Wales: Sehenswürdigkeiten in Grün

Nicht nur die Sehenswürdigkeiten von Wales verzauberten unsere Autorin Barbara Lessing, sondern vor allem auch das magische Grün.

Der Ortsname wirkt, als habe jemand beim Scrabble alle Buchstaben loswerden wollen: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Es ist der längste und am schwierigsten auszusprechende Ortsname in Wales, doch dem 13-jährigen Billy geht er glatt über die Lippen. Wieder und wieder spricht er uns das Monsterwort vor. Los, noch mal, versucht es in Portionen! "Chanwär pochwingär gogerisch... " - es ist aussichtslos.

Wir sind schon froh, dass wir wenigstens den Namen des Städtchens beherrschen, in dem wir uns gerade befinden: Caernarfon, gesprochen Kairnarwon, ein Küstenort im Norden von Wales. Mit einer gut erhaltenen Stadtmauer, die ein Gewirr mittelalterlicher Gässchen umarmt. Mit einer imposanten Burg, die 13 Türme hat - und in der jeder erstgeborene englische Königssohn zum Prince of Wales ernannt wird und damit zum britischen Thronfolger.

Und mit freundlichen Einheimischen wie Donna Goodman, der Mutter von Billy, die gerade ein walisisches Gericht aufträgt: geschmortes Rindfleisch mit Karotten, Pastinaken und Klößen.

Die 44-jährige Fremdenführerin hat ein Netzwerk von Leuten geknüpft, die zahlende Gäste zum Familien- Dinner einladen. Damit sie Geschmack an Nord-Wales finden. Denn die Region hat mehr zu bieten als eine grüne Landschaft und knapp doppelt so viele Schafe wie Einwohner: Burgen, strudelnde Flüsse, Dampfeisenbahnen. Viktorianische Seebäder. Und "yr hen iaith", die alte Sprache, die wahrscheinlich im 6. Jahrhundert entstanden und damit die vermutlich älteste gesprochene Europas ist.

Seit die Waliser ihr Land an die Engländer verloren haben, ist diese Sprache ihre Heimat geworden. Und die ließen sie sich nicht wegnehmen. Nicht, als Englisch 1536 Amtssprache wurde; nicht, als 1870 die Schulsysteme vereinheitlicht wurden. Die Sprache wurde verteidigt. Und dafür gab sie den Walisern ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, eine Identität. Heute können etwa 750000 Menschen Walisisch; einer von ihnen sitzt jetzt mit uns am Tisch und versucht, uns mit einem Wort die Zunge zu verknoten:

"Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch", wiederholt Billy noch mal. Zum Glück, und womöglich aus Mitleid mit Touristen wie uns, haben die Waliser auch eine Abkürzung für den Ortsnamen: Llanfair P. G. Und im Reiseführer finden wir eine deutsche Übersetzung: St.-Marien-Kirche am Teich der weißen Haselnussbäume beim schnellen Strudel an der roten Grotte der Kirche des heiligen Tysilio. - Walisisch, so scheint es, ist auch eine der präzisesten Sprachen der Welt.

Wenn man in Wales übers Land fährt, verwandelt sich der Himmel in ein großes Wolkentheater: Schiefergraue Wolkenungeheuer schleichen sich vor die blaue Kulisse über uns. Jagen sich am Himmel. Machen sich schwer, scheinen immer dichter an die Hügel heranzurücken, als wollten sie uns unter sich erdrücken. Und als Geräuschemacher zischelt der Regen mit dem walisischsprachigen Sender BBC Radio Cymru aus dem Autoradio um die Wette.

"Unser Regen", hatte Donna Goodman zu uns gesagt, bevor wir uns verabschiedeten, "ist saftiger, sexy Regen. Nicht dieses armselige englische Getröpfel." Das Wetter ist da, ob es den Walisern gefällt oder nicht. Also sind sie dazu übergegangen, es wie einen spleenigen Kumpel zu behandeln, den man nimmt, wie er eben ist - und mit dessen Marotten man manchmal sogar ein wenig angibt. Sie lassen die Luftfeuchtigkeit einfach an sich abperlen.

Wie das junge Paar, dem wir begegnen, als wir in den Berwyn Mountains zum Lake Vyrnwy wandern: Er trägt Bermudas und Gummistiefel; sie Keilhosen und Wanderschuhe, keinen Schirm, keine Kapuze. "Wir sind das so gewohnt", sagt sie, und der Regen bauscht ihre roten Locken zu einer wippenden Woge auf.

