Urlaub in Tel Aviv: Tanzen, leben, glücklich sein

Urlaub in Tel Aviv ist nur was für junge Leute? Von wegen. Meike Dinklage hat in der aufregendsten Party-Zone des Nahen Ostens mitgefeiert.

Ilan lacht, als ich gegen halb drei Uhr früh hellwach und blendender Laune in die Rezeption komme. "See you had fun!", sagt er, mit einer Nuance "Sag ich's doch" in der Stimme. Ja, der Mann hat's gesagt. Vorgestern beim Einchecken, als ich ihn gefragt hatte, ob man in Tel Aviv wirklich nicht vor elf Uhr nachts ausgeht, wahrscheinlich klang ich besorgt, ich bin Frühschläferin. Ilan hatte genickt, mit dieser Tel Aviver Sicherheit, dass, wenn man einmal da ist, die Dinge schon einfach passieren werden. Halb drei, ich gehe auf mein Zimmer, aus meiner Jeans krümelt noch der Sand vom Strand, in meinen Kopf dröhnt die House-Musik aus dem Club, in dem ich zuletzt war, ich bin noch kurz glücklich und schlafe dann auf der Stelle ein.

Tel Aviv ist vier Flugstunden von Frankfurt entfernt, es hat einen sagenhaften Strand, selten Regen, es gibt eine beeindruckende Dichte an Boutiquen und Shops mit kleinen schönen Dingen, und es gibt tolles Essen und ein Nachtleben, das keine Wochenenden braucht. Ideale Bedingungen für eine Städtereise mit Strand-Anteil, genau das, was ich suche. Und trotzdem fährt man nicht mal eben hierher. Dafür ist Tel Avivs Lage zu neuralgisch. Der Syrien Konflikt und die Art, wie Israelis und Palästinenser gerade miteinander umgehen, bestimmen die Parameter der Stadt, auch die Sicherheitslage. Ich blende das aus, aber am Flughafen google ich doch noch kurz "Auswärtiges Amt" und "Reisewarnungen".

Was mir, vier Flugstunden später, lächerlich vorkommt. 33 Grad, die Frauen tragen Trägerkleidchen und Shorts, so kurz, dass das Futter der Hosentasche herausguckt, die Männer kurz rasierte Haare und dicke Sonnenbrillen, und obwohl es früher Nachmittag ist, sieht es aus, als wären alle Richtung Strand unterwegs. Mein Kopf schaltet zwei Gänge zurück, ich atme durch. Erster Eindruck: Kann sein, dass die Bedrohung hier zum Alltag gehört, aber Tel Aviv lässt sich nichts anmerken.

Mein Hotel, dessen Chef der nette Ilan ist, hat nur zehn Zimmer oder besser gesagt: chic eingerichtete Schuhschachteln mit Blick auf die Klimaanlage an der Betonfassade gegenüber. Für mich ist es perfekt, es liegt zentral, und die Ange stellten sind auf eine zugewandte Weise freundlich, so dass ich kurz überlege zu fragen, ob wir nicht mal alle zusammen ausgehen wollen.

Ich gehe los, Richtung Strand, fünf, sechs Querstraßen, an hübsch sanierten Bauhaus-Fassaden entlang und leer stehenden Miethäusern, die noch auf Spekulanten warten. Tel Avivs Immobilienmarkt boomt, seit Jahren steigen die Preise, 2011 gab es deswegen monatelange Protestcamps auf dem zentralen Rothschild Boulevard, geändert hat sich dennoch nichts.

Die Politik mag die Parameter der Stadt bestimmen, aber der Strand definiert das Lebensgefühl. Ich laufe am warmen Mittelmeerwasser entlang nach Norden, jeder Strandteil hat seine eigene Szene, in der jeder ist, was er ist, reich, schwul, muslimisch, Hippie. Es gibt Übergänge, aber keine Barrieren, ein offenes Miteinander ist das, in dem die größte Aufregung in der Frage besteht, wo man sein Auto parkt.

Athletische Menschen spielen Beach-­Tennis, Bikini­Mädchen dösen auf ihren Handtüchern, Mütter spielen mit ihren lachenden Babys, verhüllte arabische Frauen strecken die Zehen ins Wasser, eine Gruppe Hare-Krishna-Jünger zieht singend über die Promenade, an der brasilianischen Bar tanzt eine Schwangere eine Art Pogo. Alles ist easy und gechillt und jung.

