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Cilento: Geheimtipps für Süditalien

Cilento: Blick von bergiger Landschaft aufs Meer
© Christian Grund
Einfach nichts tun und ins Blaue starren, das möchte BRIGITTE WOMAN-Autorin Ariane Heimbach im Cliento. Aber hinter der Küste lockt eine wildromantische Bergwelt: alte Dörfer, in Wälder gebettet, und Grotten, von Wasser durchtost – Italiens unbekannter Süden.

Muss man immer was erleben?

Können wir nicht einfach auf der grandiosen Hotelterrasse sitzen bleiben und aufs Meer schauen? Wozu fährt man sonst in den Süden? Ich will zurück an den Rand, den trägen Saum zwischen Land und Wasser, wo man dem tätigen Leben den Rücken kehren und belämmert ins Blaue blicken kann. Stattdessen fahren wir auf holprigen Straßen rauf und runter, durch Esskastanienwälder, schroffe Schluchten, über alte Steinbrücken, in schier endlosen Kurven, die – das wird mir jetzt erst bewusst – nur zu ertragen sind, wenn man wie Christian, der Fotograf, hinter dem Steuer sitzt. "Sind wir gleich da?", höre ich mich mit dünner Kinderstimme rufen. Noch zehn Kilometer bis zum Bergdorf Morigerati, zeigt das Navi an, bevor es schaukelnd in die nächste Talsenke geht.

Mare e Monti

Wir wollten es so: Mare e Monti, das Meer und die Berge erkunden. Zwei Sehnsuchtsorte, die sich woanders oft ausschließen – hier im Cilento kommen sie sich ganz nah. Die Region unterhalb der berühmten Amalfiküste gilt als der unbekannte Süden Italiens. Keine glamourösen Badeorte, keine leuchtenden Städte, ein schwer zugängliches Hinterland. Auf rund 100 Kilometern erstreckt sich der unverbaute Küstenstreifen mit Buchten und kleinen Stränden. Gleich dahinter beginnt die wildromantische und mittelalterlich anmutende Bergwelt des Nationalparks "Cilento e Vallo di Diano" mit bis zu 1898 Meter hohen Gipfeln, fast unberührten Wäldern und einer uralten Kulturlandschaft aus Oliven- und Weinbergen.

Cilento: Olivenhain am Berghang
Von Menschen gemacht. Uralte Olivenhaine am Berghang.
© Christian Grund

Als wir am Morgen aus dem Küstenort Pisciotta aufbrachen, war uns nicht klar, worauf wir uns einließen. Der Cilento ist nur ungefähr so groß wie der Naturpark Pfälzerwald. Doch es dauert ewig, um auf den kurvenreichen Wegen voranzukommen. Der Raum dehnt sich, während die Zeit stehen geblieben zu sein scheint; irgendwo in einem anderen Jahrhundert, als die Menschen sich noch zu Fuß oder auf Eseln von Dorf zu Dorf bewegten. Die Dörfer liegen nicht in den Tälern, wie etwa in den Alpen, sondern auf den Bergen, wohin im 9. Jahrhundert Menschen vor den einfallenden Sarazenen an der Küste flohen. Sandsteinfarbene Häuser stapeln sich neben- und übereinander an den sattgrünen Hängen. Manche sind inzwischen verlassen, wie der Weiler San Severino di Centola, wo wir am Morgen kurz haltgemacht haben. Während wir durch die leeren Gassen gingen, ertappten wir uns dabei, dass wir unwillkürlich flüsterten. Disteln und Mohnblumen überwuchern die Häuser, von denen einige so aussehen, als hätte dort vor Kurzem noch das Leben stattgefunden. Ein Ort, der demütig macht: Am Ende werden Steine und Pflanzen uns überdauern.

Auf nach Morigerati

Jetzt im Frühling, nach Wochen, in denen es ungewöhnlich viel geregnet hat, wirkt die Natur in vollem Saft. Wilde Orchideen und andere Wildblumen färben die Wiesen bunt. Nur wenige Autos begegnen uns auf der Fahrt nach Morigerati, ein beliebtes Ziel für nicht ambitionierte Wanderer. Im August, wenn es an der Küste über 35 Grad heiß wird, kommen die Touristen in Scharen – oft in Badelatschen. Gebrauchte Turnschuhe in allen Größen zum Ausleihen stapeln sich deshalb im Büro der WWF-Oase in Morigerati. Die Naturschutzorganisation verwaltet in Italien einige solcher Oasen, es sind Naturmuseen unter freiem Himmel, wie hier rund um das Tal des Flusses Bussento.

