Burgund: Ein Château geht noch!

Im Schloss Comartin ließ es sich schon im 17. Jahrhundert gut Leben

Im Burgund gibt es so viele Weingüter, Sterneküchen und schicke Hotels wie Strandkörbe an der Nordsee. Andrea Hacke hat sich dem guten Leben ergeben.

Der hübsche Kellner Antony lächelt vor sich hin, als er meinen Teller durchs Restaurant balanciert und dabei so wirkt, als würde er gleich einen Diamanten vor mich hinstellen, einen Schatz. Ich schlucke, während ich einen Blick auf die gebratenen Taubenbeinchen in Tonkabohnen-Soße werfe. Vor Kurzem noch hätte ich nie daran gedacht, einen Vogel zu verspeisen, den ich zu Hause vielleicht vom Balkon verscheucht hätte. Im gilt er als Festmahl: Ich sitze in einem der besten Restaurants Frankreichs, im "Le Relais Bernard Loiseau" mit einer Drei-Sterne-Küche. Es duftet betörend, ich bin bereit für Experimente und greife zum Besteck. Oder geht es doch besser mit den Händen? Antony bemerkt mein Zögern: "Beißen Sie einfach rein!" Er lacht. Entspannt ist es hier also auch noch. Ich kaue an diesen Schenkeln zwischen meinen Fingern, die so fein und gleichzeitig aromatisch schmecken, dass ich die Augen schließe und mich nur noch auf den Geschmack konzentriere. Habe ich je mit solcher Hingabe in einem Restaurant gegessen? Sicher nicht. Gang um wunderbaren Gang serviert mir Antony - bis ich bei den Pralinen passe. Ich fürchte, dass ich mich sonst nicht mehr von meinem Stuhl erheben werde.

Saulieu heißt das Städtchen im Burgund, in dem dieses berühmte Edelrestaurant liegt, zu dem auch ein kleines Hotel gehört. Hier treffen sich Feinschmecker aus der ganzen Welt, um geschmacklich in neue Sphären zu reisen. Ein Rundum-Verwöhnprogramm. Ja, genau deswegen bin ich hier, im Burgund, dreieinhalb Autostunden südlich von Paris. Ich musste mir endlich mal eine Pause gönnen, denn in meinem Leben zu Hause war Freizeit gerade vom Aussterben bedroht. Als Alleinerziehende habe ich viel um die Ohren, der Job, die Kinder, da ist kaum Platz für Pausen. Eine luxuriöse Woche lang kann ich nun durchatmen und die Tage mal wieder in Ruhe genießen. In einer Gegend, in der Sterneküchen, Weingüter und tolle Hotels so zahlreich vertreten sind wie Strandkörbe an der Nordsee.

Im "Marché aux Vins" gibt es alte und neue Tropfen aus der Weinregion

Im "Marché aux Vins" gibt es alte und neue Tropfen aus der Weinregion

Am nächsten Morgen, nach einem üppigen Frühstück im Garten meines "Relais", mache ich mich auf, um mit dem das Burgund zu erkunden. Der Weg führt zwischen Weinbergen hindurch zu mittelalterlichen Dörfern. Ich fahre durch enge Gassen, Geranien hängen an den Fenstergittern der Häuser, in der Dorfmitte steht immer ein alter Brunnen. Mehr Idyll geht nicht.

Auf den Landstraßen zwischen den Orten ziehen Schilder an mir vorbei mit Namen wie Clos de Vougeot, Morey-Saint-Denis, Gevrey-Chambertin - als hätte ein Sommelier eine erlesene Weinkarte zusammengestellt. Zwischen Dijon und Beaune wachsen die besten Trauben. Sie sind ein Vermächtnis der Zisterzienser- und Benediktinermönche, die im Mittelalter viele Weinberge im Burgund angelegt haben. Heute gelten sie als die kostbarsten Äcker der Welt. Als ich kurz anhalte und einen Blick auf die noch kleinen Trauben werfe, ist nur Stille um mich herum. Ich stehe bewegungslos in der Sonne, atme tief die Morgenluft ein und genieße den weiten Blick über die Rebstöcke an den Hängen. Ich fühle mich hier fast selbst wie ein Weinstock, wie ein Teil dieser Natur.

