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Was Mode über Menschen erzählt


Für ihr Fashionblog "anders anziehen" fotografiert Smilla Dankert nicht nur toll gekleidete Menschen, sie spricht mit ihnen auch über ihr Leben.

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In ihrem Blog anders anziehen zeigt die Kölnerin Smilla Dankert Menschen, die man einfach mögen muss. Sie hat sie auf der Straße angesprochen und fotografiert: Weil sie einen individuellen Stil oder ein ansteckendes Lachen haben, oder weil sie einfach auffallen im Einheitsbeige der Fußgängerzonen. Oft haben diese Menschen auch richtig viel zu erzählen. Deswegen fragt Smilla Dankert nach ihrem Beruf, plaudert mit ihnen über ihre aktuelle Lieblingslektüre oder ihre Heimatstadt Köln. Manchmal geht es auch um Existenzielles, zum Beispiel, was ihnen im Leben wichtig ist. Besonders gern fotografiert Smilla Dankert, die als Kostümbildnerin für Filme arbeitet, ältere Menschen. Ihre Lebensklugheit und die Leichtigkeit, mit der sie ihren teils exzentrischen Stil tragen, findet sie faszinierend.

Auf den nächsten Seiten können Sie einige der Menschen kennenlernen, die Smilla Dankert fotografiert hat. Außerdem erklärt sie im Interview, wieso sie inzwischen mehr Zeit für ihre Wege einplant und warum Kleidung viel mehr ist als das, was man anzieht.

Kirstin ist Künstlerin und mag es bunt.
Kirstin ist Künstlerin und mag es bunt.
© anders-anziehen / Smilla Dankert

BRIGITTE-woman.de: Wo treffen Sie all die interessanten Menschen, die Sie für "anders-anziehen" fotografieren?

Smilla Dankert: Eigentlich überall. Natürlich wird man am schnellsten in bunt durchmischten Menschenmengen fündig, zum Beispiel in der Innenstadt. Aber auch in ganz entlegenen Winkeln kann ich plötzlich auf jemanden aufmerksam werden. Manchmal gehe ich gezielt los zum Fotografieren. Aber oft spreche ich auch Menschen an, während ich auf dem Weg von A nach B bin. Seitdem ich das Blog habe, plane ich mehr Zeit für die Wege ein.

Serkan hat gerade gefrühstückt, als Smilla Dankert ihn angesprochen hat. Er studiert Kommunikationsdesign und macht selbst gerne Fotos und Videos.
Serkan hat gerade gefrühstückt, als Smilla Dankert ihn angesprochen hat. Er studiert Kommunikationsdesign und macht selbst gerne Fotos und Videos.
© anders-anziehen / Smilla Dankert

BRIGITTE-woman.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Streetstyle-Blog zu führen?

Smilla Dankert: Ein Streetstyle-Blog im ganz herkömmlichen Sinne mache ich ja gar nicht. Es ist eher ein Blog über 1. den Menschen und 2. seine Kleidung. Mein Interesse an Menschen auf der Straße, also fremden Menschen, war schon immer ausgeprägt. Zudem bin ich Kostümbildnerin für zeitgenössische Filme, schon berufsbedingt habe ich also einen interessierten Blick. Und der zielt weniger auf aktuelle Mode ab, als vielmehr auf die ganz persönlichen Ausprägungen eines Menschen und auf den ganz eigenen, vielleicht sogar höchst altmodischen Kleidungsstil. Als ich angefangen habe, wußte ich selbst noch nicht genau, wohin mich die Blogreise führt; inzwischen ist für mich klar, dass mir ein Bild alleine nicht reicht. Ich möchte gerne etwas über die Menschen erfahren, die ich fotografiere.

Frau Rühle ist fast 70 und laut Smilla Dankert ein gutgelaunter Mensch. Für schöne Kleidung hat sie sich schon immer interessiert.
Frau Rühle ist fast 70 und laut Smilla Dankert ein gutgelaunter Mensch. Für schöne Kleidung hat sie sich schon immer interessiert.
© anders-anziehen / Smilla Dankert

BRIGITTE-woman.de: Sie sagen, Sie haben ein Faible für ältere Damen. Was fasziniert Sie an deren Stil?

