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Wo die Wiener wohnen ...


Ein Tag ohne Kaffeehaus ist für die meisten Wiener nicht vorstellbar. Sie sitzen dort oft stundenlang, machen Geschäfte, lesen, knüpfen Kontakte.

"Schau, das ist das berühmte Café ,Sacher', aber dahin gehen nur die Touristen", hörte ich unlängst eine Wiener Mutter zu ihrer kleinen Tochter sagen. Ich schlug einen Bogen um die Warteschlange von Japanern, Spaniern und Amerikanern vor dem legendären Hotelcafé in der Philharmonikerstraße. "Glückliches Mädchen", dachte ich, "du lernst es jetzt schon."

Mein Weg führte mich an jenem Tag am "Sacher"-Stau vorbei quer durchs Gassengewirr des ersten Bezirks bis zum Café "Prückel", wo das schummerige Licht der 50er Jahre durch die Löcher in den Tütenlampen schimmert. Ich liebe dieses Lokal, weil es noch genauso plüschig ist wie damals, als ich Anfang 1970 zum Studium nach Wien kam. Als Mädchen vom Land, aus Südtirol, gefiel mir das Ambiente, weil es sich von all den ehrwürdigen Wiener Jahrhundertwende- Etablissements so einmalig schrill abhob. Heute - ich bin vor drei Jahren zum zweiten Mal nach Wien gezogen - erinnert es mich an die Möblierung in meiner Kindheit, die mein 19-jähriger Sohn "retrostylisch" nennt. Und es gibt mir die Gewissheit, dass es auch in einem einzigen Leben Dinge gibt, die sehr, sehr lange nicht vergehen.

Der Kunde ist König, der Hund ist Kaiser

Im "Prückel" verkehrten damals und verkehren heute hauptsächlich Wiener, Studenten, Geschäftsleute. Seit meiner Wiederkehr sitzt dort auch ein zeitgenössischer Prototyp des original Stammgastes, ein Herr mit Laptop und Hund. Sie fühlen sich hier wie zu Hause, es gibt ein "Polsterl", auf dem der Hund gemütlich unterm Stammtisch liegen kann. Die Wiener machen keinen nennenswerten Unterschied zwischen den eigenen vier Wänden und dem Kaffeehaus. Auswahl haben sie mehr als genug: In der einzigen echten Metropole Österreichs existieren mehr als tausend Kaffeehäuser, genauso viele Espresso-Bars und gut 200 Café-Konditoreien.

Herr und Hund im "Prückel" bezeugen, dass der echte Wiener Kaffeehausbesitzer und der Herr Ober vom alten Schlag eine klare Hierarchie in bester Habsburgertradition walten lassen. Der Kunde ist König, Kaiser sein Hund. "Jo, Seavas, Molly!", rufen Oberkellner und Wirt, bevor sie Herrchen und/oder Frauchen mit "'s Gott, Frau Dokta!" oder "Habe die Ehre, Herr Minsterialrat!" begrüßen. Molly bekommt sofort ihren Wassernapf serviert, bevor Frau Doktor ihren derzeit angesagten Latte macchiato und Herr Ministerialrat seinen "verlängerten Braunen" bestellt.

Früher diskutierten wir hier Weltverbesserungstheorien

Das Kaffeehaus als Zweitwohnung entdeckte ich im ersten Studiensemester, aus Not. Mein allererstes Zuhause war ein Albtraum: ein düsteres, eiskaltes, lautes Zimmer zur Untermiete. Also saß ich zwangsläufig von früh bis spät im schäbigen Kaffeehaus der Wiener Universität, wo der Zigarettenrauch wie eine Nebelwand im Lokal stand. Die Entdeckung des Kaffeehauses als Treffpunkt der Bohemiens fällt ebenfalls in meine Studentenzeit. Mit Kommilitonen schlug ich mir im "Hawelka" oder im "Kleinen Café" halbe und ganze Nächte um die Ohren. Seite an Seite mit, aber unbemerkt von André Heller, Helmut Qualtinger und anderen Sternen am Künstlerhimmel der Donaustadt, diskutierten wir bis zum Morgengrauen Weltverbesserungstheorien. Auch heute sitzt man Tisch an Tisch mit Prominenten aus der Theater- und Filmbranche - und respektiert ihre Privatsphäre.

