Meine Mutter, ein Hausboot und ich...

Amsterdam ist immer eine Städtereise wert. Deshalb nahm Autorin Carla Woter ihre Mutter mit dorthin. Die beiden verreisen regelmäßig zusammen. Ein schönes Ritual.

Meine Mutter heißt in unserer Familie Miss Marple. Sie trägt karierte Capes, beim Gehen verschränkt sie die Hände auf dem Rücken, ihr Blick ist skeptisch, der Wille eisern - und sie ist gern unterwegs. Außer vor Kalorien hat sie vor nichts Angst. Mit der alten Dame zu reisen ist für mich weder Abenteuer noch Opfer, ich bin es gewohnt, denn Reisen hat bei uns Tradition.

Seit ich 18 bin, machen wir unsere "Mutter-Tochter-Freundinnen"-Tour. Allerdings immer nur ein paar Tage, jede Freundschaft hat ihre Grenzen. Wir waren in Paris, Rom, Florenz. "Museen besuchen, Geschäfte gucken, Salat essen und quatschen", fasste mein Vater amüsiert diese Ausflüge zusammen, für ihn war jeder einzelne schon eine grausame Vorstellung, dankbar blieb er zu Hause. Vor sieben Jahren ist er gestorben. Meine Mutter und ich reisen immer noch. Das würde ihm gefallen. Hauptsache: Er muss nicht mit, wir sind nämlich manchmal etwas anstrengend.

Amsterdam vom Hausboot aus - eine Städtereise der besonderen Art

Dieses Jahr ist es Amsterdam. Statt im Hotel logieren wir in einem Hausboot. "Du bist verrückt! Weißt du eigentlich, wie alt ich bin?" war die erste Reak tion meiner 83-jährigen Mutter. Die zweite: "Wann denn und wie lange?" Das bedeutete: "Sehr gern." Wir planten fünf Tage im Frühling. "Das reicht dann auch", wie sie so nett bemerkte.

Wir fahren mit ihrem alten Auto von Köln nach Amsterdam, das sind knapp 300 Kilometer. Meine Mutter hat einen Wasservorrat im Kofferraum angelegt, als wollten wir die Wüste Gobi durchqueren. Kluge Mama, denn wir haben eine gewisse Routine im Nichtfinden. Für Amsterdam haben wir zwar einen Stadtplan gekauft, verfahren uns aber trotzdem. Hinter der Stopera, dem modernen Opernhaus, muss das Hausboot liegen: weiß, mit Terrasse, direkt vor einem Hotel, so sieht es im Internet aus. Ich bin nervös. "Wenn es nicht schön ist, dann ziehen wir eben um", sagt meine Co-Pilotin. So ist sie halt. Wenn meiner Mutter eine Unterkunft nicht gefällt, dann Gnade Gott demjenigen, der sie ihr zumutet. Wir fahren an kleinen Kanälen und schiefen Häusern vorbei. Auf der anderen Seite der Amstel liegt es. Ich sehe es von Weitem, und es sieht aus wie auf den Fotos. Gott sei Dank. Ich gehe vor. Von hinten fragt Miss Marple misstrauisch: "Und?"

Es ist wunderschön, hat eine riesige Glasfront, davor schwimmt eine Holzterrasse wie ein Ponton, mit bequemen Sesseln. Es gibt einen großen Raum mit gusseisernem Ofen, Holztisch, einer kleinen Küchenzeile und einem dunkelblauen Riesensofa vor einem Bücherregal. Meine Mutter umarmt mich. "Entzückend, Kind. Und der Blick!" Sie geht hin und her in bekannter Haltung, klettert auf die Terrasse. Nichts stört. Bin ich froh. Meine Mutter bekommt das Schlafzimmer, ich nehme das Sofa. Hingebungsvoll breitet sie ihr kariertes Plaid auf dem Bett aus. Ich grinse. "Bin ich anstrengend?", fragt sie. - "Wie kommst du denn darauf?", antworte ich. - "Du siehst müde aus." Ich bin müde, ich will, dass sie glücklich ist, genießt.

Es ist sonderbar, wie sich im Laufe eines Lebens die Rollen ändern. Meine Mutter macht den Mittagsschlaf, und ich gucke zwischendurch nach ihr. Und erwische mich dabei, dass ich Angst habe. Je älter sie wird, desto öfter packt mich die Wehmut: Wer weiß, wie lange noch, denke ich. Meine Mutter kann Gedanken lesen, das konnte sie schon immer. "Wunderst du dich über mich?", fragt sie, als sie wach wird. - "Wieso?" - "Dass ich noch so gut reisen kann." - "Nein, warum soll ich mich wundern?" - "Gut." Das gefällt ihr. Denn solange es gut ist, ist es gut. Alles andere haben wir schon besprochen, wirklich alles: Krankheiten, Altersheim, Sterben - zwischen uns gibt es keine Tabus. Meine Mutter ist meine älteste Freundin. Und die möchte jetzt Kaffee trinken.

