Urlaub in Malaysia: Und wo bin ich morgen? Egal!

Endlich, nach vielen Jahren, wieder den Rucksack packen, ohne festen Plan und Route. BRIGITTE-WOMAN-Mitarbeiterin Astrid Joosten über ihren Urlaub in Malaysia.

Der Dschungel liegt vor mir wie ein Ozean aus Bäumen. Urwaldriesen und Palmen, von Lianen zu einem Dickicht verwoben, heben sich vom Flussufer ab. Während das Boot immer weiter und tiefer hinein in den Dschungel fährt, starre ich in die Bäume, als müsste gleich etwas passieren.

Da, ein Affe schwingt sich von Ast zu Ast, ein Vogel fliegt auf. Dann wieder nichts, nur die Motorengeräusche des Jalors, des kleinen, schmalen Bootes. Stunde um Stunde hocke ich auf einer Holzplanke, das endlose Grün um mich herum. Wie ist es, ein paar Tage im Dschungel zu verbringen? Keine Ahnung. Wo werde ich schlafen heute Nacht? Mal schauen. Die Sonne berührt fast den Horizont, als der Kahn schließlich anhält und ich auf ein Bett aus Kieselsteinen steige. Vor mir ein Steilhang und ein Pfad, der den Hang hochführt und hoffentlich ins Urwalddorf Kuala Tahan. Ich schnappe mir meinen Rucksack und laufe los.

Als ich vor einiger Zeit beim Aufräumen im Keller meinen Rucksack fand, meldeten sich augenblicklich Erinnerungen an meine früheren Touren durch Asien. Geht das noch, fragte ich mich, allein und ohne Plan und doppelten Boden loszuziehen, so wie damals? Spaß zu haben in der Traveller-Szene, auch wenn ich inzwischen Mutter von zwei Kindern bin und längst zu der Generation 40 plus gehöre? "Mach's doch einfach", meinten meine Freundinnen leicht genervt, als ich ihnen von meinen Rucksackreisen vorschwärmte.

Warum eigentlich nicht? Endlich mal wieder in Bussen über Landstraßen rumpeln. In Unterkünften schlafen, die keine Website haben. Müde, dreckig und hungrig sein, weil der Tag voller Überraschungen war. Das Gefühl von Abenteuer haben in einem Land, von dem ich bis dahin nur den Namen kannte: Malaysia.

Im "Tahan Guest House" wimmelt es vor Tieren - zum Glück sind sie nur gemalt

Kuala Tahan liegt im Zentrum der Malaiischen Halbinsel, das "Tahan Guest House" am Dorfrand neben einem großen Jackfruit-Baum. Der Rucksack reißt an meinen Schultern, als ich mich nach einem langen Tag mit 15 Kilo auf dem Rücken in den oberen Stock schleppe. In meinem Zimmer wimmelt es von Insekten: Libellen, Grashüpfer, Heuschrecken. In bunten Farben und sehr groß an die Wände gemalt, schauen sie mich freundlich an. Draußen zirpen lautstark Grillen, als hätte jemand einen Verstärker im Urwald aufgestellt. Jeden Abend werde ich auf meiner Reise durch West-Malaysia meine Ohren auf Empfang stellen, um die lauten und die leisen Geräusche dieses Landes zu hören. Mal wird es das Wispern von Palmblättern sein, mal die Schläge von Trommeln, mal das Rauschen des Meeres.

Am nächsten Morgen keckert ein Vogel unter meinem Balkon. Gleich nach dem Frühstück mache ich mich auf in den Urwald. Der Nationalpark Taman Negara soll mit 130 Millionen Jahren der älteste Regenwald der Welt sein. Vorm Büro des Parks wartet ein Guide auf Wanderer, die sich durch den Dschungel kämpfen wollen. Wir wollen: Sophie, 34, aus Paris, der 29-jährige Henk aus Amsterdam und ich. Wir haben uns gestern im Restaurant kennen gelernt. "Okay", sagt unser Führer Nik, während er auf unsere trainierten Beine guckt, "wir machen den Berg Lata Berkoh."

Gleich hinter dem Blockhaus beginnt ein Trampelpfad, der durch den Urwald führt und in fünf Stunden bis zum 244 Meter hohen Gipfel. Wir tauchen ein in das schummrige Labyrinth aus Bäumen. Wandern rutschige Wege hinunter und wieder hinauf. Kriechen unter Baumstämmen durch, springen über Bäche, stopfen uns die Hosen in die Socken, damit die Blutegel sich nicht an unseren Beinen festsaugen. Die Sonne steigt immer höher, der Urwald fängt an zu dampfen. Wir auch. Henk, Sophie und ich wischen uns immer wieder mit dem Arm den Schweiß von der Stirn, sogar von den Augenlidern. Mehr schwitzen geht nicht. Wir laufen und laufen, bis wir von oben bis unten nass sind, bis sämtliche Gedanken in der Hitze zerrinnen.

Und was hier so alles lebt?