Wir haben unsere eigenen Wanderschuhe geschnürt. Es tut gut, in der kühlen Bergluft zu laufen. Auf glatten Kalksandsteinen geht es hinab in einen verwunschenen Wald, Farne bedecken den Boden, Moose hängen in grünen Girlanden von den Bäumen herab. Ein glitschiger Holzweg führt geradewegs in einen Felsen hinein und öffnet sich in eine spektakuläre Grotte, wo der Bussento, nachdem er auf der anderen Seite des Bergs über fünf Kilometer lang in der Tiefe verschwunden ist, tosend aus der Felsspalte bricht.

Cilento: Fluss der aus Grotte fließt
Von der Natur geformt. In Morigerati bricht der Fluss Bussento, nachdem er über fünf Kilometer im Berg verschwunden ist, tosend aus dem Felsen einer Grotte.
© Christian Grund

Wieder draußen im hellgrünen Licht des triefenden Walds, begegnet uns eine Frau in hohen Gummistiefeln und Gummihosen: Demetria Barra, 52. Sie stammt aus Morigerati und hat mit ihren Schwestern die Oase aufgebaut. Sie pflegt die Pfade, fischt Treibholz aus dem Fluss und hält Vorträge über die Geschichte des Cilento.

Die Getreidemühle dort, sie zeigt auf ein altes Gemäuer, durch das der Fluss rauscht, hätten Mönche gebaut, die im Mittelalter in die Berge des Cilento flohen und ihr Wissen über Ackerbau und Pflanzen mitbrachten. Demetria sagt, sie habe alles darüber gelesen. Und sie hütet ihre Bildung wie einen Schatz. "Wir arbeiten hier nicht für Geld. Wir arbeiten für die Hoffnung, die unser Dorf braucht. Es gibt keine Arbeit. Seit Jahrzehnten gehen die Männer fort." Die Zukunft für sie und ihre Schwestern liegt im Nationalpark.

Cilento: Frau in Gummihose und Tshirt
Gelehrte in Gummihose. Demetria Barra.
© Christian Grund

Gino Troccoli, 53, der redselige Wanderführer, mit dem wir am nächsten Morgen im Gebirge bei Felitto unterwegs sind, ist in den Cilento zurückgekehrt, nachdem er seine Kindheit in Saarbrücken verbracht hat. "Ab 300 Höhenmetern sind die Menschen viel netter", sagt er mit süddeutschen Akzent und lacht. Warum das so sei? "Man braucht sich und hält zusammen." Später werden wir diesen Satz auch von den Einheimischen an der Küste hören. Und alle schwören auf das gute Essen im Cilento, möglichst zweimal am Tag.

Während ich versuche, Ginos Tempo zu halten, erzählt er ausführlich von den Besonderheiten der Cucina Cilentana: viel Gemüse, Olivenöl, Pasta und Fisch. Nach zwei Stunden Marsch entlang des tosenden Flusses Calore führt er uns mittags zum einzigen Lokal, das am Eingang der Schlucht in Remolino steht. Iva Gato, 62, eine schmale Frau mit einem schüchternen Lächeln, serviert hier auf der Terrasse die für die Gegend typischen Fusilli di Felitto, handgerollte Nudeln, mit einer einfachen, unglaublich fruchtig schmeckenden Tomatensoße. Es ist herrlich, unter dem Blätterdach eines Bergahorns zu sitzen. Doch ich sehne mich nach dem Meer.

Italien wie aus einem Visconti-Film

Die untergehende Sonne färbt die Häuser von Pisciotta orangerot, als wir in das 171 Meter über dem Meer liegende Dorf zurückkehren. Es ist die Stunde, in der das Leben auf der Piazza erwacht und sich die Menschen nach getaner Arbeit in Schale werfen, um zu flanieren. Alte Männer in Anzügen spielen Karten im Café, Kinder toben zwischen streunenden Katzen herum, unbeachtet von ihren Müttern, die rauchend und redend zusammenstehen. Man fühlt sich an das Italien aus Visconti-Filmen erinnert, an diese Mischung aus Armut, Schönheit und Stolz. Viele der alten und schiefen Häuser in den Gassen Pisciottas sehen so aus, als stünden sie kurz vor den Zusammenbruch. Doch jede noch so marode Treppe ist liebevoll mit Blumentöpfen geschmückt. Die rustikalen Restaurants locken mit regionalen Spezialitäten wie überbackenen Auberginen oder frittierten Sardellen. Wir sind müde und hungrig. Aber der Tag ist noch nicht zu Ende.

22 Uhr, offene See. Das Wasser ist schwarz, der Himmel darüber ebenfalls. Kein Wind, keine Wellen. "Lass sie arbeiten!", ruft einer der Fischer, die Hände und Gummihose blutig, eine brennende Zigarette zwischen den Lippen, während er das Fangnetz einholt. Der Mann, den die anderen Vincente rufen, muskulös, mit zerfurchtem Gesicht, macht sich offenbar über mich lustig. Ein Schlauchboot hat uns zu den Sardellenfischern gebracht. Und jetzt fasse ich tatsächlich beherzt nach einer Sardelle, die tot in den weiten Maschen steckt. Sie glitscht mir aus den Fingern. Wie silberne Wimpel hängen die Tiere im Netz. Es sieht so aus, als würden die Fischer sie pflücken.

