Eine Stadt zeigt sich gelassen

Jetzt kommen die Monate, da atmet die Stadt auf: In der kühlen Jahrezeit zeigt sich Florenz gelassen.

Ewiger Schönling: der David von Michelangelo, hier als Kopie auf der Piazza della Signoria.

Auf der Piazza della Signoria spricht mich ein Mann an. Er ist sehr groß und muskulös. Ich muss meinen Hals in den Nacken legen, um ihn zu verstehen. "Endlich habe ich meine Ruhe", sagt er. "Keine Menschenmassen, die mich mit kleinen Apparaten anblitzen, keine Kinder, die mich mit Wasserpistolen anspritzen - am liebsten zielen sie auf mein bestes Teil. Unangenehm. Kein Geschrei und Gejohle. Der Sommer zerrt Jahr um Jahr an meinen Nerven." Hat er wirklich gesprochen? Ein ziemlicher Schönling ist er, der David von Michelangelo. Immerhin ist es sympathisch, dass es ihm auch mal zu viel wird, angestarrt zu werden. "Wissen Sie", fährt er fort, "was man hier über die Tagestouristen sagt, die im Sommer die Stadt überschwemmen? ,Mordi e fuggi', das bedeutet sinngemäß übersetzt: Er beißt zu und haut wieder ab, nimmt der Stadt also ihre Seele. Sie haben völlig recht, dass Sie jetzt erst kommen. Florenz ist nämlich eine Winterstadt, wussten Sie das noch nicht?" Eine Weile warte ich noch ab, aber mehr sagt er nicht. Vielleicht habe ich mir seine Worte auch nur eingebildet? Ich werde ihm auf meiner Winterreise durch Florenz wieder begegnen - der Mann auf der Piazza della Signoria ist nämlich nur eine Kopie. Das Original wurde beizeiten in die Galleria dell'Accademia gebracht, um es vor Witterung und Vogelscheiße zu schützen. Michelangelo hat den David vor mehr als 500 Jahren aus einem riesigen verhauenen Marmorblock freigeschlagen. Eine weitere Kopie steht oben auf dem Piazzale Michelangelo, über den Dächern der Stadt.

Unverhoffter Durchblick: die berühmte Domkuppel von Brunelleschi.

Florenz in der Nachsaison. Das heißt sich treiben lassen und nicht Slalom laufen müssen. Das sind die Kirchen und Paläste, die man in seinem eigenen Rhythmus anschauen kann statt im Stop-and-go einer Menschentraube. Das sind die Piazzen, wo man an warmen Tagen ein Eis in der Sonne schleckt, ohne dass einem die Kugeln davonschmelzen. Das sind diese seltsamen Momente, in denen man gar nicht mehr weiß, in welcher Jahreszeit man eigentlich ist. Irgendwas wie Herbstfrühlingwinter. Vor allem aber sind es die Menschen. Die Einheimischen haben jetzt Zeit und erzählen von sich, man darf hineinschauen in die Werkstätten der Geigenbauer, Möbelrestauratoren und Schuhmacher. Endlich mal nicht dieser genervte Blick, der sagt: Du bist schon die Achtundzwanzigste heute!

Florenz im Winter, das sind immer wieder diese verrückten Kontraste. Eben noch bin ich in der Nähe der Piazza della Repubblica an einem Stand mit gerösteten Kastanien vorbeigegangen, ein würziger Geruch liegt in der Luft. Auch Glühwein rieche ich, der jetzt in manchen Bars angeboten wird - aber wieso sollte ich ausgerechnet in der Toskana aufgewärmten Wein mit Nelken trinken?

Kurze Zeit später sehe ich in einem Innenhof einen Mimosenbaum, der schon einen ersten gelben Schimmer hat. In ein paar Wochen wird er knallgelbe Kügelchen tragen. Wenn ich ihn lange genug anschaue, geht es vielleicht schneller.

Wenn es still wird in Florenz

Blick auf die Stadt vom Giardino Bardini.

Idyllische Gasse abseits des großen Rummels.

An manchen Tagen ist der Himmel glasklar, und die riesige Kuppel des Domes, die aussieht wie ein gelandetes Ufo, leuchtet in der Sonne. Wenn zur blauen Stunde die Lichter auf dem Ponte Vecchio, der schönsten Brücke von Florenz, angehen, ist die Stadt aus der Zeit gefallen: Der Himmel ist noch blau und weit, aber in den Straßen ist es schon dämmerig, und die Laternen und Schaufenster leuchten im Halbdunkel. Die Stadt, die im Sommer Tag und Nacht im Belagerungszustand ist, zieht sich auf sich zurück. Florenz in der kühlen Jahreszeit, das sind die großartigen Museen, in denen man jetzt in Ruhe schlendern kann - der freie Blick auf den schönsten Giotto ist im Eintritt inbegriffen. Ich bin früh aufgestanden und eine der Ersten, die die Uffi zien betreten: die berühmteste Gemäldesammlung der Stadt, in Teilen von den Medici zusammengetragen, einem mächtigen Clan von Bankern und Mäzenen, der Florenz über drei Jahrhunderte prägte. Nur eine japanische Reisegruppe ist schon vor mir durch den Eingang gewuselt.

