Die Miss Marple von Kathmandu

Seit mehr als 40 Jahren führt Elizabeth Hawley ein Archiv über die Expeditionen auf die höchsten Berge der Welt. Die Amerikanerin, die aussieht wie eine Sekretärin im Vorzimmer des Himalaya, sucht detektivisch nach der Wahrheit und entscheidet, wann sich ein Bergsteiger erfolgreich nennen darf.

Elizabeth Hawley

Ich bin ziemlich faul und schlafe gern.

Der höchste Berg, den Elizabeth Hawley jemals erklommen hat, war 1300 Meter hoch, ein Hügel in Vermont. "Ich bin ziemlich faul und schlafe gern in einem warmen Bett", erklärte sie ihre fehlenden Ambitionen zum Bergsteigen.

Die hindern sie jedoch nicht daran, Kreuzverhöre mit Menschen zu führen, die die höchsten Gipfel dieser Welt erklommen haben. Männer und Frauen, die oft mit violett verfärbten, erfrorenen Fingerkuppen und bandagierten Füßen vor ihr sitzen. Bergsteiger, die ihr von vereisten Steilhängen und kilometertiefen Gletscherspalten berichten, vom Überleben bei minus 50 Grad in Höhen, in denen der Sauerstoffgehalt auf ein Drittel schrumpft und der Körper ständig abbaut, auch im Liegen.

Doch nicht jeder, der es behauptet, war auch oben. Nicht jeder, der ein Foto vom Dhaulagiri – einem der 8000er des Himalaya – mitbringt, weiß, dass die Gebetsfahnen und Katas, weiße Glücksschals, ausgerechnet auf diesem Berg nicht den höchsten Punkt markieren. Manchmal ist es Betrug, manchmal auch ein Irrtum.

Ihr Wort ist Gesetz.

Elizabeth Hawley deckt beides auf, seit 40 Jahren schon. Sie ist die Chronistin des Himalaya geworden. Sie hat ein einzigartiges Archiv aufgebaut, das mehr als 4000 Expeditionen und mehr als 36000 Bergsteiger erfasst. Dafür interviewt die 84-Jährige die Männer und Frauen zwei Mal – erst vor und dann nach ihrer Tour. Sie entscheidet, wann eine Expedition sich so nennen darf. Ihr Wort ist Gesetz.

Vor Ort hat Elizabeht Hawley ein Netzwerk gesponnen

Damit ihr kein Bergsteiger entgeht, hat sie in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals und dem Zentrum des Himalaya-Trekkings, ein Netzwerk zwischen Agenturen, Hotels und dem Tourismusministerium gesponnen. Man meldet ihr eine Expedition, und schon parkt ihr hellblauer VW Käfer vor den Herbergen der Neuankömmlinge. Das Auto ist ihr Markenzeichen – genauso wie ihre streng geschnittenen Kostüme und Kleider, ihr roter Lippenstift, die Brille auf der Nasenspitze und das Klemmbrett mit dem berüchtigten Fragebogen: Wie waren Zeitplan und Route? Wie hießen die als Träger beteiligten Sherpas? Wie viele Camps waren aufgebaut? Waren andere Teams da? Was sah man vom Gipfel aus? Selbst zurückgelassene Sauerstoffflaschen können ein Indiz sein. Jedes noch so kleine Detail ist wichtig, vor allem wenn es wegen eingefrorener Kameras, Nebel oder Nacht keine Beweisfotos gibt.

Schroff und unnachgiebig

Schroff, unnachgiebig, wahrhaftig, gefürchtet und geliebt zugleich – Elizabeth Hawley eilt der Ruf voraus, die Miss Marple des Himalaya zu sein. Es soll Männer gegeben haben, die bei einem der Interviews, nach Wochen der Strapazen, ausriefen: "Ich weiß es nicht! Ich kann mich nicht erinnern! Ihre Fragen sind zu schwierig!"

Genau war sie schon in ihrer Jugend: Als Elizabeth einen Sommer in einem New Yorker Ferienlager verbrachte, fragte die Mutter, wie das Essen dort sei. Sie antwortete mit einer Liste: "Frühstück: 1 Glas Tomatensaft, 2 Brötchen mit Butter, 1 Banane . . . " Bis heute sind Listen ihre Art, die Welt zu fassen. Ordnen und Sortieren – das waren auch ihre Aufgaben bei der Zeitschrift "Fortune", wo Elizabeth Hawley nach dem Studium der Geschichte als Rechercheurin arbeitete.

1957 brach Elizabeht Hawley auf, die Welt zu entdecken.

