Ein ganzes Land feiert den Frühling

Die japanische Kirschblüte verzückt das ganze Land. Picknicks bei zehn Grad, Foto-Tauschbörsen im Internet und Flüge quer durchs Land. BRIGITTE WOMAN-Mitarbeiterin Silke Pfersdorf erlebte Japan im Ausnahmezustand.

Jemanden in einer 16-Millionen- Stadt wie Tokio wiederzuerkennen ist eine Seltenheit. Aber den Typen, der gerade den Stempel der Steuerbehörde unter meinen Antrag setzte, hatte ich ganz sicher vorgestern gesehen. Da saß sein dunkler Anzug allerdings nicht ganz so perfekt. Tatsächlich hatte er sich sakegeschwängert, barfuß und singend an einen Laternenmast geklammert.

Ende März flippt ganz Japan aus.

Es war Ende März, und ganz Japan flippte aus, weil ein paar Bäume blühten. Ausnahmezustand Kirschblütenzeit. Das Ereignis wirft lange Schatten voraus. Wann die Knospen aufbrechen, weiß kein Mensch genau, aber keiner will den großen Tag verpassen. "Los, die Nachrichten laufen!", sagte meine Freundin Yukie und zappte den Krimi weg, den wir irgendwann Anfang März bei ihr guckten. Die Welt brannte: Ein Anschlag in Israel, ein japanischer Pleite-Unternehmer hatte sich umgebracht, Präsident Bush bekriegte den Irak, aber Yukie plapperte munter gegen die Moderatorenstimme an. Bis eine Art Wetterkarte gezeigt wurde.

Die wichtigste Nachricht

"Psst", zischte sie und starrte auf den Bildschirm. "Was ist das?", flüsterte ich. – "Die Sakura-zensen", flüsterte Yukie zurück, "die Kirschblütenfront! Sie hat Kyushu erreicht." Offenbar war das eine gute Nachricht: "Nur noch 20 Tage, dann ist sie hier!", jubelte Yukie. Dabei war vom Frühling noch nichts zu spüren. Es war noch immer saukalt, morgens im Bett sah ich meinen eigenen Atemwolken zu, die Kerosinöfen muffelten, und bei Yukie streckte ich als Erstes meine eisigen Füße unter ihr Kotatsu, den niedrigen Tisch mit einer Art Heizdecke darunter.

Aber bei meinen Freunden gab es nur noch ein Thema. Dabei hatte sich in Tokio noch keine einzige Kirschblüte blicken lassen. "Wollen wir nicht am letzten Märzwochenende nach Hokkaido fliegen?", schlug ich Yukie eines Abends vor. "Bist du wahnsinnig?", entsetzte sie sich. "Da blühen hier wahrscheinlich die Kirschbäume! Da ist in Tokio Hanami!" Hanami – Blütengucken.

Alle Sender berichten live.

Ich sagte nichts mehr. Ich guckte nur. Die Abendnachrichten zum Beispiel: Jeden Tag rückte die Kirschblütenfront ein Stückchen weiter gen Tokio, die Sender brachten Live-Übertragungen, bei denen die Korrespondenten mit dem Mikro unter einem Kirschbaum standen, während Passanten überschwänglich die ersten weißrosa Blüten beschrieben, die sich in die Kälte trauten. Meine Nachbarin Takahashi-san war für ein paar Tage nach Kioto gefahren, wo die Blüte offenbar bereits in vollem Gange war – ihr Mann hatte sich dafür extra freigenommen. "Und wissen Sie was", erzählte sie mir, als wir uns kurz vorher beim Müllraustragen trafen. "Wenn die Blüte in Tokio vorbei ist, fliegen wir ein Stückchen weiter in den Norden. Da sehen wir sie noch mal!"