Die Venus von Botticelli haben sie noch nicht gefunden. Die Liebesgöttin, völlig unbekleidet, steht lässig in ihrer Muschel, von den Winden ans Ufer gepustet. Mit der einen Hand bedeckt sie ihre Brust, die langen Haare ringeln sich, von der anderen Hand gehalten, zwischen den Beinen. Sie schaut mich an in meinen dicken Winterklamotten, ich schaue zurück, keiner stört unseren Blickkontakt. Und keiner stellt die schon hundertmal gestellte Frage: Was wäre, wenn die Venus nicht so lange Haare hätte? Dann wäre sie natürlich nicht halb so spannend. Der Reiz liegt im Verbergen, nicht im Zeigen.

Stefano Bemer, Produzent edler Schuhe.

Ich flaniere durch den langen Korridor, von dem die Säle abgehen, unter der Decke sind prächtige Verzierungen. Am Ende des Ganges blicke ich durch die Fenster auf den Arno, der direkt unterhalb vorbeifl ießt. Auch der Ponte Vecchio mit seinen kleinen Häusern ist von hier gut zu sehen. Auf den Dächern lagern ein paar Tauben, auch sie haben Arno-Blick und sehen genauso träge aus wie der Fluss. Florenz als Stillleben statt Spektakel. Ich bleibe einfach eine Weile am Fenster stehen, keiner stellt sich mir in den Weg. Ungestörte Schau-Lust in einem der schönsten Museen der Welt.

"Lam-pre-dotto, lam-pre-dotto." Kunst ist schön, macht aber irgendwann auch hungrig. Nach dem Besuch der Uffi zien bin ich einfach meiner Nase gefolgt. Es riecht nach Fleisch, der "lam-pre-dotto"-Ruf wird immer lauter, je weiter ich gehe. Kurze Zeit später komme ich vor einem Wagen an, einer Art mobilem Kiosk, auf der Heizplatte steht ein großer Topf. Was ist da drin? "Innereien, Labmagen vom Rind", sagt der junge Verkäufer strahlend, "probieren Sie." Ich habe in meinem Leben noch nie Labmagen gegessen. Und fühle mich ein bisschen, als müsse ich vom Zehn-Meter-Brett springen. Hinter mir bildet sich schon eine lange Schlange von Einheimischen. Ich kann nicht mehr zurück. Der Verkäufer reicht mir ein Brötchen, gefüllt mit kleinen Rindermagen-Stücken, er träufelt eine grüne Kräutersoße darüber. Es schmeckt würzig und sehr nahrhaft. Gerade das Richtige im Winter, aber mein Lieblingsessen wird es bestimmt nicht. Labmagen, erfahre ich, ist eigentlich ein Arme-Leute-Gericht, gilt in Florenz aber als Spezialität. Die Touristen machen einen großen Bogen darum. Der Verkäufer schaut mich prüfend an. "Rotwein zum Nachspülen?" Er reicht mir ein Glas, 80 Cent, bitte. Ich trinke es in einem Zug aus und komme mir ein bisschen wie eine Einheimische vor.

Lokalgröße: Fabio Picchi mit seinem Sohn Giulio. Picchi betreibt Restaurants und ein kleines Theater im Viertel Sant'Ambrogio.

Ich gehe weiter, an Unmengen von Vespas vorbei, auf dem Bürgersteig geparkt. Vespen-Nester nenne ich sie. In Florenz sind viele Bürgersteige schmal wie Handtücher, was im Sommer zu Zusammenstößen führt. Im Winter muss man weniger oft das Duell "Wer muss jetzt weichen, du oder ich?" ausfechten. In den kleinen Straßen gibt es noch viele Handwerksbetriebe, manche nur dürftig beleuchtet, vor 20, 30 Jahren sahen sie bestimmt nicht anders aus als heute: vor allem in Santo Spirito, dem Viertel der Künstler und Handwerker auf der anderen Arno- Seite, aber auch im Zentrum.

Durch ein Fenster sehe ich eine große Frau mit langen Haaren, eine Geige in der Hand. Zwei Hocker zum Sitzen, ein angestaubter Laptop, an den Wänden hängen Musikinstrumente und Feilen. Die Tür geht kaum auf, ich drücke dagegen und falle schließlich in das Ladeninnere, nicht größer als eine Besenkammer. Jamie Maria Lazzara, stellt sich die Frau vor. Viele Touristen würden von draußen Fotos machen, vor allem im Sommer, sagt sie mit stark amerikanischem Akzent, aber kaum jemand traue sich rein - "es ist einfach zu winzig hier, glücklicherweise".