Ich greife wieder zu. Die nächste Sardelle lebt noch. Erschrocken ziehe ich die Hand zurück und kreische kurz auf. Die Fischer aus Marina di Camerota lachen. Was mache ich hier? "Alici di Menaica", nennen die Männer es: eine jahrtausendealte, nachhaltige Fangmethode, die angeblich nur noch hier im Cilento und auf Sardinien betrieben wird. In den weiten Maschen der Netze bleiben nur ausgewachsene Alici, Sardellen, hängen und bluten noch im Meer aus, wodurch ihr Fleisch seinen milden Geschmack erhält. Nur in ruhigen Nächten von März bis Juli können die Sardellen nach der Menaica-Methode aus dem Meer geholt werden.

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Was für eine Aussicht

Ich finde, wir haben genug erlebt, und will am nächsten Tag die Terrasse des "Marulivo"-Hotels eigentlich nicht mehr verlassen, die wie ein Adlerhorst über dem Meer und einem Wald aus Olivenbäumen thront.

Cilento: Hotelterrasse mit Meerblick
Wie ein Adlerhorst. Die Terrasse des Hotels "Marulivo" in Pisciotta liegt 170 Meter über dem Tyrrhenischen Meer. Vorsicht. Wer sich hier einmal niederlässt, möchte nie wieder aufstehen.
© Christian Grund

Doch Lea Pinto, die sympathische Hotelbesitzerin, hat uns von einem Spaziergang erzählt, der quasi ein Muss ist und für den wir uns nicht von der Küste weit weg bewegen müssen. Hinter San Giovanni a Piro, wo wir das Auto abstellen, erstreckt sich der Höhenrücken der Costa San Carlo auf rund 500 Meter über dem Meer. Ein Hirtenweg führt über die mit Macchia bewachsenen Felsen zur Steilküste. Bis auf Kuhglocken und Fliegensurren ist nichts zu hören. Bevor der Weg runter ins Tal geht, biegen wir ab. Und dann stehen wir ziemlich baff auf einer Klippe, die schräg zum Meer abfällt. In einem gewaltigen 180-Grad-Panorama öffnet sich der Golf von Policastro zu einem erhabenen Schauspiel aus Blau in Blau, umrahmt von grün leuch­tenden Bergen. Der Blick geht so weit, dass man meint, das Rund der Erde zu sehen. Ich lasse den Rucksack fallen und setze mich auf einen Stein. Geht doch.

Reise-Service Cliento

Restaurant-Tipps
"Was habt ihr gegessen?", lautet die wichtigste Frage in Cliento. Zum Beispiel: Sardellen mit Zitronensaft und Knoblauch und überbackene Auberginen mit Ziegenkäse, wie in der "Osteria del Borgo" in den Gassen von Pisciotta (Via Roma 17, Tel. +39-0974970113).

Direkt überm Meer sitzt man im "Albergo Ristorante Belvedere". Hier steht die ganze Familie in der Küche und kredenzt selbst gemachte Pasta und Fischvariationen, darunter, na klar, Sardellen, diesmal mit Käse gefüllt und paniert (www.belvederepisciotta.it)

Wer im Hinterland Wildschwein essen will, kehrt am besten im "Ristorante Remolino di Gatto Iva" ein, das am Fluss Calore bei Felitto liegt (Contrada Remolino, Tel. +39-0828945360).

Übernachten
Hotel Marulivo. Schlafen und rumtrödeln in den Mauern eines Klosters im Küstenort Pisciotta. Charmante Zimmer mit Burgfräulein-Ausblick. DZ/F ab 100 Euro, mindestens drei Nächte, buchbar unter www.vamos-geheimtipps.de.

Rauf und Runter
Kultur, Geschichte, viele praktische Tipps und einen kleinen Wanderführer gibt es bei Andreas Haller: Cliento, 280 S., 17,90 Euro, Michael Müller Verlag.

Weiße Wonne
Büffelmozzarella aus dem Familienbetrieb von Silvia Chirico in Marina di Ascea mit eigenem Hofladen, www.caseificiochirico.it.

Beste Reisezeit
Die Winter sind mild, die Sommer trocken und heiß. Die besten Monate für einen Urlaub im Cliento sind Mai und Juni sowie September und Oktober. Unbedingt den italienischen Urlaubsmonat August meiden.

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BRIGITTE WOMAN 03/2020

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