Mitte der 50er Jahre, nach elf Jahren in den Archiven, war es die damals 34-Jährige leid, die Welt nur zu katalogisieren. Die Frauen saßen drinnen, die Männer reisten herum – eine undurchdringliche Hierarchie. Monatelang leistete sie sich zum Mittag nur selbst geschmierte Brote, sparte Geld und brach 1957 auf, die Welt selbst zu erfahren. Überall, in Wien, Finnland oder Warschau, in Istanbul, Kairo oder Bagdad, wunderte man sich über die alleinreisende junge Fremde.

In Kathmandu blieb sie einfach.

Sie blieb die Rätselhafte, auch in Kathmandu. Am Ende ihrer zweijährigen Reise erreichte sie die Stadt, die sie sofort faszinierte. Die eng stehenden Häuser mit ihren Holzverzierungen, die purpurnen Gewänder der Mönche, das Glockengeläut der Tempel, das ununterbrochen aus den Tälern dringt. Sie beschloss, zu bleiben, besorgte sich einen Job bei der Nachrichtenagentur Reuters und begriff, dass Nachrichten über Nepal immer auch Meldungen über das Bergsteigen waren.

Vor allem Anfang der 60er Jahre, der Zeit der großen Expeditionen, die auf Edmund Hillary und Tenzing Norgay folgten, die beiden Männer, die 1953 den Mount Everest zum ersten Mal bezwungen hatten. Die Berichte von Elizabeth Hawley für Reuters, aber auch ihre Geschichten für Magazine wie das "American Alpine Journal" waren in dem Stil verfasst, den bereits die Briefe an die Mutter prägten: ohne Wertung, mit einer deutlichen Vorliebe für Statistik. Am liebsten listete sie die Expeditionen auf, mit Namen, Routen, Rekorden, besonderen Vorkommnissen, Todesfällen. Zu Hause in ihrem Büro sammelte sie ihre Interviews. Und ganz nebenbei wuchs eine einzigartige Chronik heran, Hawleys Lebenswerk, das immer mehr Zeit in Anspruch nahm.

Sie erlebte viele erste Male.

Sie konnte es sich leisten, weil sie später auch andere Einkommensquellen hatte. Wie etwa die Leitung des Himalayan Trust, einer Organisation, gegründet von Edmund Hillary, die sich für die Sherpas in ihren abgelegenen Dörfern engagiert. Das Bergsteigen prägte ihr Leben, es verlief parallel zu hunderten von historischen Momenten: der ersten Frau auf dem Mount Everest, dem ersten Aufstieg ohne zusätzlichen Sauerstoff, dem ersten Mal ohne Seile und Träger, der ersten Expedition in der Nacht oder im Winter.

Niemand weiß mehr als sie.

Die "ersten Male" sind seltener geworden. Seitdem man sich in Reisekatalogen "Everest für everybody" kaufen kann, hat sich der Wettkampf um Rekorde verschärft. Elizabeth Hawley sieht das mit Sorge. Bergsteiger, die ihre Arbeit respektieren, lässt sie deshalb an ihrem Wissen teilhaben. Sie kennt die Wände, an denen Gefahr droht, sie hat den Überblick über die Pläne anderer Expeditionen – ein Vorsprung, den Profis schätzen. "Ich muss ihr dankbar sein", sagte einmal Reinhold Messner, der mit Hawley oft über seine Pläne sprach. Und Edmund Hillary, der Erstbesteiger des Everest, sagte: "Niemand weiß mehr über das Bergsteigen im Himalaya als sie."

Elizabeth Hawley macht einfach weiter.

Elizabeth Hawley ist zu einer Instanz geworden. Sie hat sich etabliert, als Frau unter Männern. Eine Frau, die etwas für Abenteurer übrighat, weil sie selbst eine Abenteurerin war. Sie lebte immer allein und ließ die Gesellschaft von Kathmandu darüber spekulieren, mit welchen Bergsteigern sie gerade ihr Bett teilte. Ob es überhaupt Affären gegeben hatte, weiß niemand so genau. Ihre eigene Geschichte schützt sie genauso wie die inzwischen elektronische Himalaya-Datenbank, die – erdbebensicher – in einer Blechtruhe lagert. Und während sich die Bergsteiger um ihre Nachfolge sorgen, arbeitet Elizabeth Hawley einfach weiter, jeden Tag bis abends um neun. Den großen Berg wird sie wohl nicht mehr bezwingen. Das muss sie auch nicht. Im Geiste hat sie es tausendfach getan.

Text: Antje Liebsch Fotos: Getty Images Foto Portrait: McDonald: Wir sehen uns in Kathmandu, Bergverlag Rother, München
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