Lazzara ist eine der wenigen Geigenbauerinnen Italiens. Vor 30 Jahren kam sie aus Amerika hierher, lernte an der berühmten Geigenbauschule in Cremona und heiratete einen Florentiner. Das Geschäft in der Via dei Leoni, nicht weit vom Palazzo Vecchio, hat sie seit 20 Jahren. "Haben Sie die Feier von Obamas Amtsantritt im Fernsehen verfolgt? Die Geige, die Itzhak Perlman in der Hand hielt, habe ich gebaut. Ich wusste gar nicht, dass meine Geige bei der Feier mitspielte, ein Bekannter hat es mir später erzählt." Das klingt so beiläufi g, als würde sie gerade erzählen, was sie heute Abend kochen will. Sie brauche keine Werbung, meint die 50-Jährige, keine Webadresse. Die Geige ist ihre "passione", sie restauriert, baut vier neue Instrumente im Jahr - "das reicht mir aus, ich lebe bescheiden". Kein Zweifel, sie kokettiert nicht. Solange in dieser Stadt Menschen leben, die auf wenigen Quadratmetern ihren Leidenschaften nachgehen, hat sie ihre Seele noch lange nicht verloren.

Geschmackssache: Pierpaolo Pollini bereitet eine florentinische Spezialität zu: Lampredotto - Labmagen vom Rind.

Fabio Picchi. Bei meinem Bummel durch die Läden und Werkstätten höre ich immer wieder seinen Namen. "Was, Sie kennen ihn nicht?", fragt eine junge Frau, die Ledereinbände für Bücher herstellt. Picchi, erfahre ich, ist Koch und Theaterchef und auch ein bisschen verrückt. Er betreibt im populären Viertel Sant'Ambrogio zwei Restaurants, ein Café und sein "Teatro del Sale", Theater des Salzes. Wer zu einer Vorstellung kommen will, muss vorher Mitglied im Verein des Theaters werden. Im Sommer ist es allerdings schwer, Karten zu bekommen, im Winter hat man eher Glück.

Fabio Picchi sitzt an einem Tisch im Foyer. Er hat lange graue Locken, einen großen Bart, redet viel und am liebsten über sich selbst. Das Besondere an seinem Theater? Eine fabelhafte Mischung aus Schlemmen und Show. Erster Akt: ein Buffet mit Florentiner Spezialitäten. Zweiter Akt: die Vorstellung - Tanz, Jazz, Theater, Lesung, jeden Abend etwas anderes. "Mehr verrate ich nicht, Sie werden es dann ja erleben."

Klangwelt: Jamie Maria Lazzara baut Geigen. Ihr Geschäft ist so klein, dass sich nur selten Touristen hineinwagen.

Der Saal füllt sich, überall stehen Tische, in der Küche, die nur durch eine Glaswand abgetrennt ist, wuseln die Köche. Dann geht es los: Picchi brüllt in den Saal, was es zu essen gibt, Linsen in Öl, Kalbsklößchen, Sardinensalat, Kartoffel-Mousse, Brokkoli-Creme und noch viel, viel mehr - das reinste Schlaraffenland. Die Leute stürmen das Buffet, Picchi bremst sie mit lauter Stimme aus: "Die besten Sachen kommen doch erst zum Schluss." Immer neue Gerichte werden aufgetragen, jedes Mal von ihm angekündigt, als handele es sich um einen berühmten Show-Gast. Alles schmeckt köstlich, auch der Chianti, und als die Tische weggeräumt werden und das Theater beginnt, dämmere ich satt und dankbar vor mich hin.

Am nächsten Morgen habe ich erstaunlicherweise keinen Kater. Aber das Gefühl, mich bewegen zu müssen. Also quer durch die Stadt, hoch zum Piazzale Michelangelo. Kaum jemand ist um diese Zeit hier oben unterwegs, die Souvenirbuden machen gerade auf. Ich schaue hinunter, die Stadt liegt da wie ein Gemälde, der Arno, von Brücken überspannt, dahinter der Dom und der Giotto-Turm, in der Ferne die Hügel der Toskana. Auf dem Piazzale Michelangelo treffe ich einen alten Bekannten: den David von Michelangelo, dieses Mal als Bronze-Kopie. Ich warte, ob er mir etwas erzählt wie sein Double auf der Piazza della Signoria, da höre ich ihn schon murmeln: "Sie haben sicher festgestellt, dass ich von allen Davids in der Stadt den schönsten Blick habe. Und glücklicherweise ein bisschen außen vor bin. Aber sagen Sie das bitte nicht den anderen. Sonst schicken sie mir im Frühjahr aus Rache gleich alle Reisegruppen hoch." Ich nicke. Und verspreche zu schweigen. "Kommen Sie mich bald wieder besuchen?", fragt der Bronze-Mann. Klar komme ich wieder. Aber erst im Winter. Wann sonst?

