Wer nicht entspannt, ist selbst Schuld

In Restaurants, Parks oder Karaoke-Bars: Auf den Philippinen gibt es keinen unpassenden Ort für eine Massage. Denn entspannen kann hier man überall.

Wir würden zusammen in ein Café gehen, dachte ich. Wir würden reden, uns besser kennen lernen. Ich war damals erst ein paar Monate auf den Philippinen. Aber meine Freundin Bizzy wollte an diesem Nachmittag in einen Massagesalon. Ich dachte: Die Arme hat's wohl mit dem Rücken. Doch Bizzy ging es blendend, und die Massage hatte sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für mich gebucht. "Ich brauche das einmal in der Woche", sagte sie. "Und du solltest dir es auch angewöhnen."

Bald lagen wir nackt und stumm nebeneinander auf den Massagebänken. Der Vorhang zwischen unseren beiden Séparées wurde aufgezogen, und zwei Frauen begannen, unsere Rücken zu bearbeiten. "Ist der Druck in Ordnung?", fragten sie. Dann herrschte Stille. Nur manchmal von einem kleinen Schmerzensschrei oder Stöhnen unterbrochen - Indiz für eine besonders verspannte Muskelpartie.

Auf den Philippinen wird überall massiert

Ich wusste, was Bizzy fühlte. Auch später, als nur noch ab und zu ein wohliger Seufzer zu hören war. Irgendwann müssen wir beide entspannt weggedämmert sein. Ein fast intimes Erlebnis.

Ich fühlte mich Bizzy danach jedenfalls näher als nach einem Cafébesuch. Seit diesem ersten Mal verabreden wir uns oft für derartige Ausflüge und lassen die verbindenden Kräfte der Massage auf uns wirken. So wie andere Freundinnen in den Philippinen auch. Hier sagt man nicht: "Lass uns zusammen einen Kaffee trinken", sondern: "Lass uns zusammen ins Spa gehen."

Und davon gibt es unzählige in Manila: kleine dunkle Zimmer mit nichts weiter als ein paar primitiven Liegen ausgestattet, aber auch luxuriöse Einrichtungen mit Springbrunnen, Ethnoklängen und Orchideen. Sie haben klangvolle Namen wie "Heavenly Oasis" oder "Good Image Spa". Man kann sich an Straßenecken massieren lassen, in öffentlichen Parks, am Pool von Fünf-Sterne- Hotels und in Shopping-Malls. Masseure, die ihre Dienste auf Werbebannern an den Straßen anbieten, kommen auch ins Büro oder nach Hause. Die Telefonnummern besonders geschickter Vertreter ihrer Zunft werden von Freundinnen wie Geheimtipps untereinander weitergegeben.

Auf dem Nachhauseweg von der Arbeit komme ich an einer Gruppe blinder Masseure vorbei, die ihre Plastikstühle neben einer achtspurigen Straße aufgestellt haben. Darauf nehmen müde Büroangestellte oder Verkäuferinnen Platz, die sich nach einem langen Arbeitstag den Rücken kneten lassen. Mit geschlossenen Augen sitzen sie da und sinken immer weiter in sich zusammen. Dass man sich bei diesem Motorenlärm und Dauergehupe entspannen kann, war für mich unvorstellbar - bis ich es doch einmal versuchte. Und: Schon nach ein paar Minuten drängen die magischen Hände alles andere um mich herum an den Rand meines Bewusstseins. Nur der Druck auf den Nacken und die verkrampften Schultern zählt.

Die Massagesalons im Ausgehviertel Malate haben am Wochenende sogar die ganze Nacht geöffnet. Wer vom Tanzen eine Pause braucht, kann sich bei einer Fußreflexzonen- oder einer Kopfmassage entspannen. Nach ein paar Stunden in unserem Lieblingsclub "The Bed" nehmen mein Mann und ich das Angebot für unsere müden Füße gern an. Eine bessere Art zu chillen gibt es nicht. Wir sinken in bequeme weiche Lederliegen und überlassen uns willenlos den Händen der freundlichen Therapeutinnen, die un sere Füße erst in warmem Wasser einweichen, sie behutsam abtrocknen und dann liebevoll drücken.

Und dieses Gefühl scheint man auf den Philippinen sehr zu schätzen. Schon kleine Kinder werden dazu angehalten, ihre Großmütter und Großväter zu massieren. Das ist hier selbstverständlich - und um es ihnen besonders schmackhaft zu machen, gibt's dafür Süßigkeiten. Auch andere Familienmitglieder, Freunde oder Arbeitskollegen legen gegenseitig Hand an. Und die Fahrer von Tricycles, wie die als öffentliche Verkehrsmittel dienenden Mopeds mit Beiwagen hier heißen, vertreiben sich die Zeit, in der sie am Straßenrand auf Kundschaft warten, mit gegenseitigem Rückenkneten. Als Liege dient der Motorradsitz.

Massagen scheint man in diesem Land einfach alles zuzutrauen. Als ich einmal mit hohem Fieber im Bett lag, holte meine Haushaltshilfe Beth eine Masseurin zu uns. "You just try", sagte sie. "Versuchen Sie es einfach." Die Frau sollte meine Mandelentzündung wegkneten. Entschlossen setzte sie sich mit mir unter ein Bettlaken, ein Topf mit kochendem Kräutersud verwandelte die Atmosphäre unter dem Tuch in die einer Sauna, und dann drückte sie unermüdlich meine Knie- und Armbeugen.

Sogar Massagen zur Förderung der Fruchtbarkeit gibt es auf den Philippinen

Eben diese Haushaltshilfe, die mit 40 schwanger werden wollte, fuhr zu ihrer Mutter aufs Land, wo eine alte Frau ihr eine Fruchtbarkeitsmassage gab. Mag sein, dass da auch die Psyche im Spiel war. Ihr Sohn jedenfalls hat gerade seinen ersten Geburtstag gefeiert. Und sie plant bereits die nächste Reise zu den kundigen Händen in die Provinz. "I just try", sagt sie. "Ich versuche es einfach."

Manchmal allerdings kommt man auch ganz unvorbereitet und eher nebenbei in den Genuss einer Massage. So knetete mir etwa mein Friseur Hände und Arme, während die Tönung einwirkte, und meiner Freundin Anke aus Deutschland walkte eine Kellnerin den Nacken, während sie die Bestellung aufnahm.

Wir dachten eigentlich, wir hätten nach vier Jahren Philippinen alle Spielarten der Massage erlebt. Doch der kürzliche Besuch einer Karaoke-Bar belehrte zumindest meinen Mann eines Besseren. Als er im Waschraum stand, legte ihm plötzlich ein Fremder von hinten die Hände auf die Schultern. Er schrak entsetzt zusammen, fürchtete einen Überfall. Doch dann erkannte er, dass der vermeintliche Verbrecher in Wahrheit der Toilettenwärter war, der ihn ein wenig durchwalken wollte - ein Service des Hauses.

Text: Susanne Lenz Foto: Getty Images
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