Flusskreuzfahrt auf der Rhône: Nach Süden treiben

Wer mit dem Schiff auf der Rhône von Lyon bis zur Camargue fährt, genießt die Abwechslung: an Bord faulenzen, an Land Frankreich entdecken.

Das Wasser kräuselt sich grün, der Himmel strahlt blau.

Zum Frühstück geht das Schiff unter. Der Kaffee zittert in meiner Tasse. Etwas tief unter uns ruckelt. Aber ich habe nur Croissants und Müsli im Kopf. Die hole ich mir am Buffet, und dann endlich sehe ich es: Wo eben noch ein grüner Fluss war, ist jetzt alles grau. Steingrau links und rechts vom Schiff. Wir sinken abwärts, es wird immer dunkler. Ich laufe aufs Sonnendeck, wo die Mannschaft gestikuliert. Mehr nach rechts, nicht so viel, Achtung. Ich freue mich, Männer beim Einparken zu beobachten. Das 11,40 Meter breite Schiff muss sich in die zwölf Meter schmale Schleuse fummeln. Ein bisschen Rempeln darf sein. Dann ist es geschafft, dann sind wir 19 Meter tief gesunken und fahren weiter.

Gestern bin ich in Lyon an Bord gegangen. Zwei Stunden später legte das Flussschiff "A-Rosa Luna" ab. Die prächtigen weißen Gebäude der Stadt am Ufer wurden immer kleiner, in der Ferne sah ich Brücken mit Autos und dann nur noch Grün. Auftakt zu unserer "petit Tour de France": auf der Rhône nach Avignon und Arles, dann zurück nach Lyon. Maximale Reisegeschwindigkeit: 24 Stundenkilometer.

Außer Frédéric Touzelet und mir ist kein Mensch an Deck. Monsieur Touzelet muss hier sein, er ist der Kapitän. Ich will hier sein, obwohl der Mistral gerade durch das Rhône-Tal tobt. Dieser Wind ist gemein kalt, dafür fegt er aber allen Staub aus der Luft und macht den Himmel knallblau, den Fluss kräuselig grün und die Landschaft gestochen scharf. Kein Wunder, dass van Gogh, Cézanne und Matisse hier im Midi gemalt haben.

Ich fotografiere: eine kleine Kirche, eine alte Brücke und immer wieder das Wasser. Als ein "wilder, aus den Alpen herabstürmender Stier" wurde die Rhône früher beschrieben. Frankreichs zweitlängster Fluss überwindet von seiner Quelle im Schweizer Rhône-Gletscher im Kanton Wallis bis zur Mündung im Mittelmeer einen Höhenunterschied von 1735 Metern. Zahlreiche Kanäle, Deiche und Schleusen haben die Rhône den Bedürfnissen der Industrie angepasst. Die Landschaft, ein traditionelles Obstund Gemüseanbaugebiet, wird heute von weißen Türmen dominiert. Fünf Kernkraftwerke leiten ihr Kühlwasser in den Fluss. Ich fotografiere: den Sonnenuntergang, aber ohne Türme.

Am nächsten Tag macht der Mistral Pause und die Sonne Überstunden. Die Passagiere stehen an der Reling, über Lautsprecher hören wir ein Kinderlied. "Sur le pont d'Avignon, l'on y danse..." Vor uns liegt eine seltsam asymmetrische Brücke, die Pont Saint Bénézet. Ein Schäfer aus der Ardèche soll sie im Auftrag eines Engels und mithilfe irdischer Bauarbeiter im 12. Jahrhundert gebaut haben. 1660 zerstörte eine Flutwelle die Brücke, vier ihrer 22 Bögen und eine romanische Kapelle blieben unversehrt. Weltberühmt wurde sie wegen des Kinderlieds.

Zur Sonne, zum Licht! Zum Glück, zum Leben!

