Die Insel der Gigolos

Capri ist Süditaliens Treffpunkt für Männer mit eindeutigen Absichten im Urlaub. Strände, Terrassen und Felsklippen sind nur die Kulissen für das ewig alte Spiel, das so unergründlich scheint wie das azurblaue Meer.

Seine Brust ist vollständig enthaart, die Sonnenbrille von Gucci.

Es sind die immer gleichen Fragen. Entschuldige, ist das Sorrent, da drüben? Oder: Links, ist das Ischia? Antonio berührt das Mädchen wie zufällig an der Taille, um die Blickrichtung zu korrigieren. Mehr muss er nicht tun, wenn er am Nachmittag oben auf der Piazzetta von Capri neben dem Ausgang der Seilbahn herumlungert. Heute ist sein freier Tag. Er arbeitet in der Küche des Grandhotels "Quisisana". Eine bescheidene, aber anständige Existenz. Seine Brust ist vollständig enthaart, die Sonnenbrille von Gucci, der Waschbrettbauch aus "Fitnesspoint 2000" in Anacapri, denn Antonio träumt davon, entdeckt zu werden, entweder von einem Modefotografen - ohne Weiteres hätte auch er in der Dolce&Gabbana-Kampagne auftauchen können, die vor den Faraglioni-Felsen fotografiert wurde - oder von einer wohlhabenden, alleinstehenden Amerikanerin. Er fährt mit den Fingern durch sein Haar. Das Mädchen sagt mit deutschem Akzent: Wie heißt du? Und Antonio sagt: Ich habe noch zu arbeiten.

Nicht, dass sie ihm nicht hübsch genug gewesen wäre, aber der Sommer ist zu kurz, um ihn mit Mädchen zu vertändeln, die für einen Nachmittag von Ischia aus nach Capri kommen, auf der Suche nach Abenteuern. Antonio denkt an seine Zukunft. Während er hier mit einem verschlafenen Mädchen herumsteht, ist ihm vielleicht ein Taxifahrer, ein Gepäckträger, ein Nachtportier zuvorgekommen - in den sich jene geschiedene, einsame, sich nach Gesellschaft sehnende Millionärin aus Boston verliebt, auf die Antonio wartet. Eine Millionärin, die davon träumt, einem jungen, aufstrebenden Italiener eine Existenz zu garantieren. Eine Pension zu kaufen. Oder einen kleinen Laden für Keramiksouvenirs. Oder einen Gemüseladen, bei Gemüse ist man nicht von Touristen abhängig, Gemüse kann man das ganze Jahr über verkaufen.

Antonio wartet auf sie im Strandbad "Canzone del mare", wo ihn der Bademeister umsonst den Liegestuhl benutzen lässt. Oder nachts in der blauen unterirdischen Grotte des Clubs "Number Two", wo eine Flasche Dom Pérignon Mathusalem 14 000 Euro kostet und Antonio immer nur Mineralwasser trinkt - an die Bar gelehnt, unbeweglich wie eine sich sonnende Eidechse. Also verabschiedet er sich von dem deutschen Mädchen und schleicht über die Piazzetta. Es ist fast sieben Uhr, die richtige Zeit, um jene Amerikanerin zu treffen, mit der er schon den letzten Sonntag verbracht hat. Mit der er bei "Gemma" zu Abend aß, unter Fischreusen und Promifotos, und anschließend bis zum Morgengrauen im "Number Two" tanzte, wo sie so viel Wodka trank, dass er sie auf dem Weg zum Taxi stützen musste. Sie nannte ihn Tony, sein Englisch ist schlecht, ihr Italienisch nicht exzellent, aber es spielte keine Rolle. Als er am nächsten Mittag ging, steckte sie ihm ein paar Scheine in die Hosentasche. Vielleicht kommt sie heute.

Antonio geht in die Bar "Tiberio", begrüßt den Kellner und lässt seinen Blick über die Terrasse schweifen. Noch keine Spur von der Amerikanerin. Er fragt sich, ob er in ein Tonic Water investieren soll. Der Abend ist noch lang.

