine Tochter jetzt anfängt auf Partys zu gehen – ich kann mich genau an diese Zeit erinnern. Und dann fühle ich mich selbst wieder jung, albern, unbeschwert."

Als Teenager, das weiß die schlanke Frau mit den schulterlangen Haaren noch genau, fand sie 40-Jährige uralt. Und dann dieser Gedanke an ihrem 40. Geburtstag, der ihr tagelang nicht aus dem Kopf ging: "Jetzt bist du in Kinderaugen alt!" Als sie ein paar Jahre später ihre erste Brille brauchte, dachte sie nur: Wieder so ein Schub! Und der Beginn der Wechseljahre – ach, muss das sein? Nicht, dass sie sich nicht mehr als Frau fühlte, aber - Stimmungstiefs? Hitzewellen? Sie prustet los: "Und ausgerechnet bei einem Termin mit dem Banker!"

Dass sie dort in den vergangenen zwei Jahren öfter Termine wahrnehmen musste, hatte einen traurigen Anlass - ihr Lebensgefährte war an einem Herzinfarkt gestorben. Völlig unerwartet, mit 50. Nach 24 gemeinsam verbrachten Jahren stand Susanne quasi über Nacht ohne ihn da: mit seiner Sanitärfirma, mit Tochter Sina und Sohn René, damals 12 und 18. Und plötzlich ging es um das Wichtigste: die Existenzsicherung der Familie. Und Susanne hat es geschafft, heute führt die gelernte Zahntechnikerin den kleinen Handwerksbetrieb. Managt Kundenkontakte, schreibt Rechnungen, beschäftigt einen Angestellten, hat ihre neue Aufgabe im Griff.

Das Alter hält noch viele Überraschungen bereit.

Mit 50 haben wir viel erlebt. Viel Schönes, aber auch Trauriges.

"Bernds Tod", sagt sie, "hat alles relativiert. Weil er mir so drastisch vor Augen geführt hat, wie kostbar jeder Tag ist. Ich sondiere jetzt anders, auch bei Menschen. Wenn einer nicht will, sage ich, gut, dann nicht!" Sie wirkt warmherzig, offen, heiter im Gespräch und verrät: Ja, sie ist frisch verliebt! Seit Kurzem. In einen Mann, den sie 14 Jahre kennt, die Kinder gingen gemeinsam zur Schule. "Das ist so ein Geschenk. Vorher dachte ich noch, okay, nun lebe ich wohl allein. Und dann..." Sie strahlt: "Es ist genau wie früher. Herzklopfen, Aufregung, Schmetterlinge im Bauch!"

Übrigens, sagt Susanne Lubach, kenne sie eine Reihe Frauen, denen das auch passiert sei, die sich mit Anfang, Mitte, Ende 50 neu verliebt haben. "Und wenn das so ist, können wir doch beruhigt älter werden." Unlängst hat sie eine Liste geschrieben, auf der steht, was sie noch erleben möchte: Fernreisen, nach Indien, in den Himalaja. Viele, viele Bücher lesen. "Und ich möchte, dass meine Kinder eine gute Ausbildung bekommen." Noch ein Ziel gibt es: gelassener werden. "Ich bin mir sicher, das kommt noch. Aber jetzt, mit 50, ist da einfach noch zu viel Power."

Nur manchmal, da spürt sie leise Angst, dass sich so ein traumatischer Abschied wiederholen könnte. Aber den Gedanken verdrängt sie sofort. Lieber träumt sie von einem "Haus am See", wie Peter Fox es besingt, den Text kann sie auswendig: ",Meine 100 Enkel kommen...' - so ungefähr stelle ich mir das vor, wir haben ja zusammen vier Kinder, das kann lustig werden." Mit 50 haben wir viel erlebt. Viel Schönes, aber auch Trauriges. Inzwischen wissen wir, wie sich das anfühlt: etwas loslassen, von jemandem Abschied nehmen, endgültig.

Als Jugendliche mich plötzlich siezten - das saß!

Wenn man allerdings wie Bettina Daniel erst 36 ist - gibt es dann überhaupt einen Grund, sich mit dem Älterwerden zu befassen? Steht man nicht völlig im Hier und Jetzt? Die mädchenhafte Frau mit den Kringellocken und den großen, leuchtend blauen Augen hat dazu ihre eigene Meinung. "Nein, das hat mich immer fasziniert, das Älterwerden", sagt sie. Deshalb achte sie auch auf Frauen, die zehn, 15 Jahre älter sind, etwa wenn sie in der U-Bahn sitzt. An denen orientiere sie sich: "Viele beeindrucken mich mit ihrer Ausstrahlung, sie stehen voll im Leben und zeigen mir, dass das Leben reicher wird an Möglichkeiten als ärmer."

Im Alter muss man nicht mehr viel haben, weil man vieles schon hatte.