Tiger und Elefanten, Rehe, Gibbons und Makakenaffen leben im Taman Negara unweit des Äquators. Aber wo sind sie? "Die sind zu scheu", erzählt uns Nik, ein schmaler, drahtiger Typ, dem auf der ganzen Tour kein einziger Schweißtropfen auf der Stirn steht. Wir schwingen uns an Lianen über Buschwerk und kühlen uns am Ende unserer Tour im reißenden Fluss Tahan ab, während wir uns mit den Händen an einem Fels festklammern.

Am Flussufer von Kuala Tahan dümpeln mehrere Flöße. Schwimmende Restaurants für uns Traveller. Im "Maya"-Restaurant essen wir alle zusammen und trinken frisch gepressten Ananassaft, Alkohol gibt es im strenggläubigen Ort nicht. Wir quatschen und lachen, bis Alo, die Wirtin, die Stühle hochstellt. Die Traveller-Szene ist immer noch eine Scheibe, die sich an fast jedem Ort ganz von selbst dreht und jeden aufnimmt, der ein paar Runden mitdrehen will.

Ganz schön eng hier. Neun Frauen, ein Mann, ein Kind haben sich in den Kleinbus gezwängt, der von Kuala Tahan an die Ostküste fährt. Ich stelle meine Füße auf den Rucksack, das geht. Schräg hinter mir sitzt Tine, wie nett. "Wo willst du hin?" - "Pulau Perhentian." - "Ich auch." Orte huschen an der Windschutzscheibe vorbei. Palmen, dicht an dicht, ein dunkelgrünes Wogen. Und immer wieder die Kuppel einer Moschee am Straßenrand, ein bunter Hindutempel, Drachen, die sich um die Säulen eines buddhistischen Heiligtums winden. Malaien, Inder und Chinesen leben im Multikulti-Land Malaysia und beten zu ihren unterschiedlichen Göttern. Irgendwann schläft mein Hintern ein, dann die Beine, dann der Rest. Als ich wieder aufwache, weht eine Brise durchs Fenster. Die Luft riecht leicht nach Meer.

Zwei Stunden später schmeißt Tine ihr Gepäck ab und räkelt sich wohlig in den weichen Sand. Ich ziehe meine Sandalen aus und wate ins türkisfarbene Wasser, während am Steg die Fähre wieder ablegt. Wir sind an der Coral Bay auf Kecil, einer Mini-Insel der Pulau Perhentian im Südchinesischen Meer. Autos? Gibt's hier nicht. Straßen? Auch nicht. Nur Trampelpfade. Wir trampeln am Strand entlang, wo Restaurants und kleine Resorts liegen. Eine Hütte direkt am Meer ist frei, mein Traum, seit ich das erste Mal mit dem Rucksack unterwegs gewesen bin. Die nehme ich. Ich setze mich auf die Treppe vor meinem Holzhäuschen im Schatten einer Palme und zähle einfach nur die Wellen, die in Slow Motion an den Strand schwappen.

Blütengirlanden gehören vielerorts zum Straßenbild

Der Treff am Abend ist der Long Beach auf der Ostseite von Kecil. Neben dem "Ombac Café" soll ein Weg quer über die Insel zum Szene-Strand führen. Zwei Frauen kommen vorbei, mit Taschenlampen, Nadja und Kati aus München, sie nehmen uns mit. Nach zehn Minuten sehen wir endlich Lichter, wie Leuchtkäfer glühen sie unter Palmstrohdächern und Zeltplanen. "Beach Hut", "Pit Stop" und "Black Tip" heißen die Strandbars, sie spielen entspannte Elektromusik. Holzhocker stehen als Tische im Sand, Kerzen flackern in abgeschnittenen Wasserflaschen. Wir suchen uns einen freien Hocker und setzen uns drum herum. Einige fangen an, im Sand zu tanzen. Die Musik schmeichelt sich in meine Ohren und klingt immer weiter, selbst als ich um Mitternacht wieder in meiner Hütte bin.

Merkwürdig, am nächsten Tag denke ich morgens an mein "kleines Schwarzes", ein Vintage-Samtkleid, das ich seit 20 Jahren immer mal aus dem Schrank hole, wenn es etwas zu feiern gibt. Irgendwie fühlt sich diese Reise an wie mein Retro-Kleid. Beides passt noch gut zu mir, trotzdem bin ich über die Jahre eine andere geworden. Ich muss nicht mehr unbedingt die coolsten Leute kennen lernen wie früher. Ich muss nicht im Morgengrauen ins Bett, um mich lebendig zu fühlen. Und ich muss nicht mehr stundenlang am Strand abhängen. Nach einer Kanne Tee und Pfannkuchen mit Currysoße lege ich allein los. Auf der Landkarte sieht Kecil aus, als hätte einer der vielen Götter Malaysias seinen Fußabdruck im Meer hinterlassen. Nicht mal fünf Kilometer lang ist die Insel. Ich trekke über einen Dschungelpfad zum einzigen Dorf, wo zwischen bescheidenen Holzhäusern Kinder hin und her rennen und eine Frau in einer Schubkarre kleine Tüten mit Süßigkeiten verkauft. Vorm Dorfstrand eine Armada an Motorbooten im Wasser - das Verkehrsmittel auf Kecil.