Manchmal löst zu viel Chill bei mir eine spontane depressive Episode aus, ich fühle mich dann mit meinen 48 irgendwie außen vor. Hier nicht. Hier kann jeder mitmachen. Ich bestelle einen Minz-Shake und schaue der schwangeren Tänzerin zu, bis die Sonne untergeht, und als ich gehe, tanzt sie immer noch.

Zum Carmel Market brauche ich eine halbe Stunde. Er ist berühmt für seine orientalische Atmosphäre, er schließt gerade, an einem Seitenausgang finde ich das "Habasta", das wie ein Food-Kiosk mit Weinverkauf aussieht, aber eine geniale Karte hat: Es gibt Papaya-Salat mit Auberginen und eine weiße Pizza mit Trüffeln und Ziegenkäseschaum. Mit dem würzigen Geschmack auf der Zunge laufe ich durch die Nacht, Richtung Rothschild Boulevard, der breiten Allee. Überall machen Leute Musik, ich bleibe bei einem Sänger stehen, der mit zwei Freunden auf einer Bank Gitarre spielt, voller Inbrunst, alles von den Stones bis Beyoncé. Die Menschen tanzen dazu in ihren Flipflops auf der Straße, ein altes Ehepaar legt einen Foxtrott hin, ein junges Paar hüpft fröhlich daneben herum. Ich denke, jeder Abend, den man hier nicht tanzt, ist verschenkt. Aber erst mal schaue ich nur zu.

Als ich ins Hotel komme, zeigt die Uhr auf Ilans Laptop Mitternacht, seinen fragenden Blick kontere ich mit einem Lächeln.

Nicht nur die Party-Szene ist jung und urban, das ganze Zentrum ist es. Tel Aviv ist nicht gewachsen, es wurde vor rund hundert Jahren angelegt, jeder Berufsstand, jede Einwanderergruppe hatte ihr eigenes Viertel. Das Geld, mit dem die Stadt gerade runderneuert wird, und die Gentrifizierung, die damit einhergeht, verwischen diese Konturen. Sie verdichten die Stadt zu einem großen Teppich aus Shops, Galerien, Cafés, Ateliers.

Doch noch sind die einstigen Eigenheiten gut zu erkennen. In Florentin zum Beispiel, bekannt für seine vielen gleichgeschlechtlichen Paare mit Kinderwagen. Seine Straßen sind nach Handwerkern geteilt, ich laufe durch Möbel-, Lampen-, Schreiner-Straßen, dazwischen junge Designer und Künstler, die ihre Werkstätten in Garagen und Lagern haben. Oft muss man nur durch ein Rolltor gehen und steht mitten in einer anderen Welt.

Wie in der von Samy D., 45, dessen Werkstatt ich erst für einen Keramik-Shop halte, mit wunderschönen, ausladenden Obstschalen, aber während ich nach dem Preisschild suche, fallen mir die weißen Kugeln auf, die er gerade poliert und die wie Köpfe toter Kinder aussehen. Samy ist Keramik-Künstler, er hat schon überall auf der Welt ausgestellt, seine Kunst liegt zwischen Tischdeko und Objekt, sie hat definitiv etwas Morbides, aber auch viel Witz.

Sein weißes Unterhemd zeigt seine perfekten Armmuskeln, Musik dröhnt, es ist heiß, sein Ofen läuft oder besser: sein Krematorium. Er zeigt mir eine neueste Idee, eine Platte, auf die ein Hundeskelett aus Porzellan montiert ist. Ihm gehe es um Transformation, um eine andere Art der Bestattung, sagt er, die Idee kam ihm, als sein Hund Osho starb: Er verbrannte ihn, machte aus dem Kalzium der Asche feinstes weißes Porzellan und bildete daraus das Skelett des Tieres nach. Oshos Überreste hängen jetzt an Samys Schlafzimmerwand, und im Ofen brennt gerade eine Katze, die heute Morgen tot auf der Straße lag. Angesichts dieser Brand-Beimischungen kaufe ich die schöne Obstschale dann doch nicht.

Die Stimmung im Pita-Kiosk "Miznon" vertreibt auf der Stelle alle Vergänglichkeitsgedanken. Hier ist Essen Pop. "Miznon" liegt an einer Hauptstraße, aber die Stimmung ist wie in einer Beach-Bar, überfüllt, laut, die Angestellten hinter dem u-förmigen Tresen schneiden Pita-Brot im Akkord auf, stopfen seltsame Mischungen wie Bananen in flüssiger Schokolade hinein, zwischendrin holen sie ihre Trommeln heraus oder schmeißen eins, zwei, woppa, eine Runde Schnaps für alle. Ich kriege schlagartig beste Laune und beschließe, dass heute Nacht meine Ausgehnacht wird.

