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Die Weisheit unseres Körpers

Die Weisheit unseres Körpers
© melitas / Shutterstock
Unser Körper sendet uns Warnsignale, bevor wir erkranken. Er hilft uns, wieder gesund zu werden. Die psychosomatische Medizin weiß, dass wir nur auf ihn hören müssen.

Anfangs war da nur eine Schwellung zweier Lymphknoten auf der rechten Halsseite, die hartnäckig bestehen blieb. Dann ab und zu das Gefühl, nicht mehr richtig schlucken zu können. Nichts Schlimmes, dachte Monika Koch aus Essen und ignorierte das "Zipperlein". Schließlich hatte sie Wichtigeres zu tun: Seit einem Jahr war sie total verliebt, sie und ihr Freund Michael wollten zusammenziehen, dachten an Heirat. Monika Koch fühlte sich geliebt, begehrt, auf Händen getragen; nie hätte sie gedacht, dass ausgerechnet sie, die eine eigene Praxis als Kosmetikerin und Homöopathin führt und immer sehr auf sich achtete, krank sein könnte – schon gar nicht jetzt. Als sie endlich zum Arzt ging, schickte der sie gleich zum Spezialisten. Wie ein Schock platzte dessen Diagnose mitten in ihr Glück: Krebs, noch dazu ein seltener, als extrem aggressiv geltenderMandelkrebs.

Die psychosomatische Medizin hat einen anderen Blick auf Krankheiten

Man kann sich Monika Koch so ein bisschen wie eine Schwester von Uschi Obermaier vorstellen. Niemand würde in ihrer Nähe auf die Idee kommen, ans Alter, gar ans Sterben zu denken – und nun diese Diagnose. "Ich habe mich natürlich gefragt, wo das herkommen kann", erzählt sie heute, zwei Jahre nach Entdeckung ihrer Krankheit. "Da war dieser heiße Sommer, ein paar Jahre zuvor. Damals kämpfte meine jüngere Tochter auf der Intensivstation wochenlang um ihr Leben. Wie erstarrt saß ich Tag und Nacht an ihrem Bett. Konnte da vielleicht die Ursache für meine Krankheit liegen?"

Wir sitzen in der Küche der Altbauwohnung, in der sie inzwischen mit Michael lebt. Michael, der jeden Tag in die Essener Uniklinik kam und sie zum Lachen brachte, nachdem der Tumor in einer sechsstündigen Operation entfernt worden war. Michael, der ihr Seelenverwandter ist, ihr Freund – und seit vergangenem Mai ihr Ehemann. Das Ja-Wort, das sich beide gaben, war auch eine Liebeserklärung an das Leben. Denn Monika Koch hat den Krebs bislang besiegt, gegen alle ärztlichen Prognosen.

"Maximal ein halbes Jahr" hatten ihr alle Ärzte prophezeit, wenn sie Bestrahlung und Chemotherapie im Anschluss an den Eingriff ablehne. Auch Professor Weber, der sie operiert hatte, riet ihr dazu – andernfalls könne er für nichts garantieren. Aber Monika Koch graute vor den möglichen Nebenwirkungen der Therapie, dass die Speiseröhre verätzt werden, alle Zähne ausfallen könnten. Ein Leben mit künstlicher Ernährung – das war für sie unvorstellbar.

Hinzu kam ihre homöopathische Sichtweise, dass in jeder Krankheit auch eine Chance stecke: "Mein Körper hatte mir ja schon länger gesagt, dass etwas nicht stimmt. Nur hatte ich das ignoriert, und deshalb war es fast zu spät." Daher stand für sie damals fest, dass sie Körper und Seele weitere Torturen ersparen, sich nur noch Gutes tun wollte. Bewegung, Atemübungen, Vitamin-C-Spritzen, therapeutische Gespräche. Parallel dazu begann sie nach der Operation mit Hyperthermie, einer anerkannten Methode sanfter Krebsbekämpfung, bei der Tumorzellen durch Wärme abgetötet werden.

Ist es vertretbar, Krebs mit einem Wohlfühlprogramm zu behandeln? Können glückliche Beziehungen den Erfolg von Therapien begünstigen? Und ist es denkbar, dass Ängste, traumatische Erlebnisse oder Stress zur Entstehung von Krankheiten, vielleicht sogar von Krebserkrankungen, beitragen können? Früher hätte man solche Vermutungen als esoterische Spinnerei abgetan, fahrlässig, wenn nicht gar hochgefährlich. Seit einigen Jahren aber entwickelt sich eine neue Sichtweise in der Medizin, die das Zusammenspiel zwischen Seele und Körper stärker in den Mittelpunkt rückt: die Mind-Body-Medizin.

Einer ihrer Vertreter ist David Servan-Schreiber, Chefpsychiater an der Uniklinik im amerikanischen Pittsburgh, Arzt und Leiter eines Instituts für alternative Heilmethoden. In seinem Bestseller "Die neue Medizin der Emotionen" plädiert er für eine an körperlichen und seelischen Bedürfnissen orientierte Lebensweise: "Damit können wir uns selber heilen oder werden gar nicht erst krank, weil wir so die Selbstheilungskräfte des Körpers, unseren inneren Arzt anregen."