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Und sie hat auch eher positive Bilder im Kopf zu dem, was noch viel später auf sie zukommen mag: "Ich sehe mich als eine alte Dame mit weißen Haaren, innerem Lächeln, Kindern und Enkeln, in einem Alltag ohne große Aufregung. Man muss dann nicht mehr viel haben, weil man vieles schon hatte." Ihr Optimismus, glaubt sie, werde sie dahin tragen: "Ich hoffe, dass ich mir den bewahren kann. Ich habe noch immer so eine ganz junge, fast kindliche Seite in mir, riesige Neugier und Lebensfreude." An dem Gefühl des Jungseins, der Unbeschwertheit, änderten auch die grauen Haarsträhnen nichts, die sie schon sehr jung, mit 25, bekam.

Da sie damals ein Studium begann - zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Hotelfachfrau absolviert -, fühlte sie sich wie 20. Einen unerwarteten Stich spürte sie, als Jugendliche sie plötzlich siezten, trotz Jeans, Turnschuhen, schmaler Taille. "Das saß. Da habe ich das erste Mal gedacht: Gut, du bist nicht mehr so jung, wie du immer denkst." Nach dem Examen kam die neue Stelle in einem Hamburger Zeitschriften-Verlag, unlängst wurde sie zur Chefin vom Dienst befördert. "Das gefällt mir", sagt sie, "Verantwortung zu haben, etwas erreicht zu haben." Sie findet es gut, wenn man sich bewusst machen kann, "was man hinter sich lässt, um in eine andere Phase des Lebens zu wechseln".

Auch privat steht das an. Seit einiger Zeit lebt sie mit ihrem Freund Jan zusammen. Und hört verstärkt das Ticken der biologischen Uhr. "Ich wollte immer eine späte Mutter sein, vorher viel erleben, beruflich Fuß fassen. Aber jetzt ist da richtig Druck, fast ein Zwang, die Zeit verrinnt, das spüre ich extrem."

Werde ich eines Tages gern zurückblicken?

Wer sich mit dem Älterwerden befasst, stellt eben auch die Frage nach dem Lebenssinn. Werde ich eines Tages gern zurückblicken? Und heißt das nicht auch, dass ich jetzt möglichst alles mitnehmen sollte, was mir das Leben bietet? Denn je älter der Mensch wird, desto stärker wird ihm bewusst, dass auch viel unterwegs verloren geht - Menschen, Träume, Illusionen. Wie oft stehen wir auf Beerdigungen mit dem Gefühl, da sei ein Stück von uns weggestorben? Und doch, gewinnen wir nicht auch? "Gelassenheit und Lebenserfahrung" erhoffen sich Susanne Lubach und Bettina Daniel. Nur - ist das alles?

Das Alter bringt neue Freiheiten.

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"Ich habe noch nie so viele Freiheiten gehabt wie jetzt", sagt Ingrid Küster-Wasow. Ein Beispiel? "Auch mal schrullig zu sein! Wenn mir danach ist, laufe ich einfach in blöden oder kaputten Klamotten rum. Solange ich dann wieder die Kurve kriege und mich schön anziehe, ist mir egal, was die anderen denken." Warum auch nicht? Denn bewundernde Blicke bekommt Ingrid Küster-Wasow dennoch genug - dann, wenn sie ihr Alter verrät. "Was, 70? Ich hätte Sie auf 60 geschätzt!" Für die Grafikerin im Ruhestand ist das ambivalent: Zum einen sind es "schöne Streicheleinheiten", andererseits hat sie das Gefühl, allein die Zahl löse beim jeweiligen Gegenüber einen Film im Kopf aus. 70 - da wird es wohl nicht mehr lang dauern bis zu Rollator, Stützstrumpf, Hörgerät. Sie lacht: "Wenn ich mich mal morgens nicht so fühle und kritisch in den Spiegel schaue - dann denke ich: Geh mal heute besser nicht raus, damit dich keiner sieht." Meist aber hat sie gute Tage, und wenn man die zierliche Frau dann erlebt, trotzt sie jedem Negativklischee von "Rentnerin". Federnde Schritte, wacher Blick. Zwei Räume ihrer Altbauwohnung in Hamburg hat sie für ihre kreativen Tätigkeiten reserviert: Grafik, Malerei, Fotografie. Nach zwei langen Beziehungen und Kindererziehung lebt sie heute allein.