Am Nebentisch sitzt Giorgio. Der von Antonios Sorgen nichts ahnt. Und eigentlich auch nichts davon wissen möchte. Weißes Hemd, weiße Hose. Wie viele hier auf Capri sieht auch Giorgio so aus, als sei er gerade seiner Segelyacht entstiegen. Der Unterschied ist: Er besitzt tatsächlich eine.

Die mit Louis-Vuitton-Initialen geschmückten Loafers trägt er barfuß, selbstverständlich. Er gibt sich so entspannt, wie es sich auf Capri gehört. Mit jener Aura, die Erleichterung darüber verheißt, den Armani-Zweireihern, Bilanzen und Börsenkursen entkommen zu sein. Zumindest vorübergehend. Endlich das Leben barfuß.

Die ersten drei Knöpfe seines Hemdes trägt er geöffnet. Auch um zu beweisen, dass er ein Mann ist. Und keine Modepuppe, die sich wöchentlich per Heißwachs foltern lässt. Und zwar nicht nur die Brust. Er könnte an dieser Stelle auch ins Detail gehen, verzichtet aber darauf, weil das kein Gesprächsthema für eine Signora ist. Nur so viel: Seiner Meinung nach wollen Männer, deren Oberkörper so glatt sind wie Babypopos, gar keine Männer sein. Sondern Frauen. Und das schätzen Frauen in der Regel nicht. Das ist jedenfalls die Meinung von Giorgio. Und er muss es wissen, denn er hält sich zugute, in guten Zeiten dreihundert Frauen in einem Sommer verführt zu haben: zwei am Nachmittag und eine am Abend. Das jedenfalls, solange die Hochsaison währte - wobei unklar ist, ob Giorgio damit die Hochsaison auf Capri meint oder die seines Lebens.

Abends gegen sieben, wenn der Strom der Tagesausflügler endlich versiegt ist und Giorgio nicht befürchten muss, dass eines der mit Mineralwasserflasche und Rucksack bewaffneten Ungeheuer gegen seinen Tisch fällt, nippt er an seinem Campari in der Bar "Tiberio". Er blickt melancholisch in die Ferne, auf die Majolika-Fliesen des Glockenturms, als sich ein russisches Paar dem Nebentisch nähert. Die Russin stolpert noch über ihre Roberto-Cavalli-Tüten, als sich ihr Mann bereits über die bereitstehenden Erdnüsse hermacht. Giorgio haucht auf seine Fingernägel und poliert sie leicht am Ärmel seines Leinenhemdes. Mit der Aufmerksamkeit eines schläfrigen Krokodils hat er die Russin vom Nebentisch wahrgenommen. Sie hat schmale Fesseln, lange blonde Haare und lange Beine. Unter ihrem Kleid malt sich ein Tanga-Slip ab, was er eigentlich unerotisch findet, aber gut. Sie kann ja nichts dafür, dass sie mit einem Bluthund verheiratet ist.

Er hat einen Blick für unglücklich verheiratete Frauen.

Giorgio lächelt ihr kurz zu. Schließlich hat er einen Blick für unglücklich verheiratete Frauen - und welche Frau ist nicht unglücklich verheiratet, wenn ihr Blick in Giorgios dunkle Augen fällt, auf seine Pasha Cartier, auf seine nackten Fußknöchel, die er jetzt leicht massiert? Ganz so, als versuchte er der Erinnerung an eine lange, arbeitsreiche Woche zu entkommen, wozu eine Woche auf einem Segelboot durchaus zählen kann, speziell bei schlechtem Wetter: Giorgio hat seine Yacht soeben von Griechenland nach Capri überführt.