Schafe weiden gleichmütig in nasser Wolle am Rhiwargor- Fall. Dann sind wir endlich am See. Wobei Lake Vyrnwy kein natürlicher See ist, sondern ein Trinkwasser-Reservoir für das rund 80 Kilometer entfernte Liverpool: Vor 120 Jahren war die Mauer, hinter der sich acht kleine Flüsse stauten und das Dorf Llanwddyn versank, der größte Steindamm Großbritanniens. Wir genießen im "Lake Vyrnwy Hotel" den Blick über das Wasser, in dem ein hellgrauer Turm mit kupfergrünem spitzem Dach steht: Er ist der Stopfen in der großen Badewanne, in ihm befindet sich das Sieb über der Pipeline nach Liverpool. Doch jetzt, umgeistert von Nebelschwaden, wirkt er verwunschen - als habe man ihn einzig und allein zwischen die bewaldeten Berge gestellt, damit Rapunzel eine Sommerresidenz hat.

Dann beginnt der nächste Akt im großen Wolkentheater: Ein paar Schwalben fliegen hoch am Himmel über dem zinngrauen Wasser. Die schieferfarbenen Ungetüme, die eben noch dort droben miteinander gerungen haben, rücken erschöpft voneinander ab. Und in dem Spalt, der zwischen ihnen entsteht, tritt die Sonne auf.

Zu Gast in einem surrealen Gemälde

Die Bucht von Tremadog liegt vor uns in einem warmen, weichen Licht, wie Künstler es so lieben. Und wie Personen in einem Gemälde fühlen wir uns plötzlich auch - in einem surrealen Gemälde: Zwei deutsche Touristinnen stehen in einem italienischen Fischerdorf, das der Künstler in eine walisische Landschaft eingebettet hat. Ein Campanile überragt mediterrane Dächer. Man sieht die Kuppel eines florentinischen Doms. Eine Piazza mit Fuchsien und Zistrosen. Brunnen, Statuen, Säulen und mediterrane Pflanzen wie Palmen und Oleander.

Der Titel des Kunstwerkes, dessen Teil wir plötzlich geworden sind, lautet Portmeirion. Der Künstler, der es schuf, hieß Sir Clough Williams-Ellis - und er erfüllte sich damit seinen großen Lebenstraum. Der walisische Architekt kaufte 1925 die Landspitze in dieser Bucht, samt einem viktorianischen Landhaus mit verwildertem Park. Und inspiriert von der italienischen Stadt Portofino begann er, die britischen Gebäude mit italienischen zu verbinden.

Was sich seinem Traum widersetzte, stutzte er kurzerhand zurecht, wie die Eiben, die er mit Draht zu Zypressengestalten bog. Einschränkungen akzeptierte er schon gleich gar nicht: Warum sollte eine italienische Piazza nicht von ionischen Säulen umringt sein, die wiederum mit siamesischen Tempeltänzerinnen verziert sind? Warum nicht mal eben ein altes Schiff in eine Kaimauer einbetten?

Als wir abends zum Sundowner auf die Terrasse des Herrenhauses am Strand hinunterschlendern, müssen wir ihn uns unwillkürlich vorstellen: Wie er noch als sehr alter Herr in Knickerbockern und kanariengelben Kniestrümpfen zu den Arbeitern auf die Gerüste stieg. Dort Mauern eintrat, wo ihm Fenster angebracht schienen. Seinen Traum unermüdlich Stück für Stück in die Wirklichkeit holte. Es hat sich gelohnt: Portmeirion ist die einzige Sache, für die Sir Clough Williams-Ellis berühmt wurde.

Die Yorkes von Erddig Hall ließen sich und ihre Diener porträtieren

Zarter Regen kribbelt gegen die Fensterscheiben des Herrenhauses Erddig Hall am Stadtrand von Wrexham. Es tropft von den Linden im Garten. Ein Zaunkönig schmettert seine Lieder in den Himmel, mit der Stimmgewalt einer Gans. Wir betreten den lang gezogenen Backsteinbau durch den Dienstboteneingang wie einst das Personal, passieren Schreinerei und Schmiede, Schlachterei und Hof; Ställe, Wäscherei, Bäckerei. Weiter geht es, vorbei an der Küche mit handspannendicken Tischplatten und einem Patent-Bräter vor dem offenen Feuer.

Dann erst nähern wir uns endlich den herrschaftlichen Gemächern, die 200 Jahre lang von der Familie Yorke bewohnt wurden. Die Yorkes hatten nicht nur die Angewohnheit, sämtliche männlichen Familienmitglieder Philip oder Simon zu nennen, sondern auch ein besonderes Verhältnis zu ihrem Personal. Das ist der Grund, warum wir heute durch den Dienstboteneingang gelotst werden.

Denn Diener hatten zwar früher in fast allen Herrenhäusern einen festen Platz. Doch einen Platz in der Geschichte räumte die Herrschaft ihnen normalerweise nicht ein - eher ließ man noch seine Haustiere für die Ahnengalerie verewigen. Auf Erdigg Hall jedoch lief die Sache anders: Als einer der Yorkes, es handelte sich um einen Philip, sich um 1780 porträtieren ließ, kam er auf die Idee, auch seine Diener malen zu lassen.

