Interview: Iris Apfel über das Geheimnis ihres Stils

Iris Apfel hat sich immer geweigert, Trends hinterherzulaufen. Sie hat sie lieber selbst gemacht. Ihre ausgefallenen Kombinationen machten die New Yorkerin im vergangenen Jahrhundert zur Stilikone. Sie ist immer noch eine - mit 90 Jahren.

Iris Apfel, Stilikone aus New York.

BRIGITTE-woman.de: Wie viel Mut gehört dazu, Iris Apfel zu sein?

Iris Apfel: Das hat weniger mit Mut als mit der inneren Einstellung zu tun. Hinter meinen Outfits steckt keine tiefere Bedeutung, als dass ich mich darin wohlfühlen muss. Mein Motto war schon immer: Solange ich meine Mutter und meinen Ehemann nicht mit meinem Auftreten in Verlegenheit bringe, ist mir alles egal. Das gilt bis heute. Wenn mein Mann etwas nicht mag, lasse ich es. Wenn es anderen nicht gefällt, ist das nicht mein Problem.

BRIGITTE-woman.de: Warum sind alle so begeistert von Ihrem Stil?

Iris Apfel: Die Leute brauchen scheinbar immer jemanden, der ihnen etwas vormacht. Es gibt einen Hunger nach Individualität, man will "anders" sein, weiß aber nicht, wie. Letztendlich unterwerfen sich die meisten dem Modediktat, von dem sie sich so gern abheben möchten. Im Winter sahen auf der Fifth Avenue von hinten alle gleich aus: schwarze Hosen, hohe Stiefel, Lederjacken - wie eine Uniform. Manche brauchen das.Viele haben Angst davor, Dinge zu tun, die nicht sofort Bestätigung und Akzeptanz finden.

BRIGITTE-woman.de: Kann man individuellen Stil lernen?

Iris Apfel: Stil kann nur haben, wer sich selbst gut kennt. Und sich selbst kennen zu lernen braucht Zeit. Der größte Fehler, den eine Frau machen kann, ist, in den Spiegel zu schauen und sich nicht wiederzuerkennen. Einmaligkeit ist harte Arbeit. Wir leben in einer IMREWelt der schnellen Befriedigung, alles soll zack, zack gehen. Nur wer es schafft, seine eigene Persönlichkeit durch Mode zu unterstreichen, wirkt authentisch. Manche erreichen das mit Minimalismus, andere mit Pomp und Glitzer. Ich liebe auffallenden Schmuck. Die Leute machen sich viel zu viele Gedanken darüber, was andere denken.

Individueller Stil ist mit keinem Geld der Welt zu kaufen.

BRIGITTE-woman.de: Hat sich Ihr Modebewusstsein mit dem Älterwerden verändert?

Iris Apfel: Ich bin treffsicherer geworden und kann aus einem Stapel genau das Stück fischen, in dem ich mich wohlfühle. Natürlich musste ich mich den Jahren anpassen. Arme und Knie werden mit der Zeit nun mal nicht schöner, Miniröcke sind also nicht drin. Spaghettiträger und tiefe Ausschnitte wirken auch nicht vorteilhaft. Die Modeindustrie scheint zu glauben, dass man ab einem bestimmten Alter modisch nicht mehr existiert. Ziemlich verrückt. Meiner Meinung nach macht die Branche den Fehler, ihre Kollektionen nicht für Ältere zu entwerfen. Es geht immer nur um die Jugend.

BRIGITTE-woman.de: Was halten Sie von der heutigen Mode?

Iris Apfel: Sich schön anzuziehen ist immer ein kleines Erlebnis. Diese Flipflop- und T-Shirt-Kultur hat damit aber nichts zu tun, davon wird mir ganz schlecht. Ich will bestimmt niemanden animieren, teure Designerkleidung zu kaufen. Was soll ich in einem Chanel-Kostüm, wenn ich darin aussehe wie alle anderen? Individueller Stil ist mit keinem Geld der Welt zu kaufen.

BRIGITTE-woman.de: Sondern?

Iris Apfel: Einfallsreichtum ist viel wichtiger. Was ich trage, muss etwas in mir auslösen, mich berühren. Das kann auch am Wühltisch passieren. Ich liebe Jeans als Basis und dazu knallige Farben, Stickereien und Teile, die eine Geschichte haben. Für mich stehen Accessoires an erster Stelle. Mit einem schlichten Kleid kann man den ganzen Tag überstehen und es am Abend mit auffallendem Modeschmuck aufpeppen. Ohne Schmuck fühle ich mich nackt.

BRIGITTE-woman.de: Wo holen Sie sich Ihre Inspiration?

Iris Apfel: Von überall. Von den Reisen, aus den Schaufenstern, durch Kunst und das Gespräch mit anderen. Ich war schon immer von einer furchtbaren Neugierde getrieben und fühle mich oft wie ein Schwamm, der alles aufsaugt. Am Leben zu sein ist Inspiration genug.

Zur Person

Iris Apfel wurde 1921 im New Yorker Stadtteil Queens geboren. Ihrem Vater gehörte ein Glas- und Spiegelgeschäft, ihrer Mutter eine Modeboutique. Sie studierte Kunstgeschichte und Kunst und arbeitete unter anderem für "Women's Wear Daily" und den Illustrator Robert Goodman. 1948 heiratete sie Carl Apfel, mit dem sie bis 1992 das erfolgreiche Textilunternehmen Old World Weavers führte. Die Apfels gestalteten unter anderem das Weiße Haus für amerikanische Präsidenten wie John F. Kennedy, Ronald Reagan und Bill Clinton. Ins Rampenlicht kam Iris Apfel 2005 durch eine Ausstellung im Metropolitan Museum of Modern Art, bei der persönliche Kleidungsstücke und Accessoires aus Apfels vielseitigem Fundus gezeigt wurden. Seitdem ist sie der Liebling der Mode- und Magazinwelt, gibt Kurse für Designstudenten und hält Vorträge. Sie kreiert unter anderem eine eigene Brillenkollektion, auffallenden Schmuck und stellt mit der Make-up-Marke MAC eine eigene Lippenstiftserie zusammen. Das Ehepaar Apfel lebt an der Eastside von New York.

Interview: Manuela Imre Foto: WWD/Condé Nast/Corbis
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