Die Verweildauer in den Kaffeehäusern ist extrem dehnbar. Stunden messen sich in Wien traditionell an der "Nachreiche". Das ist das Glas Wasser, das der Ober unaufgefordert jede halbe Stunde erneuern soll. So ist es durchaus nicht ungewöhnlich, dass ältere Damen ihre mitgebrachten Kissen und Plaids auf harte Thonetstühle drapieren, um für Stunden darin zu versinken. Und reifere Herren, die "Neue Zürcher Zeitung" als Alibi auf Schenkel und Tischchen gestützt, wahren eine nachahmenswerte Haltung beim Kaffeehausschlaf vor einem "Kleinen Braunen". "Warum ruhen die Herrschaften denn nicht zu Hause?", habe ich mal einen Ober gefragt. "Die Heizkosten, Gnädigste", raunte er mir dezent zu.

Ich habe mich im Verdacht, dass ich nach mehr als zwei Berufsjahrzehnten in Deutschland nur wegen der Kaffeehäuser ein zweites Mal nach Wien gezogen bin. Nirgends lernt man interessantere Leute kennen. Den Ferdl zum Beispiel, den lebenslustigen Polizisten, der in der dienstfreien Zeit in diversen Cafés generös eine Runde Sekt nach der anderen spendiert und die Gelage für seinen Handel mit Immobilien nutzt. Oder Hubsi, den pensionierten Balletttänzer. Er zieht gelegentlich durch die Kaffeehäuser und verkauft Schmuck. Verarmte Freundinnen vertrauen ihm ihr Geschmeide an, denn Hubsi erzielt mit seinem Schmäh einen viel höheren Preis als die seelenlosen Pfandhäuser.

Das Wiener Kaffeehaus ist auch eine Art Basar für Dienstleistungen aller Art. Irgendwer kennt immer irgendwen, der irgendwas kann. Meine Ausbeute: eine Friseurin mit Heimservice, einen sogar am Wochenende arbeitenden Installateur und eine billige Fahrradwerkstatt.

Arbeitende saßen schon immer viele Dienststunden im Café ab

Leser und Schreiber aller Couleur saßen schon immer viele Dienststunden im Café ab. Im Zeitalter der Mobilität haben es neue Berufsgruppen als Arbeitsplatz entdeckt. Eine Universitätsdozentin etwa gibt ihre Blockseminare im "Extrastüberl" ihres Stammcafés, die Hörsäle sind ihr nicht inspirierend genug. Ein junger Manager dirigiert seine Firma jeden Vormittag per Handy von seinem Lieblingslokal aus, wo es ein überbordendes Angebot an Zeitungen gibt. Zwischen Telefonaten mit seinen Angestellten holt sich der multitaskingfähige Chef Blatt um Blatt aufs Marmortischchen und löst blitzschnell alle Kreuzworträtsel und Sudokus.

In der bunten Kaffeehausszene Wiens mischt seit einigen Jahren auch die amerikanische Kette Starbucks mit, ein Lokal liegt sogar gegenüber dem Café "Sacher". Das ist vielleicht ein Stilbruch, aber kein Desaster. Im Gegenteil. Inspiriert von den Amerikanern offerieren immer mehr Wiener Cafés kosten- und drahtlosen Zugang zum Internet. So kann ich diesen Text jetzt gleich problemlos aus meinem Stammcafé an die Redaktion schicken und nach drei Melangen mit einem kleinen Gulasch und einem "weißen Spritzer" nahtlos den Feierabend beginnen.

Text: Isolde von Mersi Foto: Getty Images

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