Beaune gilt als "Hauptstadt" der Burgunder-Weine, ein hübscher kleiner Ort. Bürgerhäuser reihen sich kreisförmig um die Basilika. In den Gassen der Stadt gibt es viele Weinboutiquen, hier könnte ich Tage verbringen, um mich durch die Pinots Noirs und Chardonnays des Burgund zu probieren - und jedes Mal ein paar Flaschen für zu Hause kaufen. Im "Marché aux Vins", einem historischen Verkostungskeller unter der Kapelle eines ehemaligen Franziskanerordens, tauche ich schließlich ab. Kerzenlicht flimmert in den dunklen Gewölben, auf Holzfässern stehen ein "Château de Meursault" und ein "Château de Pommard", bester Weiß- und Rotwein. Schnüffeln, schlürfen, es auf der Zunge prickeln lassen - hier kommen mir die Rituale einer Verkostung kein bisschen albern vor. Die Stimmung ist mystisch, vor allem im Teil der alten Kathedrale am Ende der Tour. An den Wänden hängen Heiligenbilder, uralte dicke Säulen rechts und links von mir.

Frankreich: Burgund: Ein Château geht noch!

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Ich komme mir vor wie in dem Film "Der Name der Rose", als würde gleich Sean Connery in Mönchskutte an mir vorbeilaufen, um einen Krug Rebensaft abzufüllen. Es ist Mittagszeit, draußen auf den Plätzen der Stadt sitzen überall Menschen und genießen ebenfalls einen der köstlichen "Châteaux". An kleinen Tischen vor den Bistros, mit gutem Essen auf dem Teller. Sie sehen alle so entspannt aus, als würde niemand von ihnen später wieder zur Arbeit müssen. Ein kleiner Junge fängt an zu singen, keiner ermahnt ihn. Die restliche Familie singt einfach mit, ein paar Gäste klatschen, und der Wirt gibt einen aus. Savoir-vivre in Burgund - einfach aus jedem Moment das Beste machen.

Ich merke, wie gut mir die Leichtigkeit tut, die diese Menschen ausstrahlen. Ich nehme mir vor, mich später im Alltag daran zu erinnern, mir etwas von ihnen abzugucken.

Will ich mir das "Hôtel Dieu" anschauen, Beaunes berühmtes fast 600 Jahre altes Hospital mit holzgeschnitzten Betten und Flügelaltar? Unbedingt! Und soll ich ins Schloss Cormatin fahren mit seinem wunderbaren Park und den Zimmern, die noch ihre Einrichtung aus dem 17. Jahrhundert haben? Ja, das passt. Jeden Tag überlege ich mir ganz genau, was ich mache. Keinen Sightseeing-Stress, habe ich mir versprochen, sondern ganz gemütlich reise ich von einem Ort zum andern, von einer Unterkunft zur nächsten.

Andrea Hacke im "Hôtel Dieu", einem früheren Krankenhaus in Beaune. Unsere Autorin staunt über die Pracht im "Armensaal"

Andrea Hacke im "Hôtel Dieu", einem früheren Krankenhaus in Beaune. Unsere Autorin staunt über die Pracht im "Armensaal"

Mein Highlight heißt "La Cueillette" und sieht aus wie ein Palais in den Weinbergen. Eine breite Treppe mit rotem dickem Teppich führt wie im Märchenschloss zur Rezeption hinauf. Auf der großen Terrasse vor meinem Zimmer könnte ich einen Walzer tanzen. Ich fühle mich wie mit vier Jahren, als ich im Prinzessinnenkleid mit meinem Opa auf einer Burg unterwegs war und wir uns vorstellten, dort zu wohnen. Im Speisesaal glitzert das Gold an der Decke und den Wänden, ein großer Kronleuchter hängt mitten im Raum, auf jedem Tisch steht eine Vase, in der ein Goldfisch schwimmt. In dieser Pracht verschwinden meine letzten Gedanken an den Alltag zu Hause: Schulbrote und volle Waschmaschinen sind Lichtjahre entfernt. Meine Seele fühlt sich an wie frisch massiert.

