Mit dem Rad immer der Milch nach

Eine der schönsten Radstrecken in Norddeutschland führt entlang der Deutschen Sielroute. Im Urlaub genießen die radelnden Gäste in den Melkhüs leckerste Milchprodukte.

Bei einer Tasse ostfriesischem Tee mit Kluntjes und einem Schuss Sahne erzählt Annegret Schildt, 55, wie alles anfing: Den Anstoß gab eine Bäuerin aus dem benachbarten Rheiderland, die inzwischen verstorbene Friedel Schumacher. Sie hatte bei einem Urlaub in Süddeutschland Besenwirtschaften und Jausenstationen kennen gelernt. Und fand die so schön, dass sie unbedingt eine norddeutsche Variante einrichten wollte.

Kühe und flaches Land, viel Grün und das frische Weiß der Wolken, außerdem das Plattdeutsche und die traditionelle Gastfreundlichkeit: Was lag da näher, als das typische Produkt dieser Region, die Milch, direkt beim einheimischen Bauern anzubieten? Die Idee der Melkhüs war geboren. "Vom ostfriesischen Rheiderland in die Wesermarsch war der Weg dieser Idee nicht weit. Die Landfrauen pflegen auf regionaler Ebene sowieso einen intensiven Austausch", erzählt Annegret Schildt, Kreisvorsitzende des Landfrauenvereins aus Brake. Friedel Schumachers Einfall faszinierte sie sofort.

Und während Friedel Schumacher in Eigenregie ein erstes Häuschen im Rheiderland eröffnete, erkundigte sich Annegret Schildt bei der heimischen Wirtschaftsförderung nach Fördermitteln. Die Antwort machte ihr Mut: EU-Gelder stünden zur Verfügung. Denn das Projekt Melkhus passe sehr gut zu einer gerade gestarteten Initiative, die die ländliche Wirtschaft voranbringen sollte. Auch die Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. erklärte sich bereit, Werbematerialien zu finanzieren. "Bei so viel Unterstützung musste man einfach loslegen", sagt Frau Schildt.

Die geringen Investitionskosten, der überschaubare Arbeitsaufwand und das praktikable Konzept passten in den Alltag vieler Bäuerinnen in der Gegend zwischen Nordsee, Jadebusen und Weser. Das Interesse der Frauen war deshalb groß.

Natur und Milch genießen: Urlaub in Norddeutschland

Vielen hatte es sowieso schon lange in den Fingern gekribbelt. Wie Stefanie Nobis, 37. Etwas Kleines wollte sie aufziehen, bloß keine große Sache. Denn Arbeit hatte sie eigentlich genug. Sie steckte mittendrin in Familie, Haushalt und einer Landwirtschaft mit 150 Milchkühen. Ihre drei Kinder waren erst sieben, sechs und zwei. Vor ihrem Hof in Lemwerder-Altenesch verläuft die Deutsche Sielroute, einer der schönsten Radrundwege Deutschlands. Stefanie Nobis hätte am liebsten jeden Touristen angehalten und mit ihm geplaudert. Sie war neugierig auf die Menschen, wollte ihnen die moderne Landwirtschaft zeigen und von ihren Eindrücken erfahren.

Die Initiative von Annegret Schildt kam für sie wie gerufen. Kein Laden, kein Café - einfach nur ein kleines Häuschen mit Ausschank auf dem Hof. Gerade groß genug, um einen Kühlschrank, einen kleinen Tresen und ein paar Stühle unterzubringen. Und gerade klein genug, um es zwischen Kindern, Küche und Kuhstall allein zu bewirtschaften. Eine Gaststättenlizenz war nicht nötig.

Mittlerweile gibt es zehn Melkhüs in der Wesermarsch. Wie Perlen an einer Kette reihen sie sich entlang der Deutschen Sielroute auf. Die Abstände zwischen den Stationen sind so bemessen, dass auch Kinder die Strecken per Rad gut bewältigen können und mit der Aussicht auf einen Milchshake manchmal sogar mit mehr Elan in die Pedalen treten.

Im Angebot haben die zehn Bäuerinnen in der Wesermarsch alles rund um das zumeist hofeigene Produkt, die Milch: Milchmixgetränke, Buttermilch-Shakes, Milchreis, Eis, Quark oder Joghurt, das Sortiment wird ständig erweitert und variiert. Hinter klingenden Namen wie "Leev un Leben" - Liebe und Leben - verbirgt sich ein Buttermilch-Shake mit Pfirsichnektar und Grenadinesirup, und die "Frische Brise" ist eine Buttermilch, gemixt mit Bananensaft und Curaçao.

Daneben gibt es zum Beispiel Erdbeermilch zu kosten, Eisschokolade und Kirschzauber, einen Drink aus Kirschsaft, Kokossirup und Vanillezucker, kombiniert mit Buttermilch. Die Radwanderer tragen ihre Erfahrungen von Melkhus zu Melkhus. Und so merken die Frauen schnell, wenn ein Produkt besonderen Erfolg hat. Dann tauschen sie sofort die Rezepte aus - die gemeinsame Sache ist ihnen allemal wichtiger als der Wettbewerb.

Und nur so konnte das Projekt sich auch derart gut entwickeln: Inzwischen sind die Melkhüs zum Markenzeichen für die Region Wesermarsch geworden. In allen Prospekten, die die ortsansässigen Fremdenverkehrsvereine herausgeben, nehmen sie einen festen Platz ein.

