Bikini oder Badeanzug?

Zum Sommerurlaub gehörte immer ein neuer Bikini. Aber was ist, wenn uns eines Tages der Mut verlässt? Bikini oder Badeanzug?

Mit leeren Händen schlich ich nach Hause.

Ich stand auf der Rolltreppe in einem schönen Kaufhaus, als mich ein heimtückischer Blitz traf. Es war die grelle, niederschmetternde und äußerst schmerzhafte Erkenntnis: Jetzt musst du dir einen Badeanzug kaufen! Noch vor Betreten des Modetempels hatte ich sprudelndes Blau vor Augen, Liegen unter Bäumen oder auf Sand und das ganze selbstverständlich im Bikini. Deshalb war ich hierher gekommen: für mein alljährlich neues Am-Wasser-Twinset. Und plötzlich verzischte dieser Traum jäh: Mir schwante, das würde nicht mehr passen, es würde ungut an den Seiten zwicken. Mit leeren Händen schlich ich nach Hause.

Bikini oder Badeanzug: Kann ich mich überhaupt ins Freibad trauen?

Mir war klar, jene weichen Stellen über den weiblichen Hüftknochen, die die Briten so juxvoll Lovehandles nennen, würden dieses Jahr unweigerlich über den Rand meiner neuen Bikini-Hose schwappen. Ich konnte mich nicht wehren, das unvorteilhafte Polaroid steckte in meinem Kopf. Wie alle überlebenden Blitzopfer kam ich nicht nur mit dem Schrecken davon, sondern leide seither unter massiven Ängsten. Kann ich mich überhaupt ins Freibad trauen? Wird es sich wie ein einziger Spießrutenlauf anfühlen? Wer da allerdings mit Bajonett-Blick auf mich starrt, bin ganz allein nur ich: Prüfe Straffheit oder Wölbung, zwicke mich in den Bauch und ziehe am Fett. Warum bin ich plötzlich so gnadenlos gegen mich? Okay, vermutlich hat mein Bauchumfang letztes Jahr einen geschätzten Zentimeter zugelegt. Aber warum kommt der gefühlten zehn nahe? Es ist diese unentrinnbare Panik, in eine Phase weiblicher Behäbigkeit zu trudeln. Noch vor vierzig Jahren war es schließlich normal, sich in diesem Lebensabschnitt einer gemütlichen Topfform anzunähern.


Es sind diese Bilder von der maßlos gestreckten Sanduhrfigur blutjunger Plakatmädchen, mit denen unser alterndes Ego flirtet. Mit diesem verdammten Jungsein, dieser ewigen Schönheit, die uns aus jedem Winkel des modernen Lebens anspukt. Der Wiener Evolutionsbiologe Karl Grammer fand heraus, die Männer seien längst von den Kunstformen gängiger Models so geblendet, dass sie für normale, zu ihnen passende Frauen den Blick verlören. "Die sollten lieber mal wieder sonntags ins Schwimmbad gehen, um zurechtzurücken, was der Markt tatsächlich hergibt."

Bikini oder Badeanzug: Ich muss mich locker machen

Klingt gut. Also könnte ich mich dort ziemlich locker machen. Auf dem Markt bin ich sowieso nicht mehr zu haben. Und Bikini heißt ja auch nicht nur, frivol mit Pfunden zu wuchern, sondern auch Licht in den Bauchnabel zu saugen, es ist die direkte Kontaktaufnahme des Sonnengeflechts mit seinem Muttergestirn. Beim Bad in Wärme und Luft möchte ich nicht immer an Bauchspeck und lahme Haut denken. Stattdessen wünsche ich mir die melancholische Unverfrorenheit einer Marylin Monroe, die so betörend charmant ihre Üppigkeiten zeigen konnte.

Als ich einer Freundin die Sinnfrage "Bikini oder Badeanzug" stellte, schrie sie entsetzt: "Meinen Bikini lasse ich mir nicht nehmen!" Aber sie hatte sich auch schon schlau gemacht, gerade erst heimlich Frauen taxiert, am Strand einer Karibikinsel. Ihr Fazit: "Es wackelt einfach ab einem gewissen Alter. Punkt." Wackeln tut es aber auch im Badeanzug. An den Armen zum Beispiel und den Oberschenkeln. Ein bisschen Bauch, der da auch noch mit schwingt, macht das Bild doch eigentlich nur stimmiger. Ich rannte in die Stadt und griff störrisch nach einem Duo. Die vielen schönen Badeanzüge ließ ich erst mal hängen. Zumindest für diese Saison.


Text: Ellen Kaufmann Foto: Getty Images
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