Smilla Dankert: Es ist nicht unbedingt nur der Stil, der mich an den älteren Damen und Herren fasziniert; es ist das ganze gelebte Leben, das man sehen kann, natürlich auch in der Kleidung. Manche sind sehr exhaltiert, manche ganz konventionell. Aber meistens ist es so, dass mir die älteren Menschen wirklich etwas aus ihrem Leben erzählen. Oft besitzen sie eine ungeheure Lebensklugheit: Sie nehmen sich selbst und das Gespräch mit mir sehr ernst. Da entsteht relativ schnell eine besondere Verbindlichkeit. Gleichzeitig nehmen sie alles aber auch einfach nicht mehr so ernst. Wenn man viel erlebt hat, sieht man manches gelassener. Und das bringt eine humorvolle Leichtigkeit mit sich. Diese Kombination hat ihren ganz eigenen Charme, dem ich sofort erliege. Außerdem verstehen es besonders die Damen, sich ein wenig zu zelebrieren, und manche gönnen sich eine Portion Exzentrik. Das macht einfach Spaß.

Alexandra musste ihren Zug erwischen und hatte wenig Zeit. Trotzdem hat sie sich von Smilla Dankert fotografieren lassen und erzählt, dass sie gerade Milan Kunderas Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" liest.
Alexandra musste ihren Zug erwischen und hatte wenig Zeit. Trotzdem hat sie sich von Smilla Dankert fotografieren lassen und erzählt, dass sie gerade Milan Kunderas Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" liest.
© anders-anziehen / Smilla Dankert

BRIGITTE-woman.de: Wie reagieren die Leute, wenn Sie sie um ein Foto für Ihr Blog bitten?

Smilla Dankert: In der Regel positiv und interessiert. Ich werde selten unwirsch abserviert.

Frau S. ist Lehrerin an einer Hauptschule und findet: "Wissen zu vermitteln ist nicht die Hauptaufgabe eines Lehrers."
Frau S. ist Lehrerin an einer Hauptschule und findet: "Wissen zu vermitteln ist nicht die Hauptaufgabe eines Lehrers."
© anders-anziehen / Smilla Dankert

BRIGITTE-woman.de: In Ihren Einträgen schreiben Sie häufig, warum Ihnen die Person aufgefallen ist. Ist Mode für Sie mehr als nur Kleidung?

Smilla Dankert: Kleidung ist auf jeden Fall viel mehr als nur das, was man anzieht. Es ist etwas, womit man sich identifiziert und nach außen hin zeigt. Kleidung ist so gesehen stumme Sprache, eine Kommunikationsform. Diese Kommunikation muss nicht unbedingt bewusst passieren. Aber sie ist wesentlich. Das merke ich spätestens bei meiner Arbeit als Kostümbildnerin, wenn Menschen Kleidung tragen sollen, in der sie sich nicht wiederfinden, die aber für die Rolle stimmig ist. Diese Kluft muss manchmal erst überwunden werden. Jeder kennt das auch mit geliehener Kleidung: Es ist eine fremde Haut, in die man schlüpft. Die eigene Kleidung ist also ein Ausdruck von etwas sehr Persönlichem. Darin zeigt sich vieles; ob man sich selbst entfaltet oder einschränkt, ob man sich gestattet, aus dem Rahmen zu fallen oder ob man konform ist; ob man - auch mit der Kleidung - Raum greift oder sich klein macht. Für mich ist interessant, die Klischees und die damit zusammenhängenden Urteile zu überprüfen. Menschen, die sich in einer speziellen Art und Weise kleiden, ordnet man ja oft blitzschnell einer bestimmten Gruppe zu: Student, Spießer, arm, reich, alt, Geschäftsmann, Arbeiter und so weiter...

Herr Pleuger ist 76 Jahre alt, Tuchkaufmann und trägt nur Maßgeschneidertes, vom Hemd bis zu den Schuhen.
Herr Pleuger ist 76 Jahre alt, Tuchkaufmann und trägt nur Maßgeschneidertes, vom Hemd bis zu den Schuhen.
© anders-anziehen / Smilla Dankert

BRIGITTE-woman.de: Wen würden Sie gerne einmal zufällig auf der Straße treffen und fotografieren?

Smilla Dankert: Ganz ehrlich: Niemand im Speziellen. Ich freue mich einfach über die Entdeckungen des Alltags, die sind für mich kleine Geschenke. Der Alltag ist bunt, wenn man genau hinsieht. Gerne würde ich einmal durch unterschiedliche Regionen und Bundesländer reisen, um zu fotografieren, am liebsten ältere Menschen. Das stelle ich mich spannend vor.

Frau M. macht jeden Morgen ihre Yogaübungen und geht einmal pro Woche zum Bauchtanz.
Frau M. macht jeden Morgen ihre Yogaübungen und geht einmal pro Woche zum Bauchtanz.
© anders-anziehen / Smilla Dankert

Wenn Sie noch mehr über die Menschen erfahren möchten, die Smilla Dankert auf der Straße trifft und fotografiert, lohnt sich der Besuch ihres Blogs anders anziehen.

Interview: Julia Müller Fotos: Smilla Dankert/ anders anziehen

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