In dieser Gegend gibt es so viele Schlösser, Palais und Kirchen wie in deutschen Vororten Garagen. Keine andere Provinz besaß früher größere und reichere Klöster als das Burgund, bis sie während der Französischen Revolution größtenteils zerstört wurden. Ich fahre ins Zentrum des mittelalterlichen Glaubens, in die Abtei Cluny. Von dem riesigen Bau, früher ein fünfschiffiges Gebäude mit einer Länge von 187 Metern und zwei Querschiffen, ist nur ein Querschiff erhalten. Ich leihe mir ein iPad für eine virtuelle Tour und reise damit in die Vergangenheit. Überall, wo ich den Bildschirm hinhalte, rechnet der Computer hinzu, was an Mauern, Bögen oder Türen an dieser Stelle fehlt, und zeigt mir ein Bild, als würde ich gerade das Original abfotografieren. Trotz meiner 1,85 Meter Körpergröße komme ich mir winzig vor in dieser monumentalen Anlage. Begeistert drehe ich mich um mich selbst und betrete den noch vorhandenen Flügel der Kirche. Er ist so unfassbar hoch, dass mir beim Blick an die Decke schwindlig wird.

In einem Café nahe der Abtei lerne ich Philippe Griot kennen. Der Steinmetz und Bildhauer -mit Mütze, kaputten Jeans und staubigen Händen - hat sich viel in der Abtei umgeschaut. "Ich habe mir dort abgeguckt, wie man Steine mit einer abgerundeten Kante schneidet." Man brauche Mut, um als Steinmetz zu arbeiten, erzählt er. "Du hast für jeden Schnitt in einen Granit- oder Marmorblock nur eine Chance." Der 56-Jährige mag es, mutig zu sein. Ich sehe ihm an, mit welcher Leidenschaft er seinen Job macht. Die Menschen, die ich hier unterwegs treffe, wirken alle auffallend zufrieden. Oder sehe ich inzwischen überall nur noch die heile Welt, weil ich so gut gelaunt bin?

Rebstöcke in der Gemeinde Gevrey-Cgambertin

Rebstöcke in der Gemeinde Gevrey-Cgambertin

Für die letzte Nacht habe ich ein Zimmer gebucht bei Ghislaine de Chalendar. Die hübsche, warmherzige Französin ist 60, hat aber die Energie einer 40-Jährigen. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie das Bed & Breakfast "à la maîtresse". Ein Anwesen mit nur fünf Gästezimmern, das um 1700 auf einem Berg gebaut wurde. Traumhaft geht der Blick von meinem Fenster über den Pool und den Blumengarten in ein weites Tal. Am Abend essen alle Gäste zusammen am Wohnzimmertisch der Familie. Wer zu Hause keine Mama hat, die ihn ab und an so richtig verwöhnt, der findet sie hier. Langsam und genüsslich verspeise ich ihre drei Gänge. "Nimm ruhig mehr", sagt Ghislaine, sobald sich ein weißer Fleck auf meinem Teller auftut. Ich fühle mich, als hätte mich diese Familie privat zu sich nach eingeladen. Nach dem Essen sitzen wir noch mit unserer Gastgeberin zusammen. Sie ist charmant, erzählt von ihrer Zeit als Krankenschwester in Paris, hört gut zu und lacht gern. Ihre herzliche Art scheint Menschen zu öffnen, denn auf einmal zitiert eine ältere Dame aus der Schweiz französische Gedichte. Eine Italienerin setzt sich ans Klavier und spielt Bach. Ich trinke mit Ghislaine einen Rotwein, und wir reden lange, über das Leben und unsere Träume, über ihr gefundenes Paradies im Burgund. "Weißt du, was mir hier besonders gefällt?", fragt sie mich irgendwann. "Ich merke, wie die Menschen bei uns zur Ruhe kommen und wieder lernen, das Leben zu genießen. Ich beobachte das gern, wenn hier morgens jemand barfuß durchs Gras geht, in die Ferne blickt und ganz bei sich ist."

Am nächsten Morgen steige ich aus dem Bett, als gerade die Sonne aufgeht. Ich stromere allein durch die Wiese am Haus. Und denke: Danke, Burgund.

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Text: Andrea HackeFotos: Viola BerlandaBRIGITTE woman 08/2014

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