In Amsterdam gibt alles, was uns glücklich macht

Das Hausboot liegt mitten im alten Amsterdam, nicht weit von Herengracht und Keizersgracht, wo alles so idyllisch aussieht wie im Film. Gleich um die Ecke ist eine kleine Straße, die Staalstraat, mit allem, was Menschen wie uns glücklich macht: hübsche Restaurants, ein Buchladen, Cafés und ein Feinkostparadies mit Quiches, Kuchen, Früchten und sinnlosen Köstlichkeiten. Wir gehen ins "Café de Jaren", einen Klassiker. So fängt der späte Nachmittag mit warmem "Appelgeback" und Milchkaffee am Fluss an. Allerdings nicht, ohne zweimal den Tisch zu wechseln, bis wir den perfekten Blick haben. Wir lachen. Und keiner von uns zählt mehr Kalorien.

Zurück auf unserer Bootsterrasse sitzt meine Mutter und schaut wie im Theater. "Ich liebe Wasser, das ist so beruhigend." Und unterhaltsam ist es auch. Jede Uhrzeit hält ein anderes Schauspiel bereit. Der späte Nachmittag wird unsere Lieblingszeit, der Feierabend beginnt: Gemächlich ziehen Boote vorbei, Sektkorken knallen, viele haben ihren Hund an Bord, man prostet uns zu. "Die sehen nicht, dass wir Touristen sind", stellt meine Mutter begeistert fest. Wir sind uns einig: "Am besten, wir bewegen uns gar nicht mehr weg. Schöner kann es nirgendwo sein." Es wird dunkel, wir zünden Windlichter an, auch auf den anderen Booten flackern Kerzen. "Du sagt ja nichts", sage ich zu meiner Mutter. Das passiert selten. - "Ich genieße, dass wir zusammen sind. Ich genieße, dass wir Wein trinken und reden, dass wir überhaupt noch so etwas zusammen machen." Ich genieße das auch.

Dicke Ausflugsdampfer fahren vorbei, und meine Mutter winkt ihnen tatsächlich zu. Sie sieht ganz jung aus, jünger als ich wahrscheinlich, sie will erzählen. "Ich müsste dir viel öfter sagen, wie froh ich bin, dass ich dich habe." Das verstehe ich. Ich bin ein nettes Kind. Auch mit 49 Jahren. Ich habe keine Drogen genommen, einen tollen Beruf und einen netten Ehemann. Nur, meinen Mund halte ich nie. Auch da bin ich wie sie, Miss Marple - die gerade noch sentimental war und plötzlich wieder die Alte ist: "Es ist mitten in der Nacht, und du isst noch Schokolade?" Ja, und jetzt erst recht.

Keine Spur von Sightseeing-Druck

"Hast du gut geschlafen?", frage ich am nächsten Morgen. - "Nein", sagt sie, guckt aber fröhlich. "Auf dem Steg lagen zwei Penner." - "Ja und?" - "Die haben die ganze Nacht geredet, aber ich wollte nichts sagen. Mir geht es so gut, außerdem hatten sie einen Hund dabei. Wo sollten sie auch hin?" Mutter Teresa auf der Arche Noah, denke ich, trinke meinen Tee und bin gerührt.

Wir sehen die ersten Jogger, auch ich laufe los. Meine Mutter holt Brötchen. "Was machen wir heute?", fragt sie beim Frühstück wie ein Kind. Wir gehen zum legendären Amsterdamer Blumenmarkt, der ist fünf Minuten entfernt und ein Traum. Es gibt alles: Rittersporn, Löwenmäulchen, Wicken, herrlich altmodisch. Wir kaufen, so viel wir tragen können. "Ist das nicht viel zu viel?", fragt meine Mutter. - "Ja natürlich." Ich mag es zu viel, meine Mutter nicht. Für sie ist ein Menü zu viel, drei verschiedene Brotsorten völlig überflüssig.
















Die Tage plätschern dahin, wir haben unseren Rhythmus gefunden, nicht die leiseste Spur von Sightseeing-Druck. Wir schlendern durch die Straßen von Amsterdam, machen eine "Home-and-Garden-Tour", die uns hinter die prächtigen Fassaden privater Stadtpalais und Hofjes, jene bezaubernden Hinterhöfe, führt. Fantastische Gärten verbergen sich dort, kleine und manchmal regelrechte Parks mit Kies und Buchs. Wir lernen, warum Kutscherhäuser keine Fenster hatten - damit die Herrschaft nicht beobachtet werden konnte.

Am Abend gehen wir in eine Kneipe, essen Pommes frites mit Mayonnaise und trinken Bier, was für meine Mutter ungefähr so exotisch ist, wie Austern zu schlürfen. "Weißt du was", sage ich, "nächstes Jahr fahren wir wieder hierher. Hier gefällt es dir doch so gut!" Da habe ich aber Miss Marple völlig unterschätzt. "Nein, da machen wir was anderes." Pause. "Ich war noch nie in New York!"

Am Abend gehen wir in eine Kneipe, essen Pommes frites mit Mayonnaise und trinken Bier, was für meine Mutter ungefähr so exotisch ist, wie Austern zu schlürfen. "Weißt du was", sage ich, "nächstes Jahr fahren wir wieder hierher. Hier gefällt es dir doch so gut!" Da habe ich aber Miss Marple völlig unterschätzt. "Nein, da machen wir was anderes." Pause. "Ich war noch nie in New York!"

Text: Carla Woter Fotos: Miquel Gonzalez
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