Rückkehr nach Indien

Als junge Studentin kam BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Harriet Wolff zum ersten Mal nach Rajasthan. Sie wohnte bei einer Gastfamilie in Indien. Ein Wiedersehen nach 18 Jahren.

Jaipur, Hauptstadt Rajasthans, mit einer riesigen Palastanlage, zu der Museen und Observatorium gehören

Noch 277 Kilometer, dann bin ich endlich da. 277 Kilometer trennen mich von Bikaner. Und 18 Jahre.

Bikaner ist eine Stadt am nordwestlichen Ende Rajas-thans, am Rande der Wüste Thar. Mehr als ein halbes Jahrhundert alt - "standing still in time" heißt es noch heute über sie. 1990 kam ich zum ersten Mal hierher, als junge Frau und eigentlich nur, weil mir in einem Reisebüro ein Flyer aufgefallen war: "Homestay - Wohnen bei einer indischen Familie". Nach Indien wollte ich immer schon. Und so jung und so allein unterwegs, war mir der familiäre Anschluss mehr als angenehm. Mein Programm: zwei Wochen Bikaner, zwei Wochen Alltag bei der Familie Jhawar.

Mein Taxi quält sich durch Jaipur. Rajasthans Hauptstadt scheint einen nie gehen lassen zu wollen, jeder Stau ist wie ein Strudel, zieht einen immer tiefer hinein. Und so kriechen wir im Schneckentempo durch die Straßen, vorbei an unzähligen Geschäften, an Händlern, die Halstücher, Tee, glitzernde Elefanten aus Holz, Postkarten, Zigaretten verkaufen. Vorbei am Hawa Mahal, dem Palast der Winde, der nicht ohne Grund so heißt: Der fünf- stöckige Prachtbau ist reine Fassade, durchsetzt mit vergitterten Fenstern, aus denen die Haremsdamen des Maharadscha einst eine schöne Aussicht auf das Straßengeschehen hatten. "Kabi kushi kabi kam" dudelt es aus dem Autoradio, und Fahrer Ashok übersetzt: "Sometimes happy, sometimes sad".

Das ganz normale Chaos auf den Straßen des Landes

Ob ich sie alle wiedererkennen werde? Ich bin ein bisschen beklommen, denn seit Mitte der 90er hatte ich keinen Kontakt mehr zu den Jhawars, wie das manchmal eben passiert. Man meldet sich nicht mehr, und irgendwann macht sich das Gefühl breit: Jetzt kann ich nicht einfach so anrufen! Vor Wochen bin ich auf der Internetseite der Fliesenfabrik der Jhawars gelandet und habe spontan eine E-Mail geschrieben. Damals, vor 18 Jahren, war mein Brief zwei Wochen zu ihnen unterwegs gewesen und ihre Einladung an mich noch mal so lange. Diesmal kam die Antwort noch am selben Abend: "Wir freuen uns auf deinen Besuch!"

Alltag in Indien: Reisig sammeln für den Ofen wie hier in der Wüste Thar

Zurück auf der Landstraße, sehr rumpelig, aber eine der schönsten Routen Nordindiens, von Jaipur immer in Richtung Nordwesten. Rajasthans Farben begleiten uns: sattes Orange, tiefes Rot, Sandstein und die schillernden Saris der Frauen. Noch 50 Kilometer bis zu meiner indischen Zweitfamilie.

Ich bin ganz hibbelig - und erkenne Bikaner kaum wieder! Die Stadt ist Ziel und Hoffnung armer Landflüchtiger geworden, innerhalb von 20 Jahren sind eine halbe Million Einwohner dazugekommen. Jetzt liegt sie im goldenen Abendlicht, und alle, alle 550 000 Einwohner scheinen unterwegs zu sein, in Kleinwagen, auf Motorrädern, in Rikschas - fast keine Kamelfuhrwerke mehr wie damals.

