Iris von Arnim: "Ich bin eine Landfrau in der Glamourwelt"

Welche Mode unterstreicht den persönlichen Stil von Frauen? Strickdesignerin Iris von Arnim über schnelllebige Trends und über das, was Bestand hat - in der Mode und im Leben.

Iris von Arnims Universum befindet sich unter dem Dach einer Jugendstilvilla im Hamburger Stadtteil Harvestehude. Hier hat die Modedesignerin Firmensitz und Privatwohnung. Entspannt sitzt sie im Wintergarten des 135 Quadratmeter großen Lofts. Über ihr wölbt sich ein Glasdach, gibt den Blick frei in den graublauen Himmel. Und als wären die Farbtöne aufs Wetter abgestimmt, fügt sich Iris von Arnim, 63, mit ihrer silberblonden Haarmähne, dem anthrazitfarbenen Rolli und der schwarzen Röhrenhose in die Naturkulisse ein.

BRIGITTE-woman.de: Sie produzieren den Rolls-Royce unter den Pullovern, Modelle, die zum Kostbarsten gehören, was man auf der Haut tragen kann. Dafür verlieh Ihnen die Presse den Titel "Cashmere-Queen". Gefällt er Ihnen?

Iris von Arnim: Ich empfand ihn eher als Witz, aber inzwischen kursiert er als geflügeltes Wort.

BRIGITTE-woman.de: Warum ist Kaschmir zu Ihrem Lieblingsmaterial geworden?

Iris von Arnim: Weil sich meine modischen Visionen damit am besten realisieren lassen. Es gibt kein Material, das so feminin, exklusiv, weich und leicht zugleich ist. Was kaum einer weiß: Die Investition lohnt sich bloß, wenn Kaschmir richtig gepfl egt wird. Nur dann wird das Material immer besser. Nach dem ersten Tragen zeigen sich Knötchen. Dann muss der Pullover mit einem Spezialrasierer entpeelt und gewaschen werden. Die Prozedur - tragen, entpeelen, waschen - wiederholt man, bis die Oberfläche glatt bleibt.

BRIGITTE-woman.de: Ziemlich aufwändig, oder?

Iris von Arnim: Ich versuche, Stücke zu entwerfen, die man möglichst lange behalten möchte und die durch das Tragen natürlich auch Gebrauchsspuren bekommen. So dass daran auch Erinnerungen an ein gelebtes Leben hängen, so wie bei Möbeln.

BRIGITTE-woman.de: Sie selbst kleiden sich modern, aber nicht übertrieben modisch. Welcher Stil beeinflusst Ihre Arbeit am meisten?

Iris von Arnim: Ich orientiere mich an Klassikern, die in der Mode einen festen Platz haben. Trench, Bundfaltenhose, Bleistiftrock, diese Basisstücke sind unschlagbar gut. Bei mir geht es daher um raffinierte Details, ich muss den Pullover aber nicht neu erfinden. Natürlich kann man einem Trench auch Puffärmel verpassen, doch für mich muss ein Trench immer als solcher erkennbar sein.

BRIGITTE-woman.de: Entwerfen Sie für einen bestimmten Typ von Frauen?

Iris von Arnim: Ehrlich gesagt, bei der Arbeit denke ich an die Frau, die ich am besten kenne: an mich und an das, was ich am liebsten trage, nämlich raffinierte Kleidungsstücke aus Kaschmir oder anderen edlen Materialien, die mehr als eine Saison überleben.

BRIGITTE-woman.de: Schön, wenn man sich diesen Luxus leisten kann. Aber müssen Sie nicht den Gesetzen des Marktes folgen und preiswert produzieren?