Das imposanteste Gebäude von Avignon, den Papstpalast, kann man nicht verfehlen. Sieben Päpste residierten hier und machten die Stadt von 1309 bis 1376 zum Zentrum der europäischen Christen. Fast alle Straßen (und Touristen) laufen auf diesen größten gotischen Palast Europas zu. Er sieht streng aus, kalkgrau, hoch und abweisend. Wenn man davor steht, kommt man sich winzig vor. Drinnen auch. Ich lasse mich durch riesige Säle führen und schaue gut erhaltene Fresken an.

Den Rest des Tages schlendern wir durch die Altstadt. Am Place d'Horloges am Rathaus spielen Musiker, auf einem altmodischen Karussell reiten zwei ältere Damen kichernd auf weißen Pferden. Unter Platanen trinken wir in einem der vielen Straßencafés einen Côtes du Rhône. Überall auf den kleinen Plätzen und in den Straßen herrscht eine heitere Lebendigkeit.

Flusskreuzfahrten, sagt man, seien was für Ältere. Ja doch. Wer älter ist als 20, liebt die Abwechslung. Heute hier, morgen da, auf dem Schiff faulenzen, an Land entdecken. Wer älter ist, weiß gutes Essen zu schätzen. Heute rosa gebratene Entenbrust, Rinderfilet mit grünem Spargel und Quarkschaum. Morgen Seezunge an Kartoffelmousseline. Und natürlich steigt mit zunehmender Lebenserfahrung auch die Fantasie: was man so alles mit Schokolade machen kann. Ich habe mich hineingelegt, in die Schoko-Honig-Packung, im Spa-Bereich der "A-Rosa Luna". Danach fühlte ich mich sehr lecker an. Wem das zu narzisstisch ist, der kann an Bord Fitness machen, auf dem Sonnendeck im geheizten Pool schwimmen, danach an der Bar Wein trinken oder mit dem einzigen Franzosen an Bord, dem Kapitän, französisch reden. Ansonsten spricht das gesamte Personal deutsch. Wer immer noch skeptisch ist, ob er für so eine schöne Reise das richtige Alter hat, der muss ja bloß seine jugendlichen Freunde mitbringen - 174 Passagiere können auf der "A-Rosa Luna" in 86 schön eingerichteten Kabinen untergebracht werden.

In Arles gelingt das Undenkbare: eine ganze Stierkampfarena nur für mich. Am Sonntagmorgen scheinen die Bewohner und Besucher der alten und bildschönen Stadt lange zu schlafen. Das gewaltige Amphitheater wurde vermutlich im ersten Jahrhundert gebaut, ist 136 Meter lang und 108 Meter breit. In dieser Arena wird die spielerische Variante, der Course Camarguaise, aufgeführt, kein Stier oder Torero muss sterben. Ich laufe hoch in den zweiten Rang und suche mir einen Sitzplatz. Unten sehe ich sandigen Boden, oben einen sehr blauen Himmel, die Sonne brennt, nirgendwo Schatten. Ich schließe die Augen.

Stiere sehen wir am Nachmittag. Wir fahren mit dem Jeep in die Camargue. Es ist eine unwirkliche Landschaft, das Delta zwischen den zwei Rhône-Armen südlich von Arles. Flach wie Schleswig-Holstein, weitgehend leer wie die Steppe, ab und zu Reisfelder und Obstbäume, frei laufende weiße Pferde am grauen Strand, staksende Flamingos am flachen See, Etang de Vaccarès, und (eingezäunt) schwarze Stiere, die hier gezüchtet werden. Wer will, kann ein Pferd mieten. Aber auch Reiter kommen nicht überallhin. Ein Teil der Camargue ist ein Naturschutzgebiet, das nur von Zoologen und Botanikern betreten werden darf; die 400 Arten von Wasservögeln sollen ihre Ruhe haben.