Veena und Rashmi Jhawar im Innenhof des Familiensitzes in Bikaner

Da ist ja das große hellblaue Tor! Die geschnitzten Sonnen im Hoftor, der Eukalyptus im Garten vor dem verschachtelten Haus, die Oase der Jhawars! Und da kommt Veena in einem orangegoldenen Sari und streckt mir die Hände entgegen: "Welcome!" Veena, 51 Jahre alt, die mir besonders ans Herz gewachsen ist. Sie steht für Tatkraft und Resignation, gelebtes Leben und nicht gelebte Sehnsüchte. Eine Kombination, die mich rührt. Veena ist die Einzige, die mich in Deutschland besucht hatte. Im Innenhof wartet Arun, 53, Veenas Schwager und der jüngste der drei erwachsenen Jhawar-Brüder. Sie und ihre Familien leben unter einem Dach mit Familienoberhaupt "Uncle" Deo Kishanji, 74, mit dessen Frau und Anhang. Macht zusammen: 24 Menschen, Personal inklusive.

Die Jhawars sind Hindus, gehören der großen Kaste der Marwari an. Seit 300 Jahren besitzen sie ihre Marmor- und Fliesenfabriken. Verglichen mit anderen Familien sind sie sehr reich, aber die Familie Österprotzt nicht damit. Jedes Ehepaar teilt sich ein bescheidenes, indisch-plüschiges Appartement von höchstens 30 Quadratmetern mit Bad, Fernseher und viel Nippes. Sie können es sich leisten, mich aufzunehmen. Und schon wie beim ersten Mal behandeln sie mich mit dieser angenehmen Gastfreundschaft, die sich nie aufdrängt.

Auf dem Gewürzbasar in Bikaner

Mein Zimmer ist bereitet, ich wohne wieder im kleinen Gästehaus auf dem Grundstück. Alles ist wie damals, die Bettdecke fliederfarben, an den Wänden hängen gerahmte indische Götter in grellen Farben. Ein sonderbares Gefühl: Um mich herum hat sich nichts verändert, aber ich bin eine andere, nicht mehr ganz so fremdelnd und unruhig wie beim ersten Besuch mit 22 Jahren.

Arun holt mich ab. "Wir haben jetzt ein klimatisiertes Esszimmer", sagt er und zeigt auf einen großen Tisch. Früher aßen bei den Jhawars Männer und Frauen strikt getrennt auf dem Boden in der Küche oder im Innenhof. Arun lacht, als ich gestehe, dass ich das Essen im Schneidersitz schöner fand. "Wir auch", sagt er, "wir nutzen den Raum eigentlich nur, wenn Gäste kommen." Also sitzen wir wie gewohnt gemütlich mit den anderen in der Küche. Koch Shambju zeigt dort sein ganzes Können: Okraschoten- Curry, Reis mit Linsenmus und Aloo-Palak, Kartoffeln mit Spinat. Wir lachen, erzählen von früher. Wie es denn jetzt aussehe bei mir, will Veena wissen: zehn Jahre in einer Beziehung und noch immer nicht verheiratet? Veena wundert sich und mit ihr alle Jhawars in der Runde. Innerlich schwöre ich mir, anderen Indern gegenüber zu behaupten, ich sei verheiratet. Da erspart man sich schiefe Blicke. Denn eine Unverheiratete gilt in Indien als unfertig. Und auch bei den weltoffenen Jhawars ist die arrangierte Ehe immer noch die Regel. Nur Ekta, die älteste Tochter von Veena, ist ausgeschert. "Entweder den oder keinen!", hat sie die Großfamilie vor die Wahl gestellt und ihren Manish dann tatsächlich geheiratet. Und Veena sagt: "Wer will sein Kind schon ins Unglück stürzen?"