Iris von Arnim: Solange ich Mode mache, werde ich dafür kämpfen, die von mir angestrebte Qualität zu halten. Zwar hatte ich gestern grade einen miserablen Tag, weil mir bewusst wurde, wie wenig das Verhältnis von Aufwand und Nutzen stimmt. Das war, als ich die ersten handgestrickten Teile der neuen Kollektion sah: butterweiche Kaschmirmäntel, der pure Luxus. Nur, wer kann und will sich heute noch ein derart kostbares Stück kaufen? Glücklicherweise war eine junge amerikanische Designerin in meinem Atelier, sie sah den Mantel und sagte: "Wow, wenn ich den in New York tragen würde, hätte ich zahlreiche Bewunderer." In so einem Moment spüre ich, dass mein Anspruch richtig ist.

BRIGITTE-woman.de: Kommen Ihnen nicht H&M, Zara und Mango in die Quere, die die Mode in den letzten Jahren zunehmend demokratisierten?

Iris von Arnim: Nicht nur Mango & Co verändern das Niveau, auf der Luxusebene nimmt die Nivellierung ebenso zu, auch über intensive Medien- und Marketingpräsenz. Je mehr da investiert wird - etwa, wenn Celebritys für ein Label Reklame laufen -, umso mehr empfinde ich das als eine Art Zwangsbeglückung. Die neuen Trends geraten heute derart schnell in die angesagten Ladenketten, dass ein Unternehmen wie das unsere neue und andere Wege finden muss.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie hin und wieder Zweifel, wie es weitergehen soll?

Iris von Arnim: Ja, durchaus. Nur mache ich meine Arbeit seit knapp 30 Jahren. Da habe ich gelernt, mich zu konzentrieren und auf Qualität zu achten. Heute herrscht eine Schnelllebigkeit, die mir nicht entspricht. Bei mir werden die Entwürfe noch von Hand gezeichnet. Und weil Kaschmir in der Verarbeitung so aufwändig ist und besonders behutsame Behandlung erfordert, denke ich wieder und wieder: Hat meine Arbeit Bestand?

BRIGITTE-woman.de: Gehört in der Modebranche neben Talent nicht auch viel Selbstbewusstsein zum Erfolg?

Iris von Arnim: Ein bisschen mehr muss wohl sein. Von meinem Sohn und meinen Freunden bekomme ich öfter den Vorwurf: Mache dich nicht so klein! Gerade befinde ich mich in einer Phase, wo ich mich frage: Wieso bin ich in einem Beruf, der mir abverlangt, stets durchgestylt durch die Gegend zu rennen? Ich hasse Starallüren, möchte kein Star sein und bin auch keiner. Manchmal brauche ich Zuspruch, damit ich mit Freude weitermache.

BRIGITTE-woman.de: Kommen Sie dann überhaupt in der Modebranche klar?

Iris von Arnim: Ich behaupte immer, dass ich eigentlich eine Landfrau bin, zu normal und natürlich für die flippige Modeszene. Ich bin eine Seiteneinsteigerin, die der Zufall zu diesem Beruf gebracht hat. Ich bin mit der Frage rangegangen: Was würde ich selbst gern tragen? Vielleicht war das die Chance, in der Welt des Glamours unbeschadet zu überleben. Meinem Vorsatz, in jedem Fall authentisch zu sein, bin ich treu geblieben. Und ich hatte auch Glück: In den Siebzigern gab es meine Art von gestrickter Mode noch nicht. Alles gelang ohne Anstrengung.

BRIGITTE-woman.de: Seit einiger Zeit wird die Mode immer unerwachsener. Revivals vergangener Strömungen sind angesagt, etwa der Babydoll-Stil. Wie reagieren Sie darauf?

Iris von Arnim: Neugierig! Neulich stand ich in Wolfgang Joops Wunderkind-Shop in Berlin und kaufte mir voller Lust so ein modisches Hängerchen in Schwarz. Als "Modetante" - wenn auch in die Jahre gekommen - leiste ich mir ab und zu solche Besonderheiten.

BRIGITTE-woman.de: Verständlich, in Ihrem Beruf geht man experimenteller mit Modetrends um, hat ein geschultes Auge für die Dinge, die einem stehen. Aber wie soll die Generation 40 plus die richtigen Stücke aus dem Überangebot junger Mode auswählen?

