Blumen aus Finnland

Große florale Drucke in leuchtenden Farben: In den 1960er und 70er Jahre hat kaum einer das Skandinavien-Gefühl so erfolgreich transportiert wie Marimekko. Und nun erneut.

Die Herrin der Farben trägt Schwarz. Eine Kostümjacke mit tiefem Ausschnitt, funkelnden Brillantschmuck, der Rock kniekurz und eng. Tiefschwarzes Haar, hohe Stilettos, kräftiges Make-up. Man könnte Kirsti Paakkanen, 76, eher für eine französische Filmdiva halten als für eine Firmenchefin. Fast wäre sie tatsächlich Wahlfranzösin geworden. Das war 1991. "Ich hatte beschlossen, mich in Südfrankreich zur Ruhe zu setzen", erzählt Kirsti Paakkanen. Ein halbes Jahr spielte die ehemalige Managerin einer finnischen Werbeagentur in Nizza Dolce Vita. Doch als sie hörte, dass Marimekko zum Verkauf stand, reiste sie zurück nach Helsinki. "Ich habe sogar meinen Mann verlassen für die Firma. Er blieb in Frankreich", sagt sie, "das war aber nicht so schlimm. Ein Leben ohne Arbeit, nur als Ehefrau, hätte mir nicht genügt."

Also gab sie noch mal Vollgas - mit Anfang 60, nach einem mehr als erfüllten Arbeitsleben. In der Kurzfassung liest sich Kirsti Paakkanens Vita so: aufgewachsen als Tochter eines Waldarbeiters, mit 15 nach Helsinki, dort Abitur gemacht, als Milchverkäuferin gearbeitet und so ihr Marketing- und Werbung-Studium finanziert.

Erste eigene Werbeagentur 1969. Kirsti Paakkanen nennt ihre Agentur "Womena" und stellt anfangs nur Frauen an. Die Frauen der Firma gehören bald zu den renommiertesten Werberinnen des Landes. Und Kirsti Paakkanen kommt ihrem privaten Traum - eigentlich einem Männertraum - immer näher: Sie will ein richtig tolles Auto, einen Jaguar. In ihrem Portemonnaie bewahrt sie stets das Foto ihres Traumwagens auf. 1986 ist es so weit: Sie kauft sich ein schwarzes Jaguar Coupé.

Marimekko-Blumen aus Finnland

In jedem finnischen Haushalt gibt es etwas von Marimekko

"Ich mochte Marimekko schon immer. Das geht fast allen in Finnland so - diese Marke ist wie ein Stück unseres Lebens", sagt Kirsti Paakkanen. In ihrem Heimatland findet man in jedem Haushalt irgendein Stück der berühmten Designfirma. Sei es ein Vorhang, eine Tischdecke, geringelte Unterwäsche für die Kinder oder ein buntes Sommerkleid.

Dem finnischen Unternehmen ging es Anfang der 90er Jahre nicht gut. Fünfeinhalb Jahre nach dem Tod von Firmengründerin Armi Ratia hatte ein finnischer Großkonzern die Leitung übernommen und die Firma heruntergewirtschaftet. Einer der Hauptfehler: Die neuen Chefs hatten die klassischen Muster aus dem Programm genommen. Gleich im ersten Vierteljahr ließ die neue Chefin die alten Designs wieder drucken. Den ersten Versuch startete sie mit dem Muster "Fandango". Maija Isola, die Star-Designerin des Hauses, hatte "Fandango" 1962 entworfen - ruhige, ornamentale Ranken und stilisierte Früchte und Blüten. "Wir haben es in Rot, Schwarz und Weiß mit Gold kombiniert", sagt Kirsti Paakkanen. "Das war ein toller Erfolg." Sechs Monate später machte die Firma wieder Profit. Seitdem läuft bei Marimekko nichts mehr ohne das fröhliche "Appelsiini", das schlichte "Kivet" (deutsch: Steine) und die anderen 60er- und 70er-Jahre-Kinder - allen voran das Flower-Power-Muster "Unikko".