Aber Krebs? Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Für bösartige Zellmutationen gibt es unzählige Ursachen, von äußeren Einwirkungen wie zum Beispiel UV-Strahlung bis zu genetischen Faktoren. Bei einer Krebserkrankung darf und sollte deshalb keineswegs nur im seelischen Bereich nach Ursachen gefahndet werden.

Es gibt Krankheiten, die beginnen im Körper, andere in der Seele

Aber: "Wenn extreme Belastung oder eine bedrückende Situation andauern und keine Lösung in Sicht ist, schüttet das Gehirn unentwegt Stresshormone wie Kortisol und Adrenalin aus. Und das wirkt sich negativ auf unsere Abwehr- und Heilungskräfte aus", erklärt Professor Joachim Bauer, Leiter der Abteilung psychosomatische Medizin an der Uniklinik Freiburg. "Wir sind dann anfälliger für Infekte, weil sich die Anzahl der im Körper patrouillierenden Abwehrzellen verringert – auch die Zahl der Natural-Killer-Zellen, die gegen Tumoren kämpfen." So können seelische Belastung und Stress die Entstehung von Krankheiten, vielleicht sogar von Krebs, begünstigen. "Es gibt Krankheiten, die beginnen im Körper, und andere beginnen in der Seele.

Aber die Wechselwirkung ist wichtig, der ganzheitliche Blick auf den Menschen", fasst Bauer, der seit Mitte der neunziger Jahre die Zusammenhänge zwischen Seele und Gehirn, Körper und Immunsystem erforscht, zusammen. Wissenschaftliche Rückendeckung bekommen die Mind-Body- Mediziner seit Längerem von der Hirnforschung. Denn seit bildgebende Verfahren wie die Positronen- Emissions-Tomografie und die Kernspintomografie die Vorgänge in bestimmten Gehirnarealen sichtbar machen können, lässt sich beobachten und medizinisch bis ins Kleinste nachweisen, wie Darm, Niere oder Herz reagieren, wenn etwas im Gehirn passiert. Und vice versa. So wird offensichtlich, wer der Arzt in unserem Inneren ist: die drei Pfund Nervenzellen in unserem Kopf, die ständig mit jeder der 65 Billionen Zellen in unserem Körper in Verbindung stehen.

Heute wissen wir: Ob Freude oder Aufregung, Ärger im Beruf, Liebeskummer oder Trauer – jedes Gefühl löst Veränderungen im Gehirn aus, vor allem im emotionalen Zentrum, dem Mandelkern im limbischen System. Dadurch werden biochemische Prozesse wie die Produktion von Hormonen und Botenstoffen in Gang gesetzt. Sie erzeugen körperliche Signale, die dann wiederum aufs Gehirn zurückwirken. Bei Angst etwa rast das Herz; umgekehrt reicht allein eine schöne Erinnerung aus, um den Herzschlag wieder zu beruhigen. Ein anderes Beispiel: Studien haben ergeben, dass Schnittwunden bei frisch Verliebten rascher heilen. Denn Glücksgefühle erhöhen die Zahl der Antikörper im Blut.

Ständige Belastungen ohne Ausgleich wirken sich entsprechend negativ aus, wir alle kennen das: Muten wir uns zu viel zu, sendet unser Körper uns Signale, meist Beschwerden an der immer gleichen individuellen "Sollbruch stelle": Rücken- und Nackenschmerzen, unruhiger Schlaf, Magengrimmen. Ignorieren wir sie zu lange, riskieren wir, ernsthaft krank zu werden.

Hinweise darauf, was der Körper uns vielleicht mitteilen möchte, liefert nicht selten die Alltagssprache: Wer Nackenschmerzen hat, trägt zu schwer oder ihm sitzt einer im Nacken; wen Bauchkrämpfe quälen, der muss etwas verdauen; wer heiser ist, dem verschlägt etwas die Stimme; wer nachts wach liegt, dem raubt einer oder etwas den Schlaf.

Es gibt sogar Ärzte, die ordnen allen Beschwerden jeweils bestimmte psychische Ursachen zu. Das mag gewagt erscheinen. Andererseits bestätigen immer mehr Forschungsergebnisse Zusammenhänge zwischen Körper und Seele. Mehrere Untersuchungen haben gezeigt, dass schwere Depressionen das Herz schwächen. Und gerade fand eine große britische Studie heraus, dass Menschen, die in einer konfliktreichen Partnerschaft leben, ein um 23 Prozent höheres Risiko haben, einen Herzinfarkt zu erleiden. Es ist also durchaus möglich, an – wie der Volksmund sagt – "gebrochenem Herzen" zu sterben.

Alle Lebenserfahrungen, ob schöne oder traurige, und die damit verknüpften Gefühle rufen nicht nur kurzfristige körperliche Reaktionen hervor, sie verändern auch unser Gehirn – ein Leben lang. Und noch etwas weiß die Hirnforschung heute: Unser Gehirn braucht mitmenschlichen Kontakt! Denn in jenem Teil in seinem Innern, der für Emotionen zuständig ist, sitzen neuronale Netze und feuern biologische Signale, wenn wir mit anderen kommunizieren. Diese so genannten Spiegelneurone (Spiegelnervenzellen) zeigen, dass "unser Gehirn auf geselligen Kontakt gepolt ist", wie der Professor für Physiologie Johann Caspar Rüegg in seinem Buch "Gehirn, Psyche und Körper" schreibt.