Iris von Arnim: Der Stil einer Frau, auch einer älteren, ist sehr von Charakter und Ausstrahlung abhängig. Ist sie als Person extravagant, stehen ihr auch extravagante Outfits. Ab einem bestimmten Alter sollten Frauen aufpassen, sich nicht zu etabliert zu stylen. Sind Haare, Make-up, Schmuck, Klamotten zu perfekt aufeinander abgestimmt, wirkt man leicht ältlich. Dagegen können Leggings, Highheels oder Babydoll- Kleider edlen Basics den modischen Kick geben. Der Mix muss stimmen. Richtig kombiniert, können junge Trends an älteren Frauen erotisch und gleichzeitig elegant wirken.

Mode aus zwei Jahrzehnten: raffiniertes Wickelkleid aus grauem Wolljersey von 1989 und lila Kaschmirpulli aus der aktuellen Kollektion

BRIGITTE-woman.de: Kommt es vor, dass Sie sich unwiderstehlich finden?

Iris von Arnim: Klar, dabei erwische ich mich immer noch. Vor Kurzem kam ich bestens gelaunt zurück von einem lustigen Abend bei Freunden und fing an, meinen Kleiderschrank zu durchstöbern. Mit ein paar Kilo weniger passte ich wieder in alte Lieblingsstücke, die ich nun neu kombinierte. Dazu spielte im Radio das "Electric Light Orchester". In so einer Situation spüre ich, dass ich im richtigen Beruf bin.

BRIGITTE-woman.de: Und was macht Lust aufs Leben?

Iris von Arnim: Jeder Tag. Besonders seit mir bewusst wurde, wie begrenzt meine Zeit ist. Das war, als ich die Diagnose Brustkrebs bekam. Das Unglück traf mich vor zwölf Jahren derart überraschend, dass ich mir vorwarf, mich nicht genug um die Vorsorge gekümmert zu haben. Zum Glück hatte der Krebs nicht gestreut, und es war keine große OP nötig. Ich bin dankbar, dass bis heute alles okay ist.

BRIGITTE-woman.de: Ein Erlebnis, dass die kritische Distanz Ihrer Arbeit gegenüber verstärkt hat?

Iris von Arnim: Krankheit bedeutet Begrenzung, vieles erscheint nicht mehr so wichtig. Damals verstand ich: Auch die schönste Arbeit der Welt muss maßvoll sein.

BRIGITTE-woman.de: Waren Ihre preußische Herkunft und Erziehung bei der Überwindung von Lebenskrisen behilflich?

Iris von Arnim: Gewisse altmodische Tugenden wurden mir schon als Kind vermittelt. Verlässlichkeit, Anständigkeit, Höflichkeit waren selbstverständlich. Und nie ging es um die Zielsetzung, höher, weiter, schneller zu sein. Ich habe früh ohne elterliche Unterstützung auskommen müssen - meine Mutter starb, als ich drei Jahre alt war, meinen Vater verlor ich mit 16 -, die frühen Prägungen gaben mir aber trotzdem genügend Fundament.

BRIGITTE-woman.de: Eigenschaften, die Sie an Ihren Sohn weitergeben konnten...

Iris von Arnim: Er hat viel davon angenommen, das kann ich voller Dankbarkeit sagen. Er war acht Jahre in den USA, vier im College und vier in einer Investmentbank. Obwohl er sich dort allein behaupten musste, zeigt er ein sehr soziales Verhalten. Er sagt zwar seine Meinung und erklärt, wo seine Generation hinwill, aber er gibt sich nie obercool.

Enge Beziehung: Iris von Arnim und ihr Sohn Valentin

BRIGITTE-woman.de: Waren Sie nicht auch als junges Mädchen in Amerika?