Die ich in Jaffa starte, das vom Meer aus wie eine Festung aussieht, schmale Gassen winden sich den Hügel hinauf, sandig gelb und eingewachsen. Ich nehme mir ein Taxi, es sind nur ein paar Kilometer, und ich bin in einer antiken arabischen Kulisse. Jaffa wurde 1950 mit Tel Aviv zusammengelegt, doch noch ist es gemütlicher als seine emsige Schwester. Der Hafen ist einer der ältesten der Welt, in den Lagerhäusern gibt es Kunstworkshops und Bio-Cafés, davor rauchen alte Männer Wasserpfeife.

Die Party tobt in der Altstadt. Die Leute essen an langen Tischen, es ist wie eine große gemeinsame Feier, ich erkenne keine Grüppchen, die für sich wären. Ich setze mich, die Leute rücken zusammen, ich betrachte den Trubel, Highheel-Frauen in kurzen Kleidern, die Locken aus den schwarzen langen Haaren gezogen, die Männer dazu lässig, in Jeans und Shirt, sie flirten mit ihren Frauen, hofieren sie.

Ich fahre zurück zum Rothschild Boulevard. Es ist halb zwei Uhr nachts, in den Straßenlokalen sind alle Tische belegt, das Geheimnis, wie sich das späte Ausgehen mit den Arbeitszeiten verträgt, bewahrt die Stadt für sich. Ich bin hellwach, ich frage eine Gruppe Frauen, wo man hier tanzen gehen kann, sie googeln mir die Adresse eines Clubs um die Ecke. Ich stelle mich in die Schlange vor dem "Radio", erwarte, dass der Türsteher mich abweist, die Leute um mich herum sind Mitte 30. Doch der winkt mich durch. Ich gehe zwei Treppen hinunter, laute Bässe, Gute-Laune-House, es ist schummrig, brechend voll, die Leute lachen, reden, tanzen, wo sie stehen, rund um den Tresen. Ich bestelle Wasser, gucke zu. Dann stelle ich das Glas weg.

Reise-Tipps Tel Aviv

Übernachten

AL Boutique Hotel. Neu, zentral, sehr netter Service. DZ ab 175 Euro, 16 Montefiore St., www.altlv.com.

Shalom Hotel. Strandnah, sensationelle Dachterrasse mit Blick über den Strand. DZ ab 220 Euro, 216 Hayarkon St., www.atlas.co.il.

Old Jaffa Hostel. Herberge direkt am Flohmarkt in Jaffa. Urig und günstig, billigste Übernachtung: auf dem Dach unterm Sternenhimmel. Ab 15 Euro, 13 Amiad St., www.telaviv-hostel.com.

Rumkommen

Tel Aviv mit dem Fahrrad: Geht gut, auch immer mehr Tel Aviver radeln. Z. B. Wheel Bee, Tagesmiete 15 Euro, 7 HaHalfamin St. Jaffa, www.wheelbeetlv.com.

Essen

Kedem 60. Schönes Bistro in ruhiger Lage in Jaffa, Chef Michael Zaccak weiß alles über die Geschichte seines Viertels. 25 Sha'arei Nikanor St., www.bistro60.net.

Habasta. Laut "Newsweek" unter den 100 weltbesten Lokalen. 4 Hashomer St.

Miznon. Pita-Kiosk, bei dem leckere, aber absurde Mixturen ins Pita-Brot gestopft werden. 23 Ibn Gvirol.

Abu-Hassan. Das beste Humus-Lokal in Jaffa. Kleiner Laden mit Straßenverkauf, mittags meterlange Schlangen. 1 HaDolfin St.

Shops/Galerien

Sabon. Die Shenkin Street ist eine Art kleiner Rodeo Drive. Exquisite Seifen aus dem Salz des Toten Meeres gibt's bei Sabon - toll als Mitbringsel. 28 Shenkin St., www.sabon.co.il.

Neve Tzedek. Ein Viertel, das älter ist als der Rest der Stadt, enge Gassen und Galerien mit quietschbunter Kitsch-Kunst neben kleinen Thora-Schreibstuben. Zum Bummeln.

Samy D., Keramik-Künstler mit morbidem Touch, tolle Ausstellung. 23 Abulafia St., www.samy-d.com.

Text: Meike Dinklage Fotos: Heidi Levine BRIGITTE WOMAN 12/2013
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