Drei Frauen auf Hiddensee

Drei Frauen machen sich gemeinsam auf eine altbekannte Reise - Tochter, Mutter und Oma fahren nach Hiddensee.

Ach, dieser Blick! Auf Hiddensee ist das Meer eigentlich immer in Sichtweite - wie hier auf dem Küsten-Hochwanderweg im Norden der Insel.

Meine Oma weiß sofort Bescheid. "Guckt mal, Ostwind", sagt sie und zeigt auf Flaggen, die vor strahlend blauem Himmel in Westrichtung flattern. Meine Mutter nickt. "Aha. Also Sonne, aber kaltes Wasser." "Keine Wellen", füge ich hinzu. "Und Quallen."

Drei Frauen, drei Generationen im Hafen von Stralsund, auf dem Weg zu einer Insel: Hiddensee. Überraschen kann uns nichts. Seit 45 Jahren verbringt meine Oma auf Hiddensee ihren Urlaub, meine Mutter hat als Kind mit den Enkeln der Vermieter gespielt, und ich baute hier mit Vorliebe Kleckerburgen. Natürlich sind wir nach der Wende auch nach Dänemark und Italien gefahren. Aber zwischendrin mussten wir immer wieder nach Hiddensee. Denn wir drei Frauen haben einen Hang zum Pragmatismus - und auch die Insel ist wunderbar bodenständig.

Am Stralsunder Hafen schaukeln Segelboote im Wind. Hektik verbreiten nur ein paar Touristen. "Komm", fordert eine Frau von ihrem Mann und drängelt in unsere Richtung, "das ist das Schiff nach Vitte!" Das Drängeln wird ihnen bald vergehen: Hiddensee hat noch jeden beruhigt. Wir sind sowieso zur Langsamkeit gezwungen: Meine Oma stützt sich beim Gehen auf Krücken. Sie hat Probleme mit der Schilddrüse, mit dem Blutdruck, mit dem Gewicht. Aber als ich sie fragte, ob sie mit mir auf die Insel reisen wolle, sagte sie sofort Ja.

Auf Hiddensee lebt man das Wesentliche aus

Frischer Fisch und Wein im Restaurant, wie hier in der "Hiddensee-Klause" in Vitte, waren früher eine Ausnahme. Man kochte im Ferienzimmer und nahm Stullen mit an den Strand.

Eine Woche lang wollen wir das machen, was wir immer gemacht haben: vor dem Frühstück baden gehen, Rad fahren, wandern, im Strandkorb lesen, früh schlafen gehen. Wir wollen die Reduktion aufs Wesentliche. Auf Hiddensee ist das leicht: Die Insel ist gerade mal 19 Quadratmeter groß. Von Vitte geht es fünf Kilometer nach Norden, zehn nach Süden, und im Osten und Westen kommt jeweils nach ein paar hundert Metern das Meer. Ein betonierter Weg führt von Nord nach Süd, zugelassen sind fast ausschließlich Fahrräder. Ansonsten herrscht das Trampelpfad-Prinzip: Pfade in der Heide- Landschaft, Pfade durch die Dünen zum Strand, Pfade auf der Steilküste. Bei so viel Übersichtlichkeit werden die kleinen Dinge ganz groß: Wie viel Grad hat das Wasser? Blüht die Heide schon? Und was läuft als Nächstes im Zeltkino?

Am Hafen von Vitte warten lauter braun gebrannte Menschen, Handwagen stehen für das Gepäck bereit. Alles ist wie immer. Dann rechts die Kaufhalle, die hier wohl immer Kaufhalle und nie Edeka heißen wird. Der Anschlag mit dem Programm fürs Zeltkino. Pferdeäpfel auf der Straße. Sofort fühle ich mich, als hätte jemand hinter uns eine Tür zugemacht und den Rest der Welt ausgesperrt.

Ostwind. Sonne, aber kaltes Wasser. Keine Wellen, aber Quallen.

Unsere Ferienwohnung liegt am südlichen Ortsrand von Vitte. Meine Mutter inspiziert die Terrasse, das schicke Bad, den Geschirrspüler: "So komfortabel haben wir ja noch nie gewohnt." Jahrelang hat sie sich mit ihrem Bruder und den Eltern ein winziges Ferienzimmer geteilt. Ein Doppelbett, zwei Luftmatratzen auf dem Boden, die Plumpsklos waren über den Hof zu erreichen. Gegessen wurde draußen. Bettwäsche, Handtücher, Bademäntel, die Luftmatratzen und dazugehörige Zudecken brachte die Familie immer selbst mit. Das alles wurde bei Ferienbeginn einfallsreich in dem kleinen Trabbi verstaut und später aufs Schiff getragen. Für Kleidung blieb da wenig Platz. "Auf Hiddensee brauchen wir doch nicht viel", pflegte meine Oma zu sagen. "Bei Hitze sind wir am Strand, und für kalte Tage nimmt jeder einen warmen Pullover mit."