Iris von Arnim: Nach dem Tod meines Vaters ging ich dort für ein Jahr auf die Schule. Verwandte wollten mich adoptieren, was für eine Waise aus dem Nachkriegsdeutschland der Himmel auf Erden hätte sein können. Alles war riesig: das Haus, mein Zimmer, mein Auto. Und doch sehnte ich mich nach "good old Europe". Nach meiner Rückkehr versuchte ich, den richtigen Beruf zu finden, konnte mich aber erst nicht entscheiden zwischen Fotografin, Journalistin, PR-Frau und Werbeassistentin. Ich war schon ein wenig haltlos, man konnte sich damals fast Sorgen um mich machen.

BRIGITTE-woman.de: Familienleben kannten Sie also kaum?

Iris von Arnim: Richtig. Und vielleicht ist das der Grund, warum ich meinen Sohn allein aufgezogen habe. Damals, vor 28 Jahren, entschied ich mich gegen die Ehe und konzentrierte mich auf den Aufbau der Firma. Zeitlich fiel das ungefähr mit der Geburt von Valentin zusammen. Davor war die 68er-Zeit, als überzeugter Hippie rauchte ich Joints, saß auf dem Flokati, hörte die Stones und strickte Pullover in psychedelischen Farben.

BRIGITTE-woman.de: Und dann erlitten Sie einen schweren Autounfall . . .

Iris von Arnim: Ja, ich verbrachte danach Monate im Krankenhaus. Um mir die Zeit zu vertreiben, strickte ich die fantasievollsten Kreationen. Dass daraus eine Geschäftsidee werden würde, hätte ich nie gedacht; aber die Pullover wurden ein Erfolg.

BRIGITTE-woman.de: Haben Sie eigentlich Ihren Geburtsort in Schlesien nach der Wende besucht?

Iris von Arnim: Ja, dort angekommen, ging mir in der Tat das Herz auf. Ich sah die weite Landschaft, das morbide Schloss aus dem 17. Jahrhundert, all das berührte mich. In dem Augenblick, als ich durch das Tor den Hof betrat, hatte ich das Gefühl, jetzt sauge ich die Heimat ein.

BRIGITTE-woman.de: Hinter Ihrem Haus in Hamburg gibt es ein Stück wilde Wiese, darauf steht eine mächtige Eiche - erinnert Sie das an Ihre Heimat?

Valentin ist inzwischen in die Firma seiner Mutter eingestiegen

Iris von Arnim: Natürlich verkörpern die Wiese und der Baum ein Stück Heimat in der Stadt. Ich stamme vom Land, wäre mein Leben traditionell verlaufen, hätte ich geheiratet, wäre Gutsfrau geworden, hätte fünf Kinder am Rockzipfel. Was übrigens auch Lebensqualität gehabt hätte, nur eben eine andere.

BRIGITTE-woman.de: Ihr jetziges Leben lässt aber mehr Raum für Kreativität und Freiheit der Gedanken?

Iris von Arnim: Sicher! Ich glaube, man kann vom Leben nicht alles bekommen. Familienleben, eine glückliche Partnerschaft, Erfolg im Beruf - den Spagat kriegt kaum einer hin. Ich gebe zu, "being older" wäre mit Partner manchmal schöner. Andererseits blockieren sich manche Paare auch in ihrer Persönlichkeitsentfaltung. Ich glaube, man kann nur Frieden schließen mit den eigenen Möglichkeiten. Mir geht es sehr um Zufriedenheit mit mir selbst. Manchmal ist sie da, manchmal nicht. Eins aber ist sicher: Mehrere Leben gleichzeitig kann ich nicht leben.

BRIGITTE-woman.de: Klingt einsichtig, oder?

Iris von Arnim: Mag sein, aber wer weiß schon, was die Zukunft bringt? Mit folgender Lebensphilosophie bin ich bisher gut gefahren: Woanders ist das Gras auch nicht grüner.

Fotos: Frank Siemers, PR Interview: Britta Scholz
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