Australier: Kleines Volk, großer Stolz

Australier reden gern über alles, was bei ihnen größer, älter oder gefährlicher ist als anderswo. Ein fast rührender Nationalstolz.

Meine Wahlheimat ist die größte Insel der Erde mit dem längsten Zaun der Welt und der geradesten aller je gebauten Eisenbahnstrecken. Wir haben hier, dies nur am Rande, auch den weltgrößten Wahlbezirk." – "Na und", sagen Sie? Höre ich da ein mäßig beeindrucktes "Wen juckt's"? Sie vielleicht nicht. Meine Mitbewohner auf dem kleinsten und flachsten Kontinent aber schon. Australier lieben Superlative. Alles, was in Down Under größer, weiter, älter, gefährlicher oder länger als anderswo ist, verdient, erwähnt zu werden. Möglichst mit Plakette. Schuld an der Rekordbesessenheit ist, vermute ich, schlicht die Angst, übersehen zu werden.

Weit weg vom Rest der Welt fühlt sich der Australier einzigartig.

Was auch verständlich ist: Auf diesem einsamen, 7,7 Millionen Quadratkilometer weiten Kontinent wohnen knapp 21 Millionen Menschen, nicht mehr als in Mexico City. Da fühlt man sich schon mal etwas verloren. Und erinnert vielleicht deshalb gern daran, dass man zwar immens weit weg vom Rest der Welt lebt und zudem in beängstigender Unterzahl ist, aber dennoch ziemlich einzigartig. Richtig rührend, wenn zum Beispiel von Besuchern beim Anblick von Sydneys ältestem Wohnhaus (Baujahr 1816) staunende Ehrfurcht erwartet wird. Ein gerade mal 190-jähriges Haus in einem Land zu feiern, das seit 50.000 Jahren von Menschen bewohnt ist, wirkt leicht wie Effekthascherei, oder?

Australier: Frauen halten die Rekorde hoch

Andererseits sind die gesammelten Rekorde ein wundervoller Fundus von Fakten, die viel über das Land erzählen. Zu meinen Lieblingsrekorden gehören solche, die das Klischee vom Kontinent der Kerle widerlegen: Ausgerechnet in der einstigen Sträflingskolonie traten 1915 die ersten weiblichen Polizisten der Welt ihren Dienst an. Und als 1894 in Südaustralien Frauen nicht nur wählen, sondern sogar fürs Parlament kandidieren durften, war auch dies ein "first in the world".

Bis heute hat Crocodile Dundees Heimat weibliche Helden en masse: Zwei Australierinnen bestiegen 2008 als erstes Mutter-Tochter-Team den Mount Everest. 30 Jahre vorher gelang Kay Cottee aus Sydney ebenfalls Atemberaubendes: Sie umsegelte als erste Frau allein und nonstop in 189 Tagen die Welt.

Wenn's nicht für die Welt reicht, kämpft der Australier im Land!

Aber Australiern ist ihr "best of" nicht nur im Vergleich mit anderen Nationen wichtig. Auch intern wird mit Leidenschaft um Superlative gefeilscht. In meinem Strandvorort Bondi Beach beispielsweise streiten seit etwa 100 Jahren zwei Surfclubs darum, wer von ihnen nun der älteste ist. Genauer: Wer die noble Tätigkeit des Rettungsschwimmens als Allererster im Verein ausgeübt hat. Sonst eher gesellig und humorvoll, verstehen die Lebensretter in diesem Punkt überhaupt keinen Spaß. Bondi hält sich, ebenso wie der Verein vom Nachbarstrand Bronte, für den "ersten Surflifesaving- Club der Welt". Stur und überzeugt malen beide entsprechende Daten an ihre Vereinshäuser und geraten sich selbst heute noch darüber in die Haare, wer recht hat.

Was alt ist, bekommt eine Plakette.