Zur japanischen Kirschblüte hängen Trauben von Japanern unter Bäumen

Als sich in der Stadt die ersten Knospen öffneten, hingen Trauben von Japanern unter den Bäumen und reckten ihre Fotohandys den Blüten entgegen. Und später tauschten Fans im Internet ihre besten Detailaufnahmen der weißrosa Blüten aus. Im Radio verkündeten sie von nun an täglich, wie viel Prozent der Knos- pen bereits aufgegangen seien, die Zeitschriften brachten Extraausgaben mit Listen der schönsten Kirschbaumparks, auf jedem Eier- und Milchkarton prangten Bilder von Sakura-Zweigen, und in den Schulen mussten die Kinder Blüten malen bis zum Abwinken.

Kirschblüten sind wie ein Samurai.

"Ich freu mich schon auf die Kirschen im Sommer", sagte ich zu Yukie, als wir durch den Tempelpark marschierten. – "Kirschen? Das sind doch reine Zierbäume", antwortete Yukie entrüstet. – "Und dafür das ganze Theater?", fragte ich. – "Die Kirschblüte ist wie ein Samurai", erklärte sie nur. "Schön, großartig – und bereit, jeden Moment in Würde zu sterben." – "Sterben?", fragte ich verblüfft. – "Klar, ein Regenguss oder ein starker Wind, und schon liegt die ganze Pracht am Boden. Die Kamikaze-Krieger haben sich früher gern mit Kirschblüten geschmückt – als Symbol", antwortete Yukie. "Heute hat die Tourismusbranche eigene Versicherungen für die Ausfälle, wenn die Blüte durch zu warmes Wetter zu früh kommt oder durch ein Gewitter zu schnell vorbei ist."

Feiern unter Kirschblüten

Ich zeigte auf ein paar junge Männer, die schlotternd vor Kälte auf jeweils einer blauen Plastikplane unter einem Kirschbaum saßen. "Die warten", lachte Yukie. "Die Firmen schicken ihre Neuen oft schon vormittags vor, um gute Plätze fürs Hanami-Feiern nach Dienstschluss freizuhalten. Manche übernachten dafür sogar auf ihrer Plastikdecke." Kamikaze, dachte ich. Bereit zu sterben. Oder zumindest zu frieren. Alles für ein paar Blüten?

An den Abenden hingen Lampions in den Bäumen, an kleinen Buden roch es nach Yakitori, leckeren gebratenen Hähnchenspießen, auf den Plastikplanen saßen dicht gedrängt Horden von Menschen bei etwa zehn Grad auf Socken, aßen, schütteten Sake in sich hinein, sangen, tanzten, torkelten. Ein paar Verliebte betrachteten versonnen das Blütenmeer über ihren Köpfen.

Nie wird öfter gelogen

Tokio hatte Fieber, ganz klar. Ein paar Male harrte ich auch auf einer Matte von Freunden aus, in dickem Wintermantel und mit warmen Socken. Wunderschöne Blüten, dachte ich, da hatten die Japaner schon Recht. Und nach ein paar Gläsern Sake wurden sie wahrscheinlich noch schöner. Doppelt schön, sozusagen. An manchen Straßenkreuzungen, wo man in den Seitengassen besonders prächtige Bäume erspähen konnte, brach regelmäßig der Verkehr zusammen, berichtete mir Yukie, und: Nie würde so viel im Büro gelogen wie zur Hanami- Zeit. "Die Sekretärinnen, die für den Chef was besorgen, oder die Laufburschen, die Essen holen geschickt werden – was glaubst du, wie viele da einfach Umwege durch einen Park machen, um Kirschbäume anzugucken!"

Kirschblüten bringen keine Kirschen.

Offenbar gab es allerdings auch echte Arbeitsausfälle: 152 ernsthafte Alkoholvergiftungen bei Hanami, notierte die Zeitung "Japan Times" zwei Wochen später. Die Bäume waren längst wieder normalgrün, als ich die ersten richtigen Kirschen entdeckte. Bei meinem Obsthändler, aus irgendeinem Treibhaus vermutlich. Für wahre Werte muss man Opfer bringen, schoss es mir durch den Kopf, da dachte ich wohl schon japanisch: zehn Stück hübsch verpackt für acht Euro. Ich griff zu.

Text: Silke Pfersdorf Foto: iStockphoto
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