Duschen gab es in der Unterkunft nicht, dafür aber Wasserkrug und -schüssel im Zimmer. Man ging ja täglich baden - und die Ostsee ist kaum salzig. Nach der Wende mussten die Hiddenseer deshalb erst einmal lernen, dass die Gäste sich jetzt duschen wollten.

Die wenigen Attraktionen der Insel sind bei jedem Besuch Pflicht - und immer wieder schön. Vom großen Leuchtturm aus schaut man auf die sanften Rundungen der Küste. Zwischen Vitte und Kloster schweift der Blick endlos weit.

Auch Plumpsklos wurden undenkbar. Meine Großeltern hätten darauf sicher auch vor der Wende schon gern verzichtet. Laut gesagt hätten sie das allerdings nie - es hätte sich ja negativ auf die Bewerbung auswirken können. Denn in der DDR wurden Ferienplätze von oben zugeteilt, zum Beispiel vom FDGB, dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund. Nur mit viel Glück oder Beziehungen schaffte man es nach Hiddensee. Und wer wiederkommen wollte, musste einiges dafür tun. "Jedes Jahr habe ich mich bei unseren Vermietern um die Erdbeeren gekümmert", erzählt meine Oma abends bei einem Glas Spätburgunder. "Und dein Opa schnitt immer die Hecke." - "Andere schickten den Vermietern zu Weihnachten Päckchen", sagt meine Mutter.

Meine Oma: "Das sicherte den Wunschgast-Status. Unsere Vermieter konnten ja nur zwei Wunschfamilien pro Jahr angeben.

Die anderen wurden ihnen zugeteilt." "Wir hätten es auch nicht gewagt, mal ein Jahr woandershin zu fahren. Sonst wären wir aus dem Rennen gewesen." "Und was haben sie uns alle beneidet! Das muss daran liegen, dass ihr in der Partei seid, haben sie gesagt. Dabei ging es doch um die Erdbeeren und die Hecken!" Meine Oma hört jetzt gar nicht mehr mit dem Reden auf: Sie erzählt von der Molkerei und der Fleischerei, wo es immer zwei Schlangen gab - eine war für Einheimische, die bevorzugt behandelt wurden. Vom Aal, den es nur unter der Hand gab. Der Aal, das wusste jeder, ging in den Westen. Und vom Warten auf den Brief im Januar. Das "Reisebüro der DDR" teilte ihnen dann darin mit, dass sie wieder Wunschgäste waren, 26 Jahre lang. Man muss dazu wissen, dass meine Oma kein Mensch der großen Worte ist. In ihrer Ehe ist eher mein Opa für das Reden zuständig.

Am nächsten Morgen ist ihre Stimme leicht belegt. Und ich fahre mit meiner Mutter dorthin, wo die Insel Kurven zeigt: ins Hochland rund um den Leuchtturm. Hier oben drückt, presst und pfeift der Wind. Wir setzen uns in eine Senke zwischen die geschmeidig geschwungenen Hügel. Meine Mutter packt belegte Brötchen aus. Viel mehr als eine Brote schmierende Mutter braucht es nicht, um wieder Kind zu sein.

Die Sicht von hier oben ist phänomenal: Im Osten sehen wir Rügen, im Nordwesten schimmern weit entfernt die Kreidefelsen von Møn. "Zu DDR-Zeiten war hier alles von der Armee gesperrt", erzählt meine Mutter. "Die Leute hätten ja entdecken können, wie nah die dänische Küste ist." Verboten waren damals auch Luftmatratzen am Strand: Man fürchtete die Matratzen-Flucht. Heute ist der Frieden hier oben perfekt. "Mama, dein Oberteil passt zur Farbe des Himmels", sinniere ich aus dem Liegen heraus. "Und deine Haare sind wie die Wolken." Meine Mutter dreht sich zu mir um und sagt trocken: "Aha." Zu viel Pathos ist ihre Sache nicht.

Drei Frauen - wer soll kochen?

Wenn die Heide blüht, überzieht sie wie ein Teppich die sandigen Hügel im Zentrum von Hiddensee. - Eine schöne, einfache Radstrecke: auf dem Deich von Vitte, immer am Strand entlang.