Giorgio ist nicht nur mit einem umfangreichen Erbe, sondern auch mit adeliger Verwandtschaft geschlagen, weshalb er schon früh die Erfahrung machte, dass es nichts Aufreibenderes im Leben gibt, als der Langeweile zu entkommen. Speziell auf Capri. Die Abendessen bei der Contessa in Anacapri, die bereits beim Dessert beginnt, ihre Gobelinstickerei fortzusetzen. Die Cocktails im Haus jenes römischen Olivenölfabrikanten, dem auf seiner Terrasse, umgeben von Pfirsichbäumen und Bougainvilleen, von Jojobaund Lavendelsträuchern, mit Blick auf Faraglioni- Felsen und azurblaue Unendlichkeit, nichts anderes einfällt, als über den Verfall der Immobilienpreise zu dozieren. Dagegen helfen nur: Frauen.

Wobei man bemerken muss, dass Capri dafür eigentlich nicht das geeignete Pflaster ist. Die Insel gilt einerseits als Sehnsuchtsziel der Homosexuellen. Oscar Wilde, Krupp, der Baron Fersen. Andererseits wird Capri mit Vorliebe von verheirateten Paaren besucht. Für Giorgio war das allerdings nie ein Hindernis, ganz im Gegenteil, eher eine Versicherung. Dafür, dass die Affäre räumlich und zeitlich begrenzt blieb. Bei verheirateten Frauen sind keine gemeinsam verbrachten Nächte zu befürchten, kein gemeinsames Aufwachen, keine gemeinsame Morgentoilette. Gibt es eine größere Qual, als am Morgen danach miteinander Cappuccino trinken zu müssen? In den am Ende vielleicht ein Cornetto getunkt wird?

Die Russin mit den langen blonden Haaren steht jetzt auf und streift ganz leicht Giorgios Bein, als sie sich den Weg über die Terrasse bahnt. Giorgio müsste sich jetzt nur einen kleinen Ruck geben. Er weiß, was gespielt wird. Russinnen gehen sich frisch machen, weil sie auf der Toilette mit ihrem Liebhaber telefonieren. Oder weil sie auf dem Weg zur Toilette einem zukünftigen Liebhaber begegnen wollen. Giorgio aber bleibt sitzen. Denn die letzte Russin wollte ihn heiraten. Wegen der Aufenthaltserlaubnis. Es hat sich bewährt, verheiratet zu sein. An Scheidung hat er nie gedacht.

Sie haben die Techniken mit der Muttermilch aufgesogen.

Er führt erneut das Glas mit dem Campari an die Lippen, blickt auf die Uhr und überlegt, wo er zu Abend essen soll. Vielleicht im "Aurora"? Vor Kurzem hatte er dort neben Uma Thurman gesessen, die er überraschend blass fand. Dort geschah es oft, dass Giorgio für Sean Connery gehalten wurde. Er persönlich hat keine Schwäche für Berühmtheiten. Erst recht nicht für Amerikanerinnen. Die Sex wie eine Fitnessübung betrachten. Amerikanerinnen haben keine Tiefe, findet Giorgio. Wo die Amerikanerinnen zu flach sind, sind deutsche Frauen zu tief. Jedenfalls gemäß Giorgios kleiner, aber dennoch nicht unbedeutender statistischer Erhebung. Deutsche Frauen sind hoffnungslos romantisch und wenig spielerisch veranlagt. Die letzte wollte sofort ihren Mann verlassen und stand schon am nächsten Tag mit zwei Koffern vor seiner Tür, die er natürlich nicht geöffnet hat, bei allem Respekt für sie und die deutschen Frauen. Und für ihre schönen langen Beine. Vielleicht haben nicht alle lange Beine, aber einige. Prozentual jedenfalls häufiger als Italienerinnen - die hingegen Meisterinnen der Verführung seien: Sie haben die Techniken mit der Muttermilch aufgesogen. Meint Giorgio.