Ich besuche Ekta am nächsten Tag in ihrem Büro nahe dem Bahnhof. "Weißt du noch, wie wir im Hof auf einem Bein gehüpft sind?", lacht sie. Ekta ist 30 und leitet die Filiale eines Versicherungsunternehmens. Der Slogan: Für alle Kasten, auch für Moslems. Mit Mann und Tochter lebt sie bei dessen Familie. An zwei Sonntagen im Monat besucht Ekta ihre alte Familie: "Lieber würde ich weiter weg wohnen und nur einmal im Jahr für vier Wochen kommen." Diese erwünschte Regelmäßigkeit sei ziemlich anstrengend. Aber sie fügt sich.

Ein Sari für das Hochzeitsfest

Und Veena? Stört sie die ständige Nähe zu den anderen nicht manchmal? "Ach", sagt sie, "daran habe ich mich gewöhnt. Du hast immer jemanden zum Reden, das ist auch ein Vorteil." Das stimmt, wie bei meinem ersten Besuch gibt es keine Sonderbehandlung für mich, und doch kümmert man sich, nimmt sich Zeit für einen Plausch oder einen Ausflug.

Veena ist die Einzige, die mir ein wenig ihre Gefühle offenbart. So spricht sie über ihre arrangierte Ehe. An ihren Mann habe sie sich gewöhnt, doch es schwingt kein bisschen Humor mit, sondern dieser indische Fatalismus, der mir so fremd bleibt. Ihr Mann, Ram Gopal, sieht gerade "Wer wird Millionär?" auf Hinglish, einer kruden Mischung aus Hindi und Englisch, die man in den Großstädten oft hört. Veena und ich schlagen derweil das Album ihrer Europatour 1994 auf. Da, wir zwei, untergehakt, in einem Münchner Biergarten. Dort, Veena im fliederfarbenen Sari vor einem Rosenspalier in Österreich.

Die Bäuerin hatte immerzu gerufen: "How beautiful!" Wir kichern - wie damals. Ob ich in meinem Sari so viel Begeisterung auslöse, bezweifele ich. Es ist "Wedding Season" in Bikaner. Jetzt, im Januar, wird die Hochzeit einer Nichte gefeiert. Tausend Menschen werden erwartet, im Lallgarh Palace Hotel, einem ehemaligen Maharadscha-Palast aus rotem Sandstein. Und ich soll unbedingt im Sari erscheinen. Dieser Herausforderung nimmt sich Anjali an. Sie holt für meine 1,76 Meter einen extralangen Sari hervor, neun leuchtende Meter lang, einen Meter breit. Sie umwickelt mich - passt! Nur bei der Choli, einer kurzärmeligen bauchfreien Bluse, wird es knapp. Anjali lotst mich auf den Basar am Rande der Altstadt. Es riecht nach würzigem Tee und Rosenwasser, nach defekter Kanalisation und Jasmin - und zwischen pinkfarbenen Plastik-eimern und Lotterielosen finden wir sie schließlich: eine "stretchable blouse" in XXL.

Wechselbad der Gefühle: Hochzeiten werden in Indien mit viel Pomp gefeiert

Der Bräutigam reitet auf einem Schimmel zum Hoteleingang, wo ihn seine Braut schon erwartet. Ganz in Rot, der Farbe Rajasthans. Eine indische Dudelsack-Militärkapelle spielt auf, ihre Musik vermischt sich mit Gesang und den lebhaften Gesprächen der Gäste. Im intarsienverzierten Innenhof scheinen hunderte Prinzessinnen versammelt, die Frauen leuchten in ihren prächtigen Saris. Und die Männer? Graubraune Mäuse. Nur noch die engsten Verwandten tragen Sherwani, ein langes Jackett mit Stehkragen, dezent, aber edel bestickt.

Die Hochzeit wird besiegelt mit unzähligen Hinduzeremonien: dem Verknoten des Saris mit dem Schultertuch des Bräutigams, dem siebenmaligen Umschreiten des heiligen Feuers durch das Brautpaar... Danach gibt es ein großes Buffet und keinen Alko- hol. Trotzdem: Partystimmung. Doch irgendwann drängt "Uncle" zum Aufbruch - auf zur nächsten Hochzeit. Es ist "Wedding Season" und absolut üblich, auf mehreren Hochzeiten zu tanzen.

