Voilà, ein schönes Baguette für Madame

Die Franzosen sind Meister in der Inszenierung ihres Alltags. Wer das Spektakel genießen will, sollte das Theater einfach mitspielen.

Vor lauter Madamerei schwirrt mir der Kopf.

Denkt man an Schlangestehen, denkt man an London und seine ordentlich in Reih und Glied stehenden Busfahrgäste. Die gibt es in Paris nicht. Hält ein Bus, stürzt sich der Menschenhaufen vor der Haltestelle wie ein Rudel Wölfe auf die Türen. Doch bei anderen Angelegenheiten stehen die Pariser sehr wohl und gesittet Schlange. Sie stehen vor der Bäckerei, beim Fischhändler, beim Blumenladen, an der Kasse in der Modeboutique, beim Eingang ins "Café Angelina" und selbst vor der Eingangspforte von Luxusgeschäften wie Louis Vuitton auf den Champs-Élysées. Natürlich liegt es daran, dass in kaum einer anderen europäischen Hauptstadt so viele Menschen auf so engem Raum wohnen und der Andrang dementsprechend groß ist. Aber das ist nicht der einzige Grund. Tatsache ist, dass der eigentliche Kaufakt in Paris länger dauert als anderswo, weil die Franzosen um alles ein riesiges Tamtam machen müssen.

Man kauft nicht nur einfach ein Croissant

Nehmen wir das ganz alltägliche Beispiel eines Croissant-Erwerbs. Bin ich nach dem Schlangestehen an der Reihe, schallt es mir glockenhell entgegen: "Guten Tag, Madame! Was darf es sein, Madame?" In germanischer Kürze sage ich: "Ein Croissant, bitte!" Nun beginnt die Bäckersfrau mit einer Litanei des freundlichen Verkaufsgesprächs. "Natürlich, Madame, ein Croissant. Voilà, das Croissant. Für die Madame. Ein schönes Croissant! Darf es noch etwas sein, Madame?" Ich schüttele schweigend den Kopf, und schon geht es weiter. "Madame möchte also nichts mehr. Alors, nur ein Croissant für Madame. Das kommt jetzt in die Tüte, und das macht dann für die Madame ein Euro und zehn." Vor lauter Madamerei schwirrt mir der Kopf. Während ich das Kleingeld auf den Kassenteller lege, wird auf der anderen Seite der Theke die kleine Croissant-Tüte mit großer Geste und schwungvoll-sportlicher Armverrenkung an den Ecken so gekonnt eingedreht, dass ein Luftpolster zwischen dem Hörnchen und der Papiertüten- Innenwand entsteht. Ich habe diese Handbewegung zu Hause dutzendfach nachzuahmen versucht. Erfolglos.

Die Franzosen lassen sich Zeit, viel Zeit!

Grundsätzlich gilt: Je teurer das Produkt, desto spektakulärer das Drumherum. Man kann sich vorstellen, welches Ausmaß der Einkauf einer Dior-Tasche annehmen kann. Mein persönlicher Favorit in Sachen Shopping-Gedöns ist jedoch der Teeladen Mariages Frères. Vor allem die Filiale im Marais-Viertel. Es empfiehlt sich, vor dem Besuch eine Zeitung zu kaufen, denn bis man dran ist, vergeht locker eine halbe Stunde. Dann jedoch übernimmt man die Nebenrolle in einem perfekt einstudierten Theaterstück. Ohne bei den Proben je dabei gewesen zu sein, vermittelt mir der Teeverkäufer, dass ich alles richtig mache. Für meinen Wunsch "Darjeeling" erhalte ich ein Nicken, das bedeutet, dass ich aus der Lostrommel die einzig gültige Karte gezogen habe. Der Verkäufer wirbelt herum wie ein Balletttänzer und greift aus der riesigen Wand voller Teebehälter flink vier große schwarz-rot verzierte Bottiche heraus, die er mir in wohl abgepassten Pausen und mit eleganten Handbewegungen hintereinander unter der Nase kreisen lässt. Hier folgt mein Einsatz! Ich muss riechen, reagieren, entscheiden. Welche der vier Darjeeling- Sorten ist die meine? Ein Augenzwinkern des Verkäufers vermittelt stumm: "Lassen Sie sich Zeit! Achten Sie nicht auf die Schlange hinter Ihnen!"

Das Theaterstück ist beendet.

Nach der Entscheidung ist vor der Entscheidung. Denn nach dem Tee muss die Verpackung gewählt werden. "Welche Box hätten Sie denn gern?" Benommen von den Düften stelle ich mich an der Kasse an. Rund zehn Minuten später kehre ich mit der Quittung zum Verkäufer zurück, doch der ist noch immer mit den 300 Gramm Darjeeling beschäftigt. Erst wenn die letzte Schleife an der dritten Umverpackung gezogen ist, senkt sich der Vorhang. Das Theaterstück ist beendet, die Nebendarsteller dürfen abtreten.

"Paris ist Maßstab für veräußerlichte Ästhetik", schreibt treffend Ulrich Wickert in seinem Klassiker "Und Gott schuf Paris" und widmet sich einem anderen Kapitel der französischen Inszenierungskunst, der emotionalen Bindung der Pariser zu ihren pompösen Hausfassaden. Viertel, Adresse und äußeres Erscheinungsbild einer Wohnung oder eines Büros sind wichtig. Weniger wichtig ist, wie es dahinter ausschaut. ausschaut. Die Realität eines stinknormalen französischen Büros besteht deshalb in der Regel aus einem von Wasserschäden gewellten und mit Kaffeeflecken übersäten Teppichboden sowie abgeschabten Büromöbeln aus den 70er Jahren. Ein deutscher Arbeitnehmer wäre schockiert. Normalerweise fängt den Besucher eine adrette und bestens gekleidete Empfangsdame in der schicken Eingangshalle ab, für kleinere Businessgespräche stehen dort Designermöbel bereit, größere Deals werden sowieso beim Essen ausgehandelt. Die äußere Form wird gewahrt, die Distanz höflich zelebriert - insbesondere in der französischen Geschäftssprache, bei der es darum geht, schwülstige Bandwurmsätze wiederzukäuen.

Die Franzosen brauchen ihre Phrasen

Dass diese streng vorformulierten Phrasen auf alle Fälle einzuhalten sind, war mir am Anfang meiner Pariser Jahre nicht bewusst, und so beging ich einen tragischen Fauxpas. Als ich mehrere Monate geduldig die Begleichung einer Rechnung abgewartet hatte, übersetzte ich ein deutsches Mahnschreiben wortwörtlich ins Französische und schickt es ab. Die Antwort kam schnell und deutlich. Eine mir unbekannte Dame aus dem Rechnungswesen rief an und überschüttete mich mit Vorwürfen: Was mir einfiele und was für ein Tonfall! In Frankreich würde keine Rechnung innerhalb von drei Monaten bezahlt werden, meine Mahnung sei unerhört . . . Die Botschaft war klar: Nicht sie, die säumige Zahlerin, sondern ich, die unbezahlte Leistungserbringerin, war die Böse, weil ich mich nicht an die Codes der opulenten Gesprächsinszenierung gehalten hatte. Es war mir eine Lehre. Heute spiele ich das Theater (meistens) mit und grüße täglich die Bäckersfrau mit einem überschwänglichen "Bonjour, Madame!".

Text: Barbara Markert Foto: Getty Images
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