Vielleicht sei auch das eine Frage des Alters, räumt er ein. Früher sei er von exotischen Frauen wie berauscht gewesen. Heute schätze er die Italienerinnen umso mehr. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass er in letzter Zeit begann, sich nach Geschichten zu sehnen. Die zwar nicht so weit gehen müssen, dass man miteinander aufwacht. Aber ein Hauch von einer Geschichte ist für die Erotik unverzichtbar. Sich entziehen, geheimnisvoll sein - und sich dann wieder in der Liebe vergessen können. Eine Spezialität der Italienerinnen. Gern erinnert er sich an jene Römerin, die er über Jahre wiedergetroffen hat. Sie schickte ihm sms, gegen die drei Bände Anaïs Nin ein Witz sind.

Das ganze Jahr über hörte er nichts von ihr, dann tauchte sie über Nacht auf, was ihn ein wenig in Verlegenheit brachte, weil er eigentlich schon verabredet war. Er schwamm mit ihr in die Blaue Grotte, er lud sie auf seine Yacht ein. Für sie sagte er alles ab. Obwohl er spürte, dass sie keineswegs in ihn verliebt war. Eines Tages brach er die Regeln und rief sie an, weil er sich nach ihr verzehrte. Daraufhin änderte sie ihre Telefonnummer.

Inzwischen spannt sich der Himmel wie ein schwarzblauer Baldachin über der Piazzetta, fast alle Tische sind leer, es ist Zeit zum Abendessen. Die Kellner rücken Stühle zurecht, Gläser klirren. Am Nebentisch sitzt immer noch Antonio. Er nippt an seinem Tonic Water, als sich eine Frau seinem Tisch nähert. Sie legt die Hand auf Antonios Schulter. Giorgio blickt der Russin nach. Sie hat ihm im Vorbeigehen einen Zettel zugesteckt.

Reise-Info für den Capri Urlaub

Lage Im Golf von Neapel, Süditalien

Größe Rund zehn Quadratkilometer, bewohnt von 13 500 Capresen in den Gemeinden Capri (im Osten) und Anacapri (im Westen)

Status Insel der Sehnsucht schon seit dem 19. Jahrhundert, als Poeten und Künstler hierherkamen

Anreise Mit Fähre oder Schnellboot z. B. von Neapel oder Sorrent

Was man anschauen sollte Piazzetta: Der Treffpunkt zum Einander-Hinterherschauen; von der Marina Grande in Capri fährt man per Seilbahn auf den Hügel hinauf Grotta Azzurra: Dank Lichtreflexionen blau schimmernde Grotte im Meer Villa Jovis: Palastruine aus der Zeit des römischen Kaisers Tiberius Faraglioni: Drei Felsenklippen, die bis zu 109 Meter aus dem Meer ragen; Postkarten-Wahrzeichen Villa San Michele: Luftig gebautes, museales Anwesen mit antiker Kunst

Das sollte man wissen Urlauberautos sind auf der Insel unerwünscht und unpraktisch; mobil ist man mit Vespa, Bus, Taxi oder Seilbahn (Funicolare).

Das sollte man lassen An der Küste bloß nicht weit hinausschwimmen, sonst kreuzt man die Wege rasend schneller Motorboote.

Und sonst Im Hochsommer ist Capri voll, aber vor und nach dem Ansturm der Tagesgäste magisch.

Internet www.capritourism.com

Unterkommen

Die Website des Tourismusamts von Capri listet alle Unterkünfte auf, von Bed & Breakfast bis Fünf-Sterne-De-luxe-Hotel: www.capritourism.com. Eine Vorauswahl stilvoller Hotels in guter Lage bieten die Reiseveranstalter Thomas Cook (www.thomascook-reisen.de) und airtours (www.airtours.de).

Lesen

Capri. Gewichtiger Bildband mit starken Schwarzweißfotos und kenntnisreichen Texten über Themen wie "Luftschlösser", "Caprifischer", "Luxus und Jetset", "Glaube und Aberglaube" (Prestel Verlag, ab 29,95 Euro)

Text: Petra Reski Fotos: Shobha
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