Dösen. Im Liegestuhl liegen. Kein Buch lesen. Wasser riechen. Wir sind auf dem Rückweg, das da drüben ist wieder Avignon, gleich kommt die nächste Schleuse, links geht es in die Ardèche. Dort liegt Tain-l'Hermitage, eines der teuersten Weinanbaugebiete Frankreichs. Später ziehen Wolken auf, der Himmel und die Rhône werden grau, und dann fängt es an zu regnen. Und es hört nicht mehr auf.

Lyon im Nieselregen, im Wolkenbruch, im Wasserdunst. Das macht nichts. Die 2000 Jahre alte Stadt ist auch tropfnass eine Schönheit. Wir laufen durch Vieux Lyon, ein beeindruckendes Renaissance-Viertel mit etwa 300 denkmalgeschützten Häusern. In der Rue Saint-Jean betreten wir ein Haus, spazieren durch einen Innenhof, sehen Stiegen, Wendeltreppen und Gänge, die alle miteinander verbunden sind. Traboules (vom Lateinischen: trans ambulare, durchqueren) nennt man diese Passagen durch mehrere Häuser. Ursprünglich ermöglichten sie den Webern, ihre kostbaren Teppiche und Wandbehänge zu transportieren, ohne vom Regen überrascht zu werden.

Und weiter geht's, vorbei an kleinen Cafés und teuren Restaurants. Dann sehen wir ein Haus, an dem ein strohblonder Junge auf dem Balkon im ersten Stock steht. Das ist doch der kleine Prinz, der von Saint-Exupéry. Daneben "wohnen" die Gebrüder Lumière, die das moderne Kino erfunden haben. Und dort schaut Rabelais auf die Straße, ein Arzt, der im 16. Jahrhundert als Dichter "Pantagruel" und "Gargantua" veröffentlichte. Im Erdgeschoss steht der berühmte Koch Paul Bocuse. Diese Fresken mit Bürgern aus Lyon hat die Stadt in Auftrag gegeben, eine witzige Szenerie im Stil der Illusionsmalerei, an der Ecke Quai St. Vincent und Rue de la Martinière.

Es gäbe noch so viel zu sehen. Die Basilika auf dem Hügel Fourvière, von wo aus man einen weiten Blick auf die Stadt hat. Die eleganten Bürgerhäuser und Einkaufsstraßen im Viertel zwischen Rhône und dem kleineren Fluss Saône. Den großen und schönen Place Bellecour. Aber es ist Zeit, zurück aufs Schiff zu gehen und die Koffer zu packen. Ich mache ein letztes Foto und notiere: Geburtstagsgeschenk für F.: eine Reise nach Lyon (mit mir).

Flusskreuzfahrt auf der Rhône

Auf der Rhône werden Kreuzfahrten mit verschiedenen Schiffen und zu unterschiedlichen Themen wie "Gourmet", "Wein" oder "Lavendel" angeboten. Unsere Autorin buchte die Tour "Route Rendezvous" auf dem Flusskreuzfahrtschiff "A-Rosa Luna": Lyon-Avignon-Arles-Lyon, sechs Tage. Kabine ab 449 Euro pro Person ab/bis Lyon, ohne Anreise. Veranstalter: A-Rosa Flussschiff, Am Strande 4, 18055 Rostock, Tel. 0381/44 04 00, www.a-rosa.de.

Landausflüge

Avignon. Stadtrundgang mit Besuch des Papstpalastes.

Arles. Stadtbesichtigung. Ausflug zum Pont du Gard, nach Uzes oder zum historischen Dorf Le Baux. Per Jeep oder Bike in die Camargue.

Viviers. Stopp in Viviers für einen Ausflug in die südliche Ardèche. Tournon. Stadtbesichtigung. Lyon. Stadtrundfahrt mit Bus oder Bike.

Lesen

"Südfrankreich". Ergiebiger Reiseführer mit Infos über Geschichte, Genüsse und Gepflogenheiten zwischen Lyon und Mittelmeer - und dem Rest Südfrankreichs (780 S., 24,90 Euro, Michael Müller Verlag).

Text: Regina Kramer Fotos: Anne Gabriel-Jürgens
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