Im nächsten Urlaub wird sie - wie seit 30 Jahren - aufs Mountainbike steigen. Früher machte sie mit ihrem Sohn Mutter-Kind-Touren, heute fährt sie mit Freundinnen. "Radeln in schöner Landschaft, das ist für mich Seelenbalsam!" Daneben betreibt sie ein sanftes Körpertraining "ohne Leistungsdruck". Dazu Yoga, dreimal pro Woche geht sie in den Park zum Walken. Nicht aus Pflicht - aus Spaß. Ingrid Küster-Wasow zählt zu der Generation noch im Krieg Geborener, denen es heute richtig gut geht. Körperlich, geistig und seelisch fit, genießen sie es, Zeit zu haben für ihre vielen Interessen. Und doch, hin und wieder erlebt sie Situationen, da fühle sie sich unverhofft "nicht ganz zugehörig", erzählt sie: "Ich bin ja im Sport, in der Kunst oft unter jüngeren, auch ganz jungen Leuten. Nicht dass sie mich ablehnen, aber ich werde schon mal als exotisch wahrgenommen." Das Wort "Rentner" kommt ihr schlecht über die Lippen, weil "es klingt, als liege man nur noch halbtot im Sessel". Eher beiläufig und wenig erstaunt konstatiert sie aber auch, wie sie sich in letzter Zeit häufiger bewusst zurücknimmt, sorgsamer mit den Ressourcen umgeht, Überforderung vermeidet. Fast unmerklich fing das an, etwa bei den Radtouren: "Ich neige ja dazu, über meine Grenzen zu gehen. Aber wenn ich mich am nächsten Tag total kaputt fühle, was bringt das?"

Lohnt sich ein neuer Schrank überhaupt noch?

Im letzten Jahr waren mehrere Laserbehandlungen an einem Auge nötig, weil sie plötzlich Schleier und Blitze vor den Augen hatte: "Das fand ich schon bedrohlich." Die Angst, die Krankheiten der Mutter geerbt zu haben, sei halt da. Ingrids Mutter wurde 94, war am Ende fast blind und litt unter schmerzhafter Osteoporose. "Aber bei ihr fing das früh an, und ich kann mich bis jetzt schmerzfrei bewegen. Vielleicht werde ich ja so alt wie sie - und bleibe verschont?" Und doch, manchmal wird ihr schmerzlich bewusst, dass sie die längste Zeit ihres Lebens hinter sich hat. Anschaffungen wägt sie mitunter ab. Neulich etwa habe sie überlegt, dass sie einen neuen Schrank bräuchte. Dann schoss es ihr durch den Kopf: "Ja, lohnt sich das denn noch?"

Wie lange werden wir fit sein? Und was passiert mit uns, wenn wir gebrechlich werden? Das Schreckgespenst für alle: ein Lebensabend im Heim. Auch für Bettina Daniel, die es bei ihrer geliebten Oma miterlebte, wie das ist. "Wir hatten leider nicht den Platz, sie zu Hause unterzubringen. Und obwohl das Seniorenheim idyllisch im Grünen lag, hatte ich schon als Kind das klare Gefühl, dass die alten Menschen dorthin abgeschoben wurden." Im Moment beobachtet sie ein ähnliches Schicksal bei den Eltern eines Freundes, die im Pflegeheim sind, dement, bettlägerig. Das findet sie deprimierend, traurig. "Abhängig von anderen zu werden, nicht mehr selbständig zu sein wäre für mich das Schrecklichste." Einmal humpelte sie nach einer Fuß-Operation eine Zeit lang an Krücken, und eine alte Frau überholte sie auf dem Zebrastreifen. Da war plötzlich so eine Ahnung, wie es sein könnte. Einmal Alter - und diesmal noch zurück, zum Glück!

Wir werden alle zum ersten Mal älter.

35, 50, 70: Was die drei Frauen miteinander verbindet, ist die Art, wie sie sich herantasten ans Älterwerden. Sie schauen zehn, 15 Jahre in die Zukunft. Interessieren sich für die Generation davor, nur bedingt für sehr alte Menschen. Dahin geht der Blick nur selten. Und das ist gewiss natürlich so, schließlich ist es für jeden von uns das erste Mal, dass wir älter werden: Wir wissen nicht, was kommt. Deshalb erobern wir das unbekannte Terrain behutsam, tastend, Schritt für Schritt. Und wie wir altern werden, schnell oder langsam, das bestimmen nicht zuletzt auch Gene und Lebensweise. Hochbetagte weibliche Vorbilder gibt es zum Glück genug: Hildegard Hamm-Brücher, Jeanne Moreau, Margarete Mitscherlich führen vor, wie es geht, dieses "in Würde altern". Und wäre es nicht großartig, es ihnen später mal entspannt gleichzutun? Und dabei auch ein wenig weise zu werden im Sinne von Marie von Ebner-Eschenbach: "Alt werden heißt sehend werden"?

Auf jeden Fall heißt es: Veränderung. Aber die kann ja durchaus positiv sein. Viele hochbetagte Menschen genießen ihre späten Jahre. Auch dann noch, wenn der Körper langsam altert und die Kraft nachlässt - denn die Seele bleibt erstaunlich jung, wie Umfragen immer wieder bestätigen: Die meisten Menschen, egal welchen Alters, fühlen sich jünger, als sie sind. "Alter als Zahl hat keine Aussage. Die Lebenseinstellung ist entscheidend", meint Bettina Daniel. "Man muss die Augen offen halten: Dann kommt das Leben auf einen zu." Es gibt viele Länder, zum Beispiel in Afrika, da empfinden die Menschen es als Geschenk, alt zu werden. Weil es heißt, dass sie nicht jung sterben mussten.

Text: Frauke Döhring Fotos: Nele Martensen

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