Wir brauchen Begegnungen und Bindungen genauso nötig wie Wasser und Nahrung. Denn Nähe und Vertrauen erzeugen gute Gefühle, und die stärken unsere Gesundheit. Fehlende Beziehungen führen dagegen zu Traurigkeit, Depression und – im Gehirn nachweisbar – dem Abbau von Nervenzellen, Nervenzell- Fortsätzen und Synapsen. "Negative Beziehungen können wie ein langsam wirkendes Gift unseren Körper angreifen", so Rüegg.

Die psychosomatische Medizin weiß: Unser Körper vergisst nichts

Das bestätigt auch Joachim Bauer. Er sagt: "Krankheitsbilder entwickeln sich lebenslang. Alle Erfahrungen werden gespeichert und können noch Jahre später Krankheit auslösen." Der Grund: So wie die Haut keinen Sonnenbrand vergisst, besitzt jede einzelne Körperzelle ein Gedächtnis. "Der Körper merkt sich alles, speichert alles in den Zellen, auch wenn man es aus dem Bewusstsein verdrängt hat." Doch wenn seelische Schmerzen oder traumatische Erlebnisse nur verdrängt, aber nie verarbeitet wurden, dann ist es gut möglich, dass sich unser Körper eines Tages meldet. Dann zwingt er uns sozusagen, die unverheilten Wunden der Seele anzuschauen. Er entwickelt, oft an entsprechender Stelle, Schmerzen, Fehlhaltungen, Blockaden. Unsere Chance besteht dann darin, den Mut aufzubringen, diese Schmerz- und Trauergefühle nicht länger zu verdrängen, sondern uns ihnen zu stellen.

Alle körperorientierten Verfahren gewinnen angesichts dieser Erkenntnisse an Bedeutung. Osteopathie und Cranio-Sacral-Therapie, Kinesiologie oder Body-Talk-System lösen über wohltuende Berührungen Blockaden auf, fördern den Ausstoß von Dopamin und Endorphinen – Glückshormonen, die die Immunabwehr stärken. Doch auch der Weg über die Seele verspricht Erfolg, mit Psychotherapie, Gesprächen, Meditation. Da sich durch neue Gedanken und Erfahrungen langfristig die Strukturen im Limbischen System verändern, verblassen allmählich alte Blessuren, die uns krank gemacht haben. Jeder muss deshalb seinen persönlichen Weg bei der Behandlung von Krankheiten finden.

Ebenso wichtig wie die Wahl der Therapie ist nach allem, was die Hirnforschung heute weiß, aber auch der unbeirrte Glaube daran, dass sie heilt. Das schrieb unlängst auch "Der Spiegel" in seiner Titelgeschichte "Die Heilkraft der Einbildung". Darin heißt es vorsichtig, bei Phänomenen wie Spontanheilungen und Placebo-Effekt handele es sich um eine "hochspezifische Strategie des zentralen Nervensystems". Daran seien Hirnareale beteiligt, "in denen Hoffnung und Zuversicht in körpereigene Schmerzmittel übersetzt werden". Man vermute, "diese Hirnregionen seien in der Lage, Mechanismen zu aktivieren, die gegen Krankheiten und Stress ankämpfen". Anders ausgedrückt: Hier hilft uns unser innerer Arzt, gesund zu werden.

Auch Monika Koch glaubt fest an die Wirksamkeit ihrer Therapie. Sie wollte sich ihre Lebensqualität nicht nehmen lassen, entschied sich für sanfte Medizin und gute Gefühle. Von der Hochzeitsreise mit Michael kam sie glücklicher denn je zurück, sprühend vor Lebensfreude. Mind-Body-Mediziner könnten dazu nur bestätigend nicken: Der Körper kann sich selbst regulieren, wenn wir dankbare, zärtliche, fröhliche und beglückende Gefühle empfinden. Limbische Regulation nennen die Experten das. Und dieser Begriff heißt nichts anderes als: Fühlen wir uns in unserem Leben wirklich geborgen, kann uns unser innerer Arzt am besten helfen.

Zum Weiterlesen: - Joachim Bauer: "Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern", Piper 2004, 270 S., 9,95 Euro - Joachim Bauer: "Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren", Hoffmann und Campe 2006, 244 S., 19,90 EuroHoffmann und Campe - Joachim Bauer: "Warum ich fühle, was du fühlst. Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone", Heyne 2006, 192 S., 7,95 Euro - David Servan-Schreiber: "Die neue Medizin der Emotionen", GoldmannHeyne 2006, 336 S., 9,95 Euro - Johann Caspar Rüegg: "Gehirn, Psyche und Körper – Neurobiologie von Psychosomatik und Psychotherapie", Schattauer Verlag, 4. erw. Auflage 2007, 243 S., 34,95 Euro


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