Auch Kneipen (für Aussies fast so wichtig wie das Retten Ertrinkender) wetteifern um Ältestenrechte: Allein drei in Opernhaus-Nähe krönen ihre Fassade mit dem stolzen Slogan "Sydney's oldest Pub". Ob nun im "Hero of Waterloo", bei "Lord Nelson" oder eher im "Fortune of War" der erste Rum gekippt wurde, könnte ja eigentlich schnuppe sein. Im Vergleich mit Europas ältester Kneipe, "Sean's Bar" im irischen Athlone, datiert auf Anno Domini 900, wirkt eine Schänke von 1800soundso ohnehin fast wie eine Neueröffnung. Doch auf dem trockensten Kontinent der Welt ist eben auch eine vergleichsweise junge "älteste" Bar eine schmiedeeiserne Plakette wert.

Und dort, wo es auch mit viel gutem Willen wenig Rekordverdächtiges gibt, basteln die Australier ihre Supersachen selbst. Meist aus Pappmaché, Draht und bunter Farbe. Sie werden schlicht "big things" genannt und haben vor allem zwei Aufgaben: groß zu sein und auf den einsamsten Highways der Welt für Abwechslung zu sorgen.

Australier: Superlative aus Pappmaché

Da ist zum Beispiel die Gitarre nahe der Country-Musik-Metropole Tamworth: zwölf Meter hoch, golden und selbst stumm ein absoluter Hit. Oder Coffs Harbours Big Banana: eine Pappmaché-Frucht, die ebenfalls rekordverdächtige elf Meter misst und als das "meistfotografierte Objekt Australiens" bezeichnet wird. Dass es Koalas, Kängurus und Krokodile im XXL-Format gibt, versteht sich.

Je abgelegener der Ort, desto absurder das Exemplar.

Schon überraschender ist die Riesenmücke in der Nähe von Hexham, die überdimensionale Kaffeekanne in Tasmanien, das Giga- Spiegelei von Tamarama oder der leuchtturmhohe Papagei auf der Nullarbor-Ebene (hier verläuft übrigens die mit 487 Kilometern längste gerade Eisenbahnstrecke der Welt).

Faustregel der dicken Dinger: je abgelegener der Ort, desto absurder das Riesenexemplar.

Manche sind allerdings nicht nur enorm, sondern auch nützlich, wie die Singeltons Sundial, ein 30 Tonnen schweres Gerät, das den Ruf der weltgrößten Sonnenuhr verteidigt. Andere stattliche Zeitmesser in Schweden und Indien konkurrieren lästigerweise mit ihr um Platz eins. Aber stimmt das Prädikat "weltgrößtes" nicht mehr, hat Australien immer noch einen Trumpf: "größtes der südlichen Hemisphäre". Da ist die Konkurrenz klein und die Top-Position fast immer sicher.

Zur Not erzählt der Australier Geschichten

Reicht all dies nicht aus, den Rest der Welt zu beeindrucken, bleiben die Geschichten vom Box Jellyfish (der giftigsten Qualle der Welt), den Taipanen (den weltweit gefährlichsten Giftschlangen) und der Funnelweb Spider (der tödlichen Trichternetzspinne). Denn die sind allesamt in Australien zu Hause. Fast ein bisschen wollüstig werden schaurige Legenden über die Untaten dieser Viecher überliefert. Sicher, sie sind keine Kuscheltiere, doch vor allem dienen die Horrorstorys als eine Art Werbung: "Wir sind hier unten zwar wenige und verflixt weit weg, aber trotzdem genial, mutig und gefährlich."

Kleine Dinge, die gern verschwiegen werden

Verschwiegen wird dabei meist, dass der Trichternetzspinne zuletzt 1955 ein tödlicher Biss gelang, am Stich der europäischen Honigbiene indes in Australien jährlich zehn Menschen sterben. Auch ertrinken weitaus mehr Leute beim Fischen, als von Haien gefressen werden. Nur haben Bienen und Angler eben nicht ganz das Zeug für spektakuläre Rekorde.

Text: Julica Jungehülsing Foto: Getty Images
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