Reise-Info: Wohnen, essen, einkaufen

Florenz im Winter

Telefon: Die Vorwahl für Italien ist 0039, die 0 der Rufnummer muss mitgewählt werden.

Unterkommen: "Tornabuoni Beacci". Zentrale Lage, in den Obergeschossen eines alten Palazzo, Stilmöbel, familiäre Atmosphäre, toller Blick über die Stadt, schöne Dachterrasse. DZ/F ab 52 Euro. Via Tornabuoni, 3 Tel. 055 21 26 45 Fax 055 28 35 94 www.tornabuoni hotels.com).

"Four Seasons". Luxus - hotel in einem wunderschön restaurierten Renaissance-Palast. Geräumige, mit allem Komfort ausgestattete Zimmer, großer Park mit alten Bäumen, Jacuzzi, Spa-Bereich. Zehn Minuten Fußweg zum Zentrum. DZ ab 295 Euro. Borgo Pinti, 99 Tel. 055 262 61 Fax 055 262 65 00 www.fourseasons.com/ de/florence/). Zu buchen z. B. über den Städtereise-Spezialisten Dertour. Extratipp: Museumspaket mit 3-Gänge- Mittagessen ab 53 Euro (im Reisebüro oder über www.dertour.de).

Geniessen: "Cibrèo". Exquisites Restaurant mit kreativen Gerichten, angelehnt an die toskanische Küche, z. B. Kaninchenbraten, Ricotta-Souffl é. Via del Verrocchio, 8r Tel. 055 234 11 00

In der "Trattoria Cibreino" gleich neben - an gibt es zum Teil dieselben Gerichte, aber in rustikalerem Ambiente und deutlich günstiger. Via de' Macci, 122r

"Trattoria Bordino". Gelegen im Künstlerviertel San Spirito, gute einheimische Küche zu günstigen Preisen. Empfehlenswert das berühmte "bistecca alla fi orentina", ein dickes gegrilltes Beefsteak. Leckere selbst gemachte Kuchen zum Dessert. Via Stracciatella, 9r Tel. 055 21 30 48

"Da Nerbone". Bekannter Imbiss im Inneren des Mercato Centrale mit einfachen, günstigen Gerichten (Pasta, Risotto, Panini mit Kutteln), man schnuppert zugleich die Markt-Atmosphäre. Vormittags bis mittags geöffnet. Mercato Centrale di San Lorenzo/Via dell'Ariento

"Vinaino di Parte Guelfa". Mini-Lokal in der Nähe der Piazza della Signoria, wo man im Stehen köstliche, frisch zubereitete Panini essen kann, dazu gibt es Antipasti und gute Weine. Moderate Preise. Via Val di Lamona, 6r

"Rivoire". Café und Pasticceria mit nostalgischem Charme, direkt an der Piazza della Signoria. Kuchen-Auswahl von Sacherbis zu Käsetorte, sehr gutes Schokoladen- Konfekt. Via Vacchereccia, 4r

"Gelateria dei Neri". Eisdiele in der Nähe der Uffi zien. Tolles Eis mit ausgefallenen Sorten, außerdem fruchtige Sorbets. Via dei Neri, 20/22r

Einkaufen: Il Bisonte. Edle Ledertaschen und Accessoires in allen Farben und Formen, sehr gute Qualität, die ihren Preis hat. Via del Parione, 31/33

Scuola del Cuoio. Die "Lederschule" ist in den Klosterräumen von Santa Croce untergebracht. Hier kann man Artikel aus Leder kaufen und auch bei der Produktion zuschauen. Piazza Santa Croce, 16 www.ScuolaDelCuoio.com).

Parione. Hier gibt es alles rund ums Papier: Skizzenbücher, handgeschöpftes Papier, Alben, in Leder gebundene Bücher. Via dello Studio, 11r und Via Parione, 10r

Lesen: "ADAC-Reiseführer Florenz". Guter Überblick über die Sehenswürdigkeiten, dazu nützliche Service-Tipps (6,50 Euro).

"Ein perfektes Wochenende in... Florenz". Z.T. ausgefallene Tipps, Adressen, Porträts, schöne Fotos, Kochrezepte (Süddeutsche Zeitung Edition, 9,90 Euro).

Text: Franziska Wolffheim Fotos: Guido Cozzi

Wer hier schreibt:

Franziska Wolffheim
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