Mit einem roten Renner, der 90 PS an Bord hat und Awie Wani gehört, brettere ich aufs Meer hinaus zu den Korallengärten der Inseln. Mit im Boot natürlich noch einige andere Traveller, wir lachen, weil unsere Haare im Wind wie Fahnen abstehen. Awie stoppt, als ein großer Schatten im Wasser auftaucht. Ich hopse als Erste hinein und schaue einer Meeresschildkröte in die Augen. Zwei Stunden und viele bunte Fische später schwimme ich auf einmal neben einem Tier mit einem beunruhigend breiten Maul: einem Hai. Als ich kurz darauf atemlos an der Bordwand hänge, versichert Awie: "Der ist harmlos" - und streckt sich wieder auf den Polstern seines Bootes aus. Später lese ich, dass Schwarzspitzen-Riffhaie manchmal auch Menschen anfallen. Solche Pannen scheinen in diesem Paradies noch nie passiert zu sein.

Kuala Lumpur: Modern und chaotisch

Die Panne kommt später, in der 1,6-Millionen-Stadt Kuala Lumpur. Ein Bankautomat hat gerade meine Scheckkarte verschluckt und gibt sie erst nach dem Wochenende und mithilfe eines Technikers wieder her. Schlecht gelaunt, mit wenig Bargeld in der Tasche, trotte ich durch die Stadt, in der weder Palmen wispern noch Vögel keckern. Kuala Lumpur kommt mir merkwürdig vor, wie ein unzusammenhängendes Sammelsurium aus Wolkenkratzern, Minaretten und Kolonialpalästen. Oder bin ich merkwürdig?

Am Fluss Klang finde ich dann aber doch meinen Lieblingsplatz - es ist Chinatown. In den Gassen des Viertels summt alles ein bisschen wie im Urwald. Straßenhändler verkaufen Haarreifen mit Blinklichtern, Handtaschen, angeblich von Gucci, und Blumenketten für die vielen Tempel. Auf den Gehwegen haben Köche Grillwagen aufgestellt und brutzeln, was der knurrende Magen benötigt: Fleischspieße, Maiskolben, Fisch. Ich entscheide mich für Putu, Bambusstangen gefüllt mit Kokosreis, sehr günstig! Als ich zufrieden essend auf meinem Schemel hocke, komme ich mit drei Frauen ins Gespräch. Nahal, 31, Rokhsareh, 29, und Zohereh, 26, aus dem Iran. Sie sind in Malaysia, um ihr Englisch zu verbessern. Wir reden über den Alltag in ihrer Heimat - und was sie an Kuala Lumpur mögen. "Das Leben ohne Kopftuch", sagt Nahal. "Die großen Shopping-Malls", Zohereh zeigt auf ihr T-Shirt mit trendigem Tigerkopf. Und ich? Ich möchte mir hier gern den Orchideengarten und den zweitgrößten Vogelpark der Welt ansehen. Wir beschließen, am nächsten Tag gemeinsam loszuziehen. Die Scheibe fängt wieder an, sich zu drehen.

Reise-Info West-Malaysia ist für Rucksackreisende eine gute Destination. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit, das Essen ist gut und günstig, und die Busse transportieren einen zuverlässig noch in den letzten Winkel des Landes.

Beste Reisezeit: Mai bis September.

Übernachten Tahan Guest House: Das Haus erinnert an eine kunterbunte Pippi-Langstrumpf-Villa. Die Zimmer sind einfach, haben aber einen kleinen Balkon. DZ 13 Euro (Kuala Tahan/Taman-Negara-Nationalpark, Tel. 00 60/179 70 20 25).

Senja Bay Resort: Die Holzhäuschen am Strand sind ein Traum, die Zimmer in den hinteren Reihen auch nett. Das Frühstück lecker und mit Blick aufs Meer. DZ/F ab 24 Euro (Pulau Perhentian Kecil, Coral Bay, Tel. 00 60/ 96 91 17 99, www.senjabay.com).

Reggae Mansion: Cooles Design in einem alten Kolonialpalast - besser geht's nicht. An der Bar und auf der Dachterrasse in Kuala Lumpurs Chinatown treffen sich Traveller. DZ ab 34 Euro (Kuala Lumpur, Jalan Tun H.S. Lee 49-59, Tel. 00 60/320 72 68 77).

Bücher Wichtig für unterwegs sind detaillierte Reiseführer. Sehr hilfreich: der englischsprachige Klassiker Lonely Planets "Malaysia, Singapore & Brunei" (16,95 Euro). Viele Infos: "Malaysia, Brunei und Singapore" aus der Reihe Stefan Loose Reiseführer (26,99 Euro).

Tipps aus dem Web Veranstaltungen und Festivals findet man unter www.tourismmalaysia.gov.my, Urlaubsinfos unter www.tourismmalaysia.de. Gute Websites für die Suche nach Traveller-Unterkünften: www.agoda.com und www.german.hostelworld.com.

Text: Astrid Joosten Fotos: Matthieu/Hemis/Laif, Coverpicture, Mauritius, Anzenberger, Astrid Joosten Ein Artikel aus BRIGITTE woman
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