"Unikko" (deutsch: Mohnblüte) gilt als das populärste Marimekko- Muster. Es gibt anscheinend nichts, auf das man die Mutter aller Blumenmuster nicht drucken könnte. "Unikko" schmückt Kleidung, Gummistiefel, Clogs, Regenmäntel, Mousepads, Tassen und Teller, Handtücher, Tischdecken, Vorhänge und Bettdecken, Babylätzchen und Schnuller und seit neustem sogar Nordic-Walking-Stöcke. Dabei hatte Firmengründerin Armi Ratia Florales eigentlich verboten. "Blumen sind von sich aus so schön, dass man sie lieber nicht abbilden sollte", gab sie ihren Designern als Maxime vor. Doch Maija Isolas Entwurf von "Unikko" überzeugte die Chefin. "Die Mohnblüten sind meine erste Kindheitserinnerung im Zusammenhang mit Marimekko", sagt Mika Piirainen. "An meinem vierten Geburtstag stand der Kuchen mit den Kerzen auf einer Wachstuchtischdecke mit ,Unikko'-Muster."

Piirainen ist heute 37 und arbeitet als Designer bei Marimekko. "Ich ziehe meine Inspiration aus den alten Mustern - und aus der Natur. Marimekko könnte nirgends anders als in Finnland sein. Wir haben diese Formensprache einfach von Kind auf gelernt." Für die Herbstkollektion 2006 hat er ein altes Maija-Isola-Muster neu interpretiert. "Hevonen" zeigt Pferde. Statt wie früher in Schwarz-Weiß lässt Piirainen heute lilafarbene und gelbe Rösser auf grauem Grund springen. Als Stoff hat er unter anderem groben Cord gewählt. Zu den Röcken, Blusen, T-Shirts oder Jeans im Pferde- Print trägt man einfarbige Ponchos oder Schals. Außerdem gibt's in Piirainens Kollektion Streifenhemden in herbstlichen Multikolor-Tönen - sieht ein bisschen aus wie ein verwaschener Regenbogen. Die Streifen - ob man sie mag oder nicht - sind eines der Marimekko-Markenzeichen.

Marimekko brachte die erste Unisex-Kollektion heraus

Es war eine kleine Revolution, als in den 60er Jahren die erste Unisex-Kollektion herauskam. Ringelshirts für Männer wie für Frauen, anfangs meist quer geringelt, später mit breiten Blockstreifen oder - besonders beliebt bei Herren - in schmalen Längsstreifen. "Streifen sind frisch und skandinavisch. Und ich setze meinen Ehrgeiz daran, jedes Jahr neue zu erfinden", sagt Marimekko-Designerin Ritva Falla, 53. Wie man Streifen neu erfindet? "Ich variiere die Breite, spiele mit den Farben. Dieses Jahr habe ich ganz unregelmäßige Streifen für die Hemden gemacht", erklärt sie. Die Streifen wirken wie grob mit einer Schere ausgeschnitten. Diskret-unregelmäßig, aber durchaus bürotauglich. Ritva Falla ist für die Damen-Business-Linie von Marimekko zuständig. Ihr Motto: "Easy wear, good looking, high quality."

Marimekko produziert komplett in Finnland. Der Druck, die Verarbeitung, der Versand - alles passiert in Helsinki. "So können wir unsere hohen Qualitätsansprüche sichern", sagt Kirsti Paakkanen. Sie ist eine Chefin, die eng mit ihren Mitarbeitern zusammenarbeitet - und ihnen dabei viel Freiheit lässt. "Jeder trägt die Verantwortung für das, was er tut. Wenn ich meinen Leuten etwas zutraue, dann leisten sie viel", ist ihre Erfahrung. In Skandinavien ist Marimekko etabliert, auch in Deutschland fasst die Marke wieder Fuß, Amerika und Japan ziehen nach. Neben den alten Mustern kommen jede Saison viele neue dazu. So unterschiedlich die Entwürfe sind, eines haben sie gemeinsam: klare, leuchtende Farben, klare Formen, wie zu Marimekkos Anfangszeiten. Die Reduktion aufs Wesentliche. "Natürlich war es der Retro-Boom, der uns Auftrieb gegeben hat", sagt Kirsti Paakkanen. "Dinge können Heimat geben. Unser Leben ist so kompliziert geworden, da tut etwas Bekanntes, etwas Einfaches gut. Und wenn es ein Stück Stoff ist."

Bezugsadressen: Frankfurt, Marimekko, Öder Weg 29, Tel. 069/13 02 38 11 Hamburg, Der Schaukelstuhl, Ottenser Hauptstraße 39a, Tel. 040/39 71 30 München, Radspieler, Hackenstraße 7, Tel. 089/235 09 80 Berlin, Hartog, Knesebeckstraße 68, Tel. 030/883 79 29

Mehr Infos: www.marimekko.com

Text Christiane Bertelsmann Fotos: Martin Kircher
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