Tiefe Einblicke

Häuser in Holland haben riesige Fenser, aber Rollos oder Vorhänge sind verpönt. BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Dela Kienle lebt seit zwei Jahren in Leiden und ist sich immer noch nicht sicher: Wollen sie nun, dass man ins Zimmer reinschaut - oder nicht?

Ein Student mit Lippen-Piercing starrt ins Haus.

"Die Wohnung wird Ihnen gefallen", versprach der Makler schlüsselklimpernd. "Mitten in der Altstadt! Holzbalken! Und hier" – die Flügeltür schwang auf – "das Wohnzimmer: lichtdurchflutet!" Tatsächlich: Da blinzelte die holländische Sonne ins Zimmer – und außer ihr auch ein schlaksiger Student mit Lippen-Piercing. Im Arm hielt er ein Mädchen mit Henna-Schopf, und beide starrten zu uns herein, wie man sonst eben zufällig Spatzen auf der Straße anstarrt oder einen verbeulten Passat. Uns und das junge Paar auf dem Gehweg trennten etwa drei Schritte Parkett und die Fensterfront – doppelt verglast, immerhin.

Wer beobachtet wen?

Ich musste an die transparenten Orang-Utan-Gehege im hiesigen Zoo denken, und ich war mir wirklich nicht sicher, ob wir nun Beobachter waren oder Beobachtete. "Und?", fragte der Makler strahlend. "Hmmpffrm", antwortete mein Mann, es sollte wohl anerkennend klingen. Man will ja niemanden vor den Kopf stoßen, bloß weil man neu ist, deutsch und lieber ohne Zuschauer zu Abend isst.

Häuser in Holland zeigen das Privatleben

Wir zogen dann in eine Dachgeschosswohnung. Und ich habe auf meinen Späh-Spaziergängen bald erkannt, warum man ausschließlich in Holland so dicht am Privatleben anderer Menschen vorbeiflaniert. Die Engländer haben Vorgärten. Die Italiener haben Hochparterre und in Neapel schmiedeeiserne Gitter vor den Fenstern. Wir Deutschen haben das eine oder das andere – aber in jedem Fall Rollos oder dicke Vorhänge. Bloß bei den Holländern geht der öffentliche Raum nahtlos in die Intimsphäre über: nur getrennt von immens großen Fenstern, blank gewienert und auf Augenhöhe.

Dahinter lümmeln sich Jogginghosen-Träger auf Sofas, wölbt sich Bügelwäsche in Körben, bewerfen sich Kinder mit Klötzchen. Durch eine Küche in der Harlemmerstraat flitzt meist ein frei laufendes Kaninchen. Am Rapenburg-Kanal sind die Glückwunschkarten zur Geburt von Yannick so auf der Fensterbank drapiert, dass alle Interessierten mitlesen können. Und Freunde von uns erspähen sogar quer durch die Nachbarswohnung ein Stück vom nächsten Kanal – zumindest dann, wenn der Hausherr nicht am Esstisch sitzt.

Hier herrscht Liberalität und Offenheit.

Nun will man, wie gesagt, nicht ständig kritteln. Ist doch sehr fortschrittlich, sagte ich mir. Keine verhüllenden Vorhänge, sondern Liberalität und Offenheit. Hier versteckt sicherlich keiner den Wäschekorb im Schlafzimmer, bloß weil unangekündigt Besuch reinplatzt. Nein, hier steht man zu seiner Unordnung, zu fragwürdigen Kakteensammlungen und zur Liebe zu miserablen Soap- Operas, die allabendlich raus auf die Gehwege flimmern.

Tradition gegen Geheimnisse

Fast hätte ich meine mühsam angedübelten Vorhangstangen also wieder abmontiert, aus Begeisterung und weil man sich ja den guten Sitten des Gastlands anpassen soll. Doch dann klärte meine Freundin Marijke mich auf: Was mir so fortschrittlich vorkomme, sei nur alte Tradition. "Dass Vorhänge nicht geschlossen werden, kommt vom Calvinismus", behauptete sie. "Der Nachbar sollte sehen, dass nichts Sündiges im Haus passiert."

Überzeugt hat mich die Erklärung nicht. Warum sollten die Holländer ausgerechnet an diesem Überbleibsel festhalten – noch dazu, wo man hier heutzutage alles andere als prüde ist? (Ich kann das beurteilen, wir haben ein Studentenwohnheim gegenüber.) Vor allem aber ist die Schau-Fenstergeschichte ein Widerspruch in sich: Bei aller Offenheit darf man nämlich auf keinen Fall offen gucken! Schon kleinen Kindern wird beigebracht, dass man nicht in fremde Fenster starrt. Wer Anstand hat, marschiert an den hell erleuchteten Szenarien vorbei, ohne eine Sekunde hinzugucken. Sonst ist er wohl ein Sonderling - oder ein Ausländer.

Häuser in Holland werden heimlich angeguckt

Das ist die Theorie. Geguckt wird natürlich trotzdem, aus den Augenwinkeln, die Holländer sind darin sehr gut. Was man sieht, ist ziemlich unterschiedlich. Es gibt sozusagen zwei Strömungen, und die haben miteinander etwa so viel zu tun wie Gouda mit sardischem Pecorino.

Es gibt zwei Stil-Fraktionen.

Sofa-Lümmler, Unordnung und Freilaufhase sind Zeichen der Mir-doch-egal-Fraktion. Ihr Motto: Schließlich haben wir keinen gebeten, in unsere Chaos-Wohnung zu schauen, oder? Nein, auch hell erleuchtete Zwei-Meterfünfzig- Fenster ohne Vorhang sind keine Aufforderung dazu. Die Anhänger der Gegenströmung wollen dagegen allen zeigen, wie schön sie es haben. Sie leben meist an Kanälen und in historischen Giebelhäusern – wie in diesem Eckhaus am Pieterskerkplatz, das unlängst fertig renoviert wurde. Da reckten sich Birnholzregale mit wertvollen Lederbänden bis zur Decke, Designerlampen strahlten, und an den Wänden klebten Brokattapeten mit Lilienmuster. Vor allem aber gab es nicht eine einzige schmutzige Teetasse, keine alte Zeitung – irgendetwas, das persönlich war und nicht perfekt.

Das wahre Leben ist versteckt im ersten Stock

"Schau mal, die Bücher! Die eröffnen hier ein Antiquariat", verkündete ich beim Spazierengehen. – "Das ist ein Wohnzimmer", sagte mein Mann. – "Niemals", sagte ich. Mehrere Abende ging das so, bis irgendwann gegen halb zwölf ein Mann in Hausschuhen durchs Zimmer tappte und in der ersten Etage verschwand. Da leben die Wohnungs-Exhibitionisten nämlich ausschließlich. Und man munkelt, dort oben hätten sie Kinder mit Klebehänden, offene Weinflaschen und – jawohl! – sogar Krümel auf dem Sofa.

Text: Dela Kienle Foto: iStockphoto
Themen in diesem Artikel
Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.