Die Melkhüs haben jeden Tag auf - von Frühjahr bis Herbst

Geöffnet haben die Melkhüs von April bis Oktober täglich von frühmorgens bis zum Einbruch der Dunkelheit. Wenn es zur Hochsaison auf den Höfen mal zu Engpässen kommt, können die Gäste selbst an den Kühlschrank gehen. Anke Plümer war die Erste, die in ihrem Melkhus die Selbstbedienung und das Selbstzahlen einführte und damit sehr gute Erfahrungen machte. "Hatten leider kein Kleingeld mehr, haben zwei Euro Schulden gemacht. Gruß Angelika und Günter", stand auf einem Zettel, der gut sichtbar neben der Kasse lag.

Keine Ahnung, wer Angelika und Günter waren. Anke Plümer schrieb das Geld in den Wind. Doch sie hatte sich getäuscht. Ein paar Tage später lag erneut ein Zettel neben der Kasse. Diesmal klebten zwei Euro darauf: "Gruß Angelika und Günter".

Selbstbedienung ist praktisch für die Bäuerinnen - und natürlich auch für die Gäste, weil sie nie vor verschlossenen Türen stehen. Das Herz von Anke Plümer, Stefanie Nobis, Angelika Schildt und den anderen Melkhus-Betreiberinnen aber hängt an dem persönlichen Gespräch.

Tierhaltung, Deichbau, Sturmfluten, Landwirtschaft, Reitsport - die Frauen reden mit ihren Gästen über alles, was in der Region Wesermarsch eine Rolle im täglichen Leben spielt. Wenn sie gerade Zeit haben, zeigen sie Besuchern den Kuhstall oder die Schafe auf dem Deich.

Imke Harms, 39, deren Hof in Elsfleth-Fuchsberg liegt, ist selbstbewusst, fachkundig und weiß ihre Produkte gut zu vermarkten. Wie alle anderen Bäuerinnen verwendet auch sie in ihrem Melkhus nur Milch der ortsnahen Molkereien, welche die Milch ihrer 150 Kühe verarbeiten. Viele Besucher sind zunächst erstaunt, dass das Getränk in ihrem Glas nicht direkt von den Tieren stammt, die nebenan im Stall stehen. Obwohl es so frisch, so sahnig und so ursprünglich schmeckt.

Da in Deutschland jedoch nur pasteurisierte Milch ausgeschenkt werden darf, ist die Milch direkt von der Kuh unverkäuflich. "Das ist Gesetz." In ihrer unaufdringlich zuvorkommenden Art erklärt Imke Harms ihren Gästen, warum das so ist und warum es der Nahrhaftigkeit des Produkts keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Die Milch wird bei der Pasteurisierung erhitzt, um Krankheitserreger abzutöten.

Dies verlängert zugleich ihre Haltbarkeit und hat den positiven Nebeneffekt, dass das Milcheiweiß aufgelockert und dadurch leichter verdaulich wird. Geschmack, Milchfette, Mineralstoffe bleiben bei der Pasteurisierung unverändert. "Mein Melkhus soll Vertrauen schaffen", sagt Imke Harms, "bei uns geht's nur um ein einziges Produkt: die Milch." Als Konkurrenz zu den Lokalen der Umgebung sieht sie sich deshalb nicht. "Dort gibt es ja eine viel größere Auswahl. Das kann und will ich nicht leisten. Wir bieten einfach eine bäuerlich- rustikale Rast an, mehr nicht. Und wer Lust darauf hat, kann sich nebenan den Stall zeigen lassen, wo das erzeugt wird, was man gerade probiert hat."

Zweimal im Jahr treffen sich die zehn Frauen, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Aktionen zu planen. Denn in einer Region wie der Wesermarsch, diesem dünn besiedelten Landstrich, müssen die Menschen sich etwas einfallen lassen, um zueinander zu kommen. Also gehen die zehn Bäuerinnen auch mal gemeinsam auf Reisen - mit einem mobilen Melkhus. Wenn in der Umgebung eine Ausstellung oder eine Messe stattfindet, dann steht dort manchmal die adrette grün-weiße Hütte. Die Bäuerinnen werben auf diese Weise für ihr kulinarisches Angebot und machen nebenbei fast immer ein gutes Geschäft.

Da die Nachfrage in der Vergangenheit stark zugenommen hat, sind sie wählerisch geworden. Nicht jede größere Veranstaltung in der Region ruft sie auf den Plan.

Die Initiative soll auch weiterhin den bäuerlichen Anstrich behalten und nicht zur Jahrmarktsbude verkommen. Das würde nicht zum Anliegen der Bäuerinnen passen und dem Image der Wesermarsch schaden.

Denn hier, wo nur die Wolken dramatische Gefühle erwecken, werden die Gäste nicht mit Tamtam, wie Vergnügungsparks, touristisch aufpolierten Städten und organisierter Freizeitkultur, bedrängt. Hier gibt es nur den frischen Wind, das Grün und die schnurgeraden Radwege, auf denen man den Gedanken ihren Lauf lassen kann. Aber das lockt die vielen Besucher, die aus ganz Deutschland hierher kommen. Und die Weite natürlich. Die bis zum Horizont reichenden saftigen Wiesen, die die Landschaft endlos erscheinen lassen. Ein kleines grünes Holzhaus gibt da Auge und Seele Halt. Und ein liebevoll serviertes Glas frische Milch.

Weitere Infos: Die Touristikgemeinschaft Wesermarsch hat eine ausführliche Website mit Informationen zu der Urlaubsregion zwischen Nordsee, Jadebusen und Weser erstellt. Die Adresse lautet: www.deutsche-sielroute.de. Hier findet man Wissenswertes über Landschaft, Kultur und die Deutsche Sielroute. Ebenso Übernachtungs- und Pauschalangebote, speziell für Familien und für Radfahrer, außerdem eine Liste sämtlicher Melkhus-Adressen sowie eine Fahrradkarte, auf der alle Melkhus-Standorte verzeichnet sind.

Text: Ute Kruse-Fischer Fotos: Thomas Neckermann
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