Und begründete damit eine langjährige Tradition: Generationen von Yorkes schrieben fortan Gedichte und Tagebücher über ihr Personal und ließen es porträtieren.

Jetzt blicken sie hier von den Wänden auf uns herab, würdevoll, in der Hand die Insignien ihrer täglichen Arbeit: William, der Schmied, Jack, der Wildhüter, Jane, die Magd. Ältere Ladys vom National Trust führen Touristen herum, erzählen bestimmt ein Dutzend Mal am Tag mit unverwelkbarem Enthusiasmus Anekdoten von früher. Und davon, wie der letzte Yorke, schon wieder ein Philip, den Bau nicht mehr erhalten konnte; und ihn schließlich dem National Trust überantwortete. Der restaurierte ihn - so dass wir heute eine Zeitreise machen können in die Welt der Diener vergangener Tage.

Zwei Mädchen, Amber und Dilly, sitzen auf dem Mäuerchen am Marktplatz von Llanfyllin, Bierdose in der Hand, Haare bunt gestreift, die Stiefel mit Matsch bekleckert. Sie hoffen, dass jemand sie das letzte Stück zum Y Dolydd Workhouse mitnimmt. In dem viktorianischen Arbeitshaus kasernierte man einst die Armen, Alten und Unehelichen. Doch heute haben beide Mädchen je 40 Pfund gezahlt, um dort drei Tage lang Musik zu hören und im Matsch zu tanzen: Seit 2004 findet auf diesem Gelände ein dreitägiges Festival statt. "Das vielseitigste, peppigste Festival von Wales", verspricht die Homepage, mit Live-Musik von Folk über Rock bis Ska, einem Kabarett-Zelt und einem großen Areal für Kinder.

Die Veranstaltung ist "wicked", sagen auch Amber und Dilly, also echt geil. Dass sie völlig verregnet ist; dass die Leute im aufgeweichten Acker zelten - macht doch alles nichts! Die Stimmung ist "wicked", der Schlamm ist "wicked". "Kommt doch mit!" Als Nicht-Waliser sind wir für den geilen Schlamm leider nicht passend angezogen. Doch was soll's: Wir haben sexy Regen erlebt und walisische Campaniles; und wenn's sein muss, können wir inzwischen ohne Stottern nach dem Weg von Ysbyty Ystwyth nach Ysbyty Cynfyn fragen. Wenn wir ein Waliser Sprichwort erfinden müssten, seine Übersetzung würde wohl lauten: Wales ist "wicked".

Wales: Sehenswürdigkeiten und Infos

Hotels, Routenplanung und jede Menge weitere nützliche Tipps und viele Adressen bekommt man über: - Visit Wales; Brunel House; 2, Fitzalan Road; GB-Cardiff CF 24OUY; Tel. 00 44/29 20/49 99 09; Fax 29 20 48 50; www.visitwales.de - Visit Britain; Britische Zentrale für Tourismus; Dorotheenstr. 54; 10117 Berlin; Tel. 018 01/46 86 42; Fax 030/31 57 19 10; www.visitbritain.de

Buchtipps zu Wales und seinen Sehenswürdigkeiten

- Britta Schulze-Thulin: "Wales", Reise Know-How Verlag, 19,90 Euro Der Reiseführer bietet ausführliche Informationen über Land und Leute, außerdem liefert er Vorschläge für Stadtbesichtigungen und Wandertouren, beschreibt die schönsten Pubs der Region, enthält zahlreiche Tipps und einen umfangreichen Kartenteil. Praktisches Extra: die walisischen Ortsnamen in Lautschrift. - Britta Schulze-Thulin: "Kauderwelsch. Walisisch Wort für Wort", Reise Know-How Verlag, 7,90 Euro Möglichst wenig büffeln – und trotzdem mit Walisern in deren Muttersprache reden: Das ermöglicht dieser Sprachführer. Wortwörtliche Übersetzungen helfen außerdem, die Struktur der Sprache zu durchschauen. Ein Buch für den Reisealltag – und ein Schlüssel zu den Herzen der Einheimischen!

Walisisch für Anfänger: Cenedl heb iaith, cenedl heb galon. Eine Nation ohne Sprache ist eine Nation ohne Herz.

Canmol dy fro a thrig yno. Preise dein Land und lebe dort.

Gwell fy mwth fy hun na phlas arall. Besser mein eigenes Haus als der Palast eines anderen.

Bedd a wna bawb yn gydradd. Das Grab macht alle gleich.

Gwell digon na gwledd. Genug ist besser als ein Fest.

Text: Barbara Lessing Fotos: Markus Kirchgessner
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