Am Abend kommt es zu Kompetenzgerangel: Wer soll kochen? Drei Frauen stehen in der Küche und schauen sich ratlos an. Wie ungewohnt, nicht allein verantwortlich zu sein! Meine Oma gibt als Erste auf: "Sagt mir einfach, wenn ich was tun soll." Sie war heute schon bei Freunden zu Besuch und hat frischen Aal gekauft. Ohne Krücken. Und morgen will sie sich sogar einmal aufs Fahrrad setzen.

Kurz hinter unserem Ferienhaus wirkt die Landschaft, als sei sie in einen lila Farbtopf gefallen: Auf den sandigen Böden wächst nicht viel mehr als das widerstandsfähige Heidekraut. Es ist ganz still hier, nur in der Ferne brummt ein Flugzeugmotor. Schweigend zwingen meine Mutter und ich unsere Räder über die nachgiebigen Pfade. Immer wieder versinken wir im feinen Sand. Wir schwitzen. Im Süden der Insel parken wir unsere Räder hinter den Dünen. Während wir uns gestern im peitschenden Wind wie an der Nordsee fühlten, ist die Stimmung heute mediterran: Kiefernwälder spenden Schatten, das Meer plätschert nur leicht, der Sand ist weiß und fein. Eine Familie spielt Wettrennen; Vater und Sohn gegen Mutter und Tochter. Die Mädels gewinnen knapp.

Alle vier sind nackt - auf Hiddensee ist FKK totale Normalität. Seit meiner Kindheit habe ich vor den Augen anderer nicht mehr nackt gebadet. Aber ich habe meinen Bikini vergessen, und außer der Wettrenn-Familie gibt es kaum Zuschauer. Also Slip aus und rein ins Wasser. "17 Grad", schätzt meine Mutter und marschiert los. Kaltes Wasser, keine Wellen - unsere Vorhersage vom Anfang der Reise stimmt. Die reinste Gefriertruhe! Zögerlich bewege ich mich vorwärts. Dann ein kleiner Sprung nach vorn. Schwimmen. Die Frische direkt am Körper spüren, ohne Stoff. Herrlich.

Ausflug in die Vergangenheit: Jahrelang machten meine Großeltern in diesem Häuschen Urlaub. Auch die neuen Besitzer kennen sie gut.

Am Abend fährt meine Oma mit dem Fahrrad ins Restaurant. Die Krücken lässt sie zu Hause. Und sie bezahlt unsere Rechnung, was neu für sie ist - "das macht doch sonst immer Opa". Ich gehe, etwas weintrunken, ans Wasser. Es ist die schönste Stunde auf der Insel: Das letzte Schiff hat die Tagesgäste wieder ans Festland gebracht, und ich habe den weiten Strand jetzt fast für mich. Als 15-Jährige saß ich hier mit meiner besten Freundin bei spektakulären Sonnenuntergängen in den Dünen, jeden Tag wieder. In jenem Urlaub sahen wir uns zum dritten Mal "Sinn und Sinnlichkeit" nach der Romanvorlage von Jane Austen im Zeltkino an. Wir waren damals ziemlich anfällig für Romantik.

Heute Abend hat der Wind gedreht. "Westwind", wird meine Mutter später sagen, "das gibt wärmeres Wasser." Die untergehende Sonne taucht die Wellen in kitschige Rosatöne, Grillen zirpen. Ich seufze innerlich. Für Inselromantik bin ich wohl noch immer ziemlich anfällig.

REISE-INFO Hiddensee

Überfahrt Die Schiffe fahren von Stralsund (dreimal täglich) oder von Schaprode auf Rügen (achtmal täglich), www.reederei-hiddensee.de.

Zimmervermittlung Die Unterkünfte der Privatvermieter sind oft einfach eingerichtet, mehr Komfort findet man im Inselhaus Hiddensee (Buchung und Information unter Tel. 088 47/69 90 60) oder im Ferienhaus Mühlstein Süd (Tel. 01 62/484 12 78). - Auf www.hiddenseeservice.de sind besonders viele schöne Ferienwohnungen und -häuser aufgelistet, oft mit Reetdach.

Lesen "Hiddensee". Ein Lesebuch. Inselbesucher von Anfang bis Ende des 20. Jahrhunderts erzählen von ihren Aufenthalten auf der Insel, darunter auch Gerhart Hauptmann, Katia Mann und Asta Nielsen (367 S., 9,95 Euro, Ullstein).

Insel-Info Norderende 162, 18565 Vitte, Tel. 03 83 00/ 642 26, Fax 642 25, www.hiddensee.de, www.seebad-hiddensee.de

Text: Marike Frick Fotos: Anikka Bauer
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