Tradition verpflichtet: Grabmal für einen Maharadscha im Osten von Rajasthan

Anjali weckt mich mit süßer Milch und Tiklas, köstlichen salzigen Keksen: "Komm mit zum Ratten- tempel!", sagt sie und lächelt. Mir wird ganz anders. Diese Attraktion kenne ich schon von meinem ersten Aufenthalt, Anjali besucht einmal im Monat ihren Wallfahrtsort. Die Fahrt geht durch trockene raue Landschaft, vorbei an Sanddünen und an grünen Einsprengseln, Rapsfeldern kurz vor der Blüte, weiten Akazienhainen.

Friedlicher Ausklang des Tages wie hier am Tempel von Bikaner

Der Tempel der heiligen Ratten steht in Deshnok. Der Legende nach rächte sich hier die Göttin Karni Mata am Totengott Yama und veranlasste, dass die verstorbenen Seelen ihres Volkes als Ratten wiedergeboren werden, statt sie ihm in seinem Totenreich zu überlassen. Die Hausregel heute besagt, wie in allen Tempeln: Schuhe aus! Die Pilger füttern barfüßig die Ratten mit Süßigkeiten und Nüssen, nennen sie "Kabahs", unsere Kinder, Geschwister, Ahnen. Mindestens 20000 dieser vierbeinigen Verwandten leben in Ritzen und Löchern des Tempels und laufen auch durchaus zahlreich und zutraulich auf dem Schachbrett-Tempelboden herum. Wem eine von ihnen über den Fuß huscht, der schätzt sich glücklich. Wer sogar eine Albinoratte erspäht, hat das ganz große Los gezogen. Ich tippele über den Tempelboden, habe nur Pech - was für ein Glück!

Eine Autofahrt über die Landstraße ist nicht gerade ungefährlich

Am Abend ein weiteres Ritual der Jhawars: Sharbat trinken in der Altstadt. Der Sirup aus Pflanzenextrakten wird mit zerstoßenem Eis aufgegossen und in Tonbechern serviert. "Wünsch dir still etwas und zerschmettere den Becher", sagt Veena. Was hatte ich mir eigentlich damals, bei meinem ersten Besuch, gewünscht...? Die Luft ist noch kühl an meinem letzten Morgen. Das Taxi wartet vor dem Haus, und alle Jhawars haben sich vor dem großen Holztor versammelt. Ich bin mir sicher, dass mein Weg mich wieder nach Bikaner führen wird. "Hier bist du immer willkommen", sagt Arun. Veena hat Tränen in den Augen, ich auch. Ein bisschen steht die Zeit still. Sometimes happy, sometimes sad.

Reise-Info

Homestays: Von vielen Organisationen, teilweise länderspezifisch, angeboten. Unterkünfte in (fast) aller Welt, für alle Altersgruppen vermittelt z. B. Experiment, Gluckstraße 1, 53115 Bonn, Tel. 02 28/95 72 20, Fax 35 82 82, www.experiment-ev.de. - Über die Internetplattform www.homestaybooking.com lässt sich der Aufenthalt direkt bei Familien buchen - detaillierte Gastgeberprofile, teilweise mit Fotos.

Zur Einstimmung: Der opulente Bildband "Indien" von Catherine Bourzat mit märchenhaften Fotos aus dem Alltagsleben - sinnlich, anrührend und immer farbenprächtig (24,95 Euro, Christian Verlag).

Auskunft: Indisches Fremdenverkehrsamt, Baseler Straße 48, 60329 Frankfurt, Tel. 069/242 94 90, Fax 24 29 49 77, www.india-tourism.com

Text: Harriet